Wissen zu Digitalisierung – Mediatisierung – Beratung: Kommendes Themenheft des Kontext:

Digitalisierung und Mediatisierung als Querschnittsthema: Kontext Heft 2, 2020

Für die Ausgabe 2/2020 des Kontext, der peer revieweten Zeitschrift der DGSF, durfte ich die Gastherausgeberschaft übernehmen. Es wird ein Themenheft zu Digitalisierung und Neuen Medien in der Beratung werden. Die Beiträge stehen und ich freue mich, renommierte Kolleg*innen gefunden haben, die das Heft mitgestalten und ihr Wissen zur Verfügung stellen. Inhaltlich war mir wichtig, die Bandbreite des Themenkomplexes bestmöglich abzubilden, um Digitalisierungs als querschnittiges Kulturwandelphänomen zugänglich zu machen, das Beratungspraxen, Beratungsorganisationen und Professionalisierungsprozesse von Fachkräften gleichermaßen betrifft.

Bezogen auf digitale und mediatisierte Beratung werden Cornelia Maier-Gutheil (Darmstadt) und Tim Stanik (Tübingen) einen Artikel zu medialen Beratungsformaten und Emily Engelhard (Nürnberg) zu digitalen Supervisionsformaten schreiben.

Die Ebene der Digitalisierung und Mediatisierung von Curricula und (Weiter)bildungsorganisationen ist ein Bereich, den man derzeit in der Beratungsszene sicherlich als wenig medienaffin bezeichnen kann. Jürgen Handke (Marburg) wird hierzu etwas aus der Perspektive des von ihm entwickelten Inverted-Classroom-Masterymodels beitragen und Impulse setzen darüber nachzudenken, E-Learning auch im Bereich der non-formalen Bildung systematisch zu entfalten. Peter Martin-Thomas (Stuttgart) wird in einem reflexiven, praxisorientierten Format über die konkrete Implementierung mediengestützten Lehrens und Lernens an einem größeren Weiterbildungsinstitut berichten.

Aus der Perspektive von Lerner*innen schließlich beleuchtet der Artikel von Valentin Frangen (Landau) die Frage, wie sich Selbstwirksamkeitserwartungen bei angehenden Beratungsfachkräften in Ausbildung darstellen, wenn sie mit den Anforderungen digitaler Formate konfrontiert werden.

Mich freut besonders, dass ich diese Autor*innen gewinnen konnte und es so möglich wird, das Thema Digitalisierung und Mediatisierung auf allen wichtigen Ebenen zu beleuchten. Für alle drei Ebenen wird bezüglich Beratung und Hilfe in ihrer digitalmedialen Epoche gelten, dass gerade hier Entwicklung und Lernen auf Dauer gestellt sein müssen, um mit dem raschen Entwicklungstempo Schritt halten zu können.

Professionalisierungskulturen und das Lösen fachlicher Entwicklungsaufgaben – neuer Buchbeitrag

Kann man schon beim Verlag angucken: Den neuen Sammelband

Bald erscheint der neue Sammelband von Petra Bauer und mir zum Thema Systemische Kompetenzen entwickeln –  Grundlagen, Lernprozesse und Didaktik bei Vandenhoek & Ruprecht. Er bündelt die Beiträge der vergangenen Internationalen Research Konferenz, die sich mit Fachkraftprofessionalisierung hinsichtlich systemischen Denkens befassen. Zusätzlich zu den Panelbeiträgen des Kongresses konnten wir auch noch weitere Kolleg*innen gewinnen, die sich intensiv mit diesem Thema befassen. Das hat das Buch etwas verzögert, war aber sicherlich die richtige Entscheidung hinsichtlich der Beitragsbreite.

In meinem Buchkapitel bündle ich zum einen die theoretischen und empirischen Desiderate der letzten Jahre und versuche eine konsistente  Weiterentwicklung, die noch mehr als bisher Aspekte von organisationskultureller Verortung von Lernen und Bildung thematisiert.

Das Konzept, die Professionalisierung von psychosozialen Fachkräften als komplexen Lern- und Bildungsprozess aufzufassen, der an verschiedenen Lernorten stattfindet, dabei weit über die Phase des Studiums und der Berufsausbildung hinausgeht und formale, non-formale und informelle Bildungsprozesse umfasst, hat sich bisher in der Sozialpädagog*innen- und der Lehrer*innenbildung als fruchtbar erwiesen. Es stellt auch bei den weiterführenden Überlegungen den Ausgangspunkt dar.

Spannend wird es in Zukunft sein, vermehrt darauf zu schauen, wie diese Lern- und Bildungsprozesse in den  zugehörigen Professionalisierungskulturen, die an verschiedenen Lernorten- und situationen als Antworten auf kontingente (Aus)bildungsoptionen gelesen werden können, gestaltet sind. Eine aus der Praxistheorie der Wissensgenese informierte Perspektive macht dabei deutlich, dass die Bearbeitung von individuellen Entwicklungsaufgaben im Kontext der sie strukturierenden Strukturen ganz unterschiedlich professionalisierungskulturell gerahmt werden können. „Doing professionalization“ kann in dieser Betrachtung in verschiedenen (Bildungs)0rganisationen sehr unterschiedlich aussehen, auch wenn die didaktischen Konzepte und zu lernenden Inhalte vermeintlich sehr ähnlich sind.

Dem bisherigen Modell kommt damit eine zweite Ebene zu, die die individuellen Vermittlungs- und Aneignungsprozesse kulturell rahmt. Zentrale Variablen für eine so zu fassende Professionalisierungskultur sind hierbei z.B. Konzeptualisierung und Umgang mit Nichtwissen und Fehlern, die sich entlang neuer Forschungen als immer bedeutsamer im Verständnis der Leistungsfähigkeit und Grenzen von Professionalisierungsbemühungen herausstellen.

Jenseits dieser Gedanken zu meinem eigenen Beitrag hoffen Petra Bauer und ich, dass der Band die bisher wenig systematisch bearbeiteten Fragen der Vermittlung systemischer Kompetenzen bereichern kann. Er ist deshalb nicht ohne Grund stark  erziehungswissenschaftlich und auf Lern- und Bildungsprozesse hin geprägt. Mitgeschrieben haben Petra Bauer, Michael B. Buchholz, Reinert Hanswille, Marlene Henrich, Rebecca Hilzinger, Cornelia Maier-Gutheil, Haja Molter, Matthias Ochs, Günter Schiepek, Christiane Schiersmann, Bruce E. Wampold, Marc Weinhardt und Anke Zürcher.

