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Wissen zu Digitalisierung – Mediatisierung – Beratung: Kommendes Themenheft des Kontext:

Digitalisierung und Mediatisierung als Querschnittsthema: Kontext Heft 2, 2020

Für die Ausgabe 2/2020 des Kontext, der peer revieweten Zeitschrift der DGSF, durfte ich die Gastherausgeberschaft übernehmen. Es wird ein Themenheft zu Digitalisierung und Neuen Medien in der Beratung werden. Die Beiträge stehen und ich freue mich, renommierte Kolleg*innen gefunden haben, die das Heft mitgestalten und ihr Wissen zur Verfügung stellen. Inhaltlich war mir wichtig, die Bandbreite des Themenkomplexes bestmöglich abzubilden, um Digitalisierungs als querschnittiges Kulturwandelphänomen zugänglich zu machen, das Beratungspraxen, Beratungsorganisationen und Professionalisierungsprozesse von Fachkräften gleichermaßen betrifft.

Bezogen auf digitale und mediatisierte Beratung werden Cornelia Maier-Gutheil (Darmstadt) und Tim Stanik (Tübingen) einen Artikel zu medialen Beratungsformaten und Emily Engelhard (Nürnberg) zu digitalen Supervisionsformaten schreiben.

Die Ebene der Digitalisierung und Mediatisierung von Curricula und (Weiter)bildungsorganisationen ist ein Bereich, den man derzeit in der Beratungsszene sicherlich als wenig medienaffin bezeichnen kann. Jürgen Handke (Marburg) wird hierzu etwas aus der Perspektive des von ihm entwickelten Inverted-Classroom-Masterymodels beitragen und Impulse setzen darüber nachzudenken, E-Learning auch im Bereich der non-formalen Bildung systematisch zu entfalten. Peter Martin-Thomas (Stuttgart) wird in einem reflexiven, praxisorientierten Format über die konkrete Implementierung mediengestützten Lehrens und Lernens an einem größeren Weiterbildungsinstitut berichten.

Aus der Perspektive von Lerner*innen schließlich beleuchtet der Artikel von Valentin Frangen (Landau) die Frage, wie sich Selbstwirksamkeitserwartungen bei angehenden Beratungsfachkräften in Ausbildung darstellen, wenn sie mit den Anforderungen digitaler Formate konfrontiert werden.

Mich freut besonders, dass ich diese Autor*innen gewinnen konnte und es so möglich wird, das Thema Digitalisierung und Mediatisierung auf allen wichtigen Ebenen zu beleuchten. Für alle drei Ebenen wird bezüglich Beratung und Hilfe in ihrer digitalmedialen Epoche gelten, dass gerade hier Entwicklung und Lernen auf Dauer gestellt sein müssen, um mit dem raschen Entwicklungstempo Schritt halten zu können.

Professionalisierungskulturen und das Lösen fachlicher Entwicklungsaufgaben – neuer Buchbeitrag

Kann man schon beim Verlag angucken: Den neuen Sammelband

Bald erscheint der neue Sammelband von Petra Bauer und mir zum Thema Systemische Kompetenzen entwickeln –  Grundlagen, Lernprozesse und Didaktik bei Vandenhoek & Ruprecht. Er bündelt die Beiträge der vergangenen Internationalen Research Konferenz, die sich mit Fachkraftprofessionalisierung hinsichtlich systemischen Denkens befassen. Zusätzlich zu den Panelbeiträgen des Kongresses konnten wir auch noch weitere Kolleg*innen gewinnen, die sich intensiv mit diesem Thema befassen. Das hat das Buch etwas verzögert, war aber sicherlich die richtige Entscheidung hinsichtlich der Beitragsbreite.

In meinem Buchkapitel bündle ich zum einen die theoretischen und empirischen Desiderate der letzten Jahre und versuche eine konsistente  Weiterentwicklung, die noch mehr als bisher Aspekte von organisationskultureller Verortung von Lernen und Bildung thematisiert.

Das Konzept, die Professionalisierung von psychosozialen Fachkräften als komplexen Lern- und Bildungsprozess aufzufassen, der an verschiedenen Lernorten stattfindet, dabei weit über die Phase des Studiums und der Berufsausbildung hinausgeht und formale, non-formale und informelle Bildungsprozesse umfasst, hat sich bisher in der Sozialpädagog*innen- und der Lehrer*innenbildung als fruchtbar erwiesen. Es stellt auch bei den weiterführenden Überlegungen den Ausgangspunkt dar.

