Digital kompetent – neuer Buchbeitrag: Professionalisierung von Fachkräften im Kontext von Digitalisierung

Kompetenzmatrix nach Heiner, bezogen auf Digitalisierung in der Beratung

Digitalisierung und Beratung: Zwischen Bewahrung und Befähigung ist der Titel eines kommenden Herausgeberbandes von Stephan Rietmann, Maik Sawatzki und Matthias Berg, der bei VS im Sommer erscheinen wird. Zusammen mit Markus Emanuel entstand hierzu ein Beitrag zu der Frage, welche Kompetenzen Fachkräfte in der psychosozialen Beratung bezogen auf Digitalisierung eigentlich benötigen. Dieses Thema erscheint dabei nicht nur uns als gravierende Le(e)hrstelle – das Kerncurriculum der Deutschen weiterlesen

Beratungslernen sichtbar machen: das Modellcurriculum der DGSF

Reflexionsberichte, Selbst- und Fremdeinschätzungsbögen und Videos, jede Menge Videos: Beratungslernen sichtbar machen durch das Modellcurriculum der DGSF.

Manchmal gibt es auch in der stressigen Vorweihnachtszeit im Hochschulalltag noch Nischen, in denen die wissenschaftliche Passion Platz hat. Eine dieser Nischen ist die Arbeit an und mit dem Modellcurriculum der DGSF (nachlesbar in der Verbandszeitschrift hier auf S. 38). Mit diesem Modellprojekt hat die DGSF (Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie) als einer der größten deutschen weiterlesen

Warst du schon wieder bei der Erwachsenenbildung?

Schön war es – Vortrag am DIE in Bonn.

Jap, war ich. Das DIE hatte mich eingeladen, einen Vortrag und einen Workshop zu aktuellen Entwicklungen in der Beratungsforschung zu halten. Das hat mir – neben der Tatsache, „alte“ Kolleg*innen aus Tübingen wiedersehen zu können – wieder einmal gezeigt, dass gemeinsame Gegenstände Wissenschaftler*innen verschiedener Subdisziplinen in einen produktiven Austausch bringen. Wir haben entlang übergeordneter, internationaler Diskurse sowie konkreter Forschungsdaten einen spannenden weiterlesen

EQR, DQR, Ach-weh-QR: Brauchen wir einen Deutschen Qualifikationsrahmen für Beratung?

Kompetenzmessung in der Beratung: die Systemische Gesellschaft (SG) diskutiert

Die Systemische Gesellschaft (SG) hatte mich am 18.11.2018 nach Berlin eingeladen, um etwas zu Kompetenzerfassung in der Beratung und dem Projekt eines Deutschen Qualifikationsrahmens für Beratung zu sagen. Ich hatte dabei zwei Hüte auf: Zum einen den eines Beratungsforschers, der sich mit Kompetenzerwerbsprozessen und deren Erfassbarkeit befasst, zum anderen den eines Vorstandes der Deutschen Gesellschaft für Beratung, die als Dachverband zusammen mit ihren Mitgliedsverbänden (darunter eben auch die SG) einen Deutschen Qualifikationsrahmen für Beratung voranbringen möchte.

Beides – Kompetenzerfassung und die Frage nach der Sinnhaftigkeit eines einheitlichen Qualifikationsrahmens – konnten wir intensiv und konstruktiv diskutieren. Ich war wieder einmal begeistert von der systemischen Community, die intellektuell anregend auch komplexe Themen bearbeitet, ohne dabei zu schnell an dogmatische oder gar ideologische Grenzen zu stoßen.

