Nachlese: Fachforum Onlineberatung 2019

Den Kolleg*innen aus Nürnberg – vor allem Richard Reindl und Emily Engelhard und der zugehörigen Tagungsmannschaft – ist es geglückt, wieder ein interessantes Fachforum zu organisieren. Zum 12. Mal ging es an diesem zweitägigen Kongress um Onlineberatung, diesmal unter dem Schwerpunktthema Soziale Innovation.

Frisch von der TH Nürnberg zurück, gehen mir dazu einige Gedanken durch den Kopf. Zunächst fällt mir nach wie vor die große Heterogenität in den Wissensständen auf – der Kongress hat sich darauf seit einigen Jahren insofern eingestellt, als dass es „Newcomer*innen-Workshops“ in einer Art Pre-Conference-Programm gibt. Das zeigt, dass sich dauerhaft neue, auch junge und gerade ins Berufsfeld der Sozialen Arbeit eintretende Kolleg*innen für das Thema Soziale Arbeit im Zeitalter ihrer Digitalisierung interessieren. Was wir zukünftig mehr voranbringen müssen, wäre aber konsistente Theoriearbeit zum Themenkomplex Digitalisierung in der Sozialen Arbeit. Für Onlineberatung ist beispielsweise noch nicht einmal geklärt, ob sie als Technik, Methode oder Arbeitsfeld aufzufassen ist, will man der gängigen Systematik von Michael Galuske folgen – dabei ist das Beraten im Internet längst nicht mehr die einzige digital unterstützte Tätigkeit in der Sozialen Arbeit.

Hat Spass gemacht: Die zwei Workshopdurchgänge mit unterschiedlichen, aber diskussionsfreudigen Gruppen

In meinem Workshop habe ich deshalb versucht, einmal hinter und unter die rührige Diskursoberfläche der Szene zu blicken, um utopische und medienkonservative Momente zu identifizieren und Digitalisierung als kulturellen Wandel mit den zugehörigen Ungleichzeitigkeiten aufzufassen. So fällt mir auf, dass die Praxis der Onlineberatung seit einiger Zeit in einer eigenen Filterblase steckt, in der sie ihre Theorien kleiner Reichweite ausführlich ventiliert und damit immer neue Zielgruppen und Beratungsthemen erschließt, dabei aber oft den Anschluss an übergeordnete Digitalisierungsprozesse verliert. Hybridisierung wird beispielsweise vornehmlich gedacht als Verbindung zwischen kopräsenter und medial operierender Kommunikation, während beispielsweise das Biohacking, auch als jugendkulturelles Phänomen, Hybridisierung in ganz anderer Hinsicht intendiert – nämlich als Verschmelzung zwischen der biologischen Existenz und artifiziellen, digitalen Medien. Daraus entsteht das transhumane Moment, das man unterschiedlich bewerten mag, um das man aber nicht umhin kommt – auch in der Sozialen Arbeit nicht. 

Geraldine de Bastion ging in ihrer Keynote auf ein fast schon ikonisches Gerät ein: Roboter-Robbe Paro für Demenzkranke

Toll war deshalb, dass die Keynote von Geraldine de Bastion die Vielfalt von Digitalisierungsprozessen zugänglich gemacht hat und dabei  – Stichwort Big Data und KI – auch manche für die Soziale Arbeit noch unbekannte Szenarien vorgestellt hat, z.B. die Echtzeitauswertung von Texten in Sozialen Netzwerken zum Erkennen von Menschen in suizidalen Krisen. Auch daran konnte ich in den Diskussionen in meinem Workshop gut anknüpfen – denn KI-Unterstützung im Kinderschutz und Beratung, die nur durch Algorithmen angeboten wird und ohne menschliche Fachkräfte auskommt, sind bereits Realität. Verhandelt wird dort längst nicht mehr, ob solche Angebote wirken (das tun sie), sondern für welche Beratungs- und Therapieanliegen und Adressat*innengruppen eine Arbeitsbeziehung zu einer KI, einem Menschen oder einer Kombination am besten ist.

Die allfälligen Fragen, ob und wie sich das unter einer ethischen Perspektive legitimieren lässt, was Fachkräfte brauchen, um solche Technologien gewinnbringend einzusetzen und was das für die Fort- und Weiterbildungslandschaft bedeutet, waren deshalb der ständig mitlaufende Subtext der gesamten Tagung. Ich jedenfalls war froh um die zahlreichen kritischen, aber produktiven Stimmen, die das Kongressthema hinterfragt haben.

Der Abschlussvortrag schließlich war mit dem Thema des spielerischen Erzeugens von  Motivation (Gamification) vielleicht auch ein impliziter Hinweis darauf, dass wir in der Sozialen Arbeit trotz des gebotenen Ernstes auch mutiger sein sollten, manche Dinge einfach auszuprobieren. Schließlich wecken digitale Medien in vielen Kolleg*innen auch den Homo Ludens – wir sollten ihm ab und an nachgeben, damit es voran geht.

Soweit also ein paar Gedanken als sehr subjektive Nachlese – selber einen Workshop anzubieten bedeutet ja immer, einem Großteil der Tagung selbst nicht folgen zu können. Es wird deshalb sicherlich lohnenswert sein, auch die anderen Blogger*innen zu lesen.

Die offizielle Tagungsdoku – auch mit Foliensätzen – wird es bald wie üblich auf den Seiten des Fachforums Onlineberatung geben.

 

Neuer Handbuchartikel – und: die Sommerpause ist um :-)

Das Wörterbuch Soziale Arbeit (Hrsg: Amthor, R.C./Goldberg, B./Hansbauer, P./Landes, B./Wintergerst, T., ehemals Kreft/Mielenz) erscheint 2020 in einer kompletten Überarbeitung bei Beltz Juventa. Wolfgang Widulle und ich haben den Beitrag zu Gesprächsführung und Beratung verfasst und dabei versucht, bisher wenig beachtete Aspekte einfließen zu lassen. Dies waren vor allem Fragen der Professionalisierung und Professionalisierbarkeit sowie die Wirkfaktordebatte, die wir als wesentliche, stark empirisch getragene Ergänzung für den Beratungsdiskurs verstehen. Wir sind gespannt, wie der Artikel ankommt.