Nachlese: ASD-Bundeskongress 2019

Der ASD-Bundeskongress ist um und stand dieses Jahr unter der Frage „Update oder Setup? ASD in gesellschaftlichen Umbrüchen“. In vier Themenforen wurden Umbrüche fokussiert: Digitalisierung, Personal, Kooperation/Vernetzung/Zusammenarbeit sowie Strukturentwicklung. Mit Markus Emanuel habe ich einen Workshop zu Professionalisierung von Fachkräften im Kontext von Digitalisierung angeboten, so dass auch diese Nachlese zwangsläufige Lücken hat, nämlich das Fehlen von Eindrücken aus den spannenden Workshops, die ich nicht besuchen konnte.

Digitalisierungs-Stammtisch: Udo Seelmeyer, Thomas Ley, Markus Emanuel

Genauso wichtig wie das offizielle Programm war der Austausch mit Kolleg*innen, der dann natürlich auch die Aufmerksamkeit auf eigene Schwerpunktthemen lenkt. Eindrücklich waren für mich dabei zum einen Fragen zur Digitalisierung, die ich mittlerweile bezogen auf Theorie und Praxis Sozialer Arbeit für drängend unbearbeitet halte und die auch ganz unmittelbar damit zusammen hängen, wie der Allgemeine Soziale Dienst – umgangssprachlich „das Jugendamt“ – sich zu Digitalisierungsphänomenen verhält. Fragen der Digitalisierung sind hier deshalb besonders wichtig, weil das Jugendamt in der Sozialen Arbeit die zentrale Institution ist, über die sie einen Großteil ihrer Hilfen strukturiert.

Jeder ASD ist anders – und muss doch „das Amt“ repräsentieren, das vermeintlich jede*r kennt: Joachim Merchel

Joachim Merchel hat in seinem Vortrag zu dieser Strukturierung deutlich gemacht, dass ein zentrales Dilemma des ASD ist, dass er sowohl eine relativ stark durch den Gesetzgeber normierte Institution ist, andererseits aber sehr unterschiedliche organisationale Ausprägungen annehmen kann: Ein ASD im ländlichen Gebiet ist anders strukturiert als der einer Großstadt, und neben sozialräumlichen Einflussfaktoren auf Organisationskulturen existieren noch zahlreiche weiche Variablen, z.B. hinsichtlich bestimmter Präferenzen für Hilfeformen, Maßnahmen, Träger(typen) oder methodische Schwerpunkte. Gerade die Digitalisierung bringt aber die letzten großen Einheiten dieser Differenzen ins Wanken. Eine davon ist z.B. die bisherige sozialräumliche Verortung von Amt, Hilfeempfängern und meist auch der beauftragten Träger (es sei denn, viel Abstand zu haben ist Teil der Hilfe). Digitalisierungsphänomene bringen diese räumliche Struktur gehörig durcheinander: Hilfesuchende können von überall her Kontakt aufnehmen und haben angesichts der Hybridisierung von kopräsenten und medialen Welten auch zunehmend weniger Verständnis für das Abweisen an einer abstrakten sozialräumlichen Zuständigkeitsschwelle. Andererseits bietet die Digitalisierung auch den Fachkräften und ihren Institutionen ganz neue Möglichkeiten, räumliche Schwellen zu überwinden. An diesen Punkten sehe ich unsere Diskurse in der Sozialen Arbeit jedenfalls noch ganz am Anfang – es wäre ein reizvolles Forschungsprojekt, einmal von der impliziten Behördenförmigkeit der gewachsenen Strukturen Abstand zu nehmen und Kinder und Jugendliche zu fragen, wie sie sich eine ideale Organisation in ihrer digitalen Selbstpräsentation und Struktur vorstellen, die den institutionellen Auftrag „Jugendamt“ wahr nimmt.

Aus Fehlern lernen und die eigenen Grenzen sehen? Geht nur mit einer Systematik von (Nicht)wissen: Thomas Klatetzki

Das zweite wichtige Thema war für mich der Umgang mit Professionalität und Professionalisierung in der Sozialen Arbeit, derzeit vor allem virulent im Thema Kinderschutz. Ein wirklich toller Vortrag von Thomas Klatetzki hat theoretisch analysiert und begründet, was viele Fachkräfte als dumpfes Unbehagen empfinden: Es gibt eben neben der Kategorie des sozialpädagogischen Wissens auch die große Kategorie des Nichtwissens. Beides, Wissen und Nichtwissen, können implizit und explizit sein und führen zu unterschiedlichen, auch organisational gesteuerten, Umgängen mit Fehlern. In seinem Vortrag machte Thomas Klatetzki deutlich, dass wir Umfang und Bedeutung des Nichtwissens im Kinderschutz unterschätzen, es ist eben keinesfalls nur ein (Nach)qualifizierungsproblem. Vielmehr bräuchte es neben möglichst gut ausgebildeten Fachkräften einen multiprofessionellen dritten Ort zur kompetenten Abklärung.

Barnahús-Konzept als mögliche Organisationsform für die Reduktion von Nichtwissen: Thomas Klatetzki

Sein konkreter Vorschlag war die Einführung des Barnahús-Konzeptes: Kinderhäusern, in denen Kinder, bei denen der Verdacht auf eine Kindeswohlgefährdung besteht, von einem multiprofessionellen Team (Sozialpädagogik, Medizin, Kriminologie, Psychologie) bei Bedarf auch über längere Zeit begleitet und untersucht werden können. Mich haben seine Ausführungen zu den Grenzen der aktuellen Möglichkeiten der von uns im gegenwärtigen System ausgebildeten Fachkräfte auch an meine eigenen Forschungsergebnisse zur Handlungsfähigkeit am Ende des Studiums erinnert.

Qualität und Quantität sind wichtige Fragen von Personalpolitik in der Sozialen Arbeit. Der Fachkräftemangel ist manifest: Benjamin Landes

Hier müsste, aus meiner Sicht, ebenfalls ein Umdenken stattfinden, das idealerweise einen Umbruch bedeutet: Arbeitsplätze wie die im ASD machen deutlich, dass Soziale Arbeit an vielen Stellen ähnlich komplex ist wie z.B. das Führen einer Hausarztpraxis und auch ähnlich folgenreiche Handlungen nötig sind, die möglicherweise unter noch mehr Unsicherheit wie in der Medizin entschieden werden müssen. Der Aufschrei wäre sicher groß, wenn wir in Deutschland Mediziner mit BA-Abschluss hätten, denen nach relativ überschaubarer Zeit die Vollverantwortung übertragen würde.

