Wissen zu Digitalisierung – Mediatisierung – Beratung: Kommendes Themenheft des Kontext:

Digitalisierung und Mediatisierung als Querschnittsthema: Kontext Heft 2, 2020

Für die Ausgabe 2/2020 des Kontext, der peer revieweten Zeitschrift der DGSF, durfte ich die Gastherausgeberschaft übernehmen. Es wird ein Themenheft zu Digitalisierung und Neuen Medien in der Beratung werden. Die Beiträge stehen und ich freue mich, renommierte Kolleg*innen gefunden haben, die das Heft mitgestalten und ihr Wissen zur Verfügung stellen. Inhaltlich war mir wichtig, die Bandbreite des Themenkomplexes bestmöglich abzubilden, um Digitalisierungs als querschnittiges Kulturwandelphänomen zugänglich zu machen, das Beratungspraxen, Beratungsorganisationen und Professionalisierungsprozesse von Fachkräften gleichermaßen betrifft.

Bezogen auf digitale und mediatisierte Beratung werden Cornelia Maier-Gutheil (Darmstadt) und Tim Stanik (Tübingen) einen Artikel zu medialen Beratungsformaten und Emily Engelhard (Nürnberg) zu digitalen Supervisionsformaten schreiben.

Die Ebene der Digitalisierung und Mediatisierung von Curricula und (Weiter)bildungsorganisationen ist ein Bereich, den man derzeit in der Beratungsszene sicherlich als wenig medienaffin bezeichnen kann. Jürgen Handke (Marburg) wird hierzu etwas aus der Perspektive des von ihm entwickelten Inverted-Classroom-Masterymodels beitragen und Impulse setzen darüber nachzudenken, E-Learning auch im Bereich der non-formalen Bildung systematisch zu entfalten. Peter Martin-Thomas (Stuttgart) wird in einem reflexiven, praxisorientierten Format über die konkrete Implementierung mediengestützten Lehrens und Lernens an einem größeren Weiterbildungsinstitut berichten.

Aus der Perspektive von Lerner*innen schließlich beleuchtet der Artikel von Valentin Frangen (Landau) die Frage, wie sich Selbstwirksamkeitserwartungen bei angehenden Beratungsfachkräften in Ausbildung darstellen, wenn sie mit den Anforderungen digitaler Formate konfrontiert werden.

Mich freut besonders, dass ich diese Autor*innen gewinnen konnte und es so möglich wird, das Thema Digitalisierung und Mediatisierung auf allen wichtigen Ebenen zu beleuchten. Für alle drei Ebenen wird bezüglich Beratung und Hilfe in ihrer digitalmedialen Epoche gelten, dass gerade hier Entwicklung und Lernen auf Dauer gestellt sein müssen, um mit dem raschen Entwicklungstempo Schritt halten zu können.

Nachlese: ASD-Bundeskongress 2019

Der ASD-Bundeskongress ist um und stand dieses Jahr unter der Frage „Update oder Setup? ASD in gesellschaftlichen Umbrüchen“. In vier Themenforen wurden Umbrüche fokussiert: Digitalisierung, Personal, Kooperation/Vernetzung/Zusammenarbeit sowie Strukturentwicklung. Mit Markus Emanuel habe ich einen Workshop zu Professionalisierung von Fachkräften im Kontext von Digitalisierung angeboten, so dass auch diese Nachlese zwangsläufige Lücken hat, nämlich das Fehlen von Eindrücken aus den spannenden Workshops, die ich nicht besuchen konnte.

Digitalisierungs-Stammtisch: Udo Seelmeyer, Thomas Ley, Markus Emanuel

Genauso wichtig wie das offizielle Programm war der Austausch mit Kolleg*innen, der dann natürlich auch die Aufmerksamkeit auf eigene Schwerpunktthemen lenkt. Eindrücklich waren für mich dabei zum einen Fragen zur Digitalisierung, die ich mittlerweile bezogen auf Theorie und Praxis Sozialer Arbeit für drängend unbearbeitet halte und die auch ganz unmittelbar damit zusammen hängen, wie der Allgemeine Soziale Dienst – umgangssprachlich „das Jugendamt“ – sich zu Digitalisierungsphänomenen verhält. Fragen der Digitalisierung sind hier deshalb besonders wichtig, weil das Jugendamt in der Sozialen Arbeit die zentrale Institution ist, über die sie einen Großteil ihrer Hilfen strukturiert.

Jeder ASD ist anders – und muss doch „das Amt“ repräsentieren, das vermeintlich jede*r kennt: Joachim Merchel

Joachim Merchel hat in seinem Vortrag zu dieser Strukturierung deutlich gemacht, dass ein zentrales Dilemma des ASD ist, dass er sowohl eine relativ stark durch den Gesetzgeber normierte Institution ist, andererseits aber sehr unterschiedliche organisationale Ausprägungen annehmen kann: Ein ASD im ländlichen Gebiet ist anders strukturiert als der einer Großstadt, und neben sozialräumlichen Einflussfaktoren auf Organisationskulturen existieren noch zahlreiche weiche Variablen, z.B. hinsichtlich bestimmter Präferenzen für Hilfeformen, Maßnahmen, Träger(typen) oder methodische Schwerpunkte. Gerade die Digitalisierung bringt aber die letzten großen Einheiten dieser Differenzen ins Wanken. Eine davon ist z.B. die bisherige sozialräumliche Verortung von Amt, Hilfeempfängern und meist auch der beauftragten Träger (es sei denn, viel Abstand zu haben ist Teil der Hilfe). Digitalisierungsphänomene bringen diese räumliche Struktur gehörig durcheinander: Hilfesuchende können von überall her Kontakt aufnehmen und haben angesichts der Hybridisierung von kopräsenten und medialen Welten auch zunehmend weniger Verständnis für das Abweisen an einer abstrakten sozialräumlichen Zuständigkeitsschwelle. Andererseits bietet die Digitalisierung auch den Fachkräften und ihren Institutionen ganz neue Möglichkeiten, räumliche Schwellen zu überwinden. An diesen Punkten sehe ich unsere Diskurse in der Sozialen Arbeit jedenfalls noch ganz am Anfang – es wäre ein reizvolles Forschungsprojekt, einmal von der impliziten Behördenförmigkeit der gewachsenen Strukturen Abstand zu nehmen und Kinder und Jugendliche zu fragen, wie sie sich eine ideale Organisation in ihrer digitalen Selbstpräsentation und Struktur vorstellen, die den institutionellen Auftrag „Jugendamt“ wahr nimmt.