Besonders die von mir vertretene Perspektive, dass (wenn überhaupt) Beratungskompetenzen immer kontextualisiert und im Prozess zu erfassen sind, hat vielen eingeleuchtet. Man kommt dann aber eben mit komplexen Erfassungsverfahren heraus, in denen sich bewährtes aus der Systemischen Lehrpraxis mit wissenschaftlicher Innovation verbinden lässt – vor allem sind dies unterschiedliche Formen strukturierten Beobachtens längerer Abschnitte. Schließlich kann eine einzige Frage in einem Gespräch gerade denjenigen bedeutsamen Moment (mit)konstruieren, der zu einer Ordnungsänderung im Denk- und Handlungssystem von Adressat*innen führt – das Abzählen von beraterisch erwünschten Verhaltensweisen oder andere Formen der Erfassung, die die interaktiven Wechselwirkungen im Beratungsprozess ausblenden, taugen also von vornherein nicht. Obwohl sich eine solche Beratungsforschung meist von sich selbst heraus als qualitative Forschung versteht, bieten neue statistische Verfahren aber ebenso die Möglichkeit, solche Interaktionen detailliert abzubilden (z.B. durch die Mehrfacettenmodellierung von Kompetenzen, in der Personenfähigkeiten, Aufgabenschwierigkeit und Beurteiler*innen-Strenge unabhängig voneinander dargestellt werden). Letztendlich bietet eine solche empirisch und theoretisch angereicherte Kompetenzdebatte sicherlich didaktische Chancen und Herausforderungen, um über die Lehre in systemischen Weiterbildungen nachzudenken.

Im Anschluss daran ging es dann um die Frage, was passiert, wenn man den kompetenzorientierten Weg noch weiter verfolgt und sich dem Projekt des Deutschen Qualifikationsrahmens Beratung anschließt. Dabei geht es dann darum, den immer wichtiger werdenden DQR (Deutscher Qualifikationsrahmen für Lebenslanges Lernen) als Instrument zu nutzen – und für Beratung zu konkretisieren. Die zugrundeliegende Idee ist, Kompetenzen unabhängig vom Ort ihres Erwerbes vergleichbar zu machen. Für die Weiterbildungslandschaft in der Beratung relevant ist, dass nach den formal erworbenen Kompetenzen nun auch non-formal erworbene Kompetenzen Eingang in den DQR finden.

Wenn es gelingt, dass die deutschen Beratungsdachverbände einen solchen Qualifikationsrahmen für Beratung definieren und in den DQR-Prozess einspeisen, so entstehen damit neue, definierte Schnittstellen zwischen formalen und non-formalen Bildungssystemen -z.B. in Form der Anrechenbarkeit von Beratungsweiterbildungen als Studienleistungen oder zwischen verschiedenen Weiterbildungsanbieter*innen.

Die Antwort auf die eingangs gestellte Frage lautet hier aus meiner Sicht: Wenn der Qualifikationsrahmen Beratung gut gemacht ist, bietet er viele Chancen. Von einer hastig erstellten Überleitungslösung oder gar der Einmischung durch reine Zertifizierungsagenturen, die darin lediglich ein Geschäftsmodell sehen, ist aber abzuraten. Wir sollten die Sache der Einschätzung notwendiger Kompetenzen für gute Beratung keinesfalls aus unserer Hand geben.

Wie werden systemische BeraterInnen kompetent? WSBT-Studie der DGSF und EHD verlängert :-)