Spannend wird es in Zukunft sein, vermehrt darauf zu schauen, wie diese Lern- und Bildungsprozesse in den  zugehörigen Professionalisierungskulturen, die an verschiedenen Lernorten- und situationen als Antworten auf kontingente (Aus)bildungsoptionen gelesen werden können, gestaltet sind. Eine aus der Praxistheorie der Wissensgenese informierte Perspektive macht dabei deutlich, dass die Bearbeitung von individuellen Entwicklungsaufgaben im Kontext der sie strukturierenden Strukturen ganz unterschiedlich professionalisierungskulturell gerahmt werden können. „Doing professionalization“ kann in dieser Betrachtung in verschiedenen (Bildungs)0rganisationen sehr unterschiedlich aussehen, auch wenn die didaktischen Konzepte und zu lernenden Inhalte vermeintlich sehr ähnlich sind.

Dem bisherigen Modell kommt damit eine zweite Ebene zu, die die individuellen Vermittlungs- und Aneignungsprozesse kulturell rahmt. Zentrale Variablen für eine so zu fassende Professionalisierungskultur sind hierbei z.B. Konzeptualisierung und Umgang mit Nichtwissen und Fehlern, die sich entlang neuer Forschungen als immer bedeutsamer im Verständnis der Leistungsfähigkeit und Grenzen von Professionalisierungsbemühungen herausstellen.

Jenseits dieser Gedanken zu meinem eigenen Beitrag hoffen Petra Bauer und ich, dass der Band die bisher wenig systematisch bearbeiteten Fragen der Vermittlung systemischer Kompetenzen bereichern kann. Er ist deshalb nicht ohne Grund stark  erziehungswissenschaftlich und auf Lern- und Bildungsprozesse hin geprägt. Mitgeschrieben haben Petra Bauer, Michael B. Buchholz, Reinert Hanswille, Marlene Henrich, Rebecca Hilzinger, Cornelia Maier-Gutheil, Haja Molter, Matthias Ochs, Günter Schiepek, Christiane Schiersmann, Bruce E. Wampold, Marc Weinhardt und Anke Zürcher.

Nachlese: ASD-Bundeskongress 2019

Der ASD-Bundeskongress ist um und stand dieses Jahr unter der Frage „Update oder Setup? ASD in gesellschaftlichen Umbrüchen“. In vier Themenforen wurden Umbrüche fokussiert: Digitalisierung, Personal, Kooperation/Vernetzung/Zusammenarbeit sowie Strukturentwicklung. Mit Markus Emanuel habe ich einen Workshop zu Professionalisierung von Fachkräften im Kontext von Digitalisierung angeboten, so dass auch diese Nachlese zwangsläufige Lücken hat, nämlich das Fehlen von Eindrücken aus den spannenden Workshops, die ich nicht besuchen konnte.

Digitalisierungs-Stammtisch: Udo Seelmeyer, Thomas Ley, Markus Emanuel

Genauso wichtig wie das offizielle Programm war der Austausch mit Kolleg*innen, der dann natürlich auch die Aufmerksamkeit auf eigene Schwerpunktthemen lenkt. Eindrücklich waren für mich dabei zum einen Fragen zur Digitalisierung, die ich mittlerweile bezogen auf Theorie und Praxis Sozialer Arbeit für drängend unbearbeitet halte und die auch ganz unmittelbar damit zusammen hängen, wie der Allgemeine Soziale Dienst – umgangssprachlich „das Jugendamt“ – sich zu Digitalisierungsphänomenen verhält. Fragen der Digitalisierung sind hier deshalb besonders wichtig, weil das Jugendamt in der Sozialen Arbeit die zentrale Institution ist, über die sie einen Großteil ihrer Hilfen strukturiert.