Aus Fehlern lernen und die eigenen Grenzen sehen? Geht nur mit einer Systematik von (Nicht)wissen: Thomas Klatetzki

Das zweite wichtige Thema war für mich der Umgang mit Professionalität und Professionalisierung in der Sozialen Arbeit, derzeit vor allem virulent im Thema Kinderschutz. Ein wirklich toller Vortrag von Thomas Klatetzki hat theoretisch analysiert und begründet, was viele Fachkräfte als dumpfes Unbehagen empfinden: Es gibt eben neben der Kategorie des sozialpädagogischen Wissens auch die große Kategorie des Nichtwissens. Beides, Wissen und Nichtwissen, können implizit und explizit sein und führen zu unterschiedlichen, auch organisational gesteuerten, Umgängen mit Fehlern. In seinem Vortrag machte Thomas Klatetzki deutlich, dass wir Umfang und Bedeutung des Nichtwissens im Kinderschutz unterschätzen, es ist eben keinesfalls nur ein (Nach)qualifizierungsproblem. Vielmehr bräuchte es neben möglichst gut ausgebildeten Fachkräften einen multiprofessionellen dritten Ort zur kompetenten Abklärung.

Barnahús-Konzept als mögliche Organisationsform für die Reduktion von Nichtwissen: Thomas Klatetzki

Sein konkreter Vorschlag war die Einführung des Barnahús-Konzeptes: Kinderhäusern, in denen Kinder, bei denen der Verdacht auf eine Kindeswohlgefährdung besteht, von einem multiprofessionellen Team (Sozialpädagogik, Medizin, Kriminologie, Psychologie) bei Bedarf auch über längere Zeit begleitet und untersucht werden können. Mich haben seine Ausführungen zu den Grenzen der aktuellen Möglichkeiten der von uns im gegenwärtigen System ausgebildeten Fachkräfte auch an meine eigenen Forschungsergebnisse zur Handlungsfähigkeit am Ende des Studiums erinnert.

Qualität und Quantität sind wichtige Fragen von Personalpolitik in der Sozialen Arbeit. Der Fachkräftemangel ist manifest: Benjamin Landes

Hier müsste, aus meiner Sicht, ebenfalls ein Umdenken stattfinden, das idealerweise einen Umbruch bedeutet: Arbeitsplätze wie die im ASD machen deutlich, dass Soziale Arbeit an vielen Stellen ähnlich komplex ist wie z.B. das Führen einer Hausarztpraxis und auch ähnlich folgenreiche Handlungen nötig sind, die möglicherweise unter noch mehr Unsicherheit wie in der Medizin entschieden werden müssen. Der Aufschrei wäre sicher groß, wenn wir in Deutschland Mediziner mit BA-Abschluss hätten, denen nach relativ überschaubarer Zeit die Vollverantwortung übertragen würde.

Damit will ich (nicht nur) das alte Lied der Entlohnung anstimmen, sondern  an tieferliegende Probleme erinnern: Arbeitsplätze in der Sozialen Arbeit müssen in vielen Domänen unbefristet und attraktiv gestaltet werden – und die Zugangsvoraussetzung muss ein qualifizierter MA-Abschluss sein. Nur so entsteht eine Basis, die notwendige Umbrüche sehen, gestalten und evaluieren kann.

 

 

Nachlese: Fachforum Onlineberatung 2019

Den Kolleg*innen aus Nürnberg – vor allem Richard Reindl und Emily Engelhard und der zugehörigen Tagungsmannschaft – ist es geglückt, wieder ein interessantes Fachforum zu organisieren. Zum 12. Mal ging es an diesem zweitägigen Kongress um Onlineberatung, diesmal unter dem Schwerpunktthema Soziale Innovation.

Frisch von der TH Nürnberg zurück, gehen mir dazu einige Gedanken durch den Kopf. Zunächst fällt mir nach wie vor die große Heterogenität in den Wissensständen auf – der Kongress hat sich darauf seit einigen Jahren insofern eingestellt, als dass es „Newcomer*innen-Workshops“ in einer Art Pre-Conference-Programm gibt. Das zeigt, dass sich dauerhaft neue, auch junge und gerade ins Berufsfeld der Sozialen Arbeit eintretende Kolleg*innen für das Thema Soziale Arbeit im Zeitalter ihrer Digitalisierung interessieren. Was wir zukünftig mehr voranbringen müssen, wäre aber konsistente Theoriearbeit zum Themenkomplex Digitalisierung in der Sozialen Arbeit. Für Onlineberatung ist beispielsweise noch nicht einmal geklärt, ob sie als Technik, Methode oder Arbeitsfeld aufzufassen ist, will man der gängigen Systematik von Michael Galuske folgen – dabei ist das Beraten im Internet längst nicht mehr die einzige digital unterstützte Tätigkeit in der Sozialen Arbeit.

Hat Spass gemacht: Die zwei Workshopdurchgänge mit unterschiedlichen, aber diskussionsfreudigen Gruppen

In meinem Workshop habe ich deshalb versucht, einmal hinter und unter die rührige Diskursoberfläche der Szene zu blicken, um utopische und medienkonservative Momente zu identifizieren und Digitalisierung als kulturellen Wandel mit den zugehörigen Ungleichzeitigkeiten aufzufassen. So fällt mir auf, dass die Praxis der Onlineberatung seit einiger Zeit in einer eigenen Filterblase steckt, in der sie ihre Theorien kleiner Reichweite ausführlich ventiliert und damit immer neue Zielgruppen und Beratungsthemen erschließt, dabei aber oft den Anschluss an übergeordnete Digitalisierungsprozesse verliert. Hybridisierung wird beispielsweise vornehmlich gedacht als Verbindung zwischen kopräsenter und medial operierender Kommunikation, während beispielsweise das Biohacking, auch als jugendkulturelles Phänomen, Hybridisierung in ganz anderer Hinsicht intendiert – nämlich als Verschmelzung zwischen der biologischen Existenz und artifiziellen, digitalen Medien. Daraus entsteht das transhumane Moment, das man unterschiedlich bewerten mag, um das man aber nicht umhin kommt – auch in der Sozialen Arbeit nicht. 

Geraldine de Bastion ging in ihrer Keynote auf ein fast schon ikonisches Gerät ein: Roboter-Robbe Paro für Demenzkranke

Toll war deshalb, dass die Keynote von Geraldine de Bastion die Vielfalt von Digitalisierungsprozessen zugänglich gemacht hat und dabei  – Stichwort Big Data und KI – auch manche für die Soziale Arbeit noch unbekannte Szenarien vorgestellt hat, z.B. die Echtzeitauswertung von Texten in Sozialen Netzwerken zum Erkennen von Menschen in suizidalen Krisen. Auch daran konnte ich in den Diskussionen in meinem Workshop gut anknüpfen – denn KI-Unterstützung im Kinderschutz und Beratung, die nur durch Algorithmen angeboten wird und ohne menschliche Fachkräfte auskommt, sind bereits Realität. Verhandelt wird dort längst nicht mehr, ob solche Angebote wirken (das tun sie), sondern für welche Beratungs- und Therapieanliegen und Adressat*innengruppen eine Arbeitsbeziehung zu einer KI, einem Menschen oder einer Kombination am besten ist.

