Sozialpädagogische Sprunginnovation: Careleaver*innen und Wissenschaftler*innen entwickeln neues Unterstützungsangebot

Transdisziplinär gut gestartet: Studierende, Careleaver*innen (von Careleaver e.V.) und Wissenschaftler*innen der Uni Hildesheim und der EH Darmstadt

Während die bundeseigene Agentur für Sprunginnovation bisher noch am Startblock klebt, tut sich an vielen Stellen selbstorganisiert etwas – manchmal sogar in der Sozialen Arbeit :-). Vor einigen Tagen war ich an der Uni Hildesheim, um gemeinsam mit den Kolleg*innen aus der Wissenschaft, Careleaver*innen und Student*innen mit einem Workshop das weiterlesen

Professionalisierung im Studium als subjektorientierter Bildungs- und Entwicklungsprozess

Am vergangenen Mittwoch haben Petra Bauer und ich im Rahmen der WegE-Lectures an der Uni Bamberg unser ProfiL-Projekt vorgestellt. Vor allem zu unserem Konzept der Entwicklungsaufgaben gab es in der Diskussion mit Kolleg*innen und Student*innen einen spannenden Austausch.

Interessanterweise haben sich an der Diskussion auch Kolleg*innen, die nicht primär aus der Lehrer*innenbildung kommen, beteiligt. Für mich ist das deshalb immer besonders aufschlussreich, weil in der vergleichenden Betrachtung weiterlesen

Warst du schon wieder bei der Erwachsenenbildung?

Schön war es – Vortrag am DIE in Bonn.

Jap, war ich. Das DIE hatte mich eingeladen, einen Vortrag und einen Workshop zu aktuellen Entwicklungen in der Beratungsforschung zu halten. Das hat mir – neben der Tatsache, „alte“ Kolleg*innen aus Tübingen wiedersehen zu können – wieder einmal gezeigt, dass gemeinsame Gegenstände Wissenschaftler*innen verschiedener Subdisziplinen in einen produktiven Austausch bringen. Wir haben entlang übergeordneter, internationaler Diskurse sowie konkreter Forschungsdaten einen spannenden weiterlesen

Neues Forschungsprojekt: Besondere Momente in der Beratung (BeMo)

Macht die Rekonstruktion bedeutsamer Momente unter strukturierten Beobachtungsbedingungen möglich: Das BeraLab

So langsam greift nach dem üblichen Semesteranfangs-Trubel die Routine und ich komme wieder mehr zum Bloggen.🤗 Bald beginnt eines von mehreren neuen Projekten: BeMo, das Akronym für „Bedeutsame Momente“ in der Beratung. Rebecca Hilzinger und Marlene Henrich untersuchen die Frage, auf welche Weise Berater*innen und Klient*innen in der Beratung bedeutsame Momente erleben und konzeptualisieren. Wieder nutzen wir dazu unser BeraLab und die darin entstehenden Videos von Beratungsgesprächen. Im BeMo-Projekt dienen sie im Anschluss an die Beratung dazu, zusammen mit den an der Beratung Beteiligten nach Besonderheiten, Aha-Erlebnissen und spontanen Ordnungsänderungen zu suchen. Bezogen auf unser transdisziplinäres Forschungsprogramm zur Professionalisierung, das allen unseren Untersuchungen zugrunde liegt, nähern wir uns mit BeMo in einem rekonstruktiv-qualitativen Zugriff der sehr fein aufgelösten Mikroebene beraterischer Interaktion und Sinngenerierung. Wir sind gespannt, ob Berater*innen und Klient*innen dabei in inhaltlicher und zeitlicher Hinsicht eher ähnliche oder verschiedene Momente identifizieren. Die Ergebnisse von BeMo sind für uns in vieler Hinsicht von Bedeutung: Erkenntnisse über besondere Momente werden unsere BeraLab-Arbeit noch besser machen, so dass wir unseren Studierenden eine immer weitergehende immersiver Beratungssimulation bieten können. Damit einher geht auch, dass wir unsere Reflexionsangebote präziser auf das abstimmen können, was in Beratungsprozessen relevant ist. Die beiden Hauptelemente der Rekonstruktion von Wirkungsmomenten und der Weiterentwicklung von Reflexionsangeboten werden dabei auch das sein, was in bestem transdisziplinären Sinne die Beratungspraxis weiterbringen kann und die aktuelle Wirkfaktorforschung um ein innovatives Element ergänzt.