Soziale Arbeit in der digitalen Stadt: Wir brauchen mehr Theorie

Handlungsfelder der Digitalstadt Darmstadt: Soziale Arbeit muss und kann sich quer verorten. Quelle: Digitalstadt Darmstadt

Darmstadt ist seit Gewinn des Bitkom-Wettbewerbs die erste Digitalstadt Deutschlands. Zahlreiche Akteure der Stadtgesellschaft treiben  zu allen Themenfeldern der Daseinsfürsorge Digitalisierungsprojekte voran. Soziale Arbeit kommt dabei (noch?) nicht als eigenes Themenfeld vor – ein Umstand, der keinesfalls die Konzeption der Digitalstadt Darmstadt alleine betrifft, sondern sicherlich als Zeitdiagnose zum Umgang mit Digitalisierungsphänomenen in der Sozialen Arbeit ingesamt gewertet werden muss (Stichwort: Medienkonservatismus unserer Zunft). Enge Bezüge hat sie natürlich, beispielsweise über die Soziale Arbeit an Schulen, zum Bildungsthema, das erwartungsgemäß in der Digitalstadt Darmstadt zunehmend Fahrt aufnimmt.

Aber – reicht es für die Soziale Arbeit, querliegend bestehende Themen- und Handlungsfelder stückweise und eher nachholend digital anzureichern? Oder braucht es für Soziale Arbeit in der digitalen Stadt (abstrakt gedacht als Gemeinwesen) nicht mehr? Ich denke, letzteres ist der Fall, und Soziale Arbeit muss sich nach neuen Theoriekonzepten umsehen.

Physische und virtuelle Räume – Wie weit trägt ein Zwei-Welten-Konzept?

Zentral dürfte für das theoretische Durchdenken dabei sein, dass in weiten Teilen der Sozialen Arbeit der Primat eines bestimmten Begegnungs- und Fallkonstellationstypus gilt: Ausgegangen wird von kopräsenten Begegnungen, die sich in physisch und geographisch gefassten Sozialräumen abspielen. Wird diese Vorrangstellung nicht intensiv diskutiert und reflektiert, kann die Beschäftigung mit Digitalisierungsphänomenen nur in einer Nachrangigkeit von Digitalisierungsbemühungen resultieren. Die Diskurse richten sich dann ähnlich ein wie in der Zeit der ersten Phase der Digitalisierung in der Bildung. Lernplattformen und digitale Medien wurden überwiegend dazu genutzt, bisherige Lehr-Lern-Praxen nachzubilden: Aus dem Handapparat physischer Bücher wurde das Repositorium mit .pdf-Dateien und mancher Test oder Evaluationsfragebogen hat eine elektronische Darreichungsform erhalten – das war es im Wesentlichen. Erst in einer zweiten Phase wurde die implizite Zwei-Welten-Struktur (hier die physische Begegnung, dort die partielle digitale Materialität) insofern aufgegriffen, als dass Blended-Learning-Konzepte entwickelt wurden. Die Lücke zwischen „analoger“ und „digitaler“ Welt wurde damit adressierbar, aber zugleich auch gefestigt. Blended-Konzepte folgen der Logik des „Besten aus zwei Welten“ und sind sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung und derzeit an vielen Stellen das aktuellste Konzept in der Bildung. Trotzdem werden in der letzten Zeit Stimmen laut, die an der Sinnhaftigkeit des Begriffes „blended“ im Kontext von Bildung zweifeln, eben weil damit die angebliche Kluft zwischen digitaler und analoger Sphäre aufrechterhalten wird. Viele Kolleg*innen sprechen deshalb schlicht von zeitgemäßer Bildung und meinen damit, dass jeweils das genutzt und getan wird, was dem Bildungsziel dient.

Medienintegrative Soziale Arbeit

Aus solchen Diskursen könnte Soziale Arbeit lernen. Sie muss sich dann fragen, ob ihr eine mit der Blended-Metapher angereicherte Fortschreibung von Konzepten reicht oder es mehr braucht. Mein Plädoyer wäre, die semantische Aufrechterhaltung der Zweiweltenmetapher – der „digital-medialen“ und der wie immer gearteten „kopräsent-analogen“ Welt – nicht zur Grundlage der Weiterentwicklung zu machen.

Eine medienintegrative Soziale Arbeit wäre als erste Begriffsannäherung ein hierzu passendes Konzept, das den ihr gegebenen Vermittlungsauftrag zwischen Individuum und Gesellschaft ernst nimmt und zwar unabhängig davon, in welchen Vermittlungsformen er sich realisiert. Ein erster Schritt mit der theoretischen Beschäftigung und Auslotung einer medienintegrativen Sozialen Arbeit wäre dann die Befassung mit den Formtransformationen ihrer Erbringungsverhältnisse. Hier könnte Soziale Arbeit viel aus ihrer eigenen Geschichte lernen – beispielsweise der Entrüstung über die ersten Telefonberatungsangebote, die in der Fachwelt mit gehöriger Skepsis aufgenommen wurden mit der Idee, dass ein persönliches Beratungsgespräch nicht durch den Telefonapparat ersetzbar sei. Nur wenige Jahrzehnte später hat sich dann, ironischerweise aufbauend auf der Erfolgsgeschichte der Telefonseelsorge, die Skepsis breit gemacht, ob man denn etwa im Internet und per Text Beratung machen könnte. Auch hier war die Ersetzungsmethapher der grundlegende Diskursfehler, denn es läßt sich ja empirisch zeigen, dass das Denken in Ergänzung der richtige Schluss ist: Das Gespräch ist seit Erfindung des Buchdruckes nicht verschwunden, die Erfindung der Telefonberatung hat kopräsente Beratung nicht zum Verschwinden gebracht und mit Einführung textbasierter Onlineberatung sind mündliche Formate nicht weniger geworden.

Soziale Arbeit ist also gut beraten, sich die Sache als konzentrische Ausweitung von möglichen Interaktionsszenarien vorzustellen, die es Adressat*innen und Fachkräften ermöglicht, Medienwahlentscheidungen aus einer großen Auswahl heraus zu treffen. Dabei darf dieses Bild aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es nicht nur um die quantitative Vermehrung von Adressierungsoptionen geht, sondern der Formenwandel eben auch neue Qualitäten ermöglicht – medienintergrative Soziale Arbeit muss sich dann auch damit befassen, inwiefern sie z.B. Künstliche Intelligenz oder Big Data Analytics zur Bewältigung ihrer Aufgaben nutzt oder sogar neue Hilfemöglichkeiten entstehen. Die Differenz zwischen digitaler Inklusion und inklusiver Digitalisierung würde idealerweise in diesen Bemühungen verschwinden. 