Damit will ich (nicht nur) das alte Lied der Entlohnung anstimmen, sondern  an tieferliegende Probleme erinnern: Arbeitsplätze in der Sozialen Arbeit müssen in vielen Domänen unbefristet und attraktiv gestaltet werden – und die Zugangsvoraussetzung muss ein qualifizierter MA-Abschluss sein. Nur so entsteht eine Basis, die notwendige Umbrüche sehen, gestalten und evaluieren kann.

 

 

Nachlese: Fachforum Onlineberatung 2019

Den Kolleg*innen aus Nürnberg – vor allem Richard Reindl und Emily Engelhard und der zugehörigen Tagungsmannschaft – ist es geglückt, wieder ein interessantes Fachforum zu organisieren. Zum 12. Mal ging es an diesem zweitägigen Kongress um Onlineberatung, diesmal unter dem Schwerpunktthema Soziale Innovation.

Frisch von der TH Nürnberg zurück, gehen mir dazu einige Gedanken durch den Kopf. Zunächst fällt mir nach wie vor die große Heterogenität in den Wissensständen auf – der Kongress hat sich darauf seit einigen Jahren insofern eingestellt, als dass es „Newcomer*innen-Workshops“ in einer Art Pre-Conference-Programm gibt. Das zeigt, dass sich dauerhaft neue, auch junge und gerade ins Berufsfeld der Sozialen Arbeit eintretende Kolleg*innen für das Thema Soziale Arbeit im Zeitalter ihrer Digitalisierung interessieren. Was wir zukünftig mehr voranbringen müssen, wäre aber konsistente Theoriearbeit zum Themenkomplex Digitalisierung in der Sozialen Arbeit. Für Onlineberatung ist beispielsweise noch nicht einmal geklärt, ob sie als Technik, Methode oder Arbeitsfeld aufzufassen ist, will man der gängigen Systematik von Michael Galuske folgen – dabei ist das Beraten im Internet längst nicht mehr die einzige digital unterstützte Tätigkeit in der Sozialen Arbeit.

Hat Spass gemacht: Die zwei Workshopdurchgänge mit unterschiedlichen, aber diskussionsfreudigen Gruppen

In meinem Workshop habe ich deshalb versucht, einmal hinter und unter die rührige Diskursoberfläche der Szene zu blicken, um utopische und medienkonservative Momente zu identifizieren und Digitalisierung als kulturellen Wandel mit den zugehörigen Ungleichzeitigkeiten aufzufassen. So fällt mir auf, dass die Praxis der Onlineberatung seit einiger Zeit in einer eigenen Filterblase steckt, in der sie ihre Theorien kleiner Reichweite ausführlich ventiliert und damit immer neue Zielgruppen und Beratungsthemen erschließt, dabei aber oft den Anschluss an übergeordnete Digitalisierungsprozesse verliert. Hybridisierung wird beispielsweise vornehmlich gedacht als Verbindung zwischen kopräsenter und medial operierender Kommunikation, während beispielsweise das Biohacking, auch als jugendkulturelles Phänomen, Hybridisierung in ganz anderer Hinsicht intendiert – nämlich als Verschmelzung zwischen der biologischen Existenz und artifiziellen, digitalen Medien. Daraus entsteht das transhumane Moment, das man unterschiedlich bewerten mag, um das man aber nicht umhin kommt – auch in der Sozialen Arbeit nicht. 

Geraldine de Bastion ging in ihrer Keynote auf ein fast schon ikonisches Gerät ein: Roboter-Robbe Paro für Demenzkranke

Toll war deshalb, dass die Keynote von Geraldine de Bastion die Vielfalt von Digitalisierungsprozessen zugänglich gemacht hat und dabei  – Stichwort Big Data und KI – auch manche für die Soziale Arbeit noch unbekannte Szenarien vorgestellt hat, z.B. die Echtzeitauswertung von Texten in Sozialen Netzwerken zum Erkennen von Menschen in suizidalen Krisen. Auch daran konnte ich in den Diskussionen in meinem Workshop gut anknüpfen – denn KI-Unterstützung im Kinderschutz und Beratung, die nur durch Algorithmen angeboten wird und ohne menschliche Fachkräfte auskommt, sind bereits Realität. Verhandelt wird dort längst nicht mehr, ob solche Angebote wirken (das tun sie), sondern für welche Beratungs- und Therapieanliegen und Adressat*innengruppen eine Arbeitsbeziehung zu einer KI, einem Menschen oder einer Kombination am besten ist.

Die allfälligen Fragen, ob und wie sich das unter einer ethischen Perspektive legitimieren lässt, was Fachkräfte brauchen, um solche Technologien gewinnbringend einzusetzen und was das für die Fort- und Weiterbildungslandschaft bedeutet, waren deshalb der ständig mitlaufende Subtext der gesamten Tagung. Ich jedenfalls war froh um die zahlreichen kritischen, aber produktiven Stimmen, die das Kongressthema hinterfragt haben.

Der Abschlussvortrag schließlich war mit dem Thema des spielerischen Erzeugens von  Motivation (Gamification) vielleicht auch ein impliziter Hinweis darauf, dass wir in der Sozialen Arbeit trotz des gebotenen Ernstes auch mutiger sein sollten, manche Dinge einfach auszuprobieren. Schließlich wecken digitale Medien in vielen Kolleg*innen auch den Homo Ludens – wir sollten ihm ab und an nachgeben, damit es voran geht.

Soweit also ein paar Gedanken als sehr subjektive Nachlese – selber einen Workshop anzubieten bedeutet ja immer, einem Großteil der Tagung selbst nicht folgen zu können. Es wird deshalb sicherlich lohnenswert sein, auch die anderen Blogger*innen zu lesen.

Die offizielle Tagungsdoku – auch mit Foliensätzen – wird es bald wie üblich auf den Seiten des Fachforums Onlineberatung geben.

 

Neuer Handbuchartikel – und: die Sommerpause ist um :-)

Das Wörterbuch Soziale Arbeit (Hrsg: Amthor, R.C./Goldberg, B./Hansbauer, P./Landes, B./Wintergerst, T., ehemals Kreft/Mielenz) erscheint 2020 in einer kompletten Überarbeitung bei Beltz Juventa. Wolfgang Widulle und ich haben den Beitrag zu Gesprächsführung und Beratung verfasst und dabei versucht, bisher wenig beachtete Aspekte einfließen zu lassen. Dies waren vor allem Fragen der Professionalisierung und Professionalisierbarkeit sowie die Wirkfaktordebatte, die wir als wesentliche, stark empirisch getragene Ergänzung für den Beratungsdiskurs verstehen. Wir sind gespannt, wie der Artikel ankommt.

