Vier Monate papierlos als Experiment: Geht gut, auch in der Wissenschaft.

Papierlos publizieren: Ein Tablet zum Schreiben, eines zum Lesen.

Vor einiger Zeit ist ein für mich wichtiges Experiment zu Ende gegangen: Ich habe in meinem Forschungssemester konsequent versucht, auf Papier zu verzichten. Die Wahl auf das Forschungssemester fiel dabei deshalb, weil ich diese Zeit an einem meiner abgelegenen Lieblingsplätze verbracht habe und es dort schlicht keine greifbare IT-Infrastruktur gibt – Gewohnheitsänderungen klappen ja immer dann am besten, wenn man gar keine Möglichkeit hat, in alte Muster zu kippen. Da außer meinen weiterlesen

Lebensweltorientierte Digitalisierung in der Sozialen Arbeit

Digitalisierung Sozialer Arbeit im Licht ihrer eigenen Theorie. Bild: geralt/Pixabay, CC0

Soziale Arbeit beginnt an vielen Stellen, sich mit ihrer Digitalisierung zu befassen. Das ist gut so, denn nach wie vor vertrete ich die These, dass dieser Prozess als kultureller Wandel Sozialer Arbeit insgesamt aufzufassen ist und nicht als die sozialmanagerielle Einführung von IT-Tools. Wenn dem so ist, sollten auch Referenzkonzepte aus der Sozialen Arbeit selbst genutzt werden, um die Digitalisierung Sozialer Arbeit zu verstehen und zu gestalten. Im heutigen Blogbeitrag geht es darum zu überprüfen was es bedeutet, von einer lebensweltorientierten Digitalisierung auszugehen. Zum Konzept der Lebensweltorientierung schreibe ich an dieser Stelle nichts, sondern verweise auf den von Hans Thiersch entfalteten Diskurs, der zum wesentlichen Leitkonzept Sozialer Arbeit zählt. In der Lebensweltorientierung sind zentrale Maxime definiert, an denen sich die Arbeit ausrichten soll und durch die im Gegenzug reflektiert werden kann, ob ein gegebenes Konzept als lebensweltorientiert aufgefasst werden kann.

Wie könnte also die Digitalisierung für die Soziale Arbeit aussehen, wenn man sie an den Maximen der Lebensweltorientierung ausrichtet?

Alltagsnähe

Alltagsnähe verweist in der Sozialen Arbeit darauf, dass der von Adressat*innen erlebte Alltag einen Eigensinn hat. Alltag wird dabei doppelbödig aufgefasst, weil er durch seine immanenten Routinen des Zurechtkommens auch das Potential birgt, weiterführende Kritik und Problematisierung von Lebensumständen- und Situationen zu verunmöglichen. Zentral ist für die Struktur von Diensten und das Handeln von Professionellen aber dennoch die notwendige Ausrichtung ihrer Arbeit an Alltagsstrukturen und Alltagslogiken. Bezogen auf Digitalisierung bedeutet dies, zunächst zu suchen, wo Adresssat*innen Sozialer Arbeit in ihrem Alltag digitale Dienste nutzen. Schnell kommt man dann darauf, dass elaborierte Modelle z.B. dig

italer Bürgerdienste oder sonstige Spezialangebote nur einen Teil einer gelingenden Digitalisierung Sozialer Arbeit darstellen können. Der digitalisierungsbezogene Alltag der meisten Menschen sieht hingegen ganz anders aus: Für Jugendliche sind das beispielsweise Instagram, Snapchat, WhatsApp, Twitter und YouTube. Hier spielt sich der Alltag ab, der weitgehend als Stream organisiert und an vielen Stellen mit der nicht digitalen Welt vernetzt ist. Gleichzeitig tut sich Soziale Arbeit gerade mit solchen Gedanken am schwersten – zum einen durch eine latente Technikferne, die sich auch in der jüngeren Fachkräftegeneration wiederholt, zum anderen durch eine demographische Personalsituation, die derzeit das tätig werden auf Facebook bereits als Königsweg der Digitalisierung begreift.

