Der Deutsche Qualifikationsrahmen Beratung kommt: Die DGfB und ihre Mitgliedsverbände sind sich einig

Der letzte Meilenstein für den Deutschen Qualifkationsrahmen Beratung stand an und wurde im Rahmen einer Tagung an der EH Darmstadt bearbeitet.

Am vergangenen Samstag ging ein mehrjähriger Entwicklungs- und Abstimmungsprozess erfolgreich zu Ende: Die Deutsche Gesellschaft für Beratung hat im Auftrag von und zusammen mit den 21 führenden Beratungsverbänden das Projekt Deutscher Qualifikationsrahmen für Beratung auf den Weg gebracht. Die Finanzierung ist gesichert, und das Projekt kann nun in Bälde in die Umsetzung gehen. Dann werden – entlang der DQR-Logik – erstmals Beratungskompetenzen nach wissenschaftlichen Standards beschreib- und vergleichbar. Ein solches Instrument, das von Praxis, Bildungspolitik und Wissenschaft gleichermaßen akzeptiert ist, fehlt bisher. Gleichzeitig ist ein solcher Rahmen zukünftig umso wichtiger, denn non-formal erworbene Kompetenzen werden mit der fortschreitenden Akzeptanz des DQRs mit den formal erworbenen vergleichbar gemacht. Wenn der Deutsche Qualifikationsrahmen Beratung fertig sein wird, können Bildungsanbieter*innen, Arbeitgeber*innen, Beratungsverbraucher*innen und Beratungsfachkräfte transparent einsehen und vergleichen, wer welche Beratungskompetenzen vorhalten kann (und wer nicht). Das wird helfen, die Beratungsqualität zu sichern und die Vielfalt in der deutschen Weiterbildungslandschaft zu erhalten. Schließlich gibt es hier im Vergleich zur europäischen und weltweiten Situation den Sonderfall, dass der Großteil des Beratungsknowhows nicht im formalen, sondern im non-formalen Bildungsbereich erworben wird. Der Deutsche Qualifikationsrahmen Beratung kann hier zum Vorteil aller beteiligten Akteur*innen wirken: Bildungsanbieter können den Wert und das Ergebnis ihrer Bildungsarbeit konkreter als bisher und breit akzeptiert beschreiben. Auf diesem Weg können die vielen einzelfallbasierten und nicht immer transparenten Anrechnungslösungen, die es bisher braucht, durch ein effizienteres System ersetzt werden.

Der Beratungszukunft entgegen: Die Vertreter der 21 führenden Beratungsverbände nach der erfolgreichen Tagung.

Und da die Anrechnung auf diesem Weg die Kluft zwischen dem formalen und non-formalen Bildungssystem überwindet, bekommen Weiterbildungsanbieter*innen nun breiten Zugang zur Akademisierung von Beratung, und im Gegenzug können auch an Hochschulen und Fachschulen erworbene Beratungskompetenzen in der Weiterbildung angerechnet werden.

Was abstrakt klingt, ist für viele Lehrende und Lernende, die in beiden Welten wandeln, schon länger evident: Dass es nämlich unsinnig ist, einer Lehrveranstaltung nur deshalb mehr oder weniger Wert zu zumessen, weil sie in einem bestimmten Kontext abgehalten wurde.

Und da die wechselseitige Anrechnung auf sehr konkret beschriebenen Kompetenzen beruht, ist die Sorge unbegründet, dass nun ständig Äpfel mit Birnen verglichen und verrechnet werden – beobachtbar an der bisherigen DQR/EQR-Diskussion ist nämlich, dass alle Akteur*innen ihre Profile eher schärfen und genauer beschreiben konnten. Eine gut gemachte, wechselseitige Anrechnung schließt Vielfalt und Differenz gerade nicht aus.

Wer noch ein bisschen nachlesen will: Ich habe schon ein wenig zu diesem Projekt gebloggt, nämlich einen Beitrag zu Sinn und Zweck eines solchen Qualifikationsrahmens,was es dazu braucht, dass ein solches Projekt zwischen Praxis, Politik und Wissenschaft funktioniert und was es mit den ominösen Beratungskompetenzen denn auf sich hat.

Beratungslernen sichtbar machen: das Modellcurriculum der DGSF

Reflexionsberichte, Selbst- und Fremdeinschätzungsbögen und Videos, jede Menge Videos: Beratungslernen sichtbar machen durch das Modellcurriculum der DGSF.