Was passiert eigentlich genau mit dem Wissen in den Köpfen, wenn Fachkräfte eine Beratungsweiterbildung absolvieren und übend-praktizierend tätig sind? Unsere WSBT-Studie (Wissensbildung in der systemischen Beratung und Therapie) hat in der ersten Projektphase (Artikel als Open Access hier) hierzu schon spannende Ergebnisse geliefert die zeigen, dass der Wissenserwerb in der systemischen Beratung so verläuft wie in anderen komplexen Tätigkeiten auch. Das klingt zunächst nach einem unspektakulären Befund, ist aber deshalb brisant, weil Fragen zur Kompetenzentstehung bei Beratungsfachkräften generell wenig untersucht sind. Bezogen auf Weiterbildungswirkungsforschung können sie als nahezu unerforscht gelten. Das ist umso problematischer, als dass in der Beratungs- und Therapieforschung seit einiger Zeit eine Trendwende eingesetzt hat: Wesentlich stärker als bisher steht das Beratungshandeln von mehr oder weniger kompetenten Fachkräften im Fokus, und weniger die Beforschung einzelner  Techniken und Methoden, wie sie in der vergleichenden Beratungs- und Therapieforschung lange Zeit üblich war. Daraus folgt, dass  mit diesem Trend auch neue Formen der Erforschung von Wissensbildungsprozessen entwickelt werden müssen – wozu unsere Studie  einen wichtigen Beitrag leistet. Wir freuen uns deshalb sehr, dass die DGSF die Förderung der zweiten Projektphase genehmigt hat und wir in bewährter Manier an der EHD mit den bereits erhobenen Daten weiterarbeiten können. Während in der ersten Auswertung der beschreibende Überblick in der Erstauswertung im Fokus stand, können wir nun mit den gesamten Raffinessen der multivariaten Statistik Zusammenhängen in den Daten nachgehen – gut, dass wir an der EHD mit BildungsforscherInnen vernetzt sind, die gemeinsam mit uns Antworten zu diesen Fragen suchen.

Videos zu sozialpädagogischer Professionalisierung – die Nullserie hat meine Sommerpause unterbrochen :-)

Welche Beratungsweiterbildung soll ich machen? Sind Beratungsmethoden in der Sozialen Arbeit wissenschaftlich begründbar? Wie kann man gute Entscheidungen für die oft mehrjährigen und teuren Angebote treffen, um für sich als angehende Fachkraft einen guten Lern- und Bildungsprozess zu gestalten?

Weil diese Diskussion auf Facebook im Netzwerk Sozialarbeit und Sozialpädagogik so spannend war, musste ich die Blog-Sommerpause einfach kurz unterbrechen. Hier kommt also ein Zwischenruf in Form der Nullserie zur Reihe über sozialpädagogische Professionalisierung. Viel Spaß beim Gucken.

Fachkraftsubjekt und Theorie: Warum Soziale Arbeit mehr Professionalisierungsforschung braucht

Wenig systematisch untersucht: Entstehung von Professionalität auf Seiten der Fachkräfte in der Sozialen Arbeit. Foto: GDJ/pixabay, CC0

Wer sich mit der Professionalisierung unterschiedlicher pädagogischer Tätigkeiten befasst, der stößt im Vergleich der Professionalisierungsdiskurse auf erstaunliche Unterschiede. Diese zeigen sich zunächst in Äußerlichkeiten: In der Lehrer*innenbildung existiert beispielsweise an jeder größeren Hochschule mindestens eine Professur, die sich mit Professionalisierung befasst. Professionalisierung ist hier im allgemeinen Sinne der Frage gemeint, wie die unterschiedlichen Wissenselemente (Fachwissen, Fachdidaktisches Wissen, pädagogisch-diagnostisches Wissen, Praxiserfahrungen) in Lern- und Bildungsprozessen so angeeignet und integriert werden können, dass professionelles Handeln entsteht. Im Zuge von Programmen, z.B. der Qualitätsoffensive Lehrerbildung des BMBF, sind zusätzlich an vielen Hochschulen Zentren entstanden, die das Thema Lehrer*innenprofessionalisierung mit enormem Engagement weiter betreiben. Diese institutionellen Korrelate der Befassung mit Professionalisierung verweisen wechselseitig auf den stringent entfalteten Publikationsdiskurs über professionelles Lehrer*innenhandeln und seine Genese.