So gesehen sind die Themenfelder, die in Darmstadt als erster deutscher Digitalstadt als wesentliche Elemente der Daseinsvorsorge bearbeitet werden, zunächst exemplarische neue Umwelt für die Soziale Arbeit. Sie ist aber gut beraten, diese zunehmend digital formierte Umwelt auch zur relevanten Umwelt zu machen. Solange sie in allen mediatisierten Optionen nur die Abbildung traditioneller Begegnungs- und Ortsmethaphern sieht, besteht weiterhin die Gefahr, wieder einmal nur nachholend mitzugestalten. Ähnlich wie Michael Winkler physische Orte und das zugehörige Handeln als zentrales Bestimmungsstück der Sozialpädagogik eingeführt hat, könnte sich Soziale Arbeit auf die Suche nach einer Theorie medialen Ortshandelns aufmachen und dabei mediatisierte Situationen von Beginn an als das verhandeln, was sie sind und sein müssen: Mehr als bloße Abbilder traditioneller Konzepte.

Insoweit erfahrene Algorithmen? Kinderschutz, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz

Künstliche Intelligenz im Kinderschutz?

Die Darmstadt Konferenz (Blogbeitrag dazu kommt noch) hat mir wieder einmal gezeigt, wie wenig Soziale Arbeit in Diskursen um Digitalisierungsphänomene involviert ist: Lediglich in einem Vortrag (wenn ich nicht falsch liege) war sie explizit erwähnt.

Im Zentrum der Konferenz um die Digitalstadt Darmstadt standen dabei alle Bereiche der Daseinsfürsorge. Besonders prominent wurde der Einsatz von Künstlicher Intelligenz in ganz unterschiedlichen Kontexten verhandelt, von der vorherschauenden Verkehrssteuerung über selbstfahrende Straßenbahnen bis hin zum integrierten, smarten Quartiersmanagement a la Sidewalk.

Im Nachgang gab es dann aber doch viele Gespräche mit sozialpädagogischen Kolleg*innen und Studierenden, was denn von dem ganzen „Hype“ um Big Data, KI und Co. für die Soziale Arbeit zu halten sei. An einem prominenten Beispiel, nämlich dem Kinderschutz und der damit einhergehenden Frage der Einschätzung von Kindeswohlgefährdung, lassen sich einige Digitalisierungsphänomene für die Soziale Arbeit besonders deutlich zeigen. Das liegt an zwei Dingen: Zum einen wird nirgends in der Sozialen Arbeit so deutlich, wie widersprüchlich und komplex ihre Aufgaben sind wie im Kinderschutz – es geht in der Abklärung von Kindeswohlgefährdung um nichts anderes wie die Sicherung der körperlichen und seelischen Integrität von Kindern mit allen dazugehörigen Diagnostik-, Beratungs- und Interventionsverfahren bis hin zur Herausnahme von Kindern aus der Familie. Also um Entscheidungen, die unter Risiko, meist aber unter Unsicherheit stattfinden. Dies schließt einfache Entscheidungsfindungen per se aus.

Zum anderen lässt sich ein international sehr unterschiedlicher Umgang mit Fragen der (digitalen) Unterstützung bei der Gefährdungseinschätzung beobachten. Er lässt sich auf die Frage zuspitzen, ob und wie Computer überhaupt bei dieser Aufgabe helfen können und sollen und was sie an „Wissen“ dazu beitragen.

Prinzipiell sind zunächst alle Fachkräfte, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten aufgefordert, sensibel auf mögliche Kindeswohlgefährdungssituationen zu reagieren. Kommen sie nicht weiter, treten besondere Fachkräfte hinzu, die „insoweit erfahrenen Fachkräfte“. Die Funktionalität ihres Wissens wird dabei weniger auf einen spezifischen Grundberuf zurück geführt, sondern an einer Kombination aus beruflicher Erfahrung, spezifischer Weiterbildung und ausgewiesener Handlungskompetenz festgemacht. Die hier geleistete Abklärung selbst und die daraus folgende Gefährdungseinschätzung ist dabei nicht einheitlich und strikt definiert. Und genau hier wird es spannend zu überlegen, ob und wie der Computer helfen kann, soll und darf.

Entscheidungsprozesse beruhen dabei derzeit auf vier Optionen, die auf jeweils sehr unterschiedliche Arten Entscheidungen theoretisch und normativ rahmen.

  • klinische Urteile
  • standardisierte Instrumente, die mehr oder weniger konsensuell gefundene Standards aus der Fachcommunity festlegen
  • festgelegte Algorithmen mit definierten Indikatoren, wie sie auch in der Risikostatistik verwendet werden
  • KI-getriebene System mit permanenter Mustererkennung („deep learning“, „predictive computing“)

Gemeinhin akzeptiert wird als internationaler Forschungsstand, dass das klinische Urteil alleine am wenigsten verlässlich ist. Häufig werden deshalb standardisierte Instrumente wie die KiWo-Skalen genutzt, die das hoch inferente klinische Urteil zumindest ergänzen. In Deutschland wenig verbreitet sind hingegen digitale Unterstützungssysteme. Breit eingesetzt und untersucht werden diese hingegen in den USA und auch einigen europäischen Ländern (z.B. den Niederlanden). Hier sind die Diskurse deshalb auch weitaus intensiver entfaltet und es werden die beiden letzten Optionen differenziert betrachtet: Weil beispielsweise bei festgelegten Algorithmen  die Formel zur Errechnung der Risikosumme aus den gewählten Indikatoren empirisch belegt und gewonnen ist, bleibt oft die Frage, welches Konstrukt die gefundenen Zusammenhäng eigentlich beschreibt. Denn nicht alle Indikatoren, die (in der Regel einmalig) ausgewählt und dann zu einem Algorithmus der Gefährdungseinschätzung zusammengefügt werden, sind sofort für ihre Vorhersagekraft verstehbar.

Die aktuelle Entwicklung mit der Nutzung dynamischer Mustererkennung im Sinne von Predictive Computing spitzen diese Probleme noch zu: Obwohl sich zeigen lässt, dass die Prognosen im Gegensatz zu den vorherigen Verfahren noch einmal besser werden, drängt sich die Frage immer mehr auf, was die KI dann eigentlich „weiß“ im Laufe ihres Lernens an großen und unstrukturierten Datensätzen, entlang derer sie eine Gefährdungsprognose für ein Kind erstellt.