Die allfälligen Fragen, ob und wie sich das unter einer ethischen Perspektive legitimieren lässt, was Fachkräfte brauchen, um solche Technologien gewinnbringend einzusetzen und was das für die Fort- und Weiterbildungslandschaft bedeutet, waren deshalb der ständig mitlaufende Subtext der gesamten Tagung. Ich jedenfalls war froh um die zahlreichen kritischen, aber produktiven Stimmen, die das Kongressthema hinterfragt haben.

Der Abschlussvortrag schließlich war mit dem Thema des spielerischen Erzeugens von  Motivation (Gamification) vielleicht auch ein impliziter Hinweis darauf, dass wir in der Sozialen Arbeit trotz des gebotenen Ernstes auch mutiger sein sollten, manche Dinge einfach auszuprobieren. Schließlich wecken digitale Medien in vielen Kolleg*innen auch den Homo Ludens – wir sollten ihm ab und an nachgeben, damit es voran geht.

Soweit also ein paar Gedanken als sehr subjektive Nachlese – selber einen Workshop anzubieten bedeutet ja immer, einem Großteil der Tagung selbst nicht folgen zu können. Es wird deshalb sicherlich lohnenswert sein, auch die anderen Blogger*innen zu lesen.

Die offizielle Tagungsdoku – auch mit Foliensätzen – wird es bald wie üblich auf den Seiten des Fachforums Onlineberatung geben.

 

Soziale Arbeit in der digitalen Stadt: Wir brauchen mehr Theorie

Handlungsfelder der Digitalstadt Darmstadt: Soziale Arbeit muss und kann sich quer verorten. Quelle: Digitalstadt Darmstadt

Darmstadt ist seit Gewinn des Bitkom-Wettbewerbs die erste Digitalstadt Deutschlands. Zahlreiche Akteure der Stadtgesellschaft treiben  zu allen Themenfeldern der Daseinsfürsorge Digitalisierungsprojekte voran. Soziale Arbeit kommt dabei (noch?) nicht als eigenes Themenfeld vor – ein Umstand, der keinesfalls die Konzeption der Digitalstadt Darmstadt alleine betrifft, sondern sicherlich als Zeitdiagnose zum Umgang mit Digitalisierungsphänomenen in der Sozialen Arbeit ingesamt gewertet werden muss (Stichwort: Medienkonservatismus unserer Zunft). Enge Bezüge hat sie natürlich, beispielsweise über die Soziale Arbeit an Schulen, zum Bildungsthema, das erwartungsgemäß in der Digitalstadt Darmstadt zunehmend Fahrt aufnimmt.

Aber – reicht es für die Soziale Arbeit, querliegend bestehende Themen- und Handlungsfelder stückweise und eher nachholend digital anzureichern? Oder braucht es für Soziale Arbeit in der digitalen Stadt (abstrakt gedacht als Gemeinwesen) nicht mehr? Ich denke, letzteres ist der Fall, und Soziale Arbeit muss sich nach neuen Theoriekonzepten umsehen.

Physische und virtuelle Räume – Wie weit trägt ein Zwei-Welten-Konzept?

Zentral dürfte für das theoretische Durchdenken dabei sein, dass in weiten Teilen der Sozialen Arbeit der Primat eines bestimmten Begegnungs- und Fallkonstellationstypus gilt: Ausgegangen wird von kopräsenten Begegnungen, die sich in physisch und geographisch gefassten Sozialräumen abspielen. Wird diese Vorrangstellung nicht intensiv diskutiert und reflektiert, kann die Beschäftigung mit Digitalisierungsphänomenen nur in einer Nachrangigkeit von Digitalisierungsbemühungen resultieren. Die Diskurse richten sich dann ähnlich ein wie in der Zeit der ersten Phase der Digitalisierung in der Bildung. Lernplattformen und digitale Medien wurden überwiegend dazu genutzt, bisherige Lehr-Lern-Praxen nachzubilden: Aus dem Handapparat physischer Bücher wurde das Repositorium mit .pdf-Dateien und mancher Test oder Evaluationsfragebogen hat eine elektronische Darreichungsform erhalten – das war es im Wesentlichen. Erst in einer zweiten Phase wurde die implizite Zwei-Welten-Struktur (hier die physische Begegnung, dort die partielle digitale Materialität) insofern aufgegriffen, als dass Blended-Learning-Konzepte entwickelt wurden. Die Lücke zwischen „analoger“ und „digitaler“ Welt wurde damit adressierbar, aber zugleich auch gefestigt. Blended-Konzepte folgen der Logik des „Besten aus zwei Welten“ und sind sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung und derzeit an vielen Stellen das aktuellste Konzept in der Bildung. Trotzdem werden in der letzten Zeit Stimmen laut, die an der Sinnhaftigkeit des Begriffes „blended“ im Kontext von Bildung zweifeln, eben weil damit die angebliche Kluft zwischen digitaler und analoger Sphäre aufrechterhalten wird. Viele Kolleg*innen sprechen deshalb schlicht von zeitgemäßer Bildung und meinen damit, dass jeweils das genutzt und getan wird, was dem Bildungsziel dient.

Medienintegrative Soziale Arbeit

Aus solchen Diskursen könnte Soziale Arbeit lernen. Sie muss sich dann fragen, ob ihr eine mit der Blended-Metapher angereicherte Fortschreibung von Konzepten reicht oder es mehr braucht. Mein Plädoyer wäre, die semantische Aufrechterhaltung der Zweiweltenmetapher – der „digital-medialen“ und der wie immer gearteten „kopräsent-analogen“ Welt – nicht zur Grundlage der Weiterentwicklung zu machen.

Eine medienintegrative Soziale Arbeit wäre als erste Begriffsannäherung ein hierzu passendes Konzept, das den ihr gegebenen Vermittlungsauftrag zwischen Individuum und Gesellschaft ernst nimmt und zwar unabhängig davon, in welchen Vermittlungsformen er sich realisiert. Ein erster Schritt mit der theoretischen Beschäftigung und Auslotung einer medienintegrativen Sozialen Arbeit wäre dann die Befassung mit den Formtransformationen ihrer Erbringungsverhältnisse. Hier könnte Soziale Arbeit viel aus ihrer eigenen Geschichte lernen – beispielsweise der Entrüstung über die ersten Telefonberatungsangebote, die in der Fachwelt mit gehöriger Skepsis aufgenommen wurden mit der Idee, dass ein persönliches Beratungsgespräch nicht durch den Telefonapparat ersetzbar sei. Nur wenige Jahrzehnte später hat sich dann, ironischerweise aufbauend auf der Erfolgsgeschichte der Telefonseelsorge, die Skepsis breit gemacht, ob man denn etwa im Internet und per Text Beratung machen könnte. Auch hier war die Ersetzungsmethapher der grundlegende Diskursfehler, denn es läßt sich ja empirisch zeigen, dass das Denken in Ergänzung der richtige Schluss ist: Das Gespräch ist seit Erfindung des Buchdruckes nicht verschwunden, die Erfindung der Telefonberatung hat kopräsente Beratung nicht zum Verschwinden gebracht und mit Einführung textbasierter Onlineberatung sind mündliche Formate nicht weniger geworden.