Soziale Arbeit in der digitalen Stadt: Wir brauchen mehr Theorie

Handlungsfelder der Digitalstadt Darmstadt: Soziale Arbeit muss und kann sich quer verorten. Quelle: Digitalstadt Darmstadt

Darmstadt ist seit Gewinn des Bitkom-Wettbewerbs die erste Digitalstadt Deutschlands. Zahlreiche Akteure der Stadtgesellschaft treiben  zu allen Themenfeldern der Daseinsfürsorge Digitalisierungsprojekte voran. Soziale Arbeit kommt dabei (noch?) nicht als eigenes Themenfeld vor – ein Umstand, der keinesfalls die Konzeption der Digitalstadt Darmstadt alleine betrifft, sondern sicherlich als Zeitdiagnose zum Umgang mit Digitalisierungsphänomenen in der Sozialen Arbeit ingesamt gewertet werden muss (Stichwort: Medienkonservatismus unserer Zunft). Enge Bezüge hat sie natürlich, beispielsweise über die Soziale Arbeit an Schulen, zum Bildungsthema, das erwartungsgemäß in der Digitalstadt Darmstadt zunehmend Fahrt aufnimmt.

Aber – reicht es für die Soziale Arbeit, querliegend bestehende Themen- und Handlungsfelder stückweise und eher nachholend digital anzureichern? Oder braucht es für Soziale Arbeit in der digitalen Stadt (abstrakt gedacht als Gemeinwesen) nicht mehr? Ich denke, letzteres ist der Fall, und Soziale Arbeit muss sich nach neuen Theoriekonzepten umsehen.

Physische und virtuelle Räume – Wie weit trägt ein Zwei-Welten-Konzept?

Zentral dürfte für das theoretische Durchdenken dabei sein, dass in weiten Teilen der Sozialen Arbeit der Primat eines bestimmten Begegnungs- und Fallkonstellationstypus gilt: Ausgegangen wird von kopräsenten Begegnungen, die sich in physisch und geographisch gefassten Sozialräumen abspielen. Wird diese Vorrangstellung nicht intensiv diskutiert und reflektiert, kann die Beschäftigung mit Digitalisierungsphänomenen nur in einer Nachrangigkeit von Digitalisierungsbemühungen resultieren. Die Diskurse richten sich dann ähnlich ein wie in der Zeit der ersten Phase der Digitalisierung in der Bildung. Lernplattformen und digitale Medien wurden überwiegend dazu genutzt, bisherige Lehr-Lern-Praxen nachzubilden: Aus dem Handapparat physischer Bücher wurde das Repositorium mit .pdf-Dateien und mancher Test oder Evaluationsfragebogen hat eine elektronische Darreichungsform erhalten – das war es im Wesentlichen. Erst in einer zweiten Phase wurde die implizite Zwei-Welten-Struktur (hier die physische Begegnung, dort die partielle digitale Materialität) insofern aufgegriffen, als dass Blended-Learning-Konzepte entwickelt wurden. Die Lücke zwischen „analoger“ und „digitaler“ Welt wurde damit adressierbar, aber zugleich auch gefestigt. Blended-Konzepte folgen der Logik des „Besten aus zwei Welten“ und sind sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung und derzeit an vielen Stellen das aktuellste Konzept in der Bildung. Trotzdem werden in der letzten Zeit Stimmen laut, die an der Sinnhaftigkeit des Begriffes „blended“ im Kontext von Bildung zweifeln, eben weil damit die angebliche Kluft zwischen digitaler und analoger Sphäre aufrechterhalten wird. Viele Kolleg*innen sprechen deshalb schlicht von zeitgemäßer Bildung und meinen damit, dass jeweils das genutzt und getan wird, was dem Bildungsziel dient.

Medienintegrative Soziale Arbeit

Aus solchen Diskursen könnte Soziale Arbeit lernen. Sie muss sich dann fragen, ob ihr eine mit der Blended-Metapher angereicherte Fortschreibung von Konzepten reicht oder es mehr braucht. Mein Plädoyer wäre, die semantische Aufrechterhaltung der Zweiweltenmetapher – der „digital-medialen“ und der wie immer gearteten „kopräsent-analogen“ Welt – nicht zur Grundlage der Weiterentwicklung zu machen.

Eine medienintegrative Soziale Arbeit wäre als erste Begriffsannäherung ein hierzu passendes Konzept, das den ihr gegebenen Vermittlungsauftrag zwischen Individuum und Gesellschaft ernst nimmt und zwar unabhängig davon, in welchen Vermittlungsformen er sich realisiert. Ein erster Schritt mit der theoretischen Beschäftigung und Auslotung einer medienintegrativen Sozialen Arbeit wäre dann die Befassung mit den Formtransformationen ihrer Erbringungsverhältnisse. Hier könnte Soziale Arbeit viel aus ihrer eigenen Geschichte lernen – beispielsweise der Entrüstung über die ersten Telefonberatungsangebote, die in der Fachwelt mit gehöriger Skepsis aufgenommen wurden mit der Idee, dass ein persönliches Beratungsgespräch nicht durch den Telefonapparat ersetzbar sei. Nur wenige Jahrzehnte später hat sich dann, ironischerweise aufbauend auf der Erfolgsgeschichte der Telefonseelsorge, die Skepsis breit gemacht, ob man denn etwa im Internet und per Text Beratung machen könnte. Auch hier war die Ersetzungsmethapher der grundlegende Diskursfehler, denn es läßt sich ja empirisch zeigen, dass das Denken in Ergänzung der richtige Schluss ist: Das Gespräch ist seit Erfindung des Buchdruckes nicht verschwunden, die Erfindung der Telefonberatung hat kopräsente Beratung nicht zum Verschwinden gebracht und mit Einführung textbasierter Onlineberatung sind mündliche Formate nicht weniger geworden.

Soziale Arbeit ist also gut beraten, sich die Sache als konzentrische Ausweitung von möglichen Interaktionsszenarien vorzustellen, die es Adressat*innen und Fachkräften ermöglicht, Medienwahlentscheidungen aus einer großen Auswahl heraus zu treffen. Dabei darf dieses Bild aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es nicht nur um die quantitative Vermehrung von Adressierungsoptionen geht, sondern der Formenwandel eben auch neue Qualitäten ermöglicht – medienintergrative Soziale Arbeit muss sich dann auch damit befassen, inwiefern sie z.B. Künstliche Intelligenz oder Big Data Analytics zur Bewältigung ihrer Aufgaben nutzt oder sogar neue Hilfemöglichkeiten entstehen. Die Differenz zwischen digitaler Inklusion und inklusiver Digitalisierung würde idealerweise in diesen Bemühungen verschwinden. 