Manchmal gibt es auch in der stressigen Vorweihnachtszeit im Hochschulalltag noch Nischen, in denen die wissenschaftliche Passion Platz hat. Eine dieser Nischen ist die Arbeit an und mit dem Modellcurriculum der DGSF (nachlesbar in der Verbandszeitschrift hier auf S. 38). Mit diesem Modellprojekt hat die DGSF (Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie) als einer der größten deutschen Beratungsfachverbände etwas angepackt, was längst überfällig ist: Das papierlastige und aus vielen Gründen wenig sinnvolle traditionelle Zertifikatswesen durch etwas zu ersetzen, das tatsächlich Lern- und Bildungsprozesse angehender systemischer Beratungsfachkräfte unterstützt. Viel besser als das Ausfüllen gewaltiger Tabellen über absolvierte Beratungskontakte und das Verfassen von Fallberichten ist nämlich erwiesenermaßen das Lernen mit Videofeedback zum eigenen Beratungshandeln und das Kriterien geleitete Nachdenken über den eigenen Beratungskompetenzzuwachs. Nur so entstehen die aus Sicht der Expertiseforschung dringend benötigten Rückkopplungsschleifen, die Wissenserwerb, übende Praxis und Reflexion in einen engen Zusammenhang bringen. Und es macht große Freude, dieses Lernen als Lehrender mitbegleiten zu dürfen. Ich habe diese Woche den ersten Stapel Videos von Masterstudent*innen aus unserem systemischen Beratungsmaster anschauen dürfen und auf dieser Basis Reflexionsgespräche geführt. Das wirkliche coole daran ist, dass die Studierenden Videos aus Ihren Beratungen machen, die TBKS als Reflexionsgrundlage mit Selbst- und Fremdeinschätzung nutzen und einen Reflexionsbericht über das eigene Lernen verfassen. Eine bessere Grundlage für Gespräche, die einen Unterschied machen, kann es gar nicht geben. Und nahezu beiläufig entsteht das, was mich in der Forschung umtreibt: Wie lässt sich nämlich Professionalisierung als Bewältigung individueller Entwicklungsaufgaben fassen, die dann in das münden, was subjektorientierte Professionalisierung ausmacht: Ein Lern- und Bildungsweg, in dem Studierende sich Beratung erschließen und selbst für Beratung erschlossen werden. In den Gesprächen zum Modellcurriculum, so mein Eindruck, können unsere Lerner*innen tatsächlich solche Aufgaben identifizieren und es interessiert mich brennend, wie diese sich über den Professionalisierungsprozess hinweg beschreiben lassen und verändern. Kommt Zeit, kommt noch mehr Forschung zu diesem Thema :-).

Das Modellcurriculum ist derzeit zunächst für eine begrenzte Zeit etabliert – im kommenden Jahr setzen wir uns innerhalb der DGSF mit den gemachten Erfahrungen auseinander. Auf der organisatorischen Ebene gibt es dabei viel zu besprechen – das Aufnehmen der Videos, ein gangbarer Datenschutz etc., das alles kostet viel mehr Zeit als das herkömmliche Zertifikatswesen und will gut überlegt sein. Die Effekte auf die Lern- und Bildungsprozesse hingegen halte ich für durchgängig sehr positiv. Ich hoffe, dass ich noch zu einer kleinen Studie komme, in der ich die Teilnehmer*innen unserer Hochschule im Rahmen einer Gruppendiskussion zu den Erfahrungen mit ihrem Videolernen befragen kann. Im so rekonstruierten konjunktiven Erfahrungsraum läge neben der Datengenerierung für die Forschung im besten transdisziplinären Sinne auch eine potentielle Anregung, das Lernen mehr und mehr in einer Community of Practice sich selbst organisieren zu lassen.

In einem der kommenden Blogposts wird es deshalb auch um meine Ideen zum DGSF-Institut der Zukunft gehen und wie sich Weiterbildung verändern kann und muss. Ich stelle mir das, evidenzbasiert, sehr radikal anders vor als die in den meisten Instituten vorherrschende Flipchartisierung eines Beratungsansatzes, der doch vor allem aus einer (wie man heute sagen würde) disruptiven Bewegung entstanden ist.