 

 

EQR, DQR, Ach-weh-QR: Brauchen wir einen Deutschen Qualifikationsrahmen für Beratung?

Kompetenzmessung in der Beratung: die Systemische Gesellschaft (SG) diskutiert

Die Systemische Gesellschaft (SG) hatte mich am 18.11.2018 nach Berlin eingeladen, um etwas zu Kompetenzerfassung in der Beratung und dem Projekt eines Deutschen Qualifikationsrahmens für Beratung zu sagen. Ich hatte dabei zwei Hüte auf: Zum einen den eines Beratungsforschers, der sich mit Kompetenzerwerbsprozessen und deren Erfassbarkeit befasst, zum anderen den eines Vorstandes der Deutschen Gesellschaft für Beratung, die als Dachverband zusammen mit ihren Mitgliedsverbänden (darunter eben auch die SG) einen Deutschen Qualifikationsrahmen für Beratung voranbringen möchte.

Beides – Kompetenzerfassung und die Frage nach der Sinnhaftigkeit eines einheitlichen Qualifikationsrahmens – konnten wir intensiv und konstruktiv diskutieren. Ich war wieder einmal begeistert von der systemischen Community, die intellektuell anregend auch komplexe Themen bearbeitet, ohne dabei zu schnell an dogmatische oder gar ideologische Grenzen zu stoßen.

Besonders die von mir vertretene Perspektive, dass (wenn überhaupt) Beratungskompetenzen immer kontextualisiert und im Prozess zu erfassen sind, hat vielen eingeleuchtet. Man kommt dann aber eben mit komplexen Erfassungsverfahren heraus, in denen sich bewährtes aus der Systemischen Lehrpraxis mit wissenschaftlicher Innovation verbinden lässt – vor allem sind dies unterschiedliche Formen strukturierten Beobachtens längerer Abschnitte. Schließlich kann eine einzige Frage in einem Gespräch gerade denjenigen bedeutsamen Moment (mit)konstruieren, der zu einer Ordnungsänderung im Denk- und Handlungssystem von Adressat*innen führt – das Abzählen von beraterisch erwünschten Verhaltensweisen oder andere Formen der Erfassung, die die interaktiven Wechselwirkungen im Beratungsprozess ausblenden, taugen also von vornherein nicht. Obwohl sich eine solche Beratungsforschung meist von sich selbst heraus als qualitative Forschung versteht, bieten neue statistische Verfahren aber ebenso die Möglichkeit, solche Interaktionen detailliert abzubilden (z.B. durch die Mehrfacettenmodellierung von Kompetenzen, in der Personenfähigkeiten, Aufgabenschwierigkeit und Beurteiler*innen-Strenge unabhängig voneinander dargestellt werden). Letztendlich bietet eine solche empirisch und theoretisch angereicherte Kompetenzdebatte sicherlich didaktische Chancen und Herausforderungen, um über die Lehre in systemischen Weiterbildungen nachzudenken.

Im Anschluss daran ging es dann um die Frage, was passiert, wenn man den kompetenzorientierten Weg noch weiter verfolgt und sich dem Projekt des Deutschen Qualifikationsrahmens Beratung anschließt. Dabei geht es dann darum, den immer wichtiger werdenden DQR (Deutscher Qualifikationsrahmen für Lebenslanges Lernen) als Instrument zu nutzen – und für Beratung zu konkretisieren. Die zugrundeliegende Idee ist, Kompetenzen unabhängig vom Ort ihres Erwerbes vergleichbar zu machen. Für die Weiterbildungslandschaft in der Beratung relevant ist, dass nach den formal erworbenen Kompetenzen nun auch non-formal erworbene Kompetenzen Eingang in den DQR finden.

