Soziale Arbeit in der digitalen Stadt: Wir brauchen mehr Theorie

Handlungsfelder der Digitalstadt Darmstadt: Soziale Arbeit muss und kann sich quer verorten. Quelle: Digitalstadt Darmstadt

Darmstadt ist seit Gewinn des Bitkom-Wettbewerbs die erste Digitalstadt Deutschlands. Zahlreiche Akteure der Stadtgesellschaft treiben  zu allen Themenfeldern der Daseinsfürsorge Digitalisierungsprojekte voran. Soziale Arbeit kommt dabei (noch?) nicht als eigenes Themenfeld vor – ein Umstand, der keinesfalls die Konzeption der Digitalstadt Darmstadt weiterlesen

Insoweit erfahrene Algorithmen? Kinderschutz, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz

Künstliche Intelligenz im Kinderschutz?

Die Darmstadt Konferenz (Blogbeitrag dazu kommt noch) hat mir wieder einmal gezeigt, wie wenig Soziale Arbeit in Diskursen um Digitalisierungsphänomene involviert ist: Lediglich in einem Vortrag (wenn ich nicht falsch liege) war sie explizit erwähnt.

Im Zentrum der Konferenz um die Digitalstadt Darmstadt standen dabei alle Bereiche der Daseinsfürsorge. Besonders prominent wurde der Einsatz von Künstlicher Intelligenz in ganz unterschiedlichen Kontexten verhandelt, von der vorherschauenden Verkehrssteuerung weiterlesen

Virtuelle Räume in der Sozialen Arbeit: Nachlese zum Kongress Sozialplanung und Digitalisierung

Twitterfeed zu Beginn der VSOP-Tagung

Welchen Bezug hat die Soziale Arbeit zur Digitalisierung, was die Planung ihrer Angebote betrifft? Sind Theorien und Praktiken des Umgangs mit virtuellen Räumen verzahnt genug? Wie reagiert das Planungssystem wohlfahrtsstaatlicher Hilfen auf die unterschiedlichen Herausforderungen der Ent-Räumlichung und Ent-Zeitlichung durch digitale Medien?

Vergangene Woche hat der Kongress Sozialplanung und Digitalisierung stattgefunden. Er war die Jahrestagung des VSOP (Verein für Sozialplanung), dem bundesweiten weiterlesen

Digitalisierung in der Fort- und Weiterbildung – die systemische Community ist auf dem Weg

Mit etwas Verzögerung kommt meine Nachlese zu den vielfältigen Eindrücken zu Fragen der Digitalisierung der Fort- und Weiterbildung im Bereich der systemischen Beratung und Therapie. Die DGSF als führender systemischer Fachverband hatte hierzu eine Weiterbildungsveranstaltung durchgeführt, weiterlesen

Beratungsfachkräfte und ihre Internetnutzung: Ist die Beratungsszene „drin“? – Erste Ergebnisse der BerIn-Studie

Wie nutzen Beratungsfachkräfte Onlinemedien? Bild: RachelScottYoga/pixabay

Wie nutzen Beratungsfachkräfte das Internet? Diese Frage haben wir im Forschungsprojekt BerIn (Beratungsbedingte Internetnutzung) untersucht. Zwar steht die generelle Internetnutzung in der BRD seit einiger Zeit unter Dauerbeobachtung (z.B. durch die jährlich durchgeführte ARD/ZDF Onlinestudie). Hier zeigt sich, dass die Onlinenutzung immer mehr die Sättigungsgrenze erreicht und ständig neue Dienste und Mediengenerationen hinzukommen.

Zur Gruppe der psychosozialen Beratungsfachkräfte gibt weiterlesen

Digital kompetent – neuer Buchbeitrag: Professionalisierung von Fachkräften im Kontext von Digitalisierung

Kompetenzmatrix nach Heiner, bezogen auf Digitalisierung in der Beratung

Digitalisierung und Beratung: Zwischen Bewahrung und Befähigung ist der Titel eines kommenden Herausgeberbandes von Stephan Rietmann, Maik Sawatzki und Matthias Berg, der bei VS im Sommer erscheinen wird. Zusammen mit Markus Emanuel entstand hierzu ein Beitrag zu der Frage, welche Kompetenzen Fachkräfte in der psychosozialen Beratung bezogen auf Digitalisierung eigentlich benötigen. Dieses Thema erscheint dabei nicht nur uns als gravierende Le(e)hrstelle – das Kerncurriculum der Deutschen weiterlesen

Vier Monate papierlos als Experiment: Geht gut, auch in der Wissenschaft.

