Professionalisierungskulturen und das Lösen fachlicher Entwicklungsaufgaben – neuer Buchbeitrag

Kann man schon beim Verlag angucken: Den neuen Sammelband

Bald erscheint der neue Sammelband von Petra Bauer und mir zum Thema Systemische Kompetenzen entwickeln –  Grundlagen, Lernprozesse und Didaktik bei Vandenhoek & Ruprecht. Er bündelt die Beiträge der vergangenen Internationalen Research Konferenz, die sich mit Fachkraftprofessionalisierung hinsichtlich systemischen Denkens befassen. Zusätzlich zu den Panelbeiträgen des Kongresses konnten wir auch noch weitere Kolleg*innen gewinnen, die sich intensiv mit diesem Thema befassen. Das hat das Buch etwas verzögert, war aber sicherlich die richtige Entscheidung hinsichtlich der Beitragsbreite.

In meinem Buchkapitel bündle ich zum einen die theoretischen und empirischen Desiderate der letzten Jahre und versuche eine konsistente  Weiterentwicklung, die noch mehr als bisher Aspekte von organisationskultureller Verortung von Lernen und Bildung thematisiert.

Das Konzept, die Professionalisierung von psychosozialen Fachkräften als komplexen Lern- und Bildungsprozess aufzufassen, der an verschiedenen Lernorten stattfindet, dabei weit über die Phase des Studiums und der Berufsausbildung hinausgeht und formale, non-formale und informelle Bildungsprozesse umfasst, hat sich bisher in der Sozialpädagog*innen- und der Lehrer*innenbildung als fruchtbar erwiesen. Es stellt auch bei den weiterführenden Überlegungen den Ausgangspunkt dar.

Spannend wird es in Zukunft sein, vermehrt darauf zu schauen, wie diese Lern- und Bildungsprozesse in den  zugehörigen Professionalisierungskulturen, die an verschiedenen Lernorten- und situationen als Antworten auf kontingente (Aus)bildungsoptionen gelesen werden können, gestaltet sind. Eine aus der Praxistheorie der Wissensgenese informierte Perspektive macht dabei deutlich, dass die Bearbeitung von individuellen Entwicklungsaufgaben im Kontext der sie strukturierenden Strukturen ganz unterschiedlich professionalisierungskulturell gerahmt werden können. „Doing professionalization“ kann in dieser Betrachtung in verschiedenen (Bildungs)0rganisationen sehr unterschiedlich aussehen, auch wenn die didaktischen Konzepte und zu lernenden Inhalte vermeintlich sehr ähnlich sind.

Dem bisherigen Modell kommt damit eine zweite Ebene zu, die die individuellen Vermittlungs- und Aneignungsprozesse kulturell rahmt. Zentrale Variablen für eine so zu fassende Professionalisierungskultur sind hierbei z.B. Konzeptualisierung und Umgang mit Nichtwissen und Fehlern, die sich entlang neuer Forschungen als immer bedeutsamer im Verständnis der Leistungsfähigkeit und Grenzen von Professionalisierungsbemühungen herausstellen.

Jenseits dieser Gedanken zu meinem eigenen Beitrag hoffen Petra Bauer und ich, dass der Band die bisher wenig systematisch bearbeiteten Fragen der Vermittlung systemischer Kompetenzen bereichern kann. Er ist deshalb nicht ohne Grund stark  erziehungswissenschaftlich und auf Lern- und Bildungsprozesse hin geprägt. Mitgeschrieben haben Petra Bauer, Michael B. Buchholz, Reinert Hanswille, Marlene Henrich, Rebecca Hilzinger, Cornelia Maier-Gutheil, Haja Molter, Matthias Ochs, Günter Schiepek, Christiane Schiersmann, Bruce E. Wampold, Marc Weinhardt und Anke Zürcher.