Beobachtet man die Diskurse, lässt sich die Hypothese aufstellen, dass wir Menschen (z.B. den insofern erfahrenen Fachkräften) eher große Anteile impliziten Wissens zutrauen, ohne misstrauisch zu werden, einer KI eher nicht. Hierin dürfte auch der Grund zu suchen sein, dass trotz des Nachweises der Fehlbarkeit klinischer Urteile trotzdem viele Menschen diesen Verfahren trauen.

Vorhersagealgorithmen für Kindeswohlgefährdung und rassistischer Bias.(Chouldechova, E. Putnam-Hornstein, D. Benavides-Prado, O. Fialko & R. Vaithianathan 2018).

Soziale Arbeit kommt also über den Umweg der Technisierung und Mediatisierung auch hier wieder auf eines ihrer Schlüsselproblem zurück – nämlich wie sich ihr Handeln im Einzelfall und im Gesamtsystem theoretisch und normativ begründen lässt. Bezogen auf die Einschätzung von Chancen und Grenzen von KI-Technologien komme ich hier immer wieder zum gleichen Fazit: Wenn die Vorhersagen und Interventionsmöglichkeiten  besser werden (was offensichtlich in vielen, aber nicht allen Anwendungen der Fall ist) und Soziale Arbeit über algorithmisches Lernen noch etwas über sich selbst lernen kann, sollten wir diese Systeme nutzen – und uns selbst und die Technik dabei permanent kritisch reflektieren. In einer Studie von Kolleg*innen aus den USA wurde beispielsweise deutlich, dass auch Vorhersage-Algorithmen klassischen Rassismus zeigen, also Kindeswohlgefährdungseinschätzungen durch KI einen Bias haben, der sich eindeutig nachweisen lässt. Er stammt zum einen logischerweise aus dem Bias derjenigen Fachkräfte, die die Bewertungen für die Lernfälle der KI vorgenommen haben, lässt sich aber andererseits in verschiedenen Algorithmen unterschiedlich nachweisen und berücksichtigen- und damit einem differenztheoretischen Lernen zugänglich machen. Eine KI ist somit auch eine schonungslose Aufklärungsoption über die Fehlbarkeit menschlicher Urteile. Vermutlich wird also die Kombination aus Mensch und Maschine insgesamt die besseren Einschätzungen vornehmen. Auch diese Erkenntnis hat sich schon in der Praxis durchgesetzt, denn in allen innovativen Modellprojekten zum Predictive Computing im Kinderschutz haben letztendlich Fachkräfte und nicht der Computer die alleinige Entscheidungsbefugnis. Letzterer wird aber eben nie müde und lernt stoisch (aber bei der Nutzung von Maschinenlernen eben auch nicht immer sofort nachvollziehbar) hinzu.

Vieles vom hier Gesagten kann man in dieser Paneldiskussion nachvollziehen:

Es diskutieren hier Emily Putnam-Hornstein (Professor at the University of Southern California and Director of the Children’s Data Network), Erin Dalton (Deputy Director, Office of Data Analysis, Research & Evaluation, Allegheny County Department of Human Services), Alexandra Chouldechova (Assistant Professor of Statistics & Public Policy, H. John Heinz III College, Carnegie Mellon University), Moderatorion: Rhema Vaithianathan (Professor of Economics at Auckland University of Technology, Co-Director of the Centre for Social Data Analytics)

 

 

 

Professionalisierungskultur gestalten: Das Beispiel Zielentwicklung in den Darmstädter Hilfen zur Erziehung

Videolectures zum neuen Hilfeplanverfahren – zum Diskutieren und kritisch hinterfragen jenseits von Einrichtungsgrenzen und doch im gemeinsamen Tun

Soziale Arbeit ist in Deutschland durch das Subsidaritätsprinzip gekennzeichnet. Daraus ergibt sich automatisch, dass in den Hilfen zur Erziehung Vielfalt hinsichtlich der Träger sowie deren Konzepte und Methoden besteht. Verstärkt durch das Technologiedefizit in der Pädagogik erscheint Soziale Arbeit dann notwendigerweise als das, was in der Professionalisierungsforschung als „ill defined“ oder schlecht definierte Domäne bezeichnet wird: Ziele und Mittel beinhalten gegenstandsimmanent Unschärfen. Daraus folgt wiederum ein Vorgehen, das Sozialer Arbeit oft als unprofessionell vorgeworfen wird: Die Orientierung am Einzelfall und dessen Logik sowie das zurückgreifen auf Träger mit ganz unterschiedlichem Profil – stationär und ambulant, systemisch, tiefenpsychologisch, verhaltenstherapeutisch, erlebnispädagogisch etc. Die Frage ist dann aber, entlang welcher Vorstellungen sich Soziale Arbeit professionalisieren kann und soll und ob ihre zahlreichen Arbeitsfelder überhaupt eine übergreifende Wissensdomäne bilden. So hat sicherlich jede Einrichtung ihre spezifische Einrichtungskultur, und auch die Soziale Arbeit insgesamt beruft sich auf abstrakte Kodizes sowie die Rahmungen durch die Sozialpolitik. Trotzdem lässt sich eine Lücke in diesem professionellen Orientierungssystem erkennen, die vor allem seit der Regionalisierung von Hilfeangeboten zutage tritt: Sollen Träger der Jugendhilfe nämlich – idealerweise zusammen mit dem Jugendamt – einen Sozialraum sowohl in Kooperation als auch eigener Schwerpunktsetzung gemeinsam bestellen, fehlt oft ein Konzept, um die Einheit der Differenzen herzustellen. Das Entwickeln einer gemeinsamen, regionalen und domänenbezogenen Professionalisierungskultur jenseits einrichtungsspezifischer Spezialitäten (und den zugehörigen Einrichtungskulturen) macht dann Sinn. Sie kann helfen, Organisationen, Angebote und die Handlungskompetenz der Fachkräfte gemeinsam weiterzuentwickeln. Eine solche Professionalisierungskultur wäre dann als Antwort auf die Vielfalt von Optionen der sozialräumlich definierten Jugendhilfe vor Ort zu sehen. Dass dies not tut, kann man an vielen Hilfeplanverläufen erkennen: Kaum wechselt ein Fall Sachbearbeiter*in, Bezirk, und/oder Jugendhilfeanbieter*in zeigt sich, dass die Komplexität zu hoch ist – der neue Hilfeplan hat mit dem alten Hilfeplan nur noch wenig gemeinsam oder Bezüge müssen durch abenteuerliche Sinnkonstruktionen und über Widerstände hinweg aufrecht erhalten werden, weil kein Medium zur Konsensfindung in den höchst unterschiedlichen Hilfenarrativen bereit steht.