Praxis, Theorie und die transdisziplinäre Vertrauensfrage

Mitgliederversammlung der DGfB 2018 in Köln: Diskussionen in Kleingruppen zum Qualifikationsrahmen Beratung

Vergangenes Wochenende fand die jährliche Mitgliederversammlung der Deutschen Gesellschaft für Beratung (DGfB) statt. Weil die Mitglieder keine natürlichen Personen, sondern 21 Beratungsverbände sind, war das wie üblich eine exklusive Veranstaltung, in der relevante Themen für psychosoziale Beratung verhandelt werden. Eines davon ist die Frage, wie genau ein Deutscher Qualifikationsrahmen Beratung entstehen soll, den die Mitgliederversammlung letztes Jahr beschlossen hat. Der Vorstand der DGfB hat dieses Thema durch eine Arbeitsgruppe vorangebracht, in der ich mitarbeite. Das hat mir große Freude gemacht, weil eines meiner handlungswissenschaftlichen Kernanliegen, nämlich das transdisziplinäre Bearbeiten von Projekten, dabei besonders herausgefordert ist: Der Qualifikationsrahmen Beratung soll der Weiterbildungslandschaft, Anstellungsträgern und Klient*innen deutlich machen, welches Kompetenzniveau entsprechend dem DQR (Deutschen Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen) bei einer Beratungsfachkraft vorhanden ist und damit Mobilität und Übergänge zwischen formalem und non-formalem Lernen schaffen. Für die Erstellung des Qualifikationsrahmens haben wir ein wissenschaftliches Programm entworfen, das vorsieht, methodisch strukturiert alle kompetenzorientierten Lehr-, Lern- und Prüfformate aus der Praxis der Beratung und Beratungsweiterbildung zu erfassen, zu systematisieren und daraus eine Synthese zu generieren, aus der sich anschließend die Stufen des Qualifikationsrahmens definieren lassen – wobei wir insbesondere über die Erfassung psychosozialer Beratungskompetenz intensiv in der DGfB und den Mitgliedsverbänden diskutiert haben. Das ehrgeizige Ziel der DGfB ist dabei, den Rahmen methodeninvariant anzulegen und damit auch den neuesten Erkenntnissen aus der Wirkfaktorforschung zu folgen.

Wir haben auch in der diesjährigen Mitgliederversammlung intensiv und konstruktiv mit den Verbändevertretern diskutiert, und dabei ist mir wieder einmal aufgefallen, wie wichtig es ist, bestimmte Basics in der Zusammenarbeit zwischen Praxis und Wissenschaft zu klären und abzusichern. Zunächst geht es um das wechselseitige Verständnis und den Respekt vor unterschiedlichen Wissensformen: Praxis und Wissenschaft wissen nicht wechselseitig besser, sondern nur anders über Beratung Bescheid. Und selbstverständlich hat die Beratungspraxis eine Theorie, sie ist aber anders beschaffen als die Beratungstheorie der Wissenschaft. Diese wiederum hat auch eine Praxis, die aber natürlich anders ist als die Praxis der Beratung. Beide denken, reflektieren und handeln also. Für transdisziplinäre Projekte wie unseren Qualifikationsrahmen ist eine notwendige Bedingung, dass diese Wissensformen sich mit Respekt begegnen können. Dazu gehört unbedingt auch das wechselseitige Vertrauen an Schnittstellen, an denen diese Wissensformen übersetzt und transformiert werden müssen. Das geht nicht ohne Informationsverluste und partielles Nichtverstehen und das dann zur Überwindung notwendige Vertrauen: Transdisziplinarität bedeutet eben nicht, dass Praktiker*innen zu Wissenschaftler*innen werden oder vice versa, sondern im gelingenden Fall eine neue Perspektive auf ihre eigene Expertise erfahren.

Insofern hat mich an der vergangenen Mitgliederversammlung auch gefreut, wie einstimmig DGfB-Vorstand und die Mitglieder darin waren, dass unser Projekt gut angekommen ist und in den Qualifikationsrahmen die Praxisklugheit der deutschen Beratungslandschaft methodisch kontrolliert nach wissenschaftlichem Standard Eingang finden wird.

EQR, DQR, Ach-weh-QR: Brauchen wir einen Deutschen Qualifikationsrahmen für Beratung?

Kompetenzmessung in der Beratung: die Systemische Gesellschaft (SG) diskutiert

Die Systemische Gesellschaft (SG) hatte mich am 18.11.2018 nach Berlin eingeladen, um etwas zu Kompetenzerfassung in der Beratung und dem Projekt eines Deutschen Qualifikationsrahmens für Beratung zu sagen. Ich hatte dabei zwei Hüte auf: Zum einen den eines Beratungsforschers, der sich mit Kompetenzerwerbsprozessen und deren Erfassbarkeit befasst, zum anderen den eines Vorstandes der Deutschen Gesellschaft für Beratung, die als Dachverband zusammen mit ihren Mitgliedsverbänden (darunter eben auch die SG) einen Deutschen Qualifikationsrahmen für Beratung voranbringen möchte.