Regionalisierung/Dezentralisierung

Regionalisierung und Dezentralisierung bedeutet in den Präsenzangeboten z.B. Jugendhilfestationen in überschaubar gedachten Sozialräumen und keine Spezial- und Komplexeinrichtungen, deren Besuch zwingend den Abbruch von Alltagskontakten bedeutet. Dieser Gedanke ist auch in der Digitalisierung wichtig: Für die meisten Fachkräfte gilt bis heute die Unterscheidung „entweder man ist drin“ mit seinem Dienst, oder nicht. Das Internet zerfällt aber ebenso wie die echte Welt durch höchst unterschiedliche Milieus und Kulturen in zahlreiche Partitionen, die man durchaus im übertragenen Sinne als virtuelle Sozialräume auffassen kann. R

egionalisierung bedeutet dann, dort im Internet präsent zu sein oder digitale Dienste zu konzipieren, wo sie mit anderen Dingen „vor Ort“ sein können – also z.B. nicht nur in den behördenförmig aufgebauten Webseiten kommunaler Träger, sondern in den Regionen des Internets, in denen sich Adressat*innen aufgrund ihrer Eigenlogik aufhalten.

Prävention

Prävention – bei aller in ihr wohnenden Gefahr, alleine durch die Thematisierung potentieller Krisen und Probleme diese möglicherweise zu befördern – kann in der Digitalisierung besonders bedeutsam und möglicherweise weniger problematisch konzipiert werden: Durch die potentielle Anonymität digitaler Dienste können beispielsweise Stigmatisierungsängste und Gefahren weniger drastisch ausfallen als dies in Präsenzformaten der Fall ist.

Integration/Inklusion

Soziale Arbeit kann als universalistisches Projekt, in dem die Einheit der Differenzen zwischen Möglichkeiten und Einschränkungen verschiedener Menschen durch den Primat der allgemeinen Menschenrechte und der Menschenwürde normativ sichergestellt ist, aber im Alltag oft ausbleibt, besonders von Digitalisierung profitieren. Digitale Dienste können als digitale Inklusion und inklusive Digitalisierung gedacht werden und durch die Materialisierung technischer Potentiale an vielen Stellen vollkommen neue Handlungsmöglichkeiten eröffnen, die beispielsweise in der Anwendung neuster Erkenntnisse aus der Robotik und KI-Forschung erst ganz am Anfang stehen.

Partizipation

Digitalisierung ist in ihren (auch historischen) Wurzeln radikal basisdemokratisch. Während man heute beim Stichwort Silicon Valley an marktradikal orientierte IT-Startups denkt, war vor nicht allzu langer Zeit die nichtkommerzielle Graswurzelbeteiligungskultur der Digiteratis entscheidend. Das Potential hierzu ist allen technischen Optionen, die mit der Digitalisierung einhergehen, nach wie vor eingeschrieben. Obwohl und gerade Digitalisierung aktuell oft als verdeckte Kommerzialisierung gelesen werden muss (z.B. als Umbau herkömmlicher Werbekonzepte durch das Influencerwesen und der damit einhergehenden neuerlichen Kolonialisierung von Lebenswelt), bieten sich hier also kritische Potenziale, die Soziale Arbeit nutzen kann und sollte. Lässt man dies zu, können Adressat*innen weitaus mehr als bisher über Soziale Dienste mitbestimmen und diese mehr und mehr zu responsiven Organisationen machen.

Soweit als ein paar Gedanken – ich war selbst erstaunt, wie schnell man auf weiterführende Gedanken und Analysepotentiale kommt, wenn gängige Theoriekonzepte Sozialer Arbeit auf den Gegenstandsbereich ihrer Digitalisierung angewendet werden. Dies gälte es zu verfolgen, damit Soziale Arbeit weiterhin die Deutungshohheit über ihren kulturellen Wandel behält.

Welche Digitalisierung braucht Soziale Arbeit?

Digitalisierung in der Sozialen Arbeit: Bisher randständiges Thema. Foto: geralt/Pixabay, CC0

Seit Verabschiedung des Koalitionsvertrages ist die Digitalisierung in aller Munde. Und wie mit jedem politisch geadelten Plastikwort ergeht es auch diesem Begriff: Er wird überinklusiv für alles benutzt, was irgendwie mit Daten, Internet, Hard- oder Software zu tun hat. Also streng genommen für die ganze Welt des 21. Jahrhunderts. Aus diesem kapazitiven Bedeutungsüberschuss der Digitalisierung entsteht genauso viel Sinn wie Unsinn, auch und gerade in der Sozialen Arbeit, die sich bis heute durch eine gewissen Technikferne auszeichnet.