Wenn es gelingt, dass die deutschen Beratungsdachverbände einen solchen Qualifikationsrahmen für Beratung definieren und in den DQR-Prozess einspeisen, so entstehen damit neue, definierte Schnittstellen zwischen formalen und non-formalen Bildungssystemen -z.B. in Form der Anrechenbarkeit von Beratungsweiterbildungen als Studienleistungen oder zwischen verschiedenen Weiterbildungsanbieter*innen.

Die Antwort auf die eingangs gestellte Frage lautet hier aus meiner Sicht: Wenn der Qualifikationsrahmen Beratung gut gemacht ist, bietet er viele Chancen. Von einer hastig erstellten Überleitungslösung oder gar der Einmischung durch reine Zertifizierungsagenturen, die darin lediglich ein Geschäftsmodell sehen, ist aber abzuraten. Wir sollten die Sache der Einschätzung notwendiger Kompetenzen für gute Beratung keinesfalls aus unserer Hand geben.

Die Last mit den Zahlen. Warum hat Soziale Arbeit solche Probleme mit quantitativer Forschung?

Idee zur Torte der Wahrheit natürlich bei @katjaberlin

Gleich vorweg: Das wird kein Rant, aber eine kritische (sic!) Überlegung zu einer Frage, die mich  in nahezu allen Forschungskontexten umtreibt, egal ob es eigene Projekte oder Anfragen zur Betreuung und Begutachtung von Qualifikationsarbeiten sind. Überall – und bei letzteren konsequent bis zum Promotionsniveau – lässt sich eine erschreckende Distanznahme Sozialer Arbeit bezüglich quantitativer Forschung beobachten.

Zahlen und der Umgang mit ihnen, so könnte man meinen, gehen per se mit Verdachtsmomenten der Verkürzung und Vereinseitigung von Forschungsfragen, verdeckter Ökonomisierung und der Zuarbeit zum manageriellen Denken einher.

Natürlich dürften die meisten der Kolleg*innen mit der historischen Debatte zur Methodenfrage im Kontext des Positivismusstreit vertraut sein, und es ist zumindest zu hoffen, dass dessen grundlegenden Argumente auch den Studierenden vermittelt werden.

Aber – die Welt hat sich ja weitergedreht, und jedes ernstzunehmende Forschungslehrbuch betont, dass sich die Forschungsmethode nach der Forschungsfrage und dem Gegenstand zu richten habe.

Existieren nun in der Sozialen Arbeit fast ausschließlich solche Fragen und Gegenstände, die sich nur mit den Mitteln qualitativer Forschung bearbeiten lassen? Wohl sicherlich nicht. Selbst wenn man in Anschlag bringt, dass viele Kolleg*innen aus unterschiedlichsten Gründen eine Präferenz für qualitative Methoden haben (ich weigere mich übrigens nach wie vor, eine einseitige Präferenz auszubilden) und bei Ermessensspielraum sich für ihren lieb gewonnenen Zugang entscheiden: Der Sache im ganzen tut das nicht gut. Dabei sind für mich zwei Dinge zentral: Zum einen gibt es Gegenstände und Forschungsfragen, die nur quantitativ zu bearbeiten sind, zum anderen ist es so, dass eine große Menge von Steuerungsinstrumenten politischer Art in der Sozialen Arbeit mit quantitativen „Evidenzen“ legitimiert werden – und in nicht wenigen Fällen sind beide Probleme miteinander verkoppelt. Beispiele hierfür sind: Wie lässt sich Armut beschreiben und welche Ursachen lassen sich ihr zurechnen (sic!)? Welche Auswirkungen hätte oder hat eine bestimmte Umsetzung einer Gerechtigkeitstheorie, z.B. in Form eines bedingungslosen Grundeinkommens? Führt inklusive Beschulung tatsächlich flächendeckend zu größerem Wohlbefinden bei behinderten Schüler*innen?

Mit der Weigerung, quantitative Methoden konsequent in ihren Wissenskanon aufzunehmen, erzeugt sich Soziale Arbeit also zwei Probleme: Eine selbstgemachte Handlungsunfähigkeit die eigene Forschung betreffend und das Ausgeliefertsein gegenüber (auch verdeckten) Machstrukturen, die auf dem Evidenzdenken basieren, in dem Maßnahmen z.B. nach der Evaluation in Experimentalstudien eingeführt oder eingestellt werden.