Ganz anders in der Sozialen Arbeit: In der gesamten BRD existiert kein einziges Zentrum in irgendeiner Form, das sich ausschließlich, konsistent und intensiv mit Sozialpädagog*innenprofessionalisierung befasst. Diese Leerstelle institutioneller Inszenierung steht aber wie das konstrastierende Pendant der Lehrer*innenbildung auch für einen bestimmten Diskurs über Professionalisierung in der Sozialen Arbeit. Dieser ist extrem parzelliert und durch keine zusammengehörigen Diskurslinien über Forschungsprogramme und Zugänge verbunden. Vielmehr erscheint es so, dass zu jeder Theorie Sozialer Arbeit im besten Fall nur kursorische Bemerkungen vorhanden sind, wie sie sich in der Aneignung der Professionellen und der späteren Anwendung herstellen soll. Irritiertenderweise gilt dies sogar für diejenige Theorien, die explizit z.B. auf die Subjekthaftigkeit von Prozessen in der Sozialen Arbeit abstellen, z.B. Agencytheorien, Lebensweltkonzepte etc.

Subjekte, das scheinen in der Sozialen Arbeit mehrheitlich immer die Adressat*innen zu sein, wobei häufig zurecht gefordert wird, die Welt der Sozialen Arbeit gerade nicht in einer bestimmten Weise zu „klientifizieren“. Im Gegenzug entsteht dann nicht selten ein selbstverliebter Umgang mit Theorie, ablesbar in einer Vielzahl von Konzepten kleiner und mittlerer Reichweite. Damit soll aber nun keineswegs der Theorieentwicklung das Wort geredet werden, im Gegenteil. Es bräuchte als Gleichgewicht aber mehr und stringentere Beschäftigung mit der Frage, wie denn die Theorien Fachkräfte handlungsbefähigen können.

Wir brauchen also schlicht mehr Professionalisierungsforschung in der Sozialen Arbeit – und es ist doch schön, dass diese sich gerade in einem größer werdenden Netzwerk an unterschiedlichen Standorten konsolidiert. Quasi eine Community of Practice sozialpädagogischer Wissensbildung.

Open Access :-) – WSBT-Studie der EHD (finanziert durch die DGSF) ist online

Die DGSF unterhält ein tolles Wissensportal mit Studien zu systemischen Themen. Der neueste Zugang ist der erste Artikel aus unserer an der EHD durchgeführten WSBT-Studie (Wissensbildung in der Systemischen Beratung). Er ist im Kontext erstpubliziert  und wurde nun als ausgewählter Open Access-Beitrag von der DGSF frei im Netz veröffentlicht: Hier ist er (Henrich und Weinhardt, 2018) – viel Spass bei Lesen!

Lernerfolg und Persönlichkeit bei angehenden Fachkräften in der psychosozialen Beratung

Vorhersage des Beratungslernerfolges durch Vorerfahrung, Persönlichkeitsmerkmale und Selbstwirksamkeitsüberzeugungen, N=115

Jetzt ist (ich liebe das Internet) aufgrund der verblüffend hohen Seitenaufrufe des Beitrages zu Beratungskompetenz und Persönlichleit und den vielen tollen Mails, die ich dazu gekriegt habe, automatisch ein Zweiteiler entstanden. Denn ich werde nicht nur oft gefragt, ob es einen Zusammenhang zwischen kompetentem Handeln und Persönlichkeit in der Beratung gibt, sondern auch, ob bestimmte Persönlichkeiten das Beraten besser oder schlechter lernen als andere.

Wiederum für den bisher sehr wenig beforschten Bereich der frühen berufsbiographischen Stadien lässt sich auch das verneinen, zumindest was die eher kurzfristigen Lerneffekte angeht.

Und wie haben wir das herausgefunden?

In einer Studie haben wir Beratungslernende zweimal ein Beratungsgespräch mit unseren trainierten Schauspieler*innen im BeraLab führen lassen. Weil uns interessiert hat, wie gut man Beratung vermitteln und lernen kann, hat die Hälfte der Teilnehmer*innen zwischen den beiden Gesprächen ein an den eigenen fachlichen Entwicklungsaufgaben ausgerichtetes Kompaktseminar besucht, die andere Hälfte hat nur die beiden Beratungsgespräche absolviert (und das Seminar zu einem späteren Zeitpunkt gemacht).