Welche Digitalisierung aber braucht Soziale Arbeit eigentlich? In einem 2019 erscheinenden Beitrag in einem Sammelband zu diesem Thema gibt es Antworten, aber einige kann ich schon vorwegnehmen: Digitalisierung in der Sozialen Arbeit ist zunächst einmal Medienbildung und Gestaltung kulturellen Wandels. Das gilt für ihre Fachkräfte und für ihre Adressatinnen und Adressaten. Dabei ist mehr gemeint, als sich in den Optionen ubiquitärer Medien nicht zu verlieren und ein Smartphone bedienen zu können. Für Fachkräfte geht es dabei vor allem um konzeptionelles Wissen – also wie sich, gemessen an den Ansprüchen Sozialer Arbeit, digitale Medien sinnvoll zur Verbesserung und Erweiterung ihrer Angebote nutzen lassen. Das klingt einfach, aber bis heute ist es so, dass Digitalisierung nur vereinzelt im Studium Sozialer Arbeit vorkommt. Und wenn, dann geht es um Wissensvermittlung über bereits vorhandener Dienste und Angebote, z.B. zum Thema Onlineberatung oder den Einsatz von Dokumentationssoftware im Rahmen der Jugendamtsarbeit. Das ist ein guter Anfang, negiert aber die Tatsache, dass diese Dienste nicht mehr als innovativ gelten und somit auch nicht in ihrer exemplarischen Darreichungsform für die Vermittlung des gr0ßen Problems einer hoch kontingenten digitalen Zukunft taugen. Für das Beispiel Onlineberatung und Falldokumentation heißt das: Vermittelt werden muss nicht nur der Korpus an bereits gut etablierten methodischen und technischen Verfahrensweisen, sondern auch: Was bedeutet eigentlich Affective Computing für die Soziale Arbeit? Wo kann eine KI hier unterstützen, wo ist sie hinderlich? Was passiert beispielsweise konkret, wenn eine KI mit dem synergetischen Navigationssystem gekoppelt wird und daraus möglicherweise weitaus präzisere Vorhersagedaten als bisher entstehen? Wie ist damit umzugehen, dass menschliche Fachkräfte in Teilen oder ganz in der Onlineberatung möglicherweise ersetzbar sind? Will man das? Welche ethischen Probleme ergeben sich daraus?

Abseits dieser thematischen Spezialfragen sind aber auch auch die Anschlüsse der Digitalisierungsdebatte an Großtheorien Sozialer Arbeit bisher gar nicht benannt, geschweige denn ausgearbeitet. Was bedeutet beispielsweise das Internet der Dinge für das Konzept der Lebensweltorientierung? Wie muss der Sozialraumdiskurs erweitert werden, wenn es um den Einbezug des Internets mit seiner entörtlichten und entzeitlichten Logik geht?

Soziale Arbeit braucht für diese Fragen Fachkräfte, die Antworten aus der Sozialen Arbeit selbst heraus entwickeln. Sonst läuft sie wieder einmal Gefahr, dass sie ihre Themen später manageriell und fachfremd aufbereitet wiederfindet und sich, ähnlich wie in der Dienstleistungs- und Ökonomisierungsdebatte, nur noch reaktiv dazu verhalten kann. Digitalisierung bedeutet für Soziale Arbeit vor allem, einen bereits stattfindenden kulturellen Wandel als solchen zu erkennen und mitzugestalten und die damit einhergehenden Veränderungen vor allem als Pluralisierung und Modernisierung von Kulturtechniken zu begreifen, die Bestandteil der Lebenswelt von Fachkräften und Adressat*innen sind. Dies umfasst die gesamte Spannweite von Lehre und Forschung in der Sozialen Arbeit bis hin zu ihren zukünftig auch vermehrt digitalen Diensten und Arbeitsabläufen.

Erst wenn dies begriffen ist, kann es um Software und Hardware gehen. Die viel beschworene App oder neue Dienste sind, wenn man erst einmal weiß, warum und für was man sie möchte, im Rahmen von Design Thinking weitaus rascher und prozesshaft passend entwickelt als in der derzeitigen Rezeption von Digitalisierung als beständige Hard- und Softwareinnovation suggeriert wird. Vorher aber steht das intensive Denken, Reflektieren und kreativ sein. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass es für die Bedürfnisse Sozialer Arbeit derzeit eher zu viel als zu wenig bereits bestehende Technologien gibt – die sie noch gar nicht nutzt.

Soziale Arbeit wird also eine Digitalisierungsdebatte benötigen, die das Thema entlang ihren eigenen Erfordernisse entwickelt und sie vor allem als kulturellen Wandel von Bildungs- und Bewältigungsoptionen begreift.