Beratungsfachkräfte und ihre Internetnutzung: Ist die Beratungsszene „drin“? – Erste Ergebnisse der BerIn-Studie

Wie nutzen Beratungsfachkräfte Onlinemedien? Bild: RachelScottYoga/pixabay

Wie nutzen Beratungsfachkräfte das Internet? Diese Frage haben wir im Forschungsprojekt BerIn (Beratungsbedingte Internetnutzung) untersucht. Zwar steht die generelle Internetnutzung in der BRD seit einiger Zeit unter Dauerbeobachtung (z.B. durch die jährlich durchgeführte ARD/ZDF Onlinestudie). Hier zeigt sich, dass die Onlinenutzung immer mehr die Sättigungsgrenze erreicht und ständig neue Dienste und Mediengenerationen hinzukommen.

Zur Gruppe der psychosozialen Beratungsfachkräfte gibt es bisher aber wenig Daten darüber, wie sie das Internet nutzen. Das ist aus mehreren Gründen eine bedauerliche Forschungslücke. Zum einen gibt es die seit Jahren boomende Entwicklung bezüglich der Internetberatung, die als Mail/Chat/Video-Beratung fester Bestandteil der Hilfelandschaft geworden ist. Zum anderen gibt es bestimmte Grundannahmen bzw. Forschungsbefunde, die vor allem personennahen Dienstleistungen eine gewisse Technikferne unterstellen, wie sie bis heute in der Sozialen Arbeit zu finden ist – was in gewissem Widerspruch zu den stellenweise stark expandierenden Internetberatungsangeboten steht.

In einer Forschungskooperation haben wir an der EHD zusammen mit Kolleg*innen der TH Nürnberg die Nutzung von Onlinemedien durch Beratungsfachkräfte untersucht. Als Zugang haben wir den Verteiler der Deutschen Gesellschaft für Beratung (DGfB) gewählt und den für unsere Studie rekrutierten Beratungsexpert*innen einen Onlinefragebogen vorgelegt.


Unterschiede zwischen privater und beruflicher Mediennutzung von Beratungsfachkräften, Effektstärke dcohen , n=156

Und was kam raus? Beratungsfachkräfte sind privat durchaus Viel- und Intensivnutzer*innen, während die berufliche Nutzung gemessen am privaten Gebrauch deutlich weniger intensiv ist. Mit diesen Daten lassen sich jetzt einige zentrale Hypothesen vertiefend prüfen: Ist dieser Effekt von anderen Variablen, z.B. dem Lebensalter, dem Wohnort oder sonstigen Einflüssen abhängig? Und was erhoffen sich diejenigen Beratungsfachkräfte, die „drin“ sind, von der Onlinenutzung? Wird hier die Logik von Präsenzdiensten im virtuellen Raum verdoppelt? Gibt es Ideen zu neuen Beratungskonzepten?

Neben der ersten Auswertung, die ich hier zeige, folgen Antworten und Reflexionsimpulse für die digitale Professionalisierung Sozialer Arbeit in einem Zeitschriftenbeitrag im e-beratungsjournal, der bald erscheint. Das war eine längere, aber durchaus lohnende koordinative Mammutleistung: Mitgeforscht und mitgeschrieben haben Emily Engelhardt, Marlene Henrich, Richard Reindl, Siegrid Zauter und Christina Dietrich – neben den Profs aus Nürnberg und Darmstadt waren damit auch unsere wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen und unsere Forschungspraktikantin aktiv eingebunden. Das war insofern spannend und nützlich, weil das Medienthema immer auch ein Generationenthema ist – in der Wissenschaft und in der Praxis Sozialer Arbeit.

Sozialpädagogische Sprunginnovation: Careleaver*innen und Wissenschaftler*innen entwickeln neues Unterstützungsangebot

Transdisziplinär gut gestartet: Studierende, Careleaver*innen (von Careleaver e.V.) und Wissenschaftler*innen der Uni Hildesheim und der EH Darmstadt