Papierlos publizieren: Ein Tablet zum Schreiben, eines zum Lesen.

Vor einiger Zeit ist ein für mich wichtiges Experiment zu Ende gegangen: Ich habe in meinem Forschungssemester konsequent versucht, auf Papier zu verzichten. Die Wahl auf das Forschungssemester fiel dabei deshalb, weil ich diese Zeit an einem meiner abgelegenen Lieblingsplätze verbracht habe und es dort schlicht keine greifbare IT-Infrastruktur gibt – Gewohnheitsänderungen klappen ja immer dann am besten, wenn man gar keine Möglichkeit hat, in alte Muster zu kippen. Da außer meinen weiterlesen

Lebensweltorientierte Digitalisierung in der Sozialen Arbeit

Digitalisierung Sozialer Arbeit im Licht ihrer eigenen Theorie. Bild: geralt/Pixabay, CC0

Soziale Arbeit beginnt an vielen Stellen, sich mit ihrer Digitalisierung zu befassen. Das ist gut so, denn nach wie vor vertrete ich die These, dass dieser Prozess als kultureller Wandel Sozialer Arbeit insgesamt aufzufassen ist und nicht als die sozialmanagerielle Einführung von IT-Tools. Wenn dem so ist, sollten auch Referenzkonzepte aus der Sozialen Arbeit selbst genutzt werden, um die Digitalisierung Sozialer Arbeit zu verstehen und zu gestalten. Im heutigen Blogbeitrag geht es darum zu überprüfen was es bedeutet, von einer lebensweltorientierten Digitalisierung auszugehen. Zum Konzept der Lebensweltorientierung schreibe ich an dieser Stelle nichts, sondern verweise auf den von Hans Thiersch entfalteten Diskurs, der zum wesentlichen Leitkonzept Sozialer Arbeit zählt. In der Lebensweltorientierung sind zentrale Maxime definiert, an denen sich die Arbeit ausrichten soll und durch die im Gegenzug reflektiert werden kann, ob ein gegebenes Konzept als lebensweltorientiert aufgefasst werden kann.

Wie könnte also die Digitalisierung für die Soziale Arbeit aussehen, wenn man sie an den Maximen der Lebensweltorientierung ausrichtet?

Alltagsnähe

Alltagsnähe verweist in der Sozialen Arbeit darauf, dass der von Adressat*innen erlebte Alltag einen Eigensinn hat. Alltag wird dabei doppelbödig aufgefasst, weil er durch seine immanenten Routinen des Zurechtkommens auch das Potential birgt, weiterführende Kritik und Problematisierung von Lebensumständen- und Situationen zu verunmöglichen. Zentral ist für die Struktur von Diensten und das Handeln von Professionellen aber dennoch die notwendige Ausrichtung ihrer Arbeit an Alltagsstrukturen und Alltagslogiken. Bezogen auf Digitalisierung bedeutet dies, zunächst zu suchen, wo Adresssat*innen Sozialer Arbeit in ihrem Alltag digitale Dienste nutzen. Schnell kommt man dann darauf, dass elaborierte Modelle z.B. dig

italer Bürgerdienste oder sonstige Spezialangebote nur einen Teil einer gelingenden Digitalisierung Sozialer Arbeit darstellen können. Der digitalisierungsbezogene Alltag der meisten Menschen sieht hingegen ganz anders aus: Für Jugendliche sind das beispielsweise Instagram, Snapchat, WhatsApp, Twitter und YouTube. Hier spielt sich der Alltag ab, der weitgehend als Stream organisiert und an vielen Stellen mit der nicht digitalen Welt vernetzt ist. Gleichzeitig tut sich Soziale Arbeit gerade mit solchen Gedanken am schwersten – zum einen durch eine latente Technikferne, die sich auch in der jüngeren Fachkräftegeneration wiederholt, zum anderen durch eine demographische Personalsituation, die derzeit das tätig werden auf Facebook bereits als Königsweg der Digitalisierung begreift.