 

Agile Studiengangsentwicklung: Von Sprints und Kreidetafeln

Kanban und Scrum to go: MeisterTask

Wie entwickelt man neue Studiengänge, wenn die Zielvorgaben stehen, wenn klar ist, wie der Studiengang heißen soll, was die Studierenden am Ende können sollen und welche Erwartungen die sonstigen Anspruchsgruppen (z.B. eine gute Planbarkeit aus Verwaltungssicht, regionale PartnerInnen etc.) haben?

Eine leider oft anzutreffende Form ist: Man beauftragt eine nicht präzise genug definierte Arbeitsgruppe, die sich erst einmal finden muss, dann tagt sie, und sie tagt, und tagt, und tagt, hin und wieder müssen andere Instanzen (Fachbereiche, Dekanate, die Hochschulleitung und das FBI) einbezogen werden, bevor es mit dem Tagen weiter geht. Dann kommt irgendwoher ein diffuser Endtermin des überhaupt nicht beschriebenen Prozesses – z.B. die Einreichungsfrist bei der Akkreditierungsagentur – und dann wird im Rekordtempo vor sich hingewerkelt, mit oft nicht völlig befriedigendem Endprodukt, reichlichen Kollateralschäden und der Einsicht, dass ein so wichtiges Projekt wie Studiengangsentwicklung nicht einfach so im Hochschulalltag platziert werden kann.

Das muss nicht sein, wenn die Entwicklungsarbeit von vornherein sinnvoll geplant wird. Für WissenschaftlerInnen, die gerne eigenständig und in flexiblen Teams mit eher flachen Hierarchien arbeiten, bietet sich eine agile Studiengangsentwicklung an. Mit agilen Planungsprinzipien ist dabei ein aus der Softwareentwicklung bekanntes Vorgehen gemeint, das sehr flexibel, proaktiv und dezentral ein Projekt umsetzt und mittlerweile auch in vielen Verwaltungen zum Standard geworden ist. Agiles Planen und Organisieren liegt dabei quer zum bekannten Projektemanagement mit klassischer Prozessoptimierung, das häufig einen großen Wasserkopf mit vielen inhaltlich nicht Beteiligten produziert, als kostenintensive Infrastruktur vorgehalten werden muss und oft zu langsam für dynamische Planungsaufgaben ist. Agile Prinzipien sind durch die transparente Beauftragung einer ExpertInnengruppe, deren Arbeit von vielen oder allen jederzeit nachvollzogen werden kann, auch ein guter Beteiligungsmix aus Basisdemokratie und ExpertInnenkultur.

Für kleine Teams – 2 bis 10 Personen – sind zwei Vorgehensweisen agiler Planung und Organisation von Bedeutung: Scrum und Kanban. Mit beiden Modellen lassen sich prima Studiengänge entwickeln. Scrum funktioniert dabei dann besonders gut, wenn es nicht nur um eine einzige Neuentwicklung geht, sondern auch insgesamt darum, agile Prinzipien einzuführen um z.B. Hochschulen mit langem Entwicklungsrückstand fitter für die aktuell sehr dynamische Hochschullandschaft zu machen (ein Lieblings-Klassiker zum organisationalen Umgang mit Wissen: Nonaka und Takeuchi 1997😊). Scrum ist also auch ein Medium, das über den Einzelfall hinaus die Organisation lernen lassen kann, wozu eine gewisse Masse an interessierten KollegInnen gehört. Kanban hingegen ist nahezu voraussetzungslos, hat aber weniger Interventionscharakter für die Gesamtorganisation.