Beides – Kompetenzerfassung und die Frage nach der Sinnhaftigkeit eines einheitlichen Qualifikationsrahmens – konnten wir intensiv und konstruktiv diskutieren. Ich war wieder einmal begeistert von der systemischen Community, die intellektuell anregend auch komplexe Themen bearbeitet, ohne dabei zu schnell an dogmatische oder gar ideologische Grenzen zu stoßen.

Besonders die von mir vertretene Perspektive, dass (wenn überhaupt) Beratungskompetenzen immer kontextualisiert und im Prozess zu erfassen sind, hat vielen eingeleuchtet. Man kommt dann aber eben mit komplexen Erfassungsverfahren heraus, in denen sich bewährtes aus der Systemischen Lehrpraxis mit wissenschaftlicher Innovation verbinden lässt – vor allem sind dies unterschiedliche Formen strukturierten Beobachtens längerer Abschnitte. Schließlich kann eine einzige Frage in einem Gespräch gerade denjenigen bedeutsamen Moment (mit)konstruieren, der zu einer Ordnungsänderung im Denk- und Handlungssystem von Adressat*innen führt – das Abzählen von beraterisch erwünschten Verhaltensweisen oder andere Formen der Erfassung, die die interaktiven Wechselwirkungen im Beratungsprozess ausblenden, taugen also von vornherein nicht. Obwohl sich eine solche Beratungsforschung meist von sich selbst heraus als qualitative Forschung versteht, bieten neue statistische Verfahren aber ebenso die Möglichkeit, solche Interaktionen detailliert abzubilden (z.B. durch die Mehrfacettenmodellierung von Kompetenzen, in der Personenfähigkeiten, Aufgabenschwierigkeit und Beurteiler*innen-Strenge unabhängig voneinander dargestellt werden). Letztendlich bietet eine solche empirisch und theoretisch angereicherte Kompetenzdebatte sicherlich didaktische Chancen und Herausforderungen, um über die Lehre in systemischen Weiterbildungen nachzudenken.

Im Anschluss daran ging es dann um die Frage, was passiert, wenn man den kompetenzorientierten Weg noch weiter verfolgt und sich dem Projekt des Deutschen Qualifikationsrahmens Beratung anschließt. Dabei geht es dann darum, den immer wichtiger werdenden DQR (Deutscher Qualifikationsrahmen für Lebenslanges Lernen) als Instrument zu nutzen – und für Beratung zu konkretisieren. Die zugrundeliegende Idee ist, Kompetenzen unabhängig vom Ort ihres Erwerbes vergleichbar zu machen. Für die Weiterbildungslandschaft in der Beratung relevant ist, dass nach den formal erworbenen Kompetenzen nun auch non-formal erworbene Kompetenzen Eingang in den DQR finden.

Wenn es gelingt, dass die deutschen Beratungsdachverbände einen solchen Qualifikationsrahmen für Beratung definieren und in den DQR-Prozess einspeisen, so entstehen damit neue, definierte Schnittstellen zwischen formalen und non-formalen Bildungssystemen -z.B. in Form der Anrechenbarkeit von Beratungsweiterbildungen als Studienleistungen oder zwischen verschiedenen Weiterbildungsanbieter*innen.

Die Antwort auf die eingangs gestellte Frage lautet hier aus meiner Sicht: Wenn der Qualifikationsrahmen Beratung gut gemacht ist, bietet er viele Chancen. Von einer hastig erstellten Überleitungslösung oder gar der Einmischung durch reine Zertifizierungsagenturen, die darin lediglich ein Geschäftsmodell sehen, ist aber abzuraten. Wir sollten die Sache der Einschätzung notwendiger Kompetenzen für gute Beratung keinesfalls aus unserer Hand geben.