So gesehen sind die Themenfelder, die in Darmstadt als erster deutscher Digitalstadt als wesentliche Elemente der Daseinsvorsorge bearbeitet werden, zunächst exemplarische neue Umwelt für die Soziale Arbeit. Sie ist aber gut beraten, diese zunehmend digital formierte Umwelt auch zur relevanten Umwelt zu machen. Solange sie in allen mediatisierten Optionen nur die Abbildung traditioneller Begegnungs- und Ortsmethaphern sieht, besteht weiterhin die Gefahr, wieder einmal nur nachholend mitzugestalten. Ähnlich wie Michael Winkler physische Orte und das zugehörige Handeln als zentrales Bestimmungsstück der Sozialpädagogik eingeführt hat, könnte sich Soziale Arbeit auf die Suche nach einer Theorie medialen Ortshandelns aufmachen und dabei mediatisierte Situationen von Beginn an als das verhandeln, was sie sind und sein müssen: Mehr als bloße Abbilder traditioneller Konzepte.

Professionalisierungskultur gestalten: Das Beispiel Zielentwicklung in den Darmstädter Hilfen zur Erziehung

Videolectures zum neuen Hilfeplanverfahren – zum Diskutieren und kritisch hinterfragen jenseits von Einrichtungsgrenzen und doch im gemeinsamen Tun

Soziale Arbeit ist in Deutschland durch das Subsidaritätsprinzip gekennzeichnet. Daraus ergibt sich automatisch, dass in den Hilfen zur Erziehung Vielfalt hinsichtlich der Träger sowie deren Konzepte und Methoden besteht. Verstärkt durch das Technologiedefizit in der Pädagogik erscheint Soziale Arbeit dann notwendigerweise als das, was in der Professionalisierungsforschung als „ill defined“ oder schlecht definierte Domäne bezeichnet wird: Ziele und Mittel beinhalten gegenstandsimmanent Unschärfen. Daraus folgt wiederum ein Vorgehen, das Sozialer Arbeit oft als unprofessionell vorgeworfen wird: Die Orientierung am Einzelfall und dessen Logik sowie das zurückgreifen auf Träger mit ganz unterschiedlichem Profil – stationär und ambulant, systemisch, tiefenpsychologisch, verhaltenstherapeutisch, erlebnispädagogisch etc. Die Frage ist dann aber, entlang welcher Vorstellungen sich Soziale Arbeit professionalisieren kann und soll und ob ihre zahlreichen Arbeitsfelder überhaupt eine übergreifende Wissensdomäne bilden. So hat sicherlich jede Einrichtung ihre spezifische Einrichtungskultur, und auch die Soziale Arbeit insgesamt beruft sich auf abstrakte Kodizes sowie die Rahmungen durch die Sozialpolitik. Trotzdem lässt sich eine Lücke in diesem professionellen Orientierungssystem erkennen, die vor allem seit der Regionalisierung von Hilfeangeboten zutage tritt: Sollen Träger der Jugendhilfe nämlich – idealerweise zusammen mit dem Jugendamt – einen Sozialraum sowohl in Kooperation als auch eigener Schwerpunktsetzung gemeinsam bestellen, fehlt oft ein Konzept, um die Einheit der Differenzen herzustellen. Das Entwickeln einer gemeinsamen, regionalen und domänenbezogenen Professionalisierungskultur jenseits einrichtungsspezifischer Spezialitäten (und den zugehörigen Einrichtungskulturen) macht dann Sinn. Sie kann helfen, Organisationen, Angebote und die Handlungskompetenz der Fachkräfte gemeinsam weiterzuentwickeln. Eine solche Professionalisierungskultur wäre dann als Antwort auf die Vielfalt von Optionen der sozialräumlich definierten Jugendhilfe vor Ort zu sehen. Dass dies not tut, kann man an vielen Hilfeplanverläufen erkennen: Kaum wechselt ein Fall Sachbearbeiter*in, Bezirk, und/oder Jugendhilfeanbieter*in zeigt sich, dass die Komplexität zu hoch ist – der neue Hilfeplan hat mit dem alten Hilfeplan nur noch wenig gemeinsam oder Bezüge müssen durch abenteuerliche Sinnkonstruktionen und über Widerstände hinweg aufrecht erhalten werden, weil kein Medium zur Konsensfindung in den höchst unterschiedlichen Hilfenarrativen bereit steht.

Mich hat deshalb besonders gefreut, dass ich etwas für das Projekt Zielentwicklung der Darmstädter Jugendhilfe beitragen kann (ein bisschen was dazu habe ich schon gebloggt). Denn genau hier macht die Vergewisserung über die Idee einer regionalen, aber trägerübgreifenden Professionalisierungskultur Sinn. Und so ist den Akteur*innen im bisherigen Verlauf des Projektes etwas sehr wertvolles gelungen: Das neu entwickelte Hilfeplanverfahren hat zwei wesentliche Innovationen: Es legt für alle drei Akteure (Jugendliche und Familien, das Jugendamt/ASD und die Jugendhilfeeinrichtungen) fest, dass (a) der Hilfeplan durch ein von allen geteiltes emotionales Grundsatzziel bestimmt sein muss, das in allen Prozessen jederzeit als kommunikativer und Sinn gebender Heimathafen angelaufen werden kann und (b) darauf aufbauend Jugend und Träger in genau definierten Zuständigkeitsbereichen gemeinsam und für sich die notwendigen Konkretisierungen vornehmen. Ein gemeinsamer Fachtag aller Träger und die daraus folgenden Materialien wie Videolectures zum einrichtungsunabhängigen- und übergreifenden Weiterlernen und die Aufbereitung der Dokumentationen aus den gemeinsamen Übungsgesprächen mit dem BeraLab – all das kann, wenn es gut läuft, Bestandteil einer gemeinsamen regionalen Professionalisierungskultur werden, in der Jugendamt, Träger und Familien trotz unterschiedlicher Anliegen, Wünsche und Konzepte gut zusammen arbeiten können. Wir sind gespannt und hoffen, dass unsere Wünsche nach einer engen wissenschaftlichen Begleitung in Erfüllung gehen, da dieser Forschungsfall nicht allzu häufig in der BRD vorkommen dürfte. 

Richtig weitermachen oder begründet abbrechen: Was pädagogische Fachkräfte für ihre Professionalisierung bei uns mitnehmen.