Die realisierte Beratungskompetenz in den beiden Gesprächen haben wir wieder mit der TBKS gemessen. Die Unterschiede zwischen den beiden Gesprächen („Gain Scores“) stellen dabei eine Maßzahl für den Lernzuwachs auf den beiden Beratungsteilkompetenzen Beziehungsgestaltungsfähigkeit (IABs) und technisch-methodischem Beratungshandeln (TMs) dar. Ebenso wie in der ersten Studie haben wir mit einem Fragebogen die Vorerfahrung, die Anzahl der bereits studierten Semester, die Selbstwirksamkeitsüberzeugungen und die Persönlichkeitsmerkmale erhoben.

Und was kam raus? Der Lernerfolg in unserer Interventionsstudie wird von der Selbstwirksamkeit (entspricht einem kleinen Effekt) beeinflusst, aber nicht von Persönlichkeitsmerkmalen, Vorerfahrung und bisheriger Studiendauer.

Das ist aus mehreren Gründen wieder bereichern für den Kontext Hochschul- und Weiterbildungsforschung, in dem unsere Studien verankert sind. Dort spielt nämlich zunehmend die Heterogenität von Lerngruppen eine Rolle. Und es ist natürlich wieder für Lerner*innen, die das oft beschäftigt, bereichernd, dass man mit unterschiedlich gestrickter Persönlichkeit gut beraten lernen kann und der Lernerfolg von einem gut trainierbaren Faktor abhängt, für den die Vorhersagekraft auch in vielen weiteren Bereichen professioneller Tätigkeiten nachgewiesen ist. Persönlichkeitseigenschaften lassen sich ja im Gegensatz zur Selbstwirksamkeit eher schwer verändern.

Natürlich gelten hier auch wieder die im ersten Artikel berichteten Einschränkungen, dass bei den teilnehmenden Studierenden keine stark abweichenden Persönlichkeitsstrukturen vertreten waren, von denen man annehmen könnte, dass sie einen Effekt auf den Lernerfolg haben. Und zweitens hat das Seminar in unserer Interventionsstudie einen stark auf individuelles Lernen abstellenden Charakter und ermöglicht extrem ausdifferenzierte Lernwege, die für jede Teilnehmer*in als Entwicklungsaufgabe beschrieben werden. Es kann also sein, dass in weniger differenzierten Lernumgebungen doch wieder Abhängigkeiten eintreten, wenn die Lernstruktur zu starr ist und spezifische Voraussetzungen der Lerner*innen etwas anderes erfordern würden. Und drittens lässt sich mit dieser Studie natürlich nichts darüber aussagen, ob langfristige Lern- und Bildungseffekte in der Beratungsprofessionalisierung nicht doch von bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen beeinflusst werden. Aber wir haben ja erst angefangen mit unserer Forschung – bleibt also, gerade was das untersuchen längerer Entwicklungsprozesse angeht, noch viel zu tun.

PS: Bei Fragen – könnt ihr mir gerne eine E-Mail schreiben. Die Kommentarfunktion habe ich wegen der DSGVO erstmal ausgeschaltet. Wenn sich Frageschwerpunkte herauskristallisieren, mache ich einfach wieder einen Blogpost dazu – so wie diesen hier.

Beratungskompetenz und Persönlichkeit

Zusammenhänge zwischen Beratungskompetenz, Persönlichkeitsmerkmalen, Selbstwirksamkeit und Vorerfahrungsindikatoren

Es dürfte eine der am meisten diskutierten Fragen angehender Berater*innen in der Sozialen Arbeit sein: Haben erfolgreiche Beratungsfachkräfte eine besondere Persönlichkeit? Sind manche Aspekte vielleicht gar prädisponiert? Gibt es womöglich „geborene Berater*innen“, so wie es in der Pädagogik die sozialromantische Idee der geborenen Erzieher*innen gibt?