Was ein Stapel Masterarbeiten mit der Zukunft der Beratungsweiterbildung zu tun hat

Jedes Jahr um diese Jahreszeit, wenn das Sommersemester zu Ende geht, ist Masterarbeitslesezeit. Als Hochschullehrer ist es spannend zu sehen, wohin sich die Student*innen im eigenen Studiengang mit ihren Themen  entwickelt haben und welche Forschungsfragen für die Masterarbeit daraus resultieren. Trotz der großen Textmenge ist das Lesen in den meisten Fällen sehr aufschlussreich und abwechselnd. In den letzten Tagen habe ich eine Videostudie zur Ethnographie von Beratung in Werkstätten für Behinderung gelesen, etwas über gelingende Beratungsarbeit für trauende Kinder aus Expert*innensicht erfahren, eine Onlinebefragung hessischer Student*innen zur ihren Studienwahlmotiven für ein MA-Studium der Sozialen Arbeit sowie eine Studie zu systemischer Beratung im Personalmanagement von Wirtschaftsunternehmen durchgearbeitet (more to come…). In diesem Blog geht es mir aber nicht um diese Arbeiten an sich, sondern um den Kontext, in dem sie entstanden sind. Denn neben einem regulären akademischen Masterabschluss haben die Student*innen in unserem Beratungsmaster eben auch die Weiterbildung zum/zur systemischen Berater*in (DGSF) absolviert – integriert in ganz normale Studienmodule. Das tut, und darauf will ich hinaus, sowohl dem unmittelbaren Methodenkompetenzerwerb in der Beratung, aber auch der Beschäftigung mit den akademischen Inhalten, sehr gut. Die häufig im Kontext der Humanities verwendete Formel der Ausbildung wissenschaftlich gebildeter Praktiker*innen wird hier auf produktive Art lebendig – weder ist der akademische Gehalt in unserem Studiengang niedriger als in konsekutiven Studiengängen, noch ist die Beratungsausbildung weltfremd und verkopft. Vielmehr bieten sich im Studium vielfältige Synthesemöglichkeiten zwischen Theorie und Praxis, Denken und Handeln und folgen damit den von Bernd Dewe gemachten Prognosen über den inhaltlichen Wert wissenschaftlicher Weiterbildung. Und in dieser aus meiner Sicht gelingenden Form von Akademisierung der Beratung liegt sicherlich auch ein Teil der Zukunft der Beratungsweiterbildung. Zwar werden Beratungsmasterstudiengänge bezogen auf die reinen Kopfzahlen auch in Zukunft eher kleinere Ausbildungsangebote im Vergleich zur nonformalen Weiterbildungslandschaft sein. Allerdings bilden sich mehr und mehr Schnittstellen zwischen der nonformalen und formalen Bildungsarbeit heraus. In Zukunft werden im Rahmen des Deutschen Qualifikationsrahmens (DQR) nämlich auch nonformale Bildungsprozesse kompetenzorientiert bilanzierbar. Eine Chance, die die Beratungsweiterbildungslandschaft und die Hochschulen nutzen sollten – Studierende können sich dann nämlich Inhalte von absolvierten Weiterbildungen auf das Studium anrechnen und andersherum, Inhalte aus dem Studium in die Weiterbildung einbringen. So entstehen vermehrt Synthesepunkte für Theorie- und Praxiswissen auch außerhalb spezialisierter Beratungsstudiengänge.

Freilich bedeutet dies ein Einlassen auf die Diskussion um Kompetenzorientierung und den DQR, der zu Recht aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive nicht unumstritten, aber trotzdem das Mittel der Wahl ist, solche Schnittstellen herzustellen. Angesichts des anstehenden Generationenwechsels auch in der Weiterbildungslandschaft sollten sich alle, die das interessiert, einmischen. Beratungsweiterbildungsinteressierte sollten in ihren Instituten nachfragen, ob das Curriculum kompetenzorientiert formuliert und nachweisbar ist, so dass es auf ein eventuelles späteres Studium anrechenbar ist. Institutsleiter*innen und Lehrende sollten sich mit Kompetenzorientierung und dem DQR befassen, um die Chance zu nutzen, ihre Bildungsangebote schon jetzt, beispielsweise im Zuge der Lissabon-Konvention, anrechenbar zu machen.

In einer gemäßigten, inhaltlich gehaltvollen Akademisierung der Beratung liegt also auch ein Stück ihrer Zukunft – wobei diese Akademisierung in Deutschland eher am Beginn steht,  während sie in anderen Ländern von Anfang an der Regelfall war.

 

Faktencheck: Was ist eigentlich Beratungskompetenz?