Soziale Arbeit ist also gut beraten, sich die Sache als konzentrische Ausweitung von möglichen Interaktionsszenarien vorzustellen, die es Adressat*innen und Fachkräften ermöglicht, Medienwahlentscheidungen aus einer großen Auswahl heraus zu treffen. Dabei darf dieses Bild aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es nicht nur um die quantitative Vermehrung von Adressierungsoptionen geht, sondern der Formenwandel eben auch neue Qualitäten ermöglicht – medienintergrative Soziale Arbeit muss sich dann auch damit befassen, inwiefern sie z.B. Künstliche Intelligenz oder Big Data Analytics zur Bewältigung ihrer Aufgaben nutzt oder sogar neue Hilfemöglichkeiten entstehen. Die Differenz zwischen digitaler Inklusion und inklusiver Digitalisierung würde idealerweise in diesen Bemühungen verschwinden. 

So gesehen sind die Themenfelder, die in Darmstadt als erster deutscher Digitalstadt als wesentliche Elemente der Daseinsvorsorge bearbeitet werden, zunächst exemplarische neue Umwelt für die Soziale Arbeit. Sie ist aber gut beraten, diese zunehmend digital formierte Umwelt auch zur relevanten Umwelt zu machen. Solange sie in allen mediatisierten Optionen nur die Abbildung traditioneller Begegnungs- und Ortsmethaphern sieht, besteht weiterhin die Gefahr, wieder einmal nur nachholend mitzugestalten. Ähnlich wie Michael Winkler physische Orte und das zugehörige Handeln als zentrales Bestimmungsstück der Sozialpädagogik eingeführt hat, könnte sich Soziale Arbeit auf die Suche nach einer Theorie medialen Ortshandelns aufmachen und dabei mediatisierte Situationen von Beginn an als das verhandeln, was sie sind und sein müssen: Mehr als bloße Abbilder traditioneller Konzepte.

Insoweit erfahrene Algorithmen? Kinderschutz, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz

Künstliche Intelligenz im Kinderschutz?

Die Darmstadt Konferenz (Blogbeitrag dazu kommt noch) hat mir wieder einmal gezeigt, wie wenig Soziale Arbeit in Diskursen um Digitalisierungsphänomene involviert ist: Lediglich in einem Vortrag (wenn ich nicht falsch liege) war sie explizit erwähnt.

Im Zentrum der Konferenz um die Digitalstadt Darmstadt standen dabei alle Bereiche der Daseinsfürsorge. Besonders prominent wurde der Einsatz von Künstlicher Intelligenz in ganz unterschiedlichen Kontexten verhandelt, von der vorherschauenden Verkehrssteuerung über selbstfahrende Straßenbahnen bis hin zum integrierten, smarten Quartiersmanagement a la Sidewalk.

Im Nachgang gab es dann aber doch viele Gespräche mit sozialpädagogischen Kolleg*innen und Studierenden, was denn von dem ganzen „Hype“ um Big Data, KI und Co. für die Soziale Arbeit zu halten sei. An einem prominenten Beispiel, nämlich dem Kinderschutz und der damit einhergehenden Frage der Einschätzung von Kindeswohlgefährdung, lassen sich einige Digitalisierungsphänomene für die Soziale Arbeit besonders deutlich zeigen. Das liegt an zwei Dingen: Zum einen wird nirgends in der Sozialen Arbeit so deutlich, wie widersprüchlich und komplex ihre Aufgaben sind wie im Kinderschutz – es geht in der Abklärung von Kindeswohlgefährdung um nichts anderes wie die Sicherung der körperlichen und seelischen Integrität von Kindern mit allen dazugehörigen Diagnostik-, Beratungs- und Interventionsverfahren bis hin zur Herausnahme von Kindern aus der Familie. Also um Entscheidungen, die unter Risiko, meist aber unter Unsicherheit stattfinden. Dies schließt einfache Entscheidungsfindungen per se aus.

Zum anderen lässt sich ein international sehr unterschiedlicher Umgang mit Fragen der (digitalen) Unterstützung bei der Gefährdungseinschätzung beobachten. Er lässt sich auf die Frage zuspitzen, ob und wie Computer überhaupt bei dieser Aufgabe helfen können und sollen und was sie an „Wissen“ dazu beitragen.

Prinzipiell sind zunächst alle Fachkräfte, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten aufgefordert, sensibel auf mögliche Kindeswohlgefährdungssituationen zu reagieren. Kommen sie nicht weiter, treten besondere Fachkräfte hinzu, die „insoweit erfahrenen Fachkräfte“. Die Funktionalität ihres Wissens wird dabei weniger auf einen spezifischen Grundberuf zurück geführt, sondern an einer Kombination aus beruflicher Erfahrung, spezifischer Weiterbildung und ausgewiesener Handlungskompetenz festgemacht. Die hier geleistete Abklärung selbst und die daraus folgende Gefährdungseinschätzung ist dabei nicht einheitlich und strikt definiert. Und genau hier wird es spannend zu überlegen, ob und wie der Computer helfen kann, soll und darf.

Entscheidungsprozesse beruhen dabei derzeit auf vier Optionen, die auf jeweils sehr unterschiedliche Arten Entscheidungen theoretisch und normativ rahmen.

  • klinische Urteile
  • standardisierte Instrumente, die mehr oder weniger konsensuell gefundene Standards aus der Fachcommunity festlegen
  • festgelegte Algorithmen mit definierten Indikatoren, wie sie auch in der Risikostatistik verwendet werden
  • KI-getriebene System mit permanenter Mustererkennung („deep learning“, „predictive computing“)

Gemeinhin akzeptiert wird als internationaler Forschungsstand, dass das klinische Urteil alleine am wenigsten verlässlich ist. Häufig werden deshalb standardisierte Instrumente wie die KiWo-Skalen genutzt, die das hoch inferente klinische Urteil zumindest ergänzen. In Deutschland wenig verbreitet sind hingegen digitale Unterstützungssysteme. Breit eingesetzt und untersucht werden diese hingegen in den USA und auch einigen europäischen Ländern (z.B. den Niederlanden). Hier sind die Diskurse deshalb auch weitaus intensiver entfaltet und es werden die beiden letzten Optionen differenziert betrachtet: Weil beispielsweise bei festgelegten Algorithmen  die Formel zur Errechnung der Risikosumme aus den gewählten Indikatoren empirisch belegt und gewonnen ist, bleibt oft die Frage, welches Konstrukt die gefundenen Zusammenhäng eigentlich beschreibt. Denn nicht alle Indikatoren, die (in der Regel einmalig) ausgewählt und dann zu einem Algorithmus der Gefährdungseinschätzung zusammengefügt werden, sind sofort für ihre Vorhersagekraft verstehbar.