Dabei ist das tatsächliche Ausmaß des Problems nur auf den zweiten Blick zu erkennen, denn selbstverständlich kommt kein Curriculum eines Studiums der Sozialen Arbeit ohne die Benennung quantitativer Methodenkompetenz mehr aus. In der Praxis ist es dann aber so, dass die Mehrzahl an Methodenveranstaltungen doch wieder einen qualitativen Schwerpunkt bekommen, wobei sich Lehrende und Lernende bei genauer Beobachtung wechselseitig bestärken: Die Magie des Einzelfalles, eine gewisse Furcht vor Statistik (und im Grunde genommen einfachen Berechnungen) sowie ein häufig einseitig qualitativ ausgerichtetes Kollegium an vielen Studienstandorten erschweren dauerhaft einen unaufgeregten Kompetenzzuwachs in der quantitativen Forschung Sozialer Arbeit.

Der Modus der oberflächlichen Gleichstellung von Forschungszugängen bei gleichzeitiger Abwehr in den Tiefenstrukturen des Denkens lässt sich exemplarisch auch im Kerncurriculum Soziale Arbeit der DGSA zeigen. Dort werden – zunächst mustergültig – beide Zugänge benannt. In der Aufzählung (S. 9) entfallen dann auf den erstgenannten Textteil zu qualitativen Methoden 330 Zeichen (65%), auf den zweitgenannten Textteil zu quantitativen Methoden 181 Zeichen (35%), wobei die jeweils gewählten Fachbegriffe im Bereich der qualitativen Forschung eine deutlich höhere Durchdringungstiefe anzeigen.

Es bleibt also eine dauerhafte Aufgabe, Forschungswissen im Studium theorie- und methodenplural weiterzugeben und damit einen Beitrag zur Demokratisierung von Wissenschaft, Studium und Lehre zu leisten. Meiner Erfahrung nach zeigen viele Student*innen Sozialer Arbeit ein großes Interesse an quantitativer Forschung, wenn man ihnen diese Zugänge ideologiefrei als eine Möglichkeit, sich methodisch gesteuert einen forschenden Weltzugang zu schaffen, anbietet.

 

 

 

Wie werden systemische BeraterInnen kompetent? WSBT-Studie der DGSF und EHD verlängert :-)

Was passiert eigentlich genau mit dem Wissen in den Köpfen, wenn Fachkräfte eine Beratungsweiterbildung absolvieren und übend-praktizierend tätig sind? Unsere WSBT-Studie (Wissensbildung in der systemischen Beratung und Therapie) hat in der ersten Projektphase (Artikel als Open Access hier) hierzu schon spannende Ergebnisse geliefert die zeigen, dass der Wissenserwerb in der systemischen Beratung so verläuft wie in anderen komplexen Tätigkeiten auch. Das klingt zunächst nach einem unspektakulären Befund, ist aber deshalb brisant, weil Fragen zur Kompetenzentstehung bei Beratungsfachkräften generell wenig untersucht sind. Bezogen auf Weiterbildungswirkungsforschung können sie als nahezu unerforscht gelten. Das ist umso problematischer, als dass in der Beratungs- und Therapieforschung seit einiger Zeit eine Trendwende eingesetzt hat: Wesentlich stärker als bisher steht das Beratungshandeln von mehr oder weniger kompetenten Fachkräften im Fokus, und weniger die Beforschung einzelner  Techniken und Methoden, wie sie in der vergleichenden Beratungs- und Therapieforschung lange Zeit üblich war. Daraus folgt, dass  mit diesem Trend auch neue Formen der Erforschung von Wissensbildungsprozessen entwickelt werden müssen – wozu unsere Studie  einen wichtigen Beitrag leistet. Wir freuen uns deshalb sehr, dass die DGSF die Förderung der zweiten Projektphase genehmigt hat und wir in bewährter Manier an der EHD mit den bereits erhobenen Daten weiterarbeiten können. Während in der ersten Auswertung der beschreibende Überblick in der Erstauswertung im Fokus stand, können wir nun mit den gesamten Raffinessen der multivariaten Statistik Zusammenhängen in den Daten nachgehen – gut, dass wir an der EHD mit BildungsforscherInnen vernetzt sind, die gemeinsam mit uns Antworten zu diesen Fragen suchen.