Am vergangenen Samstag fand ein interessantes Verbändetreffen der Deutschen Gesellschaft für Beratung (DGfB) statt, über das ich mich als einer der Vorständ*innen besonders gefreut habe. Die in der Dachgesellschaft organisierten Verbände waren mit zahlreichen Vertreter*innen präsent, denn es ging um ein wichtiges Thema: Macht eine kompetenzorientierte Wende in der Beratungsfort- und Weiterbildung Sinn? Wie hängt das mit dem kompetenzorientiert formulierten EQR/DQR zusammen?

Neben den interessanten Diskussionen in einem World Cafe gab es auch zahlreiche Fragen und Rückmeldungen zu einem Vortrag von Christiane Schiersmann (Uni Heidelberg) und mir zum Thema Kompetenzorientierung in der Beratung. Viele Kollegen*innen, die das Thema nicht schwerpunktmäßig bearbeiten, haben sich danach „knackige“ Kurzdefinitionen und prägnante Antworten auf dringliche Fragen und unklar gebliebene Punkte gewünscht. Rückmeldungen, die ich mir – so gut es ging – gemerkt habe und unten aufliste. Hier kommt also ein etwas unüblicher Blogbeitrag – Verkürzungen und Reduktionen auf das Notwendigste inklusive (wer der Sache auf den Grund gehen will, wird vertiefend nachlesen müssen).

Was ist eigentlich Beratungskompetenz? Beratungskompetenz meint in Beratungspraxis und Beratungsforschung eine umfassende Handlungsbefähigung die Fachkräfte besitzen müssen, um gelingende Beratungen durchzuführen. Der im Zusammenhang mit Beratung gemeinte Kompetenzbegriff ist dabei Performanz orientiert, das heißt: Er zielt auf (zumindest teilweise) beobachtbare Beratungshandlungen (die Performanz) und erlaubt daraus den Rückschluss auf die Kompetenz (die man nicht direkt messen kann). Dieses Konzept von Beratungskompetenz ist nicht zu verwechseln mit kognitionslastigen Kompetenzdefinitionen, die v.a. in der Psychologie verwendet werden und in der Regel lediglich kognitive und emotionale Dispositionen meinen. Der Kompetenzbegriff in der Beratung speist sich vielmehr aus Pädagogik, Berufspädagogik und Professionalisierungsforschung, also Disziplinen und Forschungsrichtungen, die erfolgreiches Handeln theoretisch und empirisch modellieren.

Beratungskompetenz ist Wissen? Da Beratungskompetenz erfolgreiches Handeln beschreibt, ist sie keine Wissensform. Vielmehr sind unterschiedliche Wissensformen zwingende Voraussetzungen für den Erwerb von Beratungskompetenz, also notwendig, aber nicht hinreichend. Unterschiedliche Wissensformen werden mit fortlaufendem Kompetenzerwerb, v.a. durch die übend-reflektierte Praxis, ineinander transformiert und kreativ-situativ modifiziert. Beratungskompetenz ist in ihrer hohen Ausprägung nicht mehr (vollständig) mitteilbar. Eine Tatsache, die Georg Hans Neuweg treffend mit dem Schweigen der Könner umschrieben hat und die Erklärung für die didaktischen Probleme ist, Kompetenz nicht einfach „weitergeben“ oder in Form instruktiven Lernens „erzeugen“ zu können. An dieser Stelle verweist der Beratungskompetenzbegriff zwingend auf komplexe Bildungsprozesse (und nicht nur Lern- und Trainingseffekte), wie sie in der Bildungstheorie z.B. im Sinne der doppelten Erschließung (angehenden Fachkräften erschließen sich Beratung und werden gleichzeitig für Beratung erschlossen) formuliert sind.

Beratungskompetenz ist eine Haltung? Nein, ebenso wie das Wissen ist eine zur Aufgabe Beratung passende Haltung eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für kompetentes Handeln. Die Beratungshaltung ist per se ein Hochspekulationsbegriff mit starker normativer Kraft, aber eingeschränkter Operationalisierbarkeit (was, nebenbei, nicht nur in der Forschung, sondern auch der Praxis zu unendlichen Diskussionen führt). Realistischer ist es, von einer für Person und Anliegen der Adressat*innen jeweils passenden Begegnungsfähigkeit zu sprechen, die sich in einer beobachtbaren Beratungsbeziehung äußert und dann wiederum einen gut erfassbaren Teil von Beratungskompetenz (nämlich eine solche auch unter schwierigen Bedingungen herstellen zu können) ausmacht.