Regionalisierung/Dezentralisierung

Regionalisierung und Dezentralisierung bedeutet in den Präsenzangeboten z.B. Jugendhilfestationen in überschaubar gedachten Sozialräumen und keine Spezial- und Komplexeinrichtungen, deren Besuch zwingend den Abbruch von Alltagskontakten bedeutet. Dieser Gedanke ist auch in der Digitalisierung wichtig: Für die meisten Fachkräfte gilt bis heute die Unterscheidung „entweder man ist drin“ mit seinem Dienst, oder nicht. Das Internet zerfällt aber ebenso wie die echte Welt durch höchst unterschiedliche Milieus und Kulturen in zahlreiche Partitionen, die man durchaus im übertragenen Sinne als virtuelle Sozialräume auffassen kann. R

egionalisierung bedeutet dann, dort im Internet präsent zu sein oder digitale Dienste zu konzipieren, wo sie mit anderen Dingen „vor Ort“ sein können – also z.B. nicht nur in den behördenförmig aufgebauten Webseiten kommunaler Träger, sondern in den Regionen des Internets, in denen sich Adressat*innen aufgrund ihrer Eigenlogik aufhalten.

Prävention

Prävention – bei aller in ihr wohnenden Gefahr, alleine durch die Thematisierung potentieller Krisen und Probleme diese möglicherweise zu befördern – kann in der Digitalisierung besonders bedeutsam und möglicherweise weniger problematisch konzipiert werden: Durch die potentielle Anonymität digitaler Dienste können beispielsweise Stigmatisierungsängste und Gefahren weniger drastisch ausfallen als dies in Präsenzformaten der Fall ist.

Integration/Inklusion

Soziale Arbeit kann als universalistisches Projekt, in dem die Einheit der Differenzen zwischen Möglichkeiten und Einschränkungen verschiedener Menschen durch den Primat der allgemeinen Menschenrechte und der Menschenwürde normativ sichergestellt ist, aber im Alltag oft ausbleibt, besonders von Digitalisierung profitieren. Digitale Dienste können als digitale Inklusion und inklusive Digitalisierung gedacht werden und durch die Materialisierung technischer Potentiale an vielen Stellen vollkommen neue Handlungsmöglichkeiten eröffnen, die beispielsweise in der Anwendung neuster Erkenntnisse aus der Robotik und KI-Forschung erst ganz am Anfang stehen.

Partizipation

Digitalisierung ist in ihren (auch historischen) Wurzeln radikal basisdemokratisch. Während man heute beim Stichwort Silicon Valley an marktradikal orientierte IT-Startups denkt, war vor nicht allzu langer Zeit die nichtkommerzielle Graswurzelbeteiligungskultur der Digiteratis entscheidend. Das Potential hierzu ist allen technischen Optionen, die mit der Digitalisierung einhergehen, nach wie vor eingeschrieben. Obwohl und gerade Digitalisierung aktuell oft als verdeckte Kommerzialisierung gelesen werden muss (z.B. als Umbau herkömmlicher Werbekonzepte durch das Influencerwesen und der damit einhergehenden neuerlichen Kolonialisierung von Lebenswelt), bieten sich hier also kritische Potenziale, die Soziale Arbeit nutzen kann und sollte. Lässt man dies zu, können Adressat*innen weitaus mehr als bisher über Soziale Dienste mitbestimmen und diese mehr und mehr zu responsiven Organisationen machen.

Soweit als ein paar Gedanken – ich war selbst erstaunt, wie schnell man auf weiterführende Gedanken und Analysepotentiale kommt, wenn gängige Theoriekonzepte Sozialer Arbeit auf den Gegenstandsbereich ihrer Digitalisierung angewendet werden. Dies gälte es zu verfolgen, damit Soziale Arbeit weiterhin die Deutungshohheit über ihren kulturellen Wandel behält.

Welche Digitalisierung braucht Soziale Arbeit?

Digitalisierung in der Sozialen Arbeit: Bisher randständiges Thema. Foto: geralt/Pixabay, CC0

Seit Verabschiedung des Koalitionsvertrages ist die Digitalisierung in aller Munde. Und wie mit jedem politisch geadelten Plastikwort ergeht es auch diesem Begriff: Er wird überinklusiv für alles benutzt, was irgendwie mit Daten, Internet, Hard- oder Software zu tun hat. Also streng genommen für die ganze Welt des 21. Jahrhunderts. Aus diesem kapazitiven Bedeutungsüberschuss der Digitalisierung entsteht genauso viel Sinn wie Unsinn, auch und gerade in der Sozialen Arbeit, die sich bis heute durch eine gewissen Technikferne auszeichnet.