Gut recherchiert? Wissenschaftliche Zeitschriften zu Beratungsforschung

Können alle online durchsucht werden: Zeitschriften für Beratungsforschung.

Wer sich mit Beratung forschend befassen will oder als Beratungsraktiker*in bzw. Adressat*in an Erkenntnissen aus der Wissenschaft interessiert ist, steht erst einmal ratlos da. Beratung – hier verstanden als psychosoziale Beratung, nicht als Information – ist über zahlreiche Disziplinen verteilt. Die wichtigsten sind wohl die Erziehungswissenschaft (mit Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung als Subdisziplinen), die Psychologie und die Soziologie. Wer sich an diesen wissenschaftlichen Disziplinen orientiert, wird also zunächst in den zugehörigen Zeitschriften suchen und mit Glück den einen oder anderen Artikel zu Beratung finden.

Der erfolgversprechendere Weg ist aber, in den einschlägigen Fachzeitschriften für Beratung selbst zu suchen. Und weil ich häufig gefragt werde, welche ich regelmäßig lese um mich bezüglich psychosozialer Beratung auf dem Stand zu halten, habe ich das zum Anlass für diesen Blogpost genommen. Die Liste ist absichtlich unabgeschlossen und stellt meine Auswahl war – der Regensburger Zeitschriftenkatalog kennt ja alle.

In Deutschland:

Familiendynamik bei Klett-Cotta, Systemische Praxis und Forschung, Praxis- und Forschungsbeiträge, letztere oft in der Mehrzahl

Kontext, bei Vandenhoek & Ruprecht, Zeitschrift für Systemische Therapie und Familientherapie, Praxis- und Forschungsbeiträge, zugleich Verbandsorgan der DGSF

Beratung aktuell, Theorie und Praxis der Beratung, bei Jungfermann, sehr praxislastig

Organisationsberatung, Supervision, Coaching, bei Springer, Praxis- und Forschungsbeiträge sind recht ausgeglichen

e-beratungsjournal, Open Access, Forschung und Praxis zu Beratung im Internet

Viel interessanter – da wesentlich forschungsstärker – ist der englischsprachige Diskurs:

The Counseling Psychologist, Praxis und Forschung, letztere überwiegt, zugleich Verbandsorgan der APA-Sektion für Beratung

Journal of Counseling & Development, Praxis und Forschung, letztere überwiegt

Journal of Counseling Psychology, Praxis und Forschung

Counselor Education and Supervision, Praxis und Forschung zur Beratungsausbildung

Canadian Journal of Counselling and Psychotherapy, Praxis und Forschung, zweisprachig englisch/französisch

Counselling and Psychotherapy Research, Praxis und Forschung

European Journal of Psychotherapy & Counselling, Praxis und Forschung

Family Process, Systemische Praxis und Forschung, „Schwesterzeitschrift“ der Familiendynamik

Measurement and Evaluation in Counseling and Developmen, Forschung

Lernerfolg und Persönlichkeit bei angehenden Fachkräften in der psychosozialen Beratung

Vorhersage des Beratungslernerfolges durch Vorerfahrung, Persönlichkeitsmerkmale und Selbstwirksamkeitsüberzeugungen, N=115

Jetzt ist (ich liebe das Internet) aufgrund der verblüffend hohen Seitenaufrufe des Beitrages zu Beratungskompetenz und Persönlichleit und den vielen tollen Mails, die ich dazu gekriegt habe, automatisch ein Zweiteiler entstanden. Denn ich werde nicht nur oft gefragt, ob es einen Zusammenhang zwischen kompetentem Handeln und Persönlichkeit in der Beratung gibt, sondern auch, ob bestimmte Persönlichkeiten das Beraten besser oder schlechter lernen als andere.

Wiederum für den bisher sehr wenig beforschten Bereich der frühen berufsbiographischen Stadien lässt sich auch das verneinen, zumindest was die eher kurzfristigen Lerneffekte angeht.