Poster, Highres bei Researchgate

Letzte Woche hat die Universität Tübingen wieder ihre Pforten zum sogenannten Tübinger Fenster für Forschung geöffnet. Diese Veranstaltung bietet  allgemein verständliche und interaktive Einblicke in die Tübinger Spitzenforschung. Wir waren mit unserem innovativen Professionalisierungsprojekt ProfiL (Professionsbezogene Beratung im Lehramtsstudium) mit einem Poster vertreten. Besonders gefreut hat uns, dass wir nun die lange ersehnten ersten Forschungsergebnisse berichten können. Das Durchführen von echten Längsschnittstudien gilt zwar allenthalten als Königsweg, bedeutet aber eben auch, dass man in mehrjährigen Projekten lange darauf warten muss, bis die ersten Daten ausgewertet werden können. Nun ist es aber so weit: Zwar ist die Abschlusserhebung für unseren ersten untersuchten Jahrgang immer noch etwas entfernt. Aber die Daten aus der Basiserhebung – bevor die Studierenden unser Beratungsangebot besuchen – und die Zwischenerhebung zur Hälfte der Projektlaufzeit bei der Experimentalgruppe liegen vor. Zusammen mit den zugehörigen Daten zum Prozessgeschehen in den Beratungsgruppen haben wir nun schon eine erste Orientierung, was in unserem Angebot läuft und welche Effekte wir erwarten können. Erwartungskonform bilden sich dabei in den Mehrebenendaten die unterschiedlichen Facetten des Beratungsgeschehens ab: Auf der Ebene der ProfiL-Kleingruppen (Datengrundlage: Protokolle der Berater*innen und Erfassung gewählter Themen) zeigen sich unterschiedliche Verläufe, was sich entlang der von den Studierenden selbst gewählten  Beratungsthemen zeigt (mehr zum Konzept von ProfiL gibt es hier). Auf der Ebene der einzelnen Studierenden (Datengrundlage: standardisierter Fragebogen) zeigt sich zur Zwischenerhebung in der Gruppe der ProfiL-Teilnehmer*innen, dass sie viel besser als zu Beginn sagen können, wie sie zu der Lehrer*in werden können, die sie sein wollen und dass sie Gründe für einen Abbruch des Studiums gut kennen – zentrale Ergebnisse, wenn man die Subjektgebundenenheit pädagogischer Professionalisierung fokussiert, in der das Selbsterleben und eine begründete Auseinandersetzung mit sich, anderen und der relevanten Lern- und Arbeitsumwelt als zentral gelten. Wir sind gespannt, was die Ebene des Vergleichs mit der Kontrollgruppe angeht, die genauso wie unsere ProfiL-Teilnehmer*innen studieren, aber ohne die reflexive Unterstützung unseres Angebotes. Und eines mehr habe ich auch gelernt: So etwas macht nicht nur für angehende Lehrer*innen Sinn, sondern auch für Sozialpädagog*innen. Wir brauchen also nach ProfiL auch ProfiS 🤗.

 

 

Beratungsfachkräfte und ihre Internetnutzung: Ist die Beratungsszene „drin“? – Erste Ergebnisse der BerIn-Studie

Wie nutzen Beratungsfachkräfte Onlinemedien? Bild: RachelScottYoga/pixabay

Wie nutzen Beratungsfachkräfte das Internet? Diese Frage haben wir im Forschungsprojekt BerIn (Beratungsbedingte Internetnutzung) untersucht. Zwar steht die generelle Internetnutzung in der BRD seit einiger Zeit unter Dauerbeobachtung (z.B. durch die jährlich durchgeführte ARD/ZDF Onlinestudie). Hier zeigt sich, dass die Onlinenutzung immer mehr die Sättigungsgrenze erreicht und ständig neue Dienste und Mediengenerationen hinzukommen.

Zur Gruppe der psychosozialen Beratungsfachkräfte gibt es bisher aber wenig Daten darüber, wie sie das Internet nutzen. Das ist aus mehreren Gründen eine bedauerliche Forschungslücke. Zum einen gibt es die seit Jahren boomende Entwicklung bezüglich der Internetberatung, die als Mail/Chat/Video-Beratung fester Bestandteil der Hilfelandschaft geworden ist. Zum anderen gibt es bestimmte Grundannahmen bzw. Forschungsbefunde, die vor allem personennahen Dienstleistungen eine gewisse Technikferne unterstellen, wie sie bis heute in der Sozialen Arbeit zu finden ist – was in gewissem Widerspruch zu den stellenweise stark expandierenden Internetberatungsangeboten steht.

In einer Forschungskooperation haben wir an der EHD zusammen mit Kolleg*innen der TH Nürnberg die Nutzung von Onlinemedien durch Beratungsfachkräfte untersucht. Als Zugang haben wir den Verteiler der Deutschen Gesellschaft für Beratung (DGfB) gewählt und den für unsere Studie rekrutierten Beratungsexpert*innen einen Onlinefragebogen vorgelegt.


Unterschiede zwischen privater und beruflicher Mediennutzung von Beratungsfachkräften, Effektstärke dcohen , n=156

Und was kam raus? Beratungsfachkräfte sind privat durchaus Viel- und Intensivnutzer*innen, während die berufliche Nutzung gemessen am privaten Gebrauch deutlich weniger intensiv ist. Mit diesen Daten lassen sich jetzt einige zentrale Hypothesen vertiefend prüfen: Ist dieser Effekt von anderen Variablen, z.B. dem Lebensalter, dem Wohnort oder sonstigen Einflüssen abhängig? Und was erhoffen sich diejenigen Beratungsfachkräfte, die „drin“ sind, von der Onlinenutzung? Wird hier die Logik von Präsenzdiensten im virtuellen Raum verdoppelt? Gibt es Ideen zu neuen Beratungskonzepten?

Neben der ersten Auswertung, die ich hier zeige, folgen Antworten und Reflexionsimpulse für die digitale Professionalisierung Sozialer Arbeit in einem Zeitschriftenbeitrag im e-beratungsjournal, der bald erscheint. Das war eine längere, aber durchaus lohnende koordinative Mammutleistung: Mitgeforscht und mitgeschrieben haben Emily Engelhardt, Marlene Henrich, Richard Reindl, Siegrid Zauter und Christina Dietrich – neben den Profs aus Nürnberg und Darmstadt waren damit auch unsere wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen und unsere Forschungspraktikantin aktiv eingebunden. Das war insofern spannend und nützlich, weil das Medienthema immer auch ein Generationenthema ist – in der Wissenschaft und in der Praxis Sozialer Arbeit.