Die aktuelle Entwicklung mit der Nutzung dynamischer Mustererkennung im Sinne von Predictive Computing spitzen diese Probleme noch zu: Obwohl sich zeigen lässt, dass die Prognosen im Gegensatz zu den vorherigen Verfahren noch einmal besser werden, drängt sich die Frage immer mehr auf, was die KI dann eigentlich „weiß“ im Laufe ihres Lernens an großen und unstrukturierten Datensätzen, entlang derer sie eine Gefährdungsprognose für ein Kind erstellt.

Beobachtet man die Diskurse, lässt sich die Hypothese aufstellen, dass wir Menschen (z.B. den insofern erfahrenen Fachkräften) eher große Anteile impliziten Wissens zutrauen, ohne misstrauisch zu werden, einer KI eher nicht. Hierin dürfte auch der Grund zu suchen sein, dass trotz des Nachweises der Fehlbarkeit klinischer Urteile trotzdem viele Menschen diesen Verfahren trauen.

Vorhersagealgorithmen für Kindeswohlgefährdung und rassistischer Bias.(Chouldechova, E. Putnam-Hornstein, D. Benavides-Prado, O. Fialko & R. Vaithianathan 2018).

Soziale Arbeit kommt also über den Umweg der Technisierung und Mediatisierung auch hier wieder auf eines ihrer Schlüsselproblem zurück – nämlich wie sich ihr Handeln im Einzelfall und im Gesamtsystem theoretisch und normativ begründen lässt. Bezogen auf die Einschätzung von Chancen und Grenzen von KI-Technologien komme ich hier immer wieder zum gleichen Fazit: Wenn die Vorhersagen und Interventionsmöglichkeiten  besser werden (was offensichtlich in vielen, aber nicht allen Anwendungen der Fall ist) und Soziale Arbeit über algorithmisches Lernen noch etwas über sich selbst lernen kann, sollten wir diese Systeme nutzen – und uns selbst und die Technik dabei permanent kritisch reflektieren. In einer Studie von Kolleg*innen aus den USA wurde beispielsweise deutlich, dass auch Vorhersage-Algorithmen klassischen Rassismus zeigen, also Kindeswohlgefährdungseinschätzungen durch KI einen Bias haben, der sich eindeutig nachweisen lässt. Er stammt zum einen logischerweise aus dem Bias derjenigen Fachkräfte, die die Bewertungen für die Lernfälle der KI vorgenommen haben, lässt sich aber andererseits in verschiedenen Algorithmen unterschiedlich nachweisen und berücksichtigen- und damit einem differenztheoretischen Lernen zugänglich machen. Eine KI ist somit auch eine schonungslose Aufklärungsoption über die Fehlbarkeit menschlicher Urteile. Vermutlich wird also die Kombination aus Mensch und Maschine insgesamt die besseren Einschätzungen vornehmen. Auch diese Erkenntnis hat sich schon in der Praxis durchgesetzt, denn in allen innovativen Modellprojekten zum Predictive Computing im Kinderschutz haben letztendlich Fachkräfte und nicht der Computer die alleinige Entscheidungsbefugnis. Letzterer wird aber eben nie müde und lernt stoisch (aber bei der Nutzung von Maschinenlernen eben auch nicht immer sofort nachvollziehbar) hinzu.

Vieles vom hier Gesagten kann man in dieser Paneldiskussion nachvollziehen:

Es diskutieren hier Emily Putnam-Hornstein (Professor at the University of Southern California and Director of the Children’s Data Network), Erin Dalton (Deputy Director, Office of Data Analysis, Research & Evaluation, Allegheny County Department of Human Services), Alexandra Chouldechova (Assistant Professor of Statistics & Public Policy, H. John Heinz III College, Carnegie Mellon University), Moderatorion: Rhema Vaithianathan (Professor of Economics at Auckland University of Technology, Co-Director of the Centre for Social Data Analytics)

 

 

 

Virtuelle Räume in der Sozialen Arbeit: Nachlese zum Kongress Sozialplanung und Digitalisierung

Twitterfeed zu Beginn der VSOP-Tagung

Welchen Bezug hat die Soziale Arbeit zur Digitalisierung, was die Planung ihrer Angebote betrifft? Sind Theorien und Praktiken des Umgangs mit virtuellen Räumen verzahnt genug? Wie reagiert das Planungssystem wohlfahrtsstaatlicher Hilfen auf die unterschiedlichen Herausforderungen der Ent-Räumlichung und Ent-Zeitlichung durch digitale Medien?

Vergangene Woche hat der Kongress Sozialplanung und Digitalisierung stattgefunden. Er war die Jahrestagung des VSOP (Verein für Sozialplanung), dem bundesweiten Zusammenschluss aller Sozialplaner*innen und wurde an der EHD von Markus Emanuel zusammen mit der Digitalstadt Darmstadt organisiert.

Thomas Ley von der Uni Bielefeld hielt die Keynote und machte deutlich, dass es sich bei der Digitalisierung um einen umfassenden, kulturellen Wandel handelt, der mindestens drei Dimensionen betrifft: Automatisierung, Informatisierung und Transformation. Während Prozesse der Automatisierung relativ leicht als Oberflächenstruktur der Digitalisierung verstehbar sind (indem z.B. ein Papierantragsverfahren in eine interaktiv ausfüllbare Form überführt wird, dabei aber die skeuomorphe Form behält), betrifft die Informatisierung bereits die tiefer liegenden Schichten der Alltags- und Arbeitskultur, die nicht ohne weiteres reflexiv zugänglich sind. Gemeint ist damit nämlich, dass durch Informatisierung flüchtige Akte eine materielle, gegenständliche Form finden. Digitalisierung in der Sozialen Arbeit bringt eine enorme Menge solcher absichtlich oder beiläufig erzeugten materiellen Korrelate ihres Tuns hervor – automatische Dokumentationen durch den Softwareeinsatz, aber auch der massiv gesteigerte, aktive Einsatz digitaler Medien wie z.B. in den zahlreichen Videofeedback-Interventionen (z.B. Marte Meo) oder die Kommunikation über Messenger ist hier zu nennen. Und schließlich wandelt sich auch der Wandel selbst – „analoge“ Planungsinstrumente und Szenarien werden durch digitale Optionen massiv herausgefordert – sowohl was die Möglichkeiten der Datenerzeugung als auch die der Datenauswertung und Planung betrifft. Was tut eine Kommune, wenn sie erfährt, dass die aus guten Gründen eingerichtete Onlineberatungsstelle nachweislich vor allem von Ratsuchenden außerhalb des planerischen Sozialraumes genutzt wird.  Macht dann ein Festhalten an herkömmlichen Raumkonzepten noch Sinn oder lassen sich diese durch überschaubare Ergänzungen erweitern?