Während die bundeseigene Agentur für Sprunginnovation bisher noch am Startblock klebt, tut sich an vielen Stellen selbstorganisiert etwas – manchmal sogar in der Sozialen Arbeit :-). Vor einigen Tagen war ich an der Uni Hildesheim, um gemeinsam mit den Kolleg*innen aus der Wissenschaft, Careleaver*innen und Student*innen mit einem Workshop das CareHoPe-Projekt voran zu bringen. Das spannende an diesem Projekt ist, dass es aufgrund mehrere neuartiger Elemente tatsächlich als sozialpädagogische Sprunginnovation gelten kann: Es geht nämlich um nicht weniger als eine völlig neuartige Fachstelle für Careleaver*innen. Careleaver*innen sind junge Erwachsene, die einen Teil ihres Lebens in öffentlicher Erziehung ( z. B. in Wohngruppen oder Pflegefamilien)  verbracht haben und sich am Übergang in ein eigenständiges Leben befinden. Sie haben aufgrund vieler Besonderheiten des deutschen Systems wohlfahrtsstaatlicher Hilfen große Schwierigkeiten zu meistern, wenn die Jugendhilfemaßnahme endet und damit vielfache Fragen nach sozialer Absicherung und Perspektiventwicklung virulent werden. Das besondere am CareHoPe-Projekt ist, dass in der als wissenschaftliches Modellprojekt konzipierten neuen Fachstelle (a) das innovative Thema studierender oder studierwilliger Careleaver*innen bearbeitet wird, die ganz besondere Hürden vor und im Studium bezwingen müssen, (b) ehemalige Careleaver*innen, die selbst Soziale Arbeit studiert haben, sich dort als Berater*innen engagieren, (c) das Projekt vollständig transdisziplinäre als Wissenschafts-Praxis-Kooperation angelegt ist und (d) die Hilfe von Anfang an eine digitale Darreichungsform erhält – als Online-Peerberatung, die hohe fachliche Qualität mit der spezifischen Wissensbasis von Jugendhilfeabsolvent*innen verbindet. Das erzeugt aus meiner Sicht einen „Träger“, wenn man ihn denn so nennen will, der von Anfang an quer zu vielem liegt, was sonst in der Sozialen Arbeit als gesetzt gilt. Für mich wird dabei besonders spannend, welche organisationale Kultur sich hier herausbildet, wenn unterschiedliche Akteursgruppen an einem innovativen Thema in stark digital geprägten Kollaborationsformen zusammen arbeiten, wie unterschiedliche Wissensbestände eine Projekt- und Trägerstruktur formen und andererseits diese Struktur wieder auf alle Beteiligten zurück wirkt und uns im besten Fall neue Erfahrungen mit dem Thema Leaving Care ermöglicht. Und schließlich ist es ganz persönlich für mich ein schöner berufsbiographischer Brückenschlag zu meiner eigenen Zeit in den Hilfen zur Erziehung.

Professionalisierung im Studium als subjektorientierter Bildungs- und Entwicklungsprozess

Am vergangenen Mittwoch haben Petra Bauer und ich im Rahmen der WegE-Lectures an der Uni Bamberg unser ProfiL-Projekt vorgestellt. Vor allem zu unserem Konzept der Entwicklungsaufgaben gab es in der Diskussion mit Kolleg*innen und Student*innen einen spannenden Austausch.

Interessanterweise haben sich an der Diskussion auch Kolleg*innen, die nicht primär aus der Lehrer*innenbildung kommen, beteiligt. Für mich ist das deshalb immer besonders aufschlussreich, weil in der vergleichenden Betrachtung von Lehrer*innen- und Sozialpädagog*innenprofessionalisierung Gemeinsamkeiten und Unterschiede dabei helfen, beide pädagogischen Berufe besser zu verstehen.

Und immer reizvoller wird dabei für mich, das, was wir in ProfiL für die Lehrer*innenbildung erfolgreich etabliert haben, auf die Sozialpädagog*innenbildung zu übertragen. Auch sie hätte eine Qualitätsoffensive verdient – ich hatte ja schon mehrfach hier geschrieben, dass das Fehlen von Professionalisierungs- und Didaktikprofessuren ein gewaltiges Problem für die Soziale Arbeit in Deutschland ist. Wir haben viele Konzepte und Theorien, arbeiten insgesamt aber noch mit Wissens-, Lern- und Professionalisierungskonzepten aus dem letzten Jahrhundert und wissen wenig bis nichts, was am Ende dabei herauskommt.