Stichwort: Gute Weiterbildungsstudiengänge

Weiterbildungsmaster: Stark subjektorientierte Bildungsprozesse, Orientierung an Handlungspraxis bei hohem Wissenschaftsbezug

Das ist ein von euch eingeforderter Blogbeitrag – mich haben nun einige Mails erreicht mit der Bitte, die stellenweise abstrakten und sehr forschungsbasierten Artikel zur Gestaltung von Professionalisierungsprozessen in der Sozialen Arbeit durch einen „handfesten“ Blogbeitrag zu ergänzen. Einige scheint auch zu interessieren, weshalb unser MA Psychosoziale Beratung eine Warteliste hat. Ich bemühe mich also, das mal aufzuschreiben, es wird also noch etwas essayistischer als bisher. Aber das ist ja streng genommen auch Sinn des Bloggens. Ich schreibe im Folgenden über sozialwissenschaftliche Studiengänge – vieles wird sich aber auf andere Domänen übertragen lassen. Und etwas undidaktisch erlaube ich mir auch, auf allfällige Fehler und Fallstricke hinzuweisen. Es wird ja einen Grund haben, dass viele Weiterbildungsstudiengänge vor sich hindümpeln.

Bolognareform verstehen und konkretisieren

Gut gemachte Weiterbildungsstudiengänge zeigen, dass die Verantwortlichen die Bolognareform und die durch sie ausgelösten Veränderungen von Bildungspraxis verstanden haben. Konkret bedeutet das: Weiterbildungsstudiengänge sind in handlungswissenschaftlichen Feldern wie der Sozialen Arbeit aus Sicht der Studierenden zunächst Studienangebote, und keine bloßen Weiterbildungsangebote. BA-Studierende bemerken in der Regel recht schnell, dass die Berufsbefähigung auf BA-Niveau ein politisches Zweckversprechen ist. Dieses Erkennen spielt sich – das ist für Bologna eine kennzeichnende und oft desillusionierende Erfahrung – im Feld ab, denn die Berufseinmündung ist schon erfolgt. Damit konstelliert sich eine große Klarheit darin, was sich Studierende von einem MA versprechen. Wenn sie in der Praxis Sozialer Arbeit bleiben wollen, sind das theoretisch gesättigte Handlungskompetenzen, die sowohl jenseits rezeptologischer Vereinfachungen von Methodenschulungen („Lernen Sie Beratungsverfahren XY an vier Wochenenden!“) als auch weltfremder Theorieklimmzüge („Reflektieren Sie Ihre Praxis im intersektional-materialistisch-kritisch-systemtheoretisch gerahmten Zugriff und werden Sie Forscher*in!“) zu liegen kommen. Damit werden berufsbegleitende Weiterbildungsstudiengänge das Mittel der Wahl für sehr viel mehr Studierende, als die Hochschullandschaft bisher denkt. Diese Chancen werden an vielen Standorten und von vielen Kolleg*innen gar nicht gesehen – für Wissenschaftler*innen in grundständigen Studiengängen endet die Welt in der Regel im konsekutiven zweiten Zyklus der Bolognareform.

Akademisierung fördern, Handlungskompetenzerwerb ermöglichen

Gute Studienprogramme haben mindestens ein Begeisterungsmerkmal: Bei uns die integrierte DGSF-Anerkennung (mit Optionen wie dem Modellcurriculum systemische Beratung) oder das BeraLab.

Folgt man dem Weg der Entscheidungslogik, finden sich in Weiterbildungsstudiengängen also Bewerber*innen ein, die (a) hoch motiviert sind (auf den monetären Aspekt der Sache komme ich gleich noch) und (b) sich auf einem Kontinuum des Bildungsinteresses zwischen reiner Handlungsbefähigung und reinem Theorieinteresse irgendwo in der Mitte verorten. Ich frage meine Studierenden übrigens oft nach dieser Positionierung bzw. mache eine kleine soziometrische Aufstellung dazu – so wird die Vielzahl an Standpunkten deutlich und auch deren Veränderung (wenn man die Soziometrie mehrmals im Studienverlauf nutzt). Hier zeigt sich dann auch gleich die hohe Subjektgebundenheit, denn jeder Standort ist unterschiedlich begründet. Die Einheit der Differenz ist dabei aber immer der Handlungsbezug und das Interesse an einer verbesserten Praxis im Rahmen eines berufsbegleitenden Weiterbildungsstudiums. Und dieses Kontinuum ist eben konstitutiv: Unabhängig von ihrer Positionierung sind Studierende dann enttäuscht oder finden einen Weiterbildungsstudiengang unattraktiv, wenn eine Anbiederung an bloße Handlungsroutinen oder aber eine Entgleisung in irrelevante Theoriegefilde erfolgt. Für das Personal bedeutet das mehr als in grundständigen Studiengängen: Wer lehrt, muss es selbst können, egal ob es um Forschung oder Methodenbefähigung geht. Neben dieser personengebundenen Befähigungsseite gibt es auch den zugehörigen organisationalen Aspekt: Hochschulen, die Weiterbildungsmaster anbieten wollen, müssen für das notwendige Personal sorgen, das sich nicht automatisch aus dem Pool der Lehrenden speisen kann, die im grundständigen Bereich lehren. Die Erfahrung in einem gut laufenden Weiterbildungsmaster zu lehren ist wiederum für viele dieser Kolleg*innen eine bereichernde Erfahrung. Aber, dazu braucht man erst einmal einen gut laufenden Weiterbildungs-MA :-).

Spezifische Lern- und Organisationsbedürfnisse ernst nehmen

Sanierungsbedürftige, schlecht beplante und ausgestattete Räume: Nix für Weiterbildungsstudiengänge