Workshop-Programm zu virtuellen und physischen Orten

Das war die Frage in meinem Workshop zu Orten und Angeboten: Veränderungen von physischen und virtuellen sozialen Räumen. Nach drei provokativen Thesen zur Frage des Verhältnisses von „virtuellen“ und physischen Raumkonzepten haben wir drei ausgewählte Projekte diskutiert: Ein bundesweites Netzwerk zur Begleitung junger Menschen im Übergang Schule-Beruf, Pflegeberatung und Prävention für Angehörige mit Unterstützung durch eine KI, Robotik und Gamification sowie die ChiRi-App zur Umsetzung von Kinderrechten. In der Diskussion zeigte sich, dass Sozialplaner*innen die mit solchen Diensten einhergehenden Innovationspotentiale sehr konstruktiv aufnehmen, aber bisher kaum Instrumente zum Umgang damit bereit stehen – dies betrifft sowohl die Planung, aber auch die Finanzierung. Hier wird sich zeigen, ob das mit Digitalisierung einhergehende Versprechen, neue Formen der Zusammenarbeit und Vernetzung zu ermöglichen, nicht nur unter einzelnen Subjekten, sondern auch organisational und institutionell eingelöst wird und damit der von Manuel Castells schon zur Jahrtausendwende richtig vorhergesagte Wandel zur Netzwerkgesellschaft auch in der Sozialen Arbeit Einzug hält.

Mich hat die Diskussion mit engagierten Sozialplaner*innen sehr bereichert und ich bin mit neuen Fragen, was die Digitalisierung Sozialer Arbeit betrifft, in Kontakt gekommen. Eine erweiterte Nachlese und den Download der Materialien wird es sicherlich beim VSOP geben – auch für mich interessant, da ich aufgrund des eigenen Workshops die spannenden anderen Angebote (Daten, Partizipation und Einmischung) nicht besuchen konnte.

Digitalisierung in der Fort- und Weiterbildung – die systemische Community ist auf dem Weg

Mit etwas Verzögerung kommt meine Nachlese zu den vielfältigen Eindrücken zu Fragen der Digitalisierung der Fort- und Weiterbildung im Bereich der systemischen Beratung und Therapie. Die DGSF als führender systemischer Fachverband hatte hierzu eine Weiterbildungsveranstaltung durchgeführt, an der wir das Thema in Vorträgen und Wokshops vielfältig diskutiert haben. Besonders gefreut hat mich dabei, dass das Thema so lebendig aufgenommen wurde. Diese neugierige Aufnahme ist aus meiner Sicht nicht selbstverständlich, denn viele Fachkolleg*innen können das Wort Digitalisierung durchaus zurecht nicht mehr hören, weil es an vielen Stellen bis zur vollkommenen Inhaltsleere aufgebläht wird. An unserem Fachtag standen deshalb sehr konkrete Fragen im Zentrum: Zum einen haben wir uns digitale Darreichungsformate systemischer Beratung angesehen, wie sie in der Onlineberatung schon an vielen Stellen üblich sind, zum anderen Fragen der Ausbildung bearbeitet.

Emily Engelhardt bei der Keynote zu Onlineberatung

In der sehr lebendigen Diskussion nach der Keynote von Emily Engelhardt zu Onlineberatung wurden sowohl zukunftsoptimistische, aber auch die wichtigen kritischen Stimmen zu digitalen Beratungsformaten deutlich. Neben der als gesichert geltenden Akzeptanz und Verbreitung von Onlineberatung werden zukünftig neue Fragen auftauchen: Wie gehen wir z.B. mit Befunden um die zeigen, dass Hilfe auch ohne direktes menschliches Gegenüber wirksam sein kann, z.B. in Form von Self-Guiding-Beratungsprogrammen? Wie stellen wir uns auf mögliche Anwendungen von Algorithmen und KI in der psychosozialen Versorgung ein, z.B. in der Gefährdungsabschätzung im Bereich des Kindeswohls? Wie können wir bewährte systemische Techniken (z.B. der zirkulären Befragung) medial anreichern? Lassen sich dazu z.B. Videoformate nutzen, in denen Familienangehörige Clips erstellen, die dann wechselseitig zirkulär kommentiert werden können? Immer mitlaufend bei dieser Diskussion war dabei nicht nur die Frage, ob und wie digitale Beratungsformate Sinn ergeben, sondern auch, welche Kompetenzen dafür notwendig sind und ihren Niederschlag in Ausbildungsrichtlinien finden müssen. Auch hier ist das reflexive Potential der systemischen Community wichtig und notwendig, weil z.B. immer noch nicht klar ist, ob Onlineberatung eine Methode oder ein Arbeitsfeld in der psychosozialen Versorgung darstellt und wie Handlungskompetenzen curricular zu dieser Frage verortet werden sollten. Und schließlich – eines meiner Lieblingsthemen – war damit auch die Frage gestellt, wie das Lehren und Lernen in der systemischen Fort- und Weiterbildung selbst digital angereichert werden kann. Grundlegende anthropologische Fragen drängen sich hier in ähnlicher Form wie bei der Onlineberatung auf: Wann ist welche Form von Begegnung (medial vermittelt oder kopräsent) in der Lehre wichtig und sinnvoll? Wann spielt die Kombination von digitalen Formaten und Präsenzlehre ihre Stärken aus? Wie ließe sich das entlang der vorhandenen Richtlinien jetzt schon denken und wo müssen Weichen für die Zukunft gestellt werden? Absolut gefreut hat mich dabei zu sehen, wie weit einige Institute bereits sind – mit Lernplattformen und vielfältigen, vor allem videobasierten, Formaten.

Materialeinsatz für das Videolearning – das Wichtigste passt schon in einen kleinen Koffer.

In meinem Workshop ging es genau darum, und ich habe neben der Vorstellung konkreter Möglichkeiten durch verschiedene Formen von Videoeinsatz vor allem auch versucht zu vermitteln, dass es didaktische Überlegungen braucht, wenn digitale Lehr-Lernformate sinnvoll und nicht nur irgendwie schick und modern sein sollen. Entlang des Inverted Classroom Mastery Models von Jürgen Handke (Uni Marburg) sind wir diesen Herausforderungen auf den Grund gegangen und haben schließend überlegt, wie unterschiedlich vorerfahrene Lehrende einsteigen können – mit konkreten „Rezepten“ und Tipps für Anfänger*innen, Dranbleiber*innen und Expert*innen (Foliensatz ist hier). Dabei ist mir besonders wichtig zu vermitteln, dass Videolernmaterialien immer zum Kontext passen müssen. Nicht immer (man könnte sogar sagen: nur in wenigen Fällen) sind aufwendig gedrehte Clips (z.B. mit Greenscreen-Technik) das Mittel der Wahl. Warum nicht die schöne Institutskultur mit einfangen und Impulsvorträge so filmen, wie sie auch in der Kurssituation gehalten werden – im Gruppenraum und mit den sorgfältig gestalteten „analogen“ Flipcharts?