Beratungskompetenz kann man nicht messen! Das ist falsch und durch viele gut gemachte empirische Studien widerlegt. Die Frage ist vielmehr, ob man sie messen möchte und welchen Aufwand man dazu bereit ist zu treiben. Da der Rückschluss von der Performanz auf die Kompetenz im Beratungskompetenzdiskurs theoriekonsistent angelegt und nachgewiesen ist muss lediglich festgelegt werden, welche Aussage man mit den Daten machen möchte. Geht es um die Kompetenzmessung einzelner Personen, müssen Mehrfachbeobachtungen, idealerweise kombiniert mit Selbstauskunftsverfahren (z.B. Think Aloud Studien zur Selbstkommentierung des eigenen Beratungshandelns) vorgenommen werden. Will man aggregierte Erkenntnisse gewinnen, z. B. wissen, wie groß die Zuwachsrate an Beratungskompetenz einer größeren Gruppe über die Zeit ist, reichen Einfachmessungen von Einzelpersonen in ausreichender Menge aus. Im Übrigen sind in sehr vielen humanwissenschaftlichen Bereichen kompetenzorientierte Messverfahren seit vielen Jahren etabliert. In der Medizin, aber z.B. auch in den gestaltenden Künsten, wird die Kompetenz durch vollzogene Handlungen (z.B. Operation, geschaffenes Werkstück) gemessen, wobei auch die Begründungsfähigkeit für das Scheitern Teil der Kompetenz sein kann (Ex-Post-Rationalisierungsfähigkeit als Bestandteil professionellen Handelns).

Beratungskompetenz braucht noch Zusätze, z.B. eine Beratungsethik oder Reflexionsfähigkeit! Das ist falsch und deutet auf einen nicht durchgearbeiteten Beratungskompetenzbegriff hin. Selbstverständlich sind – diesen Beispielen folgend – Reflexionsfähigkeiten Bestandteil von Beratungskompetenz. Immer dann, wenn solche Forderungen auftauchen, ist also das zugrundeliegende Kompetenzmodell unzureichend spezifiziert. Bereinigt man diesen Fehler nicht auf der Ebene des Kompetenzmodells selbst, führt sich die Sache ad absurdum, denn dann ist man bei einer unterkomplexen Idee von Beratungskompetenz angelangt, die dann wieder nur einer (meist unspezifizierten) Wissensform entspricht und deshalb ergänzungsbedürftig ist.

Kann man das alles irgendwo nachlesen? Ja, im Sinne übergeordneter Diskurse, die dann aber auf Beratung bezogen werden müssen (das einzig tatsächlich neue in der Rede um Beratungskompetenz). Die Stichworte sind u.a. implizites Wissen, Berufspädagogik, Handlungskompetenz, Expertiseforschung, Deliberate Practice, Professionalisierungsforschung, Ausbildung wissenschaftlich gebildeter Praktiker.

Ist Beratungskompetenz nicht einfach ein anderes Wort für Qualifikation? Nein, gerade nicht. Qualifikationen werden in der Regel durch ein Bildungssystem erzeugt, in dem das Durchlaufen bestimmter Lernangebote testiert wird, z.B. in der Form „200 Stunden Theorie, 100 Stunden Praxis, 50 Stunden Selbsterfahrung = Qualifikation für Beratungsverfahren XY“. Es dürfte an dieser Stelle deutlich sein, dass damit eben gerade nicht Handlungskompetenz gemeint ist, denn die Wahrscheinlichkeit zum Vollzug erfolgreicher Beratungshandlungen ist damit ja nicht festgestellt. Die Umstellung von Qualifikation auf Kompetenz ist dabei aber gerade nicht nur hinsichtlich der Prüfungen am Ende eines Bildungsganges gemeint, sondern zielt auf eine durchgehend auf Befähigung abstellende Didaktik. Die meisten handlungswissenschaftlich gerahmten Tätigkeiten werden seit langem so gelehrt – u.a. auch viele Beratungs- und Therapieverfahren, zumindest vor ihrer Massenetablierung. Kompetenzorientierung ist also nicht prinzipiell neu, lediglich ihre gesteigerte wissenschaftliche Legitimierbarkeit verspricht spezifische Vorteile.