So schwebt mir vor, nach ProfiL die Sache für die Sozialpädagogik konkret anzugehen – das hieße dann wohl ProfiS :-). Der zentrale Kern, nämlich die Arbeit an den subjektiven Entwicklungsaufgaben von angehenden Fachkräften, bliebe dabei gleich und wäre hoch anschlussfähig an die Idee reflexiver Professionalisierung, wie sie von Dewe und Otto für die Soziale Arbeit vorgeschlagen wurde. Und vermutlich könnte man auch eines unsere zentralen Konstrukte, nämlich die Teacher Beliefs, mit etwas Entwicklungsleistung auf die Sozialpädagogik übertragen. Es ginge dann darum, mit den Studierenden das Studium so zu gestalten, dass sie ihre individuellen Lernvoraussetzungen und die durch die Hochschule gestaltete Bildungsumwelt mit den darin enthaltenen Themen um vier zentrale Fragen herum organisieren. Die Entwicklungsaufgaben konkretisieren sich dann, wenn zu dieser Vielzahl an Themen Bezüge in vier zentralen Dimensionen hergestellt werden, nämlich was das alles bedeutet bezüglich…

  • … der Beziehungsgestaltung mit Adressat*innen
  • … Auffassungen über sozialpädagogischen Institutionen und Organisationen
  • … der Gestaltung von Interventionen
  • … der eigenen Person

Die kleinen und überschaubaren Beratungsgruppen, in denen professionsbezogene Beratung als bewertungs- und abhängigkeitsfreier Raum quer zur sonstigen Studienlogik angelegt ist, müssten dabei unbedingt erhalten bleiben.

Wer weiß – bei uns steht nach der erfolgreichen Reakkreditierung die vollständige Neuentwicklung unseres Beratungsmasters an. Vielleicht machen wir das da dann einfach.

Mehr zu ProfiL gibt es übrigens auch hier.

Warst du schon wieder bei der Erwachsenenbildung?

Schön war es – Vortrag am DIE in Bonn.

Jap, war ich. Das DIE hatte mich eingeladen, einen Vortrag und einen Workshop zu aktuellen Entwicklungen in der Beratungsforschung zu halten. Das hat mir – neben der Tatsache, „alte“ Kolleg*innen aus Tübingen wiedersehen zu können – wieder einmal gezeigt, dass gemeinsame Gegenstände Wissenschaftler*innen verschiedener Subdisziplinen in einen produktiven Austausch bringen. Wir haben entlang übergeordneter, internationaler Diskurse sowie konkreter Forschungsdaten einen spannenden Tag verbracht. Als zentral habe ich die Orientierung an der Wirkfaktorperspektive herausgestellt, die einen neuen, im internationalen Diskurs bereits breit etablierten Blick auf die Methodenfrage in der Beratung entfaltet. Die damit aufgeworfenen Herausforderungen – was müssen Beratungsfachkräfte wissen und können, um Wirkungen zu erzeugen – führen dann unmittelbar zu Folgefragen der Aus- und Weiterbildung in didaktischer, organisationsbezogener und gesellschaftlich-politischer Hinsicht. Vergleichbar sind diese Prozesse dabei (mit dem im für das Beratungssystem typischen Timelag) mit den Fragen, die aus Ergebnisse der Bildungsforschung hinsichtlich der Lehrer*innenprofessionalisierung gestellt wurden. Die Wirkfaktorperspektive rückt so das Thema, wie wir Beratungsfachkräften als Lerner*innen und sich bildenden Subjekten begegnen, vermehrt in den Fokus – womit auch klar ist, warum gerade die Schnittstelle Erwachsenenbildung – Sozialpädagogik aktuell so bedeutsam ist.

Neues Forschungsprojekt: Besondere Momente in der Beratung (BeMo)

Macht die Rekonstruktion bedeutsamer Momente unter strukturierten Beobachtungsbedingungen möglich: Das BeraLab