Digitale Fort- und Weiterbildungsformate reizen zur Diskussion

Neben all den konkreten Fragen haben wir auch aber auch darüber geredet, ob die Digitalisierung der Fort- und Weiterbildung auf organisationaler und institutioneller Ebene eher Chancen oder eher Risiken birgt, sich z.B. neue Konkurrenzen bilden oder im Gegenteil weitere Kooperationen entstehen.

Auch die Ikone der Digitalisierung, ein iPad, verhindert nicht, was schon immer das Wichtigste war: Ein gepflegtes Gespräch von Mensch zu Mensch, hier Jochen (Leucht, tandem Freiburg) und Jochen (Schweitzer, hsi Heidelberg).

Ich persönlich glaube, dass gute Blended-Learning-Konzepte dazu führen, dass Institute als konkrete Orte weiterhin der Kernpunkt systemischer Weiterbildung bleiben. Aber kombiniert mit digitalen Innovationen, z.B. Videokonferenz-Kurzbesuchen zu Spezialthemen (analog zu Ring-a-Scientist) zusätzlich zum bewährten kopräsente Gastdozent*innen-System, gemeinsam genutzten Lehrvideos oder gar dem Teilen von Aufgaben- und Reflexionsformaten auf einer verbandsinternen und instituteübergreifenden Lernplattform könnten wir alle gemeinsam noch mehr von digitalen Lehr-Lern-Formaten profitieren. Ich freue mich jedenfalls auf die kommenden Entwicklungen und bin gespannt, wie sie aussieht, die digital angereicherte Weiterbildung DGSF 2040 ;-).

Statements zum Thema Digitalisierung nach unserem Fachtag

Neugierde, Begeisterung und konstruktive Kritik kam auch bei den Videostatements rüber – dem Programm des Fachtages folgend haben wir einfach die Kamera aufgestellt und um Eindrücke gebeten.


Beratungsfachkräfte und ihre Internetnutzung: Ist die Beratungsszene „drin“? – Erste Ergebnisse der BerIn-Studie

Wie nutzen Beratungsfachkräfte Onlinemedien? Bild: RachelScottYoga/pixabay

Wie nutzen Beratungsfachkräfte das Internet? Diese Frage haben wir im Forschungsprojekt BerIn (Beratungsbedingte Internetnutzung) untersucht. Zwar steht die generelle Internetnutzung in der BRD seit einiger Zeit unter Dauerbeobachtung (z.B. durch die jährlich durchgeführte ARD/ZDF Onlinestudie). Hier zeigt sich, dass die Onlinenutzung immer mehr die Sättigungsgrenze erreicht und ständig neue Dienste und Mediengenerationen hinzukommen.

Zur Gruppe der psychosozialen Beratungsfachkräfte gibt es bisher aber wenig Daten darüber, wie sie das Internet nutzen. Das ist aus mehreren Gründen eine bedauerliche Forschungslücke. Zum einen gibt es die seit Jahren boomende Entwicklung bezüglich der Internetberatung, die als Mail/Chat/Video-Beratung fester Bestandteil der Hilfelandschaft geworden ist. Zum anderen gibt es bestimmte Grundannahmen bzw. Forschungsbefunde, die vor allem personennahen Dienstleistungen eine gewisse Technikferne unterstellen, wie sie bis heute in der Sozialen Arbeit zu finden ist – was in gewissem Widerspruch zu den stellenweise stark expandierenden Internetberatungsangeboten steht.

In einer Forschungskooperation haben wir an der EHD zusammen mit Kolleg*innen der TH Nürnberg die Nutzung von Onlinemedien durch Beratungsfachkräfte untersucht. Als Zugang haben wir den Verteiler der Deutschen Gesellschaft für Beratung (DGfB) gewählt und den für unsere Studie rekrutierten Beratungsexpert*innen einen Onlinefragebogen vorgelegt.


Unterschiede zwischen privater und beruflicher Mediennutzung von Beratungsfachkräften, Effektstärke dcohen , n=156

Und was kam raus? Beratungsfachkräfte sind privat durchaus Viel- und Intensivnutzer*innen, während die berufliche Nutzung gemessen am privaten Gebrauch deutlich weniger intensiv ist. Mit diesen Daten lassen sich jetzt einige zentrale Hypothesen vertiefend prüfen: Ist dieser Effekt von anderen Variablen, z.B. dem Lebensalter, dem Wohnort oder sonstigen Einflüssen abhängig? Und was erhoffen sich diejenigen Beratungsfachkräfte, die „drin“ sind, von der Onlinenutzung? Wird hier die Logik von Präsenzdiensten im virtuellen Raum verdoppelt? Gibt es Ideen zu neuen Beratungskonzepten?

Neben der ersten Auswertung, die ich hier zeige, folgen Antworten und Reflexionsimpulse für die digitale Professionalisierung Sozialer Arbeit in einem Zeitschriftenbeitrag im e-beratungsjournal, der bald erscheint. Das war eine längere, aber durchaus lohnende koordinative Mammutleistung: Mitgeforscht und mitgeschrieben haben Emily Engelhardt, Marlene Henrich, Richard Reindl, Siegrid Zauter und Christina Dietrich – neben den Profs aus Nürnberg und Darmstadt waren damit auch unsere wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen und unsere Forschungspraktikantin aktiv eingebunden. Das war insofern spannend und nützlich, weil das Medienthema immer auch ein Generationenthema ist – in der Wissenschaft und in der Praxis Sozialer Arbeit.

Digital kompetent – neuer Buchbeitrag: Professionalisierung von Fachkräften im Kontext von Digitalisierung

Kompetenzmatrix nach Heiner, bezogen auf Digitalisierung in der Beratung

Digitalisierung und Beratung: Zwischen Bewahrung und Befähigung ist der Titel eines kommenden Herausgeberbandes von Stephan Rietmann, Maik Sawatzki und Matthias Berg, der bei VS im Sommer erscheinen wird. Zusammen mit Markus Emanuel entstand hierzu ein Beitrag zu der Frage, welche Kompetenzen Fachkräfte in der psychosozialen Beratung bezogen auf Digitalisierung eigentlich benötigen. Dieses Thema erscheint dabei nicht nur uns als gravierende Le(e)hrstelle – das Kerncurriculum der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit schweigt sich z.B. vollkommen darüber aus. Unter einer Lebenswelt- und Bewältigungsperspektive ist die komplette Negation des Themas Digitalisierung aber gar nicht denkbar – sowohl die Adressat*innen, aber eben auch die Fachkräfte sind unmittelbar von Digitalisierungsprozessen betroffen. Wir haben für die Klärung der Frage nach Wissen und Können das Handlungskompetenzmodell von Maja Heiner als Heuristik verwendet, um die verschiedenen Kompetenzbereiche (Selbstkompetenz, Fallkompetenz, Systemkompetenz bzw.) genauer zu untersuchen und mit Inhalten zu füllen. Deutlich wird dabei, dass sich gerade im Bereich digitaler Beratung ein Schwerpunkt in der Fall- und Interaktionskompetenz gebildet hat, der sich so auch im Lehrbuch- und Forschungskorpus widerspiegelt: Interessant scheint vor allem, wer wie mit welchen Effekten digital in der Beratung interagiert. Was dies alles aber für das fachliche Selbst von Sozialpädagog*innen und den kompetenten Aufbau ihrer Organisationen und deren institutionelle Hintergründe bedeutet, bleibt bisher wenig reflektiert. Wir sind gespannt auf die Reaktionen zu unserem Text, der im Fazit – wie könnte es anders sein – vor allem die Lern- und Bildungsprozesse der Fachkräfte als wesentlichen Professionalisierungsfaktor bezogen auf den digitalen Wandel thematisiert.