Und wie funktionierts? Bei Scrum wird das Gesamtprojekt Studiengangsentwicklung in einzelne, vorher festgelegte Phasen zerlegt, die ein bis sechs Wochen dauern können. Eine solche Phase heißt Sprint – das ganze Modell ist entlang von Begriffen aus dem Sport benannt: Scrum (Gedränge) meint das produktive Knäuel aus Spielern beim Rugby, Sprint das schnelle und zielsichere zurücklegen einer Strecke. Jeder Sprint hat einen definierten Startpunkt aus Anforderungen und Eingangsvariablen. Im Sprint werden diese Anforderungen nicht mehr geändert (was das zentrale Prinzip der Sache ist) und ein bestmögliches Ergebnis unter diesen Vorgaben entwickelt, das dann evaluiert wird. Die Ergebnisse dieser Evaluation sind dann automatisch der Startpunkt für den nächsten Sprint, und so weiter. So entsteht eine recht einfache Kette von Iterationen, die aber zwei zentrale Vorteile hat: Es wird nicht ständig an den Vorgaben herumgedoktert (das nicht nur an Hochschulen beliebteste Mittel, um Projekte ins Endlose laufen zu lassen), und es wird nicht mit undefinierter Zeit herumgewerkelt. Geht ein Sprint völlig schief, dann wird auch dieses Ergebnis ebenso wie alle anderen evaluiert und der nächste Sprint beginnt planmäßig. Für Scrum sind drei Rollen zentral, die KollegInnen dabei haben: ProduktbesitzerIn (etwas holprig übersetzt, hat sich aber eingebürgert) ist eine Person, die alle Spezifikationen kennt, bei der Studiengangsentwicklung ist das in der Regel der Dekan oder die Hochschulleitung, in größeren Hochschulen kann dies auch eine nur mit Studiengangsentwicklung betraute Person aus einer Stabstelle (meist ein zentraler Dienst wie Planung und Evaluation oder Hochschuldikdaktik) sein. Mitglieder des eigentlichen Entwicklungsteams haben in Scrum die inhaltliche Expertise – oft, aber nicht immer sind das die in einem zukünftigen Studiengang lehrenden Profs. Dieses Team ist in der Regel für die Studiengangsentwicklung interdisziplinär zusammengesetzt, idealerweise sowohl mit VertreterInnen der (Haupt)fachdisziplinen sowie einer/einem Kollegin, die hochschuldikdaktisch spezialisiert ist. Und schließlich gibt es den/die ScrummasterIn, die über den Prozess wacht und eventuelle Konflikte im Entwicklungsteam antizipiert und klärt. In der Studiengangsentwicklung kann dies auch jemand aus der Verwaltung sein, der sich mit allfälligen Konfliktmustern im Wissenschaftsbetrieb auskennt. Für das Scrum-Vorgehen ist es dabei sogar ein Vorteil, wenn dies kein/e FachwissenschaftlerIn ist. Ein typischer Scrum-Prozess für einen Studiengang entwickelt dabei zunächst in den ersten Sprints die Struktur (Anzahl und Benennung der Module, ETCS-Bepunktung) und in den folgenden Sprints dann jeweils die konkreten Inhalte (meist die Module) und in eventuell notwendigen Abschlussrunden noch einmal kleine Korrekturen an der Gesamtstruktur. Hat man sich auf die Struktur geeinigt, lassen sich in den Modul-Sprints auch Module parallel entwickeln, die Evaluation dieser Sprints muss aber dann vor allem bekannte und eventuell neu auftretende Abgängigkeiten parallel durchgeführter Sprints evaluieren.

Kanban ist zunächst einfacher, entfaltet aber auch eine stark strukturierende Wirkung. Das Wort kommt aus dem japanischen und meint wörtlich „Signalkarte“, gemeint ist im engeren Sinne dabei aber eine Karte mit einer Aufgabe, die auf der typischen Kanban-Tafel (die früher eine Kreidetafel o.ä. in der Werkstatt war) drei Stadien durchläuft: „Offen“ (Aufgabe ist definiert), „in Bearbeitung“ und „fertig“. Während des Durchlaufs werden dabei zuständige Personen und eventuell notwendige Unterschritte und Ressourcen definiert (=auf der Karte notiert), so dass alle am Projekt beteiligten sehen können, welche Aufgabe gerade wo steht. Auch hier wird die Studiengangsentwicklung also zunächst aufgeteilt, allerdings in Aufgaben und nicht in Zeitabschnitte. Das Durchlaufen der Prozesskette ist also nicht wie bei Scrum zeitlich definiert, sondern richtet sich nach den Anforderungen der Aufgabe – unterschiedliche Aufgaben können unterschiedlich lange dauern. Kanban verhindert aber ebenso wie Scrum, dass Aufgaben stecken bleiben, gar nicht angegangen oder verdrängt/vergessen werden.

Beide Prinzipien erleichtern die Entwicklungsarbeit enorm. Wenn die Grundlagen eines Studienganges vorgeklärt sind (z.B. entsprechen der ständig aktualisierten Nexus-Seite der KMK) kann man die Entwicklung in einigen Monaten bis zu max. einem Jahr absolvieren – und sich dabei noch über eine neue Art der Zusammenarbeit freuen. Und natürlich (wie könnte es auf diesem Blog auch anders sein…) macht agile Entwicklung besonders Spass, wenn man die Kreidetafel durch eine App ersetzt. Hier gibt es derzeit nur eine, die wirklich alles kann und auch noch schön aussieht (das Auge arbeitet ja mit) – nämlich MeisterTask (in der kostenlosen Version schon völlig ausreichend).