Welche Digitalisierung aber braucht Soziale Arbeit eigentlich? In einem 2019 erscheinenden Beitrag in einem Sammelband zu diesem Thema gibt es Antworten, aber einige kann ich schon vorwegnehmen: Digitalisierung in der Sozialen Arbeit ist zunächst einmal Medienbildung und Gestaltung kulturellen Wandels. Das gilt für ihre Fachkräfte und für ihre Adressatinnen und Adressaten. Dabei ist mehr gemeint, als sich in den Optionen ubiquitärer Medien nicht zu verlieren und ein Smartphone bedienen zu können. Für Fachkräfte geht es dabei vor allem um konzeptionelles Wissen – also wie sich, gemessen an den Ansprüchen Sozialer Arbeit, digitale Medien sinnvoll zur Verbesserung und Erweiterung ihrer Angebote nutzen lassen. Das klingt einfach, aber bis heute ist es so, dass Digitalisierung nur vereinzelt im Studium Sozialer Arbeit vorkommt. Und wenn, dann geht es um Wissensvermittlung über bereits vorhandener Dienste und Angebote, z.B. zum Thema Onlineberatung oder den Einsatz von Dokumentationssoftware im Rahmen der Jugendamtsarbeit. Das ist ein guter Anfang, negiert aber die Tatsache, dass diese Dienste nicht mehr als innovativ gelten und somit auch nicht in ihrer exemplarischen Darreichungsform für die Vermittlung des gr0ßen Problems einer hoch kontingenten digitalen Zukunft taugen. Für das Beispiel Onlineberatung und Falldokumentation heißt das: Vermittelt werden muss nicht nur der Korpus an bereits gut etablierten methodischen und technischen Verfahrensweisen, sondern auch: Was bedeutet eigentlich Affective Computing für die Soziale Arbeit? Wo kann eine KI hier unterstützen, wo ist sie hinderlich? Was passiert beispielsweise konkret, wenn eine KI mit dem synergetischen Navigationssystem gekoppelt wird und daraus möglicherweise weitaus präzisere Vorhersagedaten als bisher entstehen? Wie ist damit umzugehen, dass menschliche Fachkräfte in Teilen oder ganz in der Onlineberatung möglicherweise ersetzbar sind? Will man das? Welche ethischen Probleme ergeben sich daraus?

Abseits dieser thematischen Spezialfragen sind aber auch auch die Anschlüsse der Digitalisierungsdebatte an Großtheorien Sozialer Arbeit bisher gar nicht benannt, geschweige denn ausgearbeitet. Was bedeutet beispielsweise das Internet der Dinge für das Konzept der Lebensweltorientierung? Wie muss der Sozialraumdiskurs erweitert werden, wenn es um den Einbezug des Internets mit seiner entörtlichten und entzeitlichten Logik geht?

Soziale Arbeit braucht für diese Fragen Fachkräfte, die Antworten aus der Sozialen Arbeit selbst heraus entwickeln. Sonst läuft sie wieder einmal Gefahr, dass sie ihre Themen später manageriell und fachfremd aufbereitet wiederfindet und sich, ähnlich wie in der Dienstleistungs- und Ökonomisierungsdebatte, nur noch reaktiv dazu verhalten kann. Digitalisierung bedeutet für Soziale Arbeit vor allem, einen bereits stattfindenden kulturellen Wandel als solchen zu erkennen und mitzugestalten und die damit einhergehenden Veränderungen vor allem als Pluralisierung und Modernisierung von Kulturtechniken zu begreifen, die Bestandteil der Lebenswelt von Fachkräften und Adressat*innen sind. Dies umfasst die gesamte Spannweite von Lehre und Forschung in der Sozialen Arbeit bis hin zu ihren zukünftig auch vermehrt digitalen Diensten und Arbeitsabläufen.

Erst wenn dies begriffen ist, kann es um Software und Hardware gehen. Die viel beschworene App oder neue Dienste sind, wenn man erst einmal weiß, warum und für was man sie möchte, im Rahmen von Design Thinking weitaus rascher und prozesshaft passend entwickelt als in der derzeitigen Rezeption von Digitalisierung als beständige Hard- und Softwareinnovation suggeriert wird. Vorher aber steht das intensive Denken, Reflektieren und kreativ sein. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass es für die Bedürfnisse Sozialer Arbeit derzeit eher zu viel als zu wenig bereits bestehende Technologien gibt – die sie noch gar nicht nutzt.

Soziale Arbeit wird also eine Digitalisierungsdebatte benötigen, die das Thema entlang ihren eigenen Erfordernisse entwickelt und sie vor allem als kulturellen Wandel von Bildungs- und Bewältigungsoptionen begreift.