Mich hat deshalb besonders gefreut, dass ich etwas für das Projekt Zielentwicklung der Darmstädter Jugendhilfe beitragen kann (ein bisschen was dazu habe ich schon gebloggt). Denn genau hier macht die Vergewisserung über die Idee einer regionalen, aber trägerübgreifenden Professionalisierungskultur Sinn. Und so ist den Akteur*innen im bisherigen Verlauf des Projektes etwas sehr wertvolles gelungen: Das neu entwickelte Hilfeplanverfahren hat zwei wesentliche Innovationen: Es legt für alle drei Akteure (Jugendliche und Familien, das Jugendamt/ASD und die Jugendhilfeeinrichtungen) fest, dass (a) der Hilfeplan durch ein von allen geteiltes emotionales Grundsatzziel bestimmt sein muss, das in allen Prozessen jederzeit als kommunikativer und Sinn gebender Heimathafen angelaufen werden kann und (b) darauf aufbauend Jugend und Träger in genau definierten Zuständigkeitsbereichen gemeinsam und für sich die notwendigen Konkretisierungen vornehmen. Ein gemeinsamer Fachtag aller Träger und die daraus folgenden Materialien wie Videolectures zum einrichtungsunabhängigen- und übergreifenden Weiterlernen und die Aufbereitung der Dokumentationen aus den gemeinsamen Übungsgesprächen mit dem BeraLab – all das kann, wenn es gut läuft, Bestandteil einer gemeinsamen regionalen Professionalisierungskultur werden, in der Jugendamt, Träger und Familien trotz unterschiedlicher Anliegen, Wünsche und Konzepte gut zusammen arbeiten können. Wir sind gespannt und hoffen, dass unsere Wünsche nach einer engen wissenschaftlichen Begleitung in Erfüllung gehen, da dieser Forschungsfall nicht allzu häufig in der BRD vorkommen dürfte. 

Richtig weitermachen oder begründet abbrechen: Was pädagogische Fachkräfte für ihre Professionalisierung bei uns mitnehmen.

Poster, Highres bei Researchgate

Letzte Woche hat die Universität Tübingen wieder ihre Pforten zum sogenannten Tübinger Fenster für Forschung geöffnet. Diese Veranstaltung bietet  allgemein verständliche und interaktive Einblicke in die Tübinger Spitzenforschung. Wir waren mit unserem innovativen Professionalisierungsprojekt ProfiL (Professionsbezogene Beratung im Lehramtsstudium) mit einem Poster vertreten. Besonders gefreut hat uns, dass wir nun die lange ersehnten ersten Forschungsergebnisse berichten können. Das Durchführen von echten Längsschnittstudien gilt zwar allenthalten als Königsweg, bedeutet aber eben auch, dass man in mehrjährigen Projekten lange darauf warten muss, bis die ersten Daten ausgewertet werden können. Nun ist es aber so weit: Zwar ist die Abschlusserhebung für unseren ersten untersuchten Jahrgang immer noch etwas entfernt. Aber die Daten aus der Basiserhebung – bevor die Studierenden unser Beratungsangebot besuchen – und die Zwischenerhebung zur Hälfte der Projektlaufzeit bei der Experimentalgruppe liegen vor. Zusammen mit den zugehörigen Daten zum Prozessgeschehen in den Beratungsgruppen haben wir nun schon eine erste Orientierung, was in unserem Angebot läuft und welche Effekte wir erwarten können. Erwartungskonform bilden sich dabei in den Mehrebenendaten die unterschiedlichen Facetten des Beratungsgeschehens ab: Auf der Ebene der ProfiL-Kleingruppen (Datengrundlage: Protokolle der Berater*innen und Erfassung gewählter Themen) zeigen sich unterschiedliche Verläufe, was sich entlang der von den Studierenden selbst gewählten  Beratungsthemen zeigt (mehr zum Konzept von ProfiL gibt es hier). Auf der Ebene der einzelnen Studierenden (Datengrundlage: standardisierter Fragebogen) zeigt sich zur Zwischenerhebung in der Gruppe der ProfiL-Teilnehmer*innen, dass sie viel besser als zu Beginn sagen können, wie sie zu der Lehrer*in werden können, die sie sein wollen und dass sie Gründe für einen Abbruch des Studiums gut kennen – zentrale Ergebnisse, wenn man die Subjektgebundenenheit pädagogischer Professionalisierung fokussiert, in der das Selbsterleben und eine begründete Auseinandersetzung mit sich, anderen und der relevanten Lern- und Arbeitsumwelt als zentral gelten. Wir sind gespannt, was die Ebene des Vergleichs mit der Kontrollgruppe angeht, die genauso wie unsere ProfiL-Teilnehmer*innen studieren, aber ohne die reflexive Unterstützung unseres Angebotes. Und eines mehr habe ich auch gelernt: So etwas macht nicht nur für angehende Lehrer*innen Sinn, sondern auch für Sozialpädagog*innen. Wir brauchen also nach ProfiL auch ProfiS 🤗.

 

 

Virtuelle Räume in der Sozialen Arbeit: Nachlese zum Kongress Sozialplanung und Digitalisierung

Twitterfeed zu Beginn der VSOP-Tagung

Welchen Bezug hat die Soziale Arbeit zur Digitalisierung, was die Planung ihrer Angebote betrifft? Sind Theorien und Praktiken des Umgangs mit virtuellen Räumen verzahnt genug? Wie reagiert das Planungssystem wohlfahrtsstaatlicher Hilfen auf die unterschiedlichen Herausforderungen der Ent-Räumlichung und Ent-Zeitlichung durch digitale Medien?

Vergangene Woche hat der Kongress Sozialplanung und Digitalisierung stattgefunden. Er war die Jahrestagung des VSOP (Verein für Sozialplanung), dem bundesweiten Zusammenschluss aller Sozialplaner*innen und wurde an der EHD von Markus Emanuel zusammen mit der Digitalstadt Darmstadt organisiert.