 

Digitalisierung im Wissenschaftsalltag: Sie ist eigentlich schon da…

bequem unterwegs auf Tagungen…

In einem der letzten Blogposts habe ich von einem Digitalisierungsexperiment mit maximalem Ernscharakter berichtet: Dem (fertig) schreiben eines Buches alleine mit dem iPad Pro und MS Office. Das hat prima funktioniert, einschließlich dem Erstellen von Grafiken und es wäre im Ernstfall auch kein Windowsrechner als fallback verfügbar gewesen. Seitdem nehme ich auch auf längere (Dienst)reisen und Tagungen nichts anderes als das iPad mit. Durch die immer noch recht restriktive Appzulassung im iOS-Universum gibt es zwar nicht für alle Aufgaben Dutzende Programme, aber bisher immer eine sehr vernünftig funktionierende Lösung, oft nach dem Motto „reduced to the max“. Das ist für mich die erste Stufe einer echten Digitalisierung, die einen Unterschied im Alltag macht: Ein sehr, sehr leichtes Tablet mit der Rechenleistung eines Notebooks ist schlicht ultrapraktisch, es ist ein neues Lebens- und Arbeitsgefühl. Denn auch das leichteste Notebook habe ich nicht immer mitgenommen, das iPad hingegen ist überall dabei, da es ewig mit einer Akkuladung läuft und im Ruckack dank der Schmalheit schlicht verschwindet. Es ist mir auch – ein weiterer Unterschied zu einer Windowsmaschine – noch nie mit dubiosen Treiberupdates oder sonstigem Softwareungemach abgestürzt und unbrauchbar geworden.

Die wesentliche Innovation ist aber nicht nur die Größe und der Touchscreen, sondern der Apple Pencil. Denn damit ist das iPad tatsächlich zum vollkommenen Ersatz für alle papiergebundenen Tätigkeiten geworden. Hausaufgaben und Abschlussarbeiten als .pdf sind auf dem Tablet in beliebiger Menge in A4 transportierbar, lesbar und vor allem mit Notizen versehbar. Eine Vorlage für die Notengebung und Rückmeldung kann ich (denn von Hand schreiben hilft mir immer noch beim Denken) wie gehabt ausfüllen und hinterher bei Bedarf per E-Mail versenden. Ebenso geht das mit Fomularen aller Art, Rechnungen aus der Buchhaltung zum Abzeichnen etc. Ich habe es noch nicht ausgerechnet, aber wenn ich konsequent durchsetzen könnte, dass Hausarbeiten und zumindest das Korrekturexemplar von Abschlussarbeiten elektronisch abgegeben werden, dann sind das einige Stapel Papier, die nicht für diese Einmalverwendung bedruckt werden müssen…

Bücher scannen, aber richtig schnell

Und schlicht genial wird es, wenn es um die Haupttätigkeit in der Wissenschaft geht: Dem Lesen. Noch nie konnte ich so entspannt auf eine immer größer werdenden Menge an Artikeln und Büchern zugreifen, wobei hier ein weiteres Gadget seine Schuldigkeit tun muss: Der neue Buchscanner frißt mehrere hundert Seiten in wenigen Minuten, verfügt über eine automatisierte Verzerrungskorrektur (per Lasermessung) für ein gutes und lesbares Aussehen der Seiten und erstellt nach kurzer Zeit ein durchsuchbares .pdf per OCR. Und in dieser Datei kann ich dann wiederum wie gehabt anstreichen, Bemerkungen machen etc. – und dies nebenbei viel freier als mit dem Original, und bei Bibliotheksexemplaren verbietet sich das ja sowieso.

Die Digitalisierung, sie ist also für mich schon da. Und wenn ich über den Wissenschaftsalltag nachdenke, dann komme ich zu dem Schluss, dass wir einfach mehr alltägliche Digitalisierungskultur leben könnten, anstatt auf die durch Programme und Maßnahmen verordnete „digitale Revolution oder Disruption“ zu warten. Schließlich geht es in der Mehrzahl der Digitalisierungsaufgaben nicht um das Erfinden neuer Vorgänge und Tätigkeiten, sondern die Nutzung bereits vorhandener Technologie, um Dinge effizienter, bequemer und nachhaltiger zu erledigen. Und das betrifft nicht nur den engen Kernbereich der hier geschilderten Tätigkeiten, sondern auch die oft genannten Digitalisierungsformen in Lehre und Forschung – Lernplattformen, Datenbanken, Soziale Netzwerke, Videohostingseiten, das ist alles schon da. Wir können also zugreifen.