Als logische Konsequenz entsteht aus dem bisher Gesagten ein recht klar beschreibbares Anforderungsbündel, das durch den spezifisch ökonomischen Aspekt von Weiterbildungsstudiengängen forciert sichtbar wird. Die Landeshochschulgesetze fordern nämlich, dass Weiterbildungsstudiengänge nur dann angeboten werden können, wenn sie kostendeckend bewirtschaftet sind. Damit ist gemeint: Es darf keine Kannibalisierung von Stellen aus grundständigen Studiengängen geben – Weiterbildung auf Kosten staatlich finanzierter, konsekutiver Studienangebote geht nicht, und diese Vorgabe macht ganz sicher bildungspolitisch Sinn. Studierende werden in gewisser Weise damit zu Kund*innen einer Dienstleistung, die mit Zahlungen in beträchtlicher Höhe einhergeht, gemessen daran, was sonst ein Studium kostet – in der Regel fallen Beträge im Tausender- bis Zehntausenderbereich für einen Weiterbildungsmaster an. Zusammen mit der Tatsache, dass als zweites Gebot der Hochschulgesetze Weiterbildungsstudierende berufstätig sein müssen, müssen bestimmte Grundanforderungen erfüllt sein, die in grundständigen Studiengängen regelmäßig unterschritten werden und unterschritten werden können: Schlecht beplante oder ausgestattete Räume (in denen sich Weiterbildungsstudierende oft blockweise oder ganztägig aufhalten müssen), eine unzuverlässige Planung und wenig zugewandte Dozierende und Mitarbeiter*innen lassen sich in grundständigen Studiengängen eher verschmerzen. Dann fällt eben einmal ein 90Minüter auch kurzfristig aus – grundständige Studierende legen hier meist eine Mischung aus Freude über eine unerwartete Cafépause und Gelassenheit mit der Erfahrung, dass so etwas eben vorkommt, an den Tag. Für Weiterbildungsstudierende bedeutet das aber, dass (Bildungs)Urlaub, Überstunden oder sonstige mühsam gewonnenen Zeit umsonst verplant wurden. Zu kurz greift hier übrigens das Argument einiger Kolleg*innen, hier würde man nur den neoliberalen Ausverkauf des Bildungsgedankens in der Sozialfigur frustrierter Lernkund*innen erkennen. Wichtig ist, dass Lehrende und Verwaltungsmitarbeiter*innen die spezifischen Bedürfnisse kennen und ernst nehmen – und dass das auch die Organisation einer Hochschule tut. Gut laufende Weiterbildungsstudiengänge erfordern, sich ein Stück weit auf eine Zwei-Welten-Kultur einzulassen, die es produktiv zu gestalten gilt. Ich empfehle an dieser Stelle immer den mit Studiengangentwicklungsarbeit Betrauten, sich entlang des Kano-Modells einmal zu überlegen, wie es mit den Studiengängen bestellt ist. Ein gut laufender Weiterbildungsmaster hat neben der erwartbaren, verlässlichen Basisqualität immer auch mindestens ein Begeisterungsmerkmal.

Weiterbildungsstudiengänge sind keine Gelddruckmaschinen

Obwohl der Gesetzgeber fordert, dass Weiterbildungsstudiengänge kostendeckend oder gar nicht zu bewirtschaften sind, sind sie trotzdem in eigentümlicherweise unerreichbar für profitorientiertes Denken. Für den Überschlag der Kostendeckung benötigt man kein BWL-Studium, das schaffen Weiterbildungsstudierende auch so. Sie wissen damit auch viel besser als Studierende in grundständigen Studiengängen, ob sie das bekommen, wofür bezahlt wird. Da die intrinsische Motivation der Studierenden und der notwendige Einsatz auf Seiten der Lehrenden hoch ist, skalieren solche Studiengänge nicht beliebig. Vergrößerungs- und Gewinnoptimierungsgelüste führen regelmäßig beobachtbar zu Verschlechterungen des Angebotes und damit zum Rückgang an Interessent*innen. Apropos Interessent*innen: Wer allzu viele bunte Werbeflyer und sonstige Marketingmechanismen braucht, macht etwas falsch. Gut geführte Weiterbildungsmaster bewerben sich selbst durch Multiplikation in den jeweiligen Communities, schlecht laufende finden dort ihr natürliches Ende. Hier gelten tatsächlich ein Stück weit Gesetze des Marktes – Mechanismen, die in grundständigen sozialwissenschaftlichen Studiengängen derzeit weitgehend unbekannt sind. Dort können aufgrund der in den letzten Jahren gestiegenen Studierendenzahlen und der eher knapp bemessenen Hochschulpaktausbauplanung Studienplätze aufgrund von Verknappungseffekten noch weitgehend unabhängig von der Qualitätsanmutung gefüllt werden.

Erfolgskriterien

Was sind also Erfolgskriterien guter Weiterbildungsstudiengänge? Zunächst einmal das regelmäßige Zustandekommen – nicht wenige dieser Studiengänge dümpeln bundesweit in einem Zombiestatus herum: Ab und an kommt ein Jahrgang knapp zustande, dann wieder nicht. Nimmt man ernst, dass mit der Inanspruchnahme sich Anforderungskonfigurationen der Praxis zeigen, muss man das so lesen, dass der Inhalt nicht passt oder die Form misslungen ist.

Auf zwei weitere Indikatoren weise ich Studierende und Kolleg*innen aber auch immer gerne hin: Die Abbruchquote und die Abschlussquote. Wer eine nicht unbeträchtliche Menge an Geld investiert und das Studium dennoch abbricht, hat dieses Geld versenkt. Aber auch wer das Programm formal zu Ende studiert, aber letztendlich die Abschlussarbeit und damit den akademischen Abschluss verfehlt oder als ewige Student*in herumäandert, hat eine solche Fehlinvestition getätigt – denn die Zertifikate aus einzelnen Modulen lassen sich in der Regel günstiger und organisational einfacher als im Rahmen eines Studiums erlangen.

Ein Studium muss, gerade wenn es berufsbegleitend angelegt ist, ein Studium bleiben – und kein bloßes Weiterbildungsangebot. Dafür gibt es die Klasse der Micro- und Nanodegrees.

Die Beschäftigung mit der faszinierenden Verknüpfung von Handlungspraxis und Theorien unterschiedlicher Reichweite auf der Basis des bereits erfahrungsangereicherten, personengebundenen Handelns der Studierenden macht den Reiz der Sache aus. So verstanden sind Weiterbildungsstudiengänge alleine aufgrund dieser Form ein wertvolles Bildungsangebot in der Sozialen Arbeit – für Studierende, für die Praxis und für die Hochschulen. Und nebenbei gesagt: Auch für die Wissenschaft selbst, denn manche wirklich innovative Forschungsfrage ist entstanden, weil jemand mit genügend intellektuellem Hubraum bei erhaltenem Handlungsbezug ein bedeutsames Problem der Praxis erkannt und als Forschungsfrage, die anschlussfähig an das Wissenschaftssystem ist, reformuliert hat. Auch dafür ist die Wissensbasis, die sich in einem gut gemachten Weiterbildungsmaster herausdestilliert, ein prima Ausgangspunkt – nicht wenige unserer Absolvent*innen denken nach dem Studium über eine Dissertation nach.

Und schließlich: Das alles darf nun nicht so gelesen werden, dass konsekutive Studiengänge obsolet sind. Ganz im Gegenteil, sie werden weiterhin die Normalform bleiben und das auch mit guten Gründen (dazu schreiben ich auch mal was). Lediglich der etwas stiefmütterliche und an manchen Orten schlicht merkwürdige Umgang mit wissenschaftlicher Weiterbildung könnte konstruktiv verändert werden.