Thomas Ley von der Uni Bielefeld hielt die Keynote und machte deutlich, dass es sich bei der Digitalisierung um einen umfassenden, kulturellen Wandel handelt, der mindestens drei Dimensionen betrifft: Automatisierung, Informatisierung und Transformation. Während Prozesse der Automatisierung relativ leicht als Oberflächenstruktur der Digitalisierung verstehbar sind (indem z.B. ein Papierantragsverfahren in eine interaktiv ausfüllbare Form überführt wird, dabei aber die skeuomorphe Form behält), betrifft die Informatisierung bereits die tiefer liegenden Schichten der Alltags- und Arbeitskultur, die nicht ohne weiteres reflexiv zugänglich sind. Gemeint ist damit nämlich, dass durch Informatisierung flüchtige Akte eine materielle, gegenständliche Form finden. Digitalisierung in der Sozialen Arbeit bringt eine enorme Menge solcher absichtlich oder beiläufig erzeugten materiellen Korrelate ihres Tuns hervor – automatische Dokumentationen durch den Softwareeinsatz, aber auch der massiv gesteigerte, aktive Einsatz digitaler Medien wie z.B. in den zahlreichen Videofeedback-Interventionen (z.B. Marte Meo) oder die Kommunikation über Messenger ist hier zu nennen. Und schließlich wandelt sich auch der Wandel selbst – „analoge“ Planungsinstrumente und Szenarien werden durch digitale Optionen massiv herausgefordert – sowohl was die Möglichkeiten der Datenerzeugung als auch die der Datenauswertung und Planung betrifft. Was tut eine Kommune, wenn sie erfährt, dass die aus guten Gründen eingerichtete Onlineberatungsstelle nachweislich vor allem von Ratsuchenden außerhalb des planerischen Sozialraumes genutzt wird.  Macht dann ein Festhalten an herkömmlichen Raumkonzepten noch Sinn oder lassen sich diese durch überschaubare Ergänzungen erweitern?

Workshop-Programm zu virtuellen und physischen Orten

Das war die Frage in meinem Workshop zu Orten und Angeboten: Veränderungen von physischen und virtuellen sozialen Räumen. Nach drei provokativen Thesen zur Frage des Verhältnisses von „virtuellen“ und physischen Raumkonzepten haben wir drei ausgewählte Projekte diskutiert: Ein bundesweites Netzwerk zur Begleitung junger Menschen im Übergang Schule-Beruf, Pflegeberatung und Prävention für Angehörige mit Unterstützung durch eine KI, Robotik und Gamification sowie die ChiRi-App zur Umsetzung von Kinderrechten. In der Diskussion zeigte sich, dass Sozialplaner*innen die mit solchen Diensten einhergehenden Innovationspotentiale sehr konstruktiv aufnehmen, aber bisher kaum Instrumente zum Umgang damit bereit stehen – dies betrifft sowohl die Planung, aber auch die Finanzierung. Hier wird sich zeigen, ob das mit Digitalisierung einhergehende Versprechen, neue Formen der Zusammenarbeit und Vernetzung zu ermöglichen, nicht nur unter einzelnen Subjekten, sondern auch organisational und institutionell eingelöst wird und damit der von Manuel Castells schon zur Jahrtausendwende richtig vorhergesagte Wandel zur Netzwerkgesellschaft auch in der Sozialen Arbeit Einzug hält.

Mich hat die Diskussion mit engagierten Sozialplaner*innen sehr bereichert und ich bin mit neuen Fragen, was die Digitalisierung Sozialer Arbeit betrifft, in Kontakt gekommen. Eine erweiterte Nachlese und den Download der Materialien wird es sicherlich beim VSOP geben – auch für mich interessant, da ich aufgrund des eigenen Workshops die spannenden anderen Angebote (Daten, Partizipation und Einmischung) nicht besuchen konnte.

Kindheit(en) und Räume aus kinderrechtlicher Perspektive: Nachlese zum Fachtag

Ausstellung zur Kinderrechtskonvention

Vorgestern hat der Fachtag zu Kinderrechten: Kindheit(en) und Räume aus kinderrechtlicher Perspektive an der EHD stattgefunden. Er war als transdisziplinäre Veranstaltung konzipiert und hat die Debatte um Kinderrechte mit dem Diskurs um Räume und ihre Auswirkungen auf Kindheit(en) verbunden. Die Beschäftigung mit Kinderrechten nimmt seit einigen Jahren kontinuierlich an Fahrt auf, hat aber trotz ratifizierter Abkommen wie der UN-Kinderrechtskonvention oder der ganz neu entwickelten Hessischen Kinderrechte-Charta immer noch nicht den gebührenden Stellenwert.

Sketchnote zum Vortrag von Katharina Gerarts (EHD)

Dabei tut eine intensive Debatte und seriöse wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema Not: Sowohl Schutzrechte (das zeigen die zahlreichen Heimskandale) als auch  Förder- und Entwicklungsrechte sind vielfach noch nicht im erwünschten Umfang realisiert. Mich interessiert als Sozialpädagoge dabei sowohl die organisationale und institutionalisierte Absicherung von Kinderrechten als auch das zugehörige professionelle Handeln von (angehenden) Fachkräften. Deshalb war es erfreulich, dass neben Kolleg*innen aus Praxis und Wissenschaft auch zahlreiche Studierende aus der Kindheitspädagogik und vereinzelt aus der Sozialen Arbeit/Sozialpädagogik anwesend waren, um das Thema anzugehen.

Sketchnote zum Vortrag von Ronald Lutz (FH Erfurt)

Nach zwei tollen einführenden Vorträgen von Katharina Gerarts (EHD) und Ronald Lutz (FH Erfurt) ging es in die Workshops.

Dort haben wir als Projektteam der ChiRi-App unser Projekt mit den Workshopteilnehmer*innen diskutiert: Wie kann die Entwicklung einer Kinderrechte-App so gestaltet werden, dass sie allen Kindern entlang der drei Inhaltsbereiche Information, Prävention und Intervention in der Wahrnehmung ihrer Rechte weiterhelfen kann? Entlang von einigen (auch steilen 😉 ) Thesen haben wir eine Art Live-Delphi-Befragung mit anschließender Diskussion gemacht und so vielfältige Impulse für die nächsten Etappen unserer Entwicklungsarbeit erhalten.