 

Die Digitalisierung der Digitalisierer*innen: Wie nutzen Beratungsfachkräfte das Internet privat und beruflich?

Effektstärke d von Unterschieden zwischen privater und beruflicher Mediennutzung von Beratungsfachkräften

Wie nutzen eigentlich Beratungsfachkräfte das Internet? Überwiegt – bezogen auf Dienste und Geräteklassen – die private oder berufliche Nutzung? In einer gemeinsamen Studie der EH Darmstadt und der TH Nürnberg unter Mitarbeit der Deutschen Gesellschaft für Beratung haben wir diese und andere Fragen untersucht, indem wir Beratungsfachkräften einen Onlinefragebogen vorgelegt haben. Neben soziodemographischen Hintergrundvariablen haben wir die Nutzung von Diensten und Geräten, das eigene Kompetenzempfinden sowie Fort- und Weiterbildungswünsche bezogen auf Beratung im Internet erfragt. Auf einem Kongress des Nationalen Forums für Beratung haben wir ersten Ergebnisse vorgestellt und bald erscheint dazu auch ein Artikel im e-beratungsjournal.

Davon ausgehend, dass sich gelungene Digitalisierung immer von der domänengebundenen Fachlichkeit her entwickelt, ist unsere Studie doppelt relevant: Zum einen ist Beratung in ihrer medialen Form der Internetberatung diejenige Hilfe in der Sozialen Arbeit, die in ihrer eigenen Entwicklungsgeschichte früh, naturwüchsig und intensiv das Thema Digitalisierung thematisiert. Zum anderen ist die von uns befragte und aktuell in der Beratung tätige Fachkraftgeneration auch diejenige, die diese Digitalisierung weiter verantworten wird.

Wie sieht sie nun aus, und wie weit ist sie fortgeschritten, die Digitalisierung der Digitalisierer*innen? Wir haben in der Einschätzung der Relevanz von Diensten und Geräteklassen auf der selben Skala einmal den privaten und den beruflich-beratungsbedingten Mediengebrauch erfasst. Die von uns befragten BeraterInnen zeigten in der privaten Nutzung grob zusammengefasst erwartungskonformen, eher intensiven Mediengebrauch. Interessanterweise gibt es aber große bis sehr große Unterschiede zur beruflichen Mediennutzung: In fast allen erfragten Diensten und Geräteklassen überwiegt die private Nutzung sehr deutlich: Alle der in der Grafik veranschaulichten Unterschiede sind statistisch bedeutsam, und viele liegen bezüglich der dargestellten Effektstärke in einem Bereich, der mittlere bis große Unterschiede markiert. Die Grafik macht dies mit der dort abgebildeten Effektstärke d sichtbar, für die grob gilt: bis 0,1 liegt ein kleiner, ab 0,3 ein mittlerer und ab 0,8 ein großer Unterschied vor. Zusammengefasst: privat also eine intensive, und bezogen hierauf eine beruflich spärliche Internetnutzung.

Woran liegt das? Ventiliert werden zu diesen Fragen ja unterschiedliche Ideen, z.B. eine medienkonservative Einstellung von psychosozialen Fachkräften, anthropologische Grenzen psychosozialer Hilfen (entlang derer der medialen Darreichungsform von Beratung weniger Wirksamkeit nachgesagt wird), organisationale und institutionelle Hemmnisse, Datenschutzfragen und vieles mehr.

In den kommenden Publikationen zu diesen und anderen Befunden werden wir solchen Fragen entlang unserer Daten nachgehen und natürlich auch die anderen von uns erfassten Variablen einbeziehen.

Erklärungsbedürftig ist die Differenz von eher intensiver privater Mediennutzung und einer doch eher spärlich fortgeschrittenen Digitalisierung auf jeden Fall…

Was denkt ihr?

 

Schon online: Podcast zu Digitalen Medien im Studium der Sozialen Arbeit

Benedikts Podcast ist schon online

Kommentare und Fragen sind, auch hier im Blog, erwünscht. Mit ist beim Durchdenken der angesprochenen Punkte jedenfalls wieder deutlich geworden, dass wir mehr über Bildung für angehende Fachkräfte in der Sozialen Arbeit nachdenken müssen. Wie hat das John Erpenbeck einmal schön formuliert: Wir bilden aktuell Menschen aus für Berufsfelder und Handlungsanforderungen, die wir selbst als Lehrende noch gar nicht kennen. Diese provokante These trifft sicherlich für die sinnvolle Nutzung Digitaler Technologien besonders zu.