Jeder ASD ist anders – und muss doch „das Amt“ repräsentieren, das vermeintlich jede*r kennt: Joachim Merchel

Joachim Merchel hat in seinem Vortrag zu dieser Strukturierung deutlich gemacht, dass ein zentrales Dilemma des ASD ist, dass er sowohl eine relativ stark durch den Gesetzgeber normierte Institution ist, andererseits aber sehr unterschiedliche organisationale Ausprägungen annehmen kann: Ein ASD im ländlichen Gebiet ist anders strukturiert als der einer Großstadt, und neben sozialräumlichen Einflussfaktoren auf Organisationskulturen existieren noch zahlreiche weiche Variablen, z.B. hinsichtlich bestimmter Präferenzen für Hilfeformen, Maßnahmen, Träger(typen) oder methodische Schwerpunkte. Gerade die Digitalisierung bringt aber die letzten großen Einheiten dieser Differenzen ins Wanken. Eine davon ist z.B. die bisherige sozialräumliche Verortung von Amt, Hilfeempfängern und meist auch der beauftragten Träger (es sei denn, viel Abstand zu haben ist Teil der Hilfe). Digitalisierungsphänomene bringen diese räumliche Struktur gehörig durcheinander: Hilfesuchende können von überall her Kontakt aufnehmen und haben angesichts der Hybridisierung von kopräsenten und medialen Welten auch zunehmend weniger Verständnis für das Abweisen an einer abstrakten sozialräumlichen Zuständigkeitsschwelle. Andererseits bietet die Digitalisierung auch den Fachkräften und ihren Institutionen ganz neue Möglichkeiten, räumliche Schwellen zu überwinden. An diesen Punkten sehe ich unsere Diskurse in der Sozialen Arbeit jedenfalls noch ganz am Anfang – es wäre ein reizvolles Forschungsprojekt, einmal von der impliziten Behördenförmigkeit der gewachsenen Strukturen Abstand zu nehmen und Kinder und Jugendliche zu fragen, wie sie sich eine ideale Organisation in ihrer digitalen Selbstpräsentation und Struktur vorstellen, die den institutionellen Auftrag „Jugendamt“ wahr nimmt.

Aus Fehlern lernen und die eigenen Grenzen sehen? Geht nur mit einer Systematik von (Nicht)wissen: Thomas Klatetzki

Das zweite wichtige Thema war für mich der Umgang mit Professionalität und Professionalisierung in der Sozialen Arbeit, derzeit vor allem virulent im Thema Kinderschutz. Ein wirklich toller Vortrag von Thomas Klatetzki hat theoretisch analysiert und begründet, was viele Fachkräfte als dumpfes Unbehagen empfinden: Es gibt eben neben der Kategorie des sozialpädagogischen Wissens auch die große Kategorie des Nichtwissens. Beides, Wissen und Nichtwissen, können implizit und explizit sein und führen zu unterschiedlichen, auch organisational gesteuerten, Umgängen mit Fehlern. In seinem Vortrag machte Thomas Klatetzki deutlich, dass wir Umfang und Bedeutung des Nichtwissens im Kinderschutz unterschätzen, es ist eben keinesfalls nur ein (Nach)qualifizierungsproblem. Vielmehr bräuchte es neben möglichst gut ausgebildeten Fachkräften einen multiprofessionellen dritten Ort zur kompetenten Abklärung.

Barnahús-Konzept als mögliche Organisationsform für die Reduktion von Nichtwissen: Thomas Klatetzki

Sein konkreter Vorschlag war die Einführung des Barnahús-Konzeptes: Kinderhäusern, in denen Kinder, bei denen der Verdacht auf eine Kindeswohlgefährdung besteht, von einem multiprofessionellen Team (Sozialpädagogik, Medizin, Kriminologie, Psychologie) bei Bedarf auch über längere Zeit begleitet und untersucht werden können. Mich haben seine Ausführungen zu den Grenzen der aktuellen Möglichkeiten der von uns im gegenwärtigen System ausgebildeten Fachkräfte auch an meine eigenen Forschungsergebnisse zur Handlungsfähigkeit am Ende des Studiums erinnert.

Qualität und Quantität sind wichtige Fragen von Personalpolitik in der Sozialen Arbeit. Der Fachkräftemangel ist manifest: Benjamin Landes

Hier müsste, aus meiner Sicht, ebenfalls ein Umdenken stattfinden, das idealerweise einen Umbruch bedeutet: Arbeitsplätze wie die im ASD machen deutlich, dass Soziale Arbeit an vielen Stellen ähnlich komplex ist wie z.B. das Führen einer Hausarztpraxis und auch ähnlich folgenreiche Handlungen nötig sind, die möglicherweise unter noch mehr Unsicherheit wie in der Medizin entschieden werden müssen. Der Aufschrei wäre sicher groß, wenn wir in Deutschland Mediziner mit BA-Abschluss hätten, denen nach relativ überschaubarer Zeit die Vollverantwortung übertragen würde.