 

Agile Studiengangsentwicklung: Von Sprints und Kreidetafeln

Kanban und Scrum to go: MeisterTask

Wie entwickelt man neue Studiengänge, wenn die Zielvorgaben stehen, wenn klar ist, wie der Studiengang heißen soll, was die Studierenden am Ende können sollen und welche Erwartungen die sonstigen Anspruchsgruppen (z.B. eine gute Planbarkeit aus Verwaltungssicht, regionale PartnerInnen etc.) haben?

Eine leider oft anzutreffende Form ist: Man beauftragt eine nicht präzise genug definierte Arbeitsgruppe, die sich erst einmal finden muss, dann tagt sie, und sie tagt, und tagt, und tagt, hin und wieder müssen andere Instanzen (Fachbereiche, Dekanate, die Hochschulleitung und das FBI) einbezogen werden, bevor es mit dem Tagen weiter geht. Dann kommt irgendwoher ein diffuser Endtermin des überhaupt nicht beschriebenen Prozesses – z.B. die Einreichungsfrist bei der Akkreditierungsagentur – und dann wird im Rekordtempo vor sich hingewerkelt, mit oft nicht völlig befriedigendem Endprodukt, reichlichen Kollateralschäden und der Einsicht, dass ein so wichtiges Projekt wie Studiengangsentwicklung nicht einfach so im Hochschulalltag platziert werden kann.

Das muss nicht sein, wenn die Entwicklungsarbeit von vornherein sinnvoll geplant wird. Für WissenschaftlerInnen, die gerne eigenständig und in flexiblen Teams mit eher flachen Hierarchien arbeiten, bietet sich eine agile Studiengangsentwicklung an. Mit agilen Planungsprinzipien ist dabei ein aus der Softwareentwicklung bekanntes Vorgehen gemeint, das sehr flexibel, proaktiv und dezentral ein Projekt umsetzt und mittlerweile auch in vielen Verwaltungen zum Standard geworden ist. Agiles Planen und Organisieren liegt dabei quer zum bekannten Projektemanagement mit klassischer Prozessoptimierung, das häufig einen großen Wasserkopf mit vielen inhaltlich nicht Beteiligten produziert, als kostenintensive Infrastruktur vorgehalten werden muss und oft zu langsam für dynamische Planungsaufgaben ist. Agile Prinzipien sind durch die transparente Beauftragung einer ExpertInnengruppe, deren Arbeit von vielen oder allen jederzeit nachvollzogen werden kann, auch ein guter Beteiligungsmix aus Basisdemokratie und ExpertInnenkultur.

Für kleine Teams – 2 bis 10 Personen – sind zwei Vorgehensweisen agiler Planung und Organisation von Bedeutung: Scrum und Kanban. Mit beiden Modellen lassen sich prima Studiengänge entwickeln. Scrum funktioniert dabei dann besonders gut, wenn es nicht nur um eine einzige Neuentwicklung geht, sondern auch insgesamt darum, agile Prinzipien einzuführen um z.B. Hochschulen mit langem Entwicklungsrückstand fitter für die aktuell sehr dynamische Hochschullandschaft zu machen (ein Lieblings-Klassiker zum organisationalen Umgang mit Wissen: Nonaka und Takeuchi 1997😊). Scrum ist also auch ein Medium, das über den Einzelfall hinaus die Organisation lernen lassen kann, wozu eine gewisse Masse an interessierten KollegInnen gehört. Kanban hingegen ist nahezu voraussetzungslos, hat aber weniger Interventionscharakter für die Gesamtorganisation.