 

 

Digitale Medien im Studium der Sozialen Arbeit – kommender Podcast mit IWMM (Irgendwas mit Menschen)

Ich wechsel mal den Kanal :-). Benedikt hat für seinen Podcast gefragt, ob wir uns ein wenig über Digitalisierung im Studium der Sozialen Arbeit unterhalten können. Das mache ich gerne, denn es ist ein spannendes Thema, das vor allem durch viele Ungleichzeitigkeiten gekennzeichnet ist: Während es an einigen Stellen bereits innovative Konzepte gibt, fühlt man sich an an vielen Orten bezüglich Hochschullehre in der digitalen Steinzeit. Ich hoffe, wir können ein wenig Begeisterung für die Idee transportieren, dass gelungene Digitalisierung in der Lehre mehr ist als elektronisch abrufbare Notenlisten oder das Ersetzen eines Handapparates durch PDFs auf einer Lernplattform.

Benedikt hat wie immer in seinem bewährten Konzept zu Fragen und Zwischenrufen aufgefordert – also: einklinken!

Digitalisierung in der Sozialen Arbeit: Es geht endlich voran!

Gute News: Das Bundesfamilienministerium unter Dr. Katarina Barley und die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege haben gestern in einer gemeinsamen Absichtserklärung Ziele für das rasche Voranbringen von Digitalisierungsstrategien im Sozialen Sektor formuliert (im Originalwortlaut samt Downloads hier).

Das war überfällig, denn vor allem in den Kerngeschäften der Sozialen Arbeit herrscht bis heute eine starke Ambivalenz gegenüber diesem bedeutsamen Thema vor: Zum einen gibt es einige Pilotprojekte in allen Arbeitsbereichen der Sozialen Arbeit, zum anderen sind diese aber häufig nur Feigenblätter für eine immer noch vorherrschende Technikferne dieses Sektors. Begreift man Digitalisierung in der Sozialen Arbeit als intersektionale Fragestellung, so wird schnell klar, dass dies ein hochkomplexes und deshalb für Forschung und Entwicklung herausfordernderndes Thema ist. Alleine auf der Seite der Fachkräfte und ihrer Organisationen spielen hier Generationeneffekte, habituelle Orientierung aus der eigenen Mediensozialisation, aber auch vorherrschende Arbeitskonzepte mit einem oft impliziten Primat der unbedingten persönlich-kopräsenten Begegnung sowie die strukturellen Ordnungen der Sozialen Arbeit eine Rolle, die im Gegensatz zur entörtlichten und entzeitlichten Logik der digitalen Innovationchancen stehen. Diese  – die Chancen – werden von vielen Adressatinnen und Adressaten Sozialer Arbeit aber gerne genutzt, und zwar gerade nicht nur von den vielzitierten medienaffinen Jugendlichen, sondern auch von Menschen, die aufgrund gesundheitlicher Einrschränkungen, eines weit fortgeschrittenen Lebensalters, einer Behinderung oder einem Wohnsitz in strukturschwachen Gebieten profitieren können  – oder zumindest könnten.

Beratung im Internet kann als eine der wenigen Hilfeformen Sozialer Arbeit auf eine bereits etablierte Geschichte der Befassung mit Digitalisierungsthemen gelten, weshalb ich mich freue, dass eines meiner Arbeitsthemen  – vor zehn Jahren noch mit Exotenbonus versehen – nun langsam in der Mitte der Professionalisierungsprozesse ankommt. Wer sich dafür interessiert: Die Kolleginnen und Kollegen an der TH Nürnberg sind hier Vorreiter, bieten Zertifikatskurse an und veranstalten jährlich einen Fachkongress zu diesem Thema (dieses Jahr bereits ausgebucht). Infos finden sich auf den Seiten des e-beratungsinstitutes. Artikel aus Forschung und Entwicklung bezüglich Beratung im Internet kann man im e-beratungsjournal nachlesen und auch auf Emelys Blog.

Für die Lehre an Hochschulen und die Ausbildung an Fachschulen reichen solche Einzelinitiativen aber nicht aus. Digitalisierungsthemen sind in der Fläche (sowohl bezogen auf die Hochschullandschaft als auch die verschiedenen Arbeitsbereiche Sozialer Arbeit) noch eher randständig, werden von engagierten Einzelpersonen (die längst keine Early Adopters mehr sind…) vertreten und sind wenig curricular verankert.