Damit will ich (nicht nur) das alte Lied der Entlohnung anstimmen, sondern  an tieferliegende Probleme erinnern: Arbeitsplätze in der Sozialen Arbeit müssen in vielen Domänen unbefristet und attraktiv gestaltet werden – und die Zugangsvoraussetzung muss ein qualifizierter MA-Abschluss sein. Nur so entsteht eine Basis, die notwendige Umbrüche sehen, gestalten und evaluieren kann.

 

 

Nachlese: Fachforum Onlineberatung 2019

Den Kolleg*innen aus Nürnberg – vor allem Richard Reindl und Emily Engelhard und der zugehörigen Tagungsmannschaft – ist es geglückt, wieder ein interessantes Fachforum zu organisieren. Zum 12. Mal ging es an diesem zweitägigen Kongress um Onlineberatung, diesmal unter dem Schwerpunktthema Soziale Innovation.

Frisch von der TH Nürnberg zurück, gehen mir dazu einige Gedanken durch den Kopf. Zunächst fällt mir nach wie vor die große Heterogenität in den Wissensständen auf – der Kongress hat sich darauf seit einigen Jahren insofern eingestellt, als dass es „Newcomer*innen-Workshops“ in einer Art Pre-Conference-Programm gibt. Das zeigt, dass sich dauerhaft neue, auch junge und gerade ins Berufsfeld der Sozialen Arbeit eintretende Kolleg*innen für das Thema Soziale Arbeit im Zeitalter ihrer Digitalisierung interessieren. Was wir zukünftig mehr voranbringen müssen, wäre aber konsistente Theoriearbeit zum Themenkomplex Digitalisierung in der Sozialen Arbeit. Für Onlineberatung ist beispielsweise noch nicht einmal geklärt, ob sie als Technik, Methode oder Arbeitsfeld aufzufassen ist, will man der gängigen Systematik von Michael Galuske folgen – dabei ist das Beraten im Internet längst nicht mehr die einzige digital unterstützte Tätigkeit in der Sozialen Arbeit.

Hat Spass gemacht: Die zwei Workshopdurchgänge mit unterschiedlichen, aber diskussionsfreudigen Gruppen

In meinem Workshop habe ich deshalb versucht, einmal hinter und unter die rührige Diskursoberfläche der Szene zu blicken, um utopische und medienkonservative Momente zu identifizieren und Digitalisierung als kulturellen Wandel mit den zugehörigen Ungleichzeitigkeiten aufzufassen. So fällt mir auf, dass die Praxis der Onlineberatung seit einiger Zeit in einer eigenen Filterblase steckt, in der sie ihre Theorien kleiner Reichweite ausführlich ventiliert und damit immer neue Zielgruppen und Beratungsthemen erschließt, dabei aber oft den Anschluss an übergeordnete Digitalisierungsprozesse verliert. Hybridisierung wird beispielsweise vornehmlich gedacht als Verbindung zwischen kopräsenter und medial operierender Kommunikation, während beispielsweise das Biohacking, auch als jugendkulturelles Phänomen, Hybridisierung in ganz anderer Hinsicht intendiert – nämlich als Verschmelzung zwischen der biologischen Existenz und artifiziellen, digitalen Medien. Daraus entsteht das transhumane Moment, das man unterschiedlich bewerten mag, um das man aber nicht umhin kommt – auch in der Sozialen Arbeit nicht. 

Geraldine de Bastion ging in ihrer Keynote auf ein fast schon ikonisches Gerät ein: Roboter-Robbe Paro für Demenzkranke

Toll war deshalb, dass die Keynote von Geraldine de Bastion die Vielfalt von Digitalisierungsprozessen zugänglich gemacht hat und dabei  – Stichwort Big Data und KI – auch manche für die Soziale Arbeit noch unbekannte Szenarien vorgestellt hat, z.B. die Echtzeitauswertung von Texten in Sozialen Netzwerken zum