So langsam greift nach dem üblichen Semesteranfangs-Trubel die Routine und ich komme wieder mehr zum Bloggen.🤗 Bald beginnt eines von mehreren neuen Projekten: BeMo, das Akronym für „Bedeutsame Momente“ in der Beratung. Rebecca Hilzinger und Marlene Henrich untersuchen die Frage, auf welche Weise Berater*innen und Klient*innen in der Beratung bedeutsame Momente erleben und konzeptualisieren. Wieder nutzen wir dazu unser BeraLab und die darin entstehenden Videos von Beratungsgesprächen. Im BeMo-Projekt dienen sie im Anschluss an die Beratung dazu, zusammen mit den an der Beratung Beteiligten nach Besonderheiten, Aha-Erlebnissen und spontanen Ordnungsänderungen zu suchen. Bezogen auf unser transdisziplinäres Forschungsprogramm zur Professionalisierung, das allen unseren Untersuchungen zugrunde liegt, nähern wir uns mit BeMo in einem rekonstruktiv-qualitativen Zugriff der sehr fein aufgelösten Mikroebene beraterischer Interaktion und Sinngenerierung. Wir sind gespannt, ob Berater*innen und Klient*innen dabei in inhaltlicher und zeitlicher Hinsicht eher ähnliche oder verschiedene Momente identifizieren. Die Ergebnisse von BeMo sind für uns in vieler Hinsicht von Bedeutung: Erkenntnisse über besondere Momente werden unsere BeraLab-Arbeit noch besser machen, so dass wir unseren Studierenden eine immer weitergehende immersiver Beratungssimulation bieten können. Damit einher geht auch, dass wir unsere Reflexionsangebote präziser auf das abstimmen können, was in Beratungsprozessen relevant ist. Die beiden Hauptelemente der Rekonstruktion von Wirkungsmomenten und der Weiterentwicklung von Reflexionsangeboten werden dabei auch das sein, was in bestem transdisziplinären Sinne die Beratungspraxis weiterbringen kann und die aktuelle Wirkfaktorforschung um ein innovatives Element ergänzt.

 

 

EQR, DQR, Ach-weh-QR: Brauchen wir einen Deutschen Qualifikationsrahmen für Beratung?

Kompetenzmessung in der Beratung: die Systemische Gesellschaft (SG) diskutiert

Die Systemische Gesellschaft (SG) hatte mich am 18.11.2018 nach Berlin eingeladen, um etwas zu Kompetenzerfassung in der Beratung und dem Projekt eines Deutschen Qualifikationsrahmens für Beratung zu sagen. Ich hatte dabei zwei Hüte auf: Zum einen den eines Beratungsforschers, der sich mit Kompetenzerwerbsprozessen und deren Erfassbarkeit befasst, zum anderen den eines Vorstandes der Deutschen Gesellschaft für Beratung, die als Dachverband zusammen mit ihren Mitgliedsverbänden (darunter eben auch die SG) einen Deutschen Qualifikationsrahmen für Beratung voranbringen möchte.

Beides – Kompetenzerfassung und die Frage nach der Sinnhaftigkeit eines einheitlichen Qualifikationsrahmens – konnten wir intensiv und konstruktiv diskutieren. Ich war wieder einmal begeistert von der systemischen Community, die intellektuell anregend auch komplexe Themen bearbeitet, ohne dabei zu schnell an dogmatische oder gar ideologische Grenzen zu stoßen.

Besonders die von mir vertretene Perspektive, dass (wenn überhaupt) Beratungskompetenzen immer kontextualisiert und im Prozess zu erfassen sind, hat vielen eingeleuchtet. Man kommt dann aber eben mit komplexen Erfassungsverfahren heraus, in denen sich bewährtes aus der Systemischen Lehrpraxis mit wissenschaftlicher Innovation verbinden lässt – vor allem sind dies unterschiedliche Formen strukturierten Beobachtens längerer Abschnitte. Schließlich kann eine einzige Frage in einem Gespräch gerade denjenigen bedeutsamen Moment (mit)konstruieren, der zu einer Ordnungsänderung im Denk- und Handlungssystem von Adressat*innen führt – das Abzählen von beraterisch erwünschten Verhaltensweisen oder andere Formen der Erfassung, die die interaktiven Wechselwirkungen im Beratungsprozess ausblenden, taugen also von vornherein nicht. Obwohl sich eine solche Beratungsforschung meist von sich selbst heraus als qualitative Forschung versteht, bieten neue statistische Verfahren aber ebenso die Möglichkeit, solche Interaktionen detailliert abzubilden (z.B. durch die Mehrfacettenmodellierung von Kompetenzen, in der Personenfähigkeiten, Aufgabenschwierigkeit und Beurteiler*innen-Strenge unabhängig voneinander dargestellt werden). Letztendlich bietet eine solche empirisch und theoretisch angereicherte Kompetenzdebatte sicherlich didaktische Chancen und Herausforderungen, um über die Lehre in systemischen Weiterbildungen nachzudenken.