ChiRi-App (Childrens Rights Application) – unser Projektteam an der EHD (Simone Dittrich, Katharina Gerarts, Markus Emanuel, Rebecca Hilzinger, Marc Weinhardt) hat mit den Workshopteilnehmer*innen über digitale Räume diskutiert

Gleichzeitig wurde auch deutlich, wie spannend das Thema virtuelle Räume in Bezug auf das Thema Kindheit(en) ist. Die Digitalisierung macht auch hier nicht halt, und es gilt, Kinder zu mündigen Nutzer*innen zu machen anstatt digitale Medien einseitig zu glorifizieren, zu dämonisieren oder auf von Erwachsenen zugerichtete digitale Lernräume in Form von geschlossenen Lernprogrammen zu reduzieren. Aspekte von Lebensweltorientierung und Bewältigung – traditionsreiche sozialpädagogische Denkfiguren – aktualisieren sich hier im kindheitsbezogenen Mediendiskurs und verhindern, digitale Räume einseitig als Korrelat eines digitalen Gerätefetischismus zu verkürzen.

Obwohl das Thema virtuelle Räume nur eines von vier Workshop-Themen war, bin ich sehr bereichert nach Hause gegangen und freue mich auf die weitere Arbeit am Thema Kinderrechte mit der ChiRi-App, die wir im kommenden Jahr bis zu einem ersten Wireframe-Prototyp vorantreiben wollen.

Wer mehr über die gesamte Tagung erfahren will und Materialien herunterladen möchte: Hier geht´s zur Tagungswebseite.

Der Deutsche Qualifikationsrahmen Beratung kommt: Die DGfB und ihre Mitgliedsverbände sind sich einig

Der letzte Meilenstein für den Deutschen Qualifkationsrahmen Beratung stand an und wurde im Rahmen einer Tagung an der EH Darmstadt bearbeitet.

Am vergangenen Samstag ging ein mehrjähriger Entwicklungs- und Abstimmungsprozess erfolgreich zu Ende: Die Deutsche Gesellschaft für Beratung hat im Auftrag von und zusammen mit den 21 führenden Beratungsverbänden das Projekt Deutscher Qualifikationsrahmen für Beratung auf den Weg gebracht. Die Finanzierung ist gesichert, und das Projekt kann nun in Bälde in die Umsetzung gehen. Dann werden – entlang der DQR-Logik – erstmals Beratungskompetenzen nach wissenschaftlichen Standards beschreib- und vergleichbar. Ein solches Instrument, das von Praxis, Bildungspolitik und Wissenschaft gleichermaßen akzeptiert ist, fehlt bisher. Gleichzeitig ist ein solcher Rahmen zukünftig umso wichtiger, denn non-formal erworbene Kompetenzen werden mit der fortschreitenden Akzeptanz des DQRs mit den formal erworbenen vergleichbar gemacht. Wenn der Deutsche Qualifikationsrahmen Beratung fertig sein wird, können Bildungsanbieter*innen, Arbeitgeber*innen, Beratungsverbraucher*innen und Beratungsfachkräfte transparent einsehen und vergleichen, wer welche Beratungskompetenzen vorhalten kann (und wer nicht). Das wird helfen, die Beratungsqualität zu sichern und die Vielfalt in der deutschen Weiterbildungslandschaft zu erhalten. Schließlich gibt es hier im Vergleich zur europäischen und weltweiten Situation den Sonderfall, dass der Großteil des Beratungsknowhows nicht im formalen, sondern im non-formalen Bildungsbereich erworben wird. Der Deutsche Qualifikationsrahmen Beratung kann hier zum Vorteil aller beteiligten Akteur*innen wirken: Bildungsanbieter können den Wert und das Ergebnis ihrer Bildungsarbeit konkreter als bisher und breit akzeptiert beschreiben. Auf diesem Weg können die vielen einzelfallbasierten und nicht immer transparenten Anrechnungslösungen, die es bisher braucht, durch ein effizienteres System ersetzt werden.

Der Beratungszukunft entgegen: Die Vertreter der 21 führenden Beratungsverbände nach der erfolgreichen Tagung.

Und da die Anrechnung auf diesem Weg die Kluft zwischen dem formalen und non-formalen Bildungssystem überwindet, bekommen Weiterbildungsanbieter*innen nun breiten Zugang zur Akademisierung von Beratung, und im Gegenzug können auch an Hochschulen und Fachschulen erworbene Beratungskompetenzen in der Weiterbildung angerechnet werden.

Was abstrakt klingt, ist für viele Lehrende und Lernende, die in beiden Welten wandeln, schon länger evident: Dass es nämlich unsinnig ist, einer Lehrveranstaltung nur deshalb mehr oder weniger Wert zu zumessen, weil sie in einem bestimmten Kontext abgehalten wurde.

Und da die wechselseitige Anrechnung auf sehr konkret beschriebenen Kompetenzen beruht, ist die Sorge unbegründet, dass nun ständig Äpfel mit Birnen verglichen und verrechnet werden – beobachtbar an der bisherigen DQR/EQR-Diskussion ist nämlich, dass alle Akteur*innen ihre Profile eher schärfen und genauer beschreiben konnten. Eine gut gemachte, wechselseitige Anrechnung schließt Vielfalt und Differenz gerade nicht aus.

Wer noch ein bisschen nachlesen will: Ich habe schon ein wenig zu diesem Projekt gebloggt, nämlich einen Beitrag zu Sinn und Zweck eines solchen Qualifikationsrahmens,was es dazu braucht, dass ein solches Projekt zwischen Praxis, Politik und Wissenschaft funktioniert und was es mit den ominösen Beratungskompetenzen denn auf sich hat.

Gut betreut? Lehrqualität, Betreuungsrelation und Quatsch mit Quoten in der (Weiter)Bildung

Entwicklung der Betreuungsrelationen Studierende zu hauptberuflichen
Professorinnen und Professoren nach Hochschularten von 1995
bis 2015 für die BRD. Quelle:
Wissenschaftsrat 2018, S. 19.