Diese Frage kann ausgekoppelt aus einer größeren Publikation, die derzeit entsteht, empirisch beantwortet werden. Unter den sehr realistischen Bedingungen des BeraLab haben wir 115 Berater*innen in frühen Professionalisierungsstadien (nämlich im Studium, Semester 1-12) Beratungsgespräche führen lassen, die realisierte Beratungskompetenz in einer Videostudie gemessen und die Berater*innen nach zentralen Aspekten der Persönlichkeit befragt. Zum Einsatz kam dabei ein Kurzinventar zu den Big Five, der Fünf-Faktoren-Theorie der Persönlichkeit, eine Skala zur Selbstwirksamkeit sowie die Erfassung der globalen Vorerfahrung mit der Hilfeform Beratung und das konsekutive Fachsemester.

Und was kam raus? Die Studie zeigt, dass auch für berufsbiographisch junge Berater*innen gilt: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Beratungskompetenz und bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen, auch dann nicht, wenn man sehr differenziert zwischen Beziehungsgestaltungskompetenzen (in der Tabelle als IABS aufgeführt) sowie technisch-methodischen Kompetenzen (in der Tabelle als TMS bezeichnet) differenziert.

Allerdings zeigen sich – das ist für mich als Professionalisierungsforscher sehr beruhigend – erwartungskonforme Zusammenhänge zwischen Vorerfahrung, Semesteranzahl und Selbstwirksamkeitsüberzeugung. Es ist also so, dass mit steigender Semesteranzahl und steigender Vorerfahrung eine höhere gemessene Beratungskompetenz einhergeht. Bei der Selbstwirksamkeit sieht es – auch das ist spannend und erwartungskonform – differenziert aus. Hier geht ein hoher Selbstwirksamkeitswert mit hoher technisch-methodischer Beratungskompetenz einher, während die Beziehungsgestaltungsfähigkeit nicht mit Selbstwirksamkeitserleben assoziiert ist.

Beratungslernende und Beratungslehrende können daraus mehrere Dinge ableiten: Eine erfolgreiche Beratungsfachlichkeit ist auch in ihren frühen berufsbiographischen Stadien nicht an spezifische Persönlichkeitsprofile gebunden. Jeder Jeck´ is anders (und darf es auch sein) – das gilt auch und gerade für die Beratung. Es wäre ja auch schade, wenn wir eine glattgebügelte und stromlinienförmige Beratungslandschaft mit austauschbaren Fachkräften hätten. Und der Befund ist auch deshalb ermutigend, weil die Forschung zeigt, dass Persönlichkeitsmerkmale zum Teil genetisch fixiert und nur schwer veränderbar sind.

Hingegen ist ein hohes Selbstwirksamkeitserleben mit höheren Beratungskompetenzwerten assoziiert – und Selbstwirksamkeit kann man trainieren. Und schließlich ist, auch und gerade im Hochschulkontext beruhigend: Zeit (Semesteranzahl) und Erfahrung sind relevant. Das heißt natürlich nicht, einfach Däumchen zu drehen und nicht intensiv zu lernen, im Gegenteil. Aber es verweist eben auch auf die Entwicklungsgebundenheit und den zugehörigen Zeitaspekt im Beratungskompetenzerwerb.

Einschränkend für diese Ergebnisse ist, dass in der vorliegenden Studie keine besonders abweichenden Persönlichkeitsprofile vertreten waren, was angesichts der untersuchten Studiengänge (Soziale Arbeit, Schulpsychologie) erwartbar war. Bei Vorliegen einer solche Ausprägung ist sicherlich auch in der Beratung, ähnlich wie dies für das Management im Sinne der dunklen Triade erwiesen ist, von einer schädlichen Wirkung auf professionelles Handeln auszugehen.