Vier Monate papierlos als Experiment: Geht gut, auch in der Wissenschaft.

Papierlos publizieren: Ein Tablet zum Schreiben, eines zum Lesen.

Vor einiger Zeit ist ein für mich wichtiges Experiment zu Ende gegangen: Ich habe in meinem Forschungssemester konsequent versucht, auf Papier zu verzichten. Die Wahl auf das Forschungssemester fiel dabei deshalb, weil ich diese Zeit an einem meiner abgelegenen Lieblingsplätze verbracht habe und es dort schlicht keine greifbare IT-Infrastruktur gibt – Gewohnheitsänderungen klappen ja immer dann am besten, wenn man gar keine Möglichkeit hat, in alte Muster zu kippen. Da außer meinen Lehrveranstaltungen alles wie gehabt weiter ging, herrschten ansonsten die üblichen Bedingungen einer Professur: Klausuren und Abschlussarbeiten korrigieren, an Meetings teilnehmen und natürlich Daten auswerten und Publikationen erstellen. Ich war also schon im Vorfeld herausgefordert, mir etwas zu überlegen.

Abschlussarbeiten korrigieren: Neben dem stattlichen Papierverbrauch auch eine sportliche Transportaufgabe.

Und siehe da, meine Hochschule war viel „digitaler“ als ich das dachte und mit findigen Kolleg*innen aus der Verwaltung konnte ich für jede Anforderung eine datenschutzkonforme Lösung finden, die ohne Ausdrucke auskommt und die 3281 km zwischen Darmstadt und meinem Inselparadies überwinden konnte. Beim handschriftlichen Korrigieren von Klausursätzen ist mir dabei aufgefallen, dass ich mich sogar intensiver als durch die Papierform mit den Antworten meiner Student*innen befassen konnte – aus dem schlichten Grund, weil ich auf einem Scan viel leichter Bemerkungen hinkritzeln, ergänzen und löschen kann als auf den Originalklausurbögen.

Gegen zu viel Druck: Scannen, aber richtig schnell.

Weitaus gespannter war ich, wie das mit dem Schreiben gehen würde. Schließlich gehört das Lesen dazu, und in meinem Arbeitsstil ist Schreiben und Lesen zudem eng verknüpft. Ich schlage ständig in der Originalliteratur etwas nach und arbeite nur selten mit fertigen Exzerpten, die erlauben würden, ohne die ursprünglichen Texte auszukommen. Vermutlich ist dieser Stil aber bereits eine Folge meiner schon seit längerem vorgenommenen Umstellung auf eine digitale Bibliothek, zu der mir mein Lieblingsgadget verhilft: Ein wirklich schneller Buchscanner, der durchsuchbare (!) *.pdfs erzeugt, so dass ich wiederum auf diesen kritzeln kann, ohne ein Originalbuch zu beschädigen. Allerdings ist dieses Projekt noch lange nicht fertig, so dass der völlige Verzicht auf Bücher und Zeitschriften wirklich neu war und der Scanner vor dem Abflug einige Wochen heiß gelaufen ist.

Forschungsdaten – auch die sind bequemer papierlos zu transportieren.

Ein weiterer Punkt war, dass ich bei der Datenanalyse in empirischen Studien immer noch mit reichlich Papier arbeite – sowohl die Inaugenscheinnahme von quantitativen Daten als auch Interviewtexte oder Fotographien aus ethnographischen Studien habe ich, so musste ich festellen, gerne auf Papier, das mir dann – der Habitus zeigt sich vor allem in der Krise – mangels Drucker wirklich fehlte. Das war mir – entscheidendes Learning aus meinem Experiment – vorher gar nicht so bewusst, denn eigentlich schleppe ich ständig das iPad pro mit Stift herum. Aber auch diese Umstellung ging dann gut und es war interessant, über Daten auch einmal an ganz ungewöhnlichen Orten nachzudenken statt nur am heimischen Schreibtisch – das zweite Learning war nämlich, dass mir auffiel, dass Ausdrucke von Forschungsdaten den Schreibtisch nie verlassen, das iPad aber schon.

Und, was kam nun raus, am Ende? Es hat super geklappt, unter dem Aspekt von Nachhaltigkeit hat sich mir durch das Fehlen der Papierberge eindrücklich erschlossen, wie viele Ressourcen wir im täglichen Wissenschaftsalltag einsparen könnten: Klausuren und Abschlussarbeiten kann man gleich elektronisch erstellen – sie sind ja typische Einweg-Produkte, die nur sehr selten mehrmals gelesen werden. Für das aus meiner Sicht notwendige handschriftliche Arbeiten (hilft beim Denken!) stehen bereits seit längerer Zeit ausgereifte Geräte zur Verfügung.

Die Arbeit an meiner digitalen Bibliothek werde ich konsequent fortsetzen. Geblieben ist dabei übrigens die Gewohnheit, dass es sich nur dann natürlich anfühlt, wenn ich zwei iPads konsequent nutze: Eines zum Lesen, eines zum Schreiben. Das Hin- und Herswitchen zwischen Lese- und Schreibapp auf einem Gerät taugt wirklich nur als Notlösung.

Und schließlich – ein bisschen Gerätefetischismus muss dann doch sein – habe ich über das Expertiment auch gelernt, dass ich ohne ein ultraportables Tablet mit langer Laufzeit, großem Bildschirm, Stifteingabe und wirklich viel, viel Rechenleistung nicht mehr auskomme. Es ersetzt dann aber nicht nur den Block und alle anderen Arten von Papier, sondern zu 90% auch noch den Desktoprechner.

Und obwohl mein Experiment um ist, bemerke ich doch, dass viele neue Gewohnheiten geblieben sind. Ich drucke viel, viel weniger und habe trotzdem immer alles dabei – das ist fein.

PS: Wer mehr über konkrete Herangehensweisen zum papierlosen Büro erfahren will, ist bei Lars Bobach gut aufgehoben – ich habe von seinen Tipps stark profitiert.