Im Anschluss daran ging es dann um die Frage, was passiert, wenn man den kompetenzorientierten Weg noch weiter verfolgt und sich dem Projekt des Deutschen Qualifikationsrahmens Beratung anschließt. Dabei geht es dann darum, den immer wichtiger werdenden DQR (Deutscher Qualifikationsrahmen für Lebenslanges Lernen) als Instrument zu nutzen – und für Beratung zu konkretisieren. Die zugrundeliegende Idee ist, Kompetenzen unabhängig vom Ort ihres Erwerbes vergleichbar zu machen. Für die Weiterbildungslandschaft in der Beratung relevant ist, dass nach den formal erworbenen Kompetenzen nun auch non-formal erworbene Kompetenzen Eingang in den DQR finden.

Wenn es gelingt, dass die deutschen Beratungsdachverbände einen solchen Qualifikationsrahmen für Beratung definieren und in den DQR-Prozess einspeisen, so entstehen damit neue, definierte Schnittstellen zwischen formalen und non-formalen Bildungssystemen -z.B. in Form der Anrechenbarkeit von Beratungsweiterbildungen als Studienleistungen oder zwischen verschiedenen Weiterbildungsanbieter*innen.

Die Antwort auf die eingangs gestellte Frage lautet hier aus meiner Sicht: Wenn der Qualifikationsrahmen Beratung gut gemacht ist, bietet er viele Chancen. Von einer hastig erstellten Überleitungslösung oder gar der Einmischung durch reine Zertifizierungsagenturen, die darin lediglich ein Geschäftsmodell sehen, ist aber abzuraten. Wir sollten die Sache der Einschätzung notwendiger Kompetenzen für gute Beratung keinesfalls aus unserer Hand geben.

Die Last mit den Zahlen. Warum hat Soziale Arbeit solche Probleme mit quantitativer Forschung?

Idee zur Torte der Wahrheit natürlich bei @katjaberlin

Gleich vorweg: Das wird kein Rant, aber eine kritische (sic!) Überlegung zu einer Frage, die mich  in nahezu allen Forschungskontexten umtreibt, egal ob es eigene Projekte oder Anfragen zur Betreuung und Begutachtung von Qualifikationsarbeiten sind. Überall – und bei letzteren konsequent bis zum Promotionsniveau – lässt sich eine erschreckende Distanznahme Sozialer Arbeit bezüglich quantitativer Forschung beobachten.

Zahlen und der Umgang mit ihnen, so könnte man meinen, gehen per se mit Verdachtsmomenten der Verkürzung und Vereinseitigung von Forschungsfragen, verdeckter Ökonomisierung und der Zuarbeit zum manageriellen Denken einher.

Natürlich dürften die meisten der Kolleg*innen mit der historischen Debatte zur Methodenfrage im Kontext des Positivismusstreit vertraut sein, und es ist zumindest zu hoffen, dass dessen grundlegenden Argumente auch den Studierenden vermittelt werden.

Aber – die Welt hat sich ja weitergedreht, und jedes ernstzunehmende Forschungslehrbuch betont, dass sich die Forschungsmethode nach der Forschungsfrage und dem Gegenstand zu richten habe.

Existieren nun in der Sozialen Arbeit fast ausschließlich solche Fragen und Gegenstände, die sich nur mit den Mitteln qualitativer Forschung bearbeiten lassen? Wohl sicherlich nicht. Selbst wenn man in Anschlag bringt, dass viele Kolleg*innen aus unterschiedlichsten Gründen eine Präferenz für qualitative Methoden haben (ich weigere mich übrigens nach wie vor, eine einseitige Präferenz auszubilden) und bei Ermessensspielraum sich für ihren lieb gewonnenen Zugang entscheiden: Der Sache im ganzen tut das nicht gut. Dabei sind für mich zwei Dinge zentral: Zum einen gibt es Gegenstände und Forschungsfragen, die nur quantitativ zu bearbeiten sind, zum anderen ist es so, dass eine große Menge von Steuerungsinstrumenten politischer Art in der Sozialen Arbeit mit quantitativen „Evidenzen“ legitimiert werden – und in nicht wenigen Fällen sind beide Probleme miteinander verkoppelt. Beispiele hierfür sind: Wie lässt sich Armut beschreiben und welche Ursachen lassen sich ihr zurechnen (sic!)? Welche Auswirkungen hätte oder hat eine bestimmte Umsetzung einer Gerechtigkeitstheorie, z.B. in Form eines bedingungslosen Grundeinkommens? Führt inklusive Beschulung tatsächlich flächendeckend zu größerem Wohlbefinden bei behinderten Schüler*innen?