„Sind Studierende eigentlich anders betreut als Teilnehmer*innen in der Weiterbildung?“ fragte mich neulich eine Lernerin auf einem Kongress, in dem es auch um Schnittstellen zwischen formaler und non-formaler Bildung ging. Rasch entstand – wie üblich bei Bildungsfragen – eine muntere Diskussion um den Wert von Bildung und den aktuell offenen Fragen zur Zukunft des Hochschulpakts, den damit einhergehenden Themen Qualität und Bestandssicherung von Lehrangeboten etc. Zum Hochschulpakt ist schon genügend geschrieben worden und die endgültigen Entscheidungen stehen ja immer noch aus. Darum geht es in diesem Beitrag nicht.

Vielmehr drehte sich die Diskussion schnell um eine bestimmte Kennzahl, die im Rahmen der Diskussion um die Qualität von Lehre oft eine große Rolle spielt: Die sogenannte Betreuungsrelation. Darunter ist zunächst ein einfaches Maß zu verstehen, nämlich wie viele Student*innen pro Mitarbeiter*in (als Vollzeitäquivalent) betreut werden. Wie immer in der Statistik verleitet ein vermeintlich einfacher Indikator hier zu schnellen und oft falschen Schlussfolgerungen. Rasch wird nämlich deutlich, dass eine konkrete Zahl erst Sinn macht, wenn man sie mit anderen Zahlen vergleichen kann. Wie bei allen komparatistischen Unternehmungen gibt es dann sinnvolle und sinnlose Vergleiche. Erst ein differenzierter Blick entschlüsselt die Sinnhaftigkeit und gebotenen Grenzen in der Angabe von Betreuungsrelationen.

Zunächst sind alle Daten zu Bildung Mehrebenendaten: Bildung ist Ländersache, womit sich die erste Vergleichsebene auf der Länderebene ergibt. Die zweite Ebene ergibt sich aus der Tatsache, dass es innerhalb des Hochschulwesens unterschiedliche Hochschularten (HAW , Universitäten, Berufsakademien) gibt. Und schließlich differenziert sich tertiäre Bildung noch in Fächergruppen aus, wobei sich diese Unterteilung beliebig in Studiengänge und Studienstandorte etc. fortführen lässt.

Wer also entlang des Indikators Betreuungsrelation Antworten zur hier gestellten Frage finden will, wird etwas suchen müssen. Das statistische Bundesamt berichtet umfassend zum Hochschulwesen und selbstverständlich auch zu den Betreuungsrelationen. Diese Daten werden regelmäßig von anderen Institutionen weiterverarbeitet, der viel diskutierte Hochschulpakt wurde beispielsweise in einem Papier des Wissenschaftsrates intensiv mit Zahlen des Statistischen Bundesamtes untersucht (Wissenschaftsrat 2018).

Betreuungsrelationen in Hessen für sozialwissenschaftliche Studiengänge,
DESTATIS

Und, wie sieht es nun aus, mit der Betreuungsrelation? Rasch in die Diskussion geworfen (ha, die Digitalisierung lässt grüßen) hatte ich damals die Zahlen für „meine“ Fächergruppe, die Sozialwissenschaften*, zu denen auch die Studiengänge der psychosozialen Versorgung gehören. Hier lässt sich sagen, dass in Hessen an HAWen auf 41 Studierende eine hauptamtliche Personalstelle kommt (ein sog. Vollzeitäquivalent, ohne Drittmittelstellen). Das hat sich gegenüber den Vorjahren verschlechtert (36:1 in 2015, 26:1 in 2010)** – weshalb es weiterhin wichtig sein wird, bildungspolitisch auch Maßzahlen wie die Betreuungsrelation zu nutzen, weil sie natürlich etwas verdeutlichen können. Allerdings darf man damit keinen Unfug treiben – falsch verglichene Zahlen (z.B. mit Fächergruppen oder Bundesländern, die besser da stehen) machen dann für die eigene Fächergruppe und/oder die eigene Hochschule keinen Sinn. Zumal sich institutionenökonomisch schlecht wirkende Signale ergeben: Träger und Geldgeber, sowohl staatliche als auch private, mögen es z.B. nicht, mit einer angeblichen Mangelfinanzierung an den Pranger gestellt zu werden – das wäre eine Verzerrung nach außen. Aber auch nach innen tut man sich keinen Gefallen, wenn das Zahlenwerk zu Blendwerk wird, denn schlecht gerechnete Quoten stimmen Studierende und Weiterbildungsteilnehmende ebenfalls nicht glücklich.

Es braucht also auch in der indikatorgestützten Bildungspolitik einen rationalen, aufgeklärten Blick. Dass Deutschland z.B. nicht nur bezogen auf die Unterschiede zwischen den Bundesländern, sondern auch in einer globalen Perspektive an vielen Stellen in der Hochschulbildung besser sein könnte und hohe Ungleichheiten aufweist, ist wohl unbestritten. Eine Kritik mit Zahlenwerk kann aber nur dann nachhaltig funktionieren, wenn die Rechnung solide und die Kontextualisierung der Ergebnisse redlich ist. Alles andere ist Bildungsideologie (die auch unbewusst fabriziert werden kann, weil Sozialwissenschaften oft damit ein Problem haben).

Bezogen auf die Eingangsfrage kann man also sagen: Da für die Weiterbildungslandschaft kein so enges Bildungsmonitoring vorhanden ist, lässt sich die Betreuungsrelation zwischen Hochschulen und Weiterbildungsträgern nicht direkt vergleichen – hier sind eigene sachlogische Überlegungen gefordert um abzuschätzen, wie die Dinge liegen. Zumal Tätigkeiten außerhalb der Lehre, die zum Arbeitsauftrag gehören, in Hochschulen und Weiterbildungsinstituten kaum vergleichbar sein dürften. Und schließlich: Eine Zahl bleibt in der Diskussion um Bildungsqualität nur eine Zahl – nur schwer messbar ist, wie engagiert Einzelne, Teams und Organisationen mit Ressourcen umgehen.

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* Genauer lautet die Kategorie: Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.

** Beachtet werden muss, dass sich die Fächersystematik ab 2015 etwas geändert hat, so dass streng genommen nur Zahlen bis 2015 und ab 2015 in sich vergleichbar sind. Dies wird auch deutlich, wenn das oben zitierte Papier des Wissenschaftsrates (berichtet Zahlen bis 2015, dort ab Tabelle 5) und die aktuellen DESTATIS-Daten verglichen werden. Der Einfluss dieser Veränderungen ist jedoch für den vorliegenden Beitrag sehr gering.