Und wie haben wir das herausgefunden?

In einer Studie haben wir Beratungslernende zweimal ein Beratungsgespräch mit unseren trainierten Schauspieler*innen im BeraLab führen lassen. Weil uns interessiert hat, wie gut man Beratung vermitteln und lernen kann, hat die Hälfte der Teilnehmer*innen zwischen den beiden Gesprächen ein an den eigenen fachlichen Entwicklungsaufgaben ausgerichtetes Kompaktseminar besucht, die andere Hälfte hat nur die beiden Beratungsgespräche absolviert (und das Seminar zu einem späteren Zeitpunkt gemacht).

Die realisierte Beratungskompetenz in den beiden Gesprächen haben wir wieder mit der TBKS gemessen. Die Unterschiede zwischen den beiden Gesprächen („Gain Scores“) stellen dabei eine Maßzahl für den Lernzuwachs auf den beiden Beratungsteilkompetenzen Beziehungsgestaltungsfähigkeit (IABs) und technisch-methodischem Beratungshandeln (TMs) dar. Ebenso wie in der ersten Studie haben wir mit einem Fragebogen die Vorerfahrung, die Anzahl der bereits studierten Semester, die Selbstwirksamkeitsüberzeugungen und die Persönlichkeitsmerkmale erhoben.

Und was kam raus? Der Lernerfolg in unserer Interventionsstudie wird von der Selbstwirksamkeit (entspricht einem kleinen Effekt) beeinflusst, aber nicht von Persönlichkeitsmerkmalen, Vorerfahrung und bisheriger Studiendauer.

Das ist aus mehreren Gründen wieder bereichern für den Kontext Hochschul- und Weiterbildungsforschung, in dem unsere Studien verankert sind. Dort spielt nämlich zunehmend die Heterogenität von Lerngruppen eine Rolle. Und es ist natürlich wieder für Lerner*innen, die das oft beschäftigt, bereichernd, dass man mit unterschiedlich gestrickter Persönlichkeit gut beraten lernen kann und der Lernerfolg von einem gut trainierbaren Faktor abhängt, für den die Vorhersagekraft auch in vielen weiteren Bereichen professioneller Tätigkeiten nachgewiesen ist. Persönlichkeitseigenschaften lassen sich ja im Gegensatz zur Selbstwirksamkeit eher schwer verändern.

Natürlich gelten hier auch wieder die im ersten Artikel berichteten Einschränkungen, dass bei den teilnehmenden Studierenden keine stark abweichenden Persönlichkeitsstrukturen vertreten waren, von denen man annehmen könnte, dass sie einen Effekt auf den Lernerfolg haben. Und zweitens hat das Seminar in unserer Interventionsstudie einen stark auf individuelles Lernen abstellenden Charakter und ermöglicht extrem ausdifferenzierte Lernwege, die für jede Teilnehmer*in als Entwicklungsaufgabe beschrieben werden. Es kann also sein, dass in weniger differenzierten Lernumgebungen doch wieder Abhängigkeiten eintreten, wenn die Lernstruktur zu starr ist und spezifische Voraussetzungen der Lerner*innen etwas anderes erfordern würden. Und drittens lässt sich mit dieser Studie natürlich nichts darüber aussagen, ob langfristige Lern- und Bildungseffekte in der Beratungsprofessionalisierung nicht doch von bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen beeinflusst werden. Aber wir haben ja erst angefangen mit unserer Forschung – bleibt also, gerade was das untersuchen längerer Entwicklungsprozesse angeht, noch viel zu tun.

PS: Bei Fragen – könnt ihr mir gerne eine E-Mail schreiben. Die Kommentarfunktion habe ich wegen der DSGVO erstmal ausgeschaltet. Wenn sich Frageschwerpunkte herauskristallisieren, mache ich einfach wieder einen Blogpost dazu – so wie diesen hier.