Beratung entsteht im Dialog, also können Kompetenzen nicht personenbezogen gemessen werden! Das ist falsch im Sinne einer einseitigen Verabsolutierung. Beratungskompetenz meint die Befähigung, auch unter schwierigen Bedingungen erfolgreiches Beratungshandeln zu ermöglichen. Darin eingeschlossen ist per Definition auch das erklärbare Scheitern von Beratung unter spezifischen Umständen, das deshalb aber nicht auf inkompetente Berater*innen oder die Unmöglichkeit einer Messung hinweisen muss. Auch im Sinne einer Ko-Produktion von Beratung durch Adressat*innen und Fachkräfte bleibt also die Forderung nach Handlungskompetenz bestehen. Unter der Frage der Messbarkeit (s.o.) stellt sich hier kein prinzipielles, sondern nur ein praktisches Problem. Einige innovative Verfahren erlauben dabei auch – durch die mögliche Modellierung der dialogischen Schwierigkeiten – recht genaue Messungen. Das angebliche Messproblem hat Beratungskompetenz auch mit anderen komplexen Tätigkeiten (sogenannten ill-definierten Domänen) gemein. Die Postulierung der Nichtmessbarkeit aufgrund des dialogischen Prinzips ist oft ein selbstimmunisierendes Argument im Übergang von einer rein geisteswissenschaftlichen hin zu einer sozialwissenschaftlichen Beschäftigung mit Beratung.

Wirft das nicht alles gravierende Probleme der Selbstoptimierung, der verdeckten Kompetenzherrschaft und einer untergeschobenen Ökonomisierung durch die OECD auf? Jap, wenn man nicht aufpasst, schon.

Was hat das mit dem EQR/DQR zu tun? Nichts und viel. Begreift man den DQR lediglich als normativ gesetztes Mittel, um durch recht willkürlich erzeugte Tabellen Überleitungen und Anrechnungen zu regeln, muss man inhaltlich nicht auf Beratungskompetenz umstellen, sondern einfach nur eine solche Tabelle aufstellen und damit Qualifikationen vermeintlich kompetenzorientiert redefinieren. Es ist dann fraglich, wie ernst ein solches Modell genommen wird (zumal bisher nur der Bereich der formalen Bildung im DQR geregelt ist und hier sehr deutungsmächtige Institutionen am Werk sind). Besteht hingegen das Interesse, mit der Fort- und Weiterbildung in der Beratung an die inhaltlich produktiven Seiten des lebenslangen Lernens anzudocken und echte Handlungskompetenz bei Fachleuten, die mit Herz und Seele bei ihrem Beratungsgeschäft sind, hervorzubringen, dann lohnt der Blick auf den Beratungskompetenzdiskurs. Dessen natürliche und logische Folge kann dann eine DQR-Einordnung sein, die ernst genommen wird (z.B. in der Akzeptanz kompetenzorientiert formulierter Weiterbildungen in der Berufs- und Hochschulbildung). Und schließlich lohnt das auch deshalb, weil Beratung und Therapie in der Kompetenzorientierung ihre Wurzeln haben – in der Pionierzeit aller Verfahren wurde kompetenzorientiert gelehrt, durch intensive Prozesse der Wissensvermittlung, des Übens und der Reflexion. Kompetenzorientierung führt so, ernst genommen, an den Kern von Bildung zurück – und gerade nicht zu dem, was bisweilen fehlgehende Diskussionen durch PISA, Bologna und Co. erzeugen.

Soll sich Beratung auf solche wissenschaftlichen Konzepte wie Kompetenzmessung und Modellierung einlassen? Gibt es hier überhaupt Vorteile, oder schadet eine solche Verwissenschaftlichung nicht eher? Das kommt auf den Standpunkt an. In einer zu kurz gegriffenen positivistischen Lesart von Wissenschaft sieht man vermutlich potentielle Schwierigkeiten, in einem modernen wissenschaftstheoretischen Rahmen, den beispielsweise Jürgen Mittelstraß mit seinem Konzept der Transdisziplinarität aufspannt, ist die gemeinsame Beschäftigung mit einem Gegenstand – z.B. Beratung – in der Trias aus Praxis, Politik und Wissenschaft gerade bereichernd und manchmal auch unausweichlich. Und schließlich: Die aktuellen Ergebnisse der Beratungs- und Therapiewirksamkeitsforschung weisen eindeutig nach, dass wir mehr danach schauen müssen, was erfolgreiche Fachkräfte ausmacht anstatt danach zu suchen, was erfolgreiche Methoden aus- und unterscheidbar macht (wobei Methoden dabei natürlich gerade nicht beliebig werden). Stichwort: Subjektorientierte Professionalisierung.