Und wie funktionierts? Bei Scrum wird das Gesamtprojekt Studiengangsentwicklung in einzelne, vorher festgelegte Phasen zerlegt, die ein bis sechs Wochen dauern können. Eine solche Phase heißt Sprint – das ganze Modell ist entlang von Begriffen aus dem Sport benannt: Scrum (Gedränge) meint das produktive Knäuel aus Spielern beim Rugby, Sprint das schnelle und zielsichere zurücklegen einer Strecke. Jeder Sprint hat einen definierten Startpunkt aus Anforderungen und Eingangsvariablen. Im Sprint werden diese Anforderungen nicht mehr geändert (was das zentrale Prinzip der Sache ist) und ein bestmögliches Ergebnis unter diesen Vorgaben entwickelt, das dann evaluiert wird. Die Ergebnisse dieser Evaluation sind dann automatisch der Startpunkt für den nächsten Sprint, und so weiter. So entsteht eine recht einfache Kette von Iterationen, die aber zwei zentrale Vorteile hat: Es wird nicht ständig an den Vorgaben herumgedoktert (das nicht nur an Hochschulen beliebteste Mittel, um Projekte ins Endlose laufen zu lassen), und es wird nicht mit undefinierter Zeit herumgewerkelt. Geht ein Sprint völlig schief, dann wird auch dieses Ergebnis ebenso wie alle anderen evaluiert und der nächste Sprint beginnt planmäßig. Für Scrum sind drei Rollen zentral, die KollegInnen dabei haben: ProduktbesitzerIn (etwas holprig übersetzt, hat sich aber eingebürgert) ist eine Person, die alle Spezifikationen kennt, bei der Studiengangsentwicklung ist das in der Regel der Dekan oder die Hochschulleitung, in größeren Hochschulen kann dies auch eine nur mit Studiengangsentwicklung betraute Person aus einer Stabstelle (meist ein zentraler Dienst wie Planung und Evaluation oder Hochschuldikdaktik) sein. Mitglieder des eigentlichen Entwicklungsteams haben in Scrum die inhaltliche Expertise – oft, aber nicht immer sind das die in einem zukünftigen Studiengang lehrenden Profs. Dieses Team ist in der Regel für die Studiengangsentwicklung interdisziplinär zusammengesetzt, idealerweise sowohl mit VertreterInnen der (Haupt)fachdisziplinen sowie einer/einem Kollegin, die hochschuldikdaktisch spezialisiert ist. Und schließlich gibt es den/die ScrummasterIn, die über den Prozess wacht und eventuelle Konflikte im Entwicklungsteam antizipiert und klärt. In der Studiengangsentwicklung kann dies auch jemand aus der Verwaltung sein, der sich mit allfälligen Konfliktmustern im Wissenschaftsbetrieb auskennt. Für das Scrum-Vorgehen ist es dabei sogar ein Vorteil, wenn dies kein/e FachwissenschaftlerIn ist. Ein typischer Scrum-Prozess für einen Studiengang entwickelt dabei zunächst in den ersten Sprints die Struktur (Anzahl und Benennung der Module, ETCS-Bepunktung) und in den folgenden Sprints dann jeweils die konkreten Inhalte (meist die Module) und in eventuell notwendigen Abschlussrunden noch einmal kleine Korrekturen an der Gesamtstruktur. Hat man sich auf die Struktur geeinigt, lassen sich in den Modul-Sprints auch Module parallel entwickeln, die Evaluation dieser Sprints muss aber dann vor allem bekannte und eventuell neu auftretende Abgängigkeiten parallel durchgeführter Sprints evaluieren.

Kanban ist zunächst einfacher, entfaltet aber auch eine stark strukturierende Wirkung. Das Wort kommt aus dem japanischen und meint wörtlich „Signalkarte“, gemeint ist im engeren Sinne dabei aber eine Karte mit einer Aufgabe, die auf der typischen Kanban-Tafel (die früher eine Kreidetafel o.ä. in der Werkstatt war) drei Stadien durchläuft: „Offen“ (Aufgabe ist definiert), „in Bearbeitung“ und „fertig“. Während des Durchlaufs werden dabei zuständige Personen und eventuell notwendige Unterschritte und Ressourcen definiert (=auf der Karte notiert), so dass alle am Projekt beteiligten sehen können, welche Aufgabe gerade wo steht. Auch hier wird die Studiengangsentwicklung also zunächst aufgeteilt, allerdings in Aufgaben und nicht in Zeitabschnitte. Das Durchlaufen der Prozesskette ist also nicht wie bei Scrum zeitlich definiert, sondern richtet sich nach den Anforderungen der Aufgabe – unterschiedliche Aufgaben können unterschiedlich lange dauern. Kanban verhindert aber ebenso wie Scrum, dass Aufgaben stecken bleiben, gar nicht angegangen oder verdrängt/vergessen werden.

Beide Prinzipien erleichtern die Entwicklungsarbeit enorm. Wenn die Grundlagen eines Studienganges vorgeklärt sind (z.B. entsprechen der ständig aktualisierten Nexus-Seite der KMK) kann man die Entwicklung in einigen Monaten bis zu max. einem Jahr absolvieren – und sich dabei noch über eine neue Art der Zusammenarbeit freuen. Und natürlich (wie könnte es auf diesem Blog auch anders sein…) macht agile Entwicklung besonders Spass, wenn man die Kreidetafel durch eine App ersetzt. Hier gibt es derzeit nur eine, die wirklich alles kann und auch noch schön aussieht (das Auge arbeitet ja mit) – nämlich MeisterTask (in der kostenlosen Version schon völlig ausreichend).