Mit der Weigerung, quantitative Methoden konsequent in ihren Wissenskanon aufzunehmen, erzeugt sich Soziale Arbeit also zwei Probleme: Eine selbstgemachte Handlungsunfähigkeit die eigene Forschung betreffend und das Ausgeliefertsein gegenüber (auch verdeckten) Machstrukturen, die auf dem Evidenzdenken basieren, in dem Maßnahmen z.B. nach der Evaluation in Experimentalstudien eingeführt oder eingestellt werden.

Dabei ist das tatsächliche Ausmaß des Problems nur auf den zweiten Blick zu erkennen, denn selbstverständlich kommt kein Curriculum eines Studiums der Sozialen Arbeit ohne die Benennung quantitativer Methodenkompetenz mehr aus. In der Praxis ist es dann aber so, dass die Mehrzahl an Methodenveranstaltungen doch wieder einen qualitativen Schwerpunkt bekommen, wobei sich Lehrende und Lernende bei genauer Beobachtung wechselseitig bestärken: Die Magie des Einzelfalles, eine gewisse Furcht vor Statistik (und im Grunde genommen einfachen Berechnungen) sowie ein häufig einseitig qualitativ ausgerichtetes Kollegium an vielen Studienstandorten erschweren dauerhaft einen unaufgeregten Kompetenzzuwachs in der quantitativen Forschung Sozialer Arbeit.

Der Modus der oberflächlichen Gleichstellung von Forschungszugängen bei gleichzeitiger Abwehr in den Tiefenstrukturen des Denkens lässt sich exemplarisch auch im Kerncurriculum Soziale Arbeit der DGSA zeigen. Dort werden – zunächst mustergültig – beide Zugänge benannt. In der Aufzählung (S. 9) entfallen dann auf den erstgenannten Textteil zu qualitativen Methoden 330 Zeichen (65%), auf den zweitgenannten Textteil zu quantitativen Methoden 181 Zeichen (35%), wobei die jeweils gewählten Fachbegriffe im Bereich der qualitativen Forschung eine deutlich höhere Durchdringungstiefe anzeigen.

Es bleibt also eine dauerhafte Aufgabe, Forschungswissen im Studium theorie- und methodenplural weiterzugeben und damit einen Beitrag zur Demokratisierung von Wissenschaft, Studium und Lehre zu leisten. Meiner Erfahrung nach zeigen viele Student*innen Sozialer Arbeit ein großes Interesse an quantitativer Forschung, wenn man ihnen diese Zugänge ideologiefrei als eine Möglichkeit, sich methodisch gesteuert einen forschenden Weltzugang zu schaffen, anbietet.

 

 

 

Wie werden systemische BeraterInnen kompetent? WSBT-Studie der DGSF und EHD verlängert :-)