Beratungskompetenz und Persönlichkeit

Zusammenhänge zwischen Beratungskompetenz, Persönlichkeitsmerkmalen, Selbstwirksamkeit und Vorerfahrungsindikatoren

Es dürfte eine der am meisten diskutierten Fragen angehender Berater*innen in der Sozialen Arbeit sein: Haben erfolgreiche Beratungsfachkräfte eine besondere Persönlichkeit? Sind manche Aspekte vielleicht gar prädisponiert? Gibt es womöglich „geborene Berater*innen“, so wie es in der Pädagogik die sozialromantische Idee der geborenen Erzieher*innen gibt?

Diese Frage kann ausgekoppelt aus einer größeren Publikation, die derzeit entsteht, empirisch beantwortet werden. Unter den sehr realistischen Bedingungen des BeraLab haben wir 115 Berater*innen in frühen Professionalisierungsstadien (nämlich im Studium, Semester 1-12) Beratungsgespräche führen lassen, die realisierte Beratungskompetenz in einer Videostudie gemessen und die Berater*innen nach zentralen Aspekten der Persönlichkeit befragt. Zum Einsatz kam dabei ein Kurzinventar zu den Big Five, der Fünf-Faktoren-Theorie der Persönlichkeit, eine Skala zur Selbstwirksamkeit sowie die Erfassung der globalen Vorerfahrung mit der Hilfeform Beratung und das konsekutive Fachsemester.

Und was kam raus? Die Studie zeigt, dass auch für berufsbiographisch junge Berater*innen gilt: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Beratungskompetenz und bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen, auch dann nicht, wenn man sehr differenziert zwischen Beziehungsgestaltungskompetenzen (in der Tabelle als IABS aufgeführt) sowie technisch-methodischen Kompetenzen (in der Tabelle als TMS bezeichnet) differenziert.

Allerdings zeigen sich – das ist für mich als Professionalisierungsforscher sehr beruhigend – erwartungskonforme Zusammenhänge zwischen Vorerfahrung, Semesteranzahl und Selbstwirksamkeitsüberzeugung. Es ist also so, dass mit steigender Semesteranzahl und steigender Vorerfahrung eine höhere gemessene Beratungskompetenz einhergeht. Bei der Selbstwirksamkeit sieht es – auch das ist spannend und erwartungskonform – differenziert aus. Hier geht ein hoher Selbstwirksamkeitswert mit hoher technisch-methodischer Beratungskompetenz einher, während die Beziehungsgestaltungsfähigkeit nicht mit Selbstwirksamkeitserleben assoziiert ist.

Beratungslernende und Beratungslehrende können daraus mehrere Dinge ableiten: Eine erfolgreiche Beratungsfachlichkeit ist auch in ihren frühen berufsbiographischen Stadien nicht an spezifische Persönlichkeitsprofile gebunden. Jeder Jeck´ is anders (und darf es auch sein) – das gilt auch und gerade für die Beratung. Es wäre ja auch schade, wenn wir eine glattgebügelte und stromlinienförmige Beratungslandschaft mit austauschbaren Fachkräften hätten. Und der Befund ist auch deshalb ermutigend, weil die Forschung zeigt, dass Persönlichkeitsmerkmale zum Teil genetisch fixiert und nur schwer veränderbar sind.

Hingegen ist ein hohes Selbstwirksamkeitserleben mit höheren Beratungskompetenzwerten assoziiert – und Selbstwirksamkeit kann man trainieren. Und schließlich ist, auch und gerade im Hochschulkontext beruhigend: Zeit (Semesteranzahl) und Erfahrung sind relevant. Das heißt natürlich nicht, einfach Däumchen zu drehen und nicht intensiv zu lernen, im Gegenteil. Aber es verweist eben auch auf die Entwicklungsgebundenheit und den zugehörigen Zeitaspekt im Beratungskompetenzerwerb.

Einschränkend für diese Ergebnisse ist, dass in der vorliegenden Studie keine besonders abweichenden Persönlichkeitsprofile vertreten waren, was angesichts der untersuchten Studiengänge (Soziale Arbeit, Schulpsychologie) erwartbar war. Bei Vorliegen einer solche Ausprägung ist sicherlich auch in der Beratung, ähnlich wie dies für das Management im Sinne der dunklen Triade erwiesen ist, von einer schädlichen Wirkung auf professionelles Handeln auszugehen.