Was passiert eigentlich genau mit dem Wissen in den Köpfen, wenn Fachkräfte eine Beratungsweiterbildung absolvieren und übend-praktizierend tätig sind? Unsere WSBT-Studie (Wissensbildung in der systemischen Beratung und Therapie) hat in der ersten Projektphase (Artikel als Open Access hier) hierzu schon spannende Ergebnisse geliefert die zeigen, dass der Wissenserwerb in der systemischen Beratung so verläuft wie in anderen komplexen Tätigkeiten auch. Das klingt zunächst nach einem unspektakulären Befund, ist aber deshalb brisant, weil Fragen zur Kompetenzentstehung bei Beratungsfachkräften generell wenig untersucht sind. Bezogen auf Weiterbildungswirkungsforschung können sie als nahezu unerforscht gelten. Das ist umso problematischer, als dass in der Beratungs- und Therapieforschung seit einiger Zeit eine Trendwende eingesetzt hat: Wesentlich stärker als bisher steht das Beratungshandeln von mehr oder weniger kompetenten Fachkräften im Fokus, und weniger die Beforschung einzelner  Techniken und Methoden, wie sie in der vergleichenden Beratungs- und Therapieforschung lange Zeit üblich war. Daraus folgt, dass  mit diesem Trend auch neue Formen der Erforschung von Wissensbildungsprozessen entwickelt werden müssen – wozu unsere Studie  einen wichtigen Beitrag leistet. Wir freuen uns deshalb sehr, dass die DGSF die Förderung der zweiten Projektphase genehmigt hat und wir in bewährter Manier an der EHD mit den bereits erhobenen Daten weiterarbeiten können. Während in der ersten Auswertung der beschreibende Überblick in der Erstauswertung im Fokus stand, können wir nun mit den gesamten Raffinessen der multivariaten Statistik Zusammenhängen in den Daten nachgehen – gut, dass wir an der EHD mit BildungsforscherInnen vernetzt sind, die gemeinsam mit uns Antworten zu diesen Fragen suchen.

Gut recherchiert? Wissenschaftliche Zeitschriften zu Beratungsforschung

Können alle online durchsucht werden: Zeitschriften für Beratungsforschung.

Wer sich mit Beratung forschend befassen will oder als Beratungsraktiker*in bzw. Adressat*in an Erkenntnissen aus der Wissenschaft interessiert ist, steht erst einmal ratlos da. Beratung – hier verstanden als psychosoziale Beratung, nicht als Information – ist über zahlreiche Disziplinen verteilt. Die wichtigsten sind wohl die Erziehungswissenschaft (mit Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung als Subdisziplinen), die Psychologie und die Soziologie. Wer sich an diesen wissenschaftlichen Disziplinen orientiert, wird also zunächst in den zugehörigen Zeitschriften suchen und mit Glück den einen oder anderen Artikel zu Beratung finden.

Der erfolgversprechendere Weg ist aber, in den einschlägigen Fachzeitschriften für Beratung selbst zu suchen. Und weil ich häufig gefragt werde, welche ich regelmäßig lese um mich bezüglich psychosozialer Beratung auf dem Stand zu halten, habe ich das zum Anlass für diesen Blogpost genommen. Die Liste ist absichtlich unabgeschlossen und stellt meine Auswahl war – der Regensburger Zeitschriftenkatalog kennt ja alle.

In Deutschland:

Familiendynamik bei Klett-Cotta, Systemische Praxis und Forschung, Praxis- und Forschungsbeiträge, letztere oft in der Mehrzahl

Kontext, bei Vandenhoek & Ruprecht, Zeitschrift für Systemische Therapie und Familientherapie, Praxis- und Forschungsbeiträge, zugleich Verbandsorgan der DGSF

Beratung aktuell, Theorie und Praxis der Beratung, bei Jungfermann, sehr praxislastig

Organisationsberatung, Supervision, Coaching, bei Springer, Praxis- und Forschungsbeiträge sind recht ausgeglichen

e-beratungsjournal, Open Access, Forschung und Praxis zu Beratung im Internet

Viel interessanter – da wesentlich forschungsstärker – ist der englischsprachige Diskurs:

The Counseling Psychologist, Praxis und Forschung, letztere überwiegt, zugleich Verbandsorgan der APA-Sektion für Beratung

Journal of Counseling & Development, Praxis und Forschung, letztere überwiegt

Journal of Counseling Psychology, Praxis und Forschung

Counselor Education and Supervision, Praxis und Forschung zur Beratungsausbildung

Canadian Journal of Counselling and Psychotherapy, Praxis und Forschung, zweisprachig englisch/französisch

Counselling and Psychotherapy Research, Praxis und Forschung

European Journal of Psychotherapy & Counselling, Praxis und Forschung

Family Process, Systemische Praxis und Forschung, „Schwesterzeitschrift“ der Familiendynamik

Measurement and Evaluation in Counseling and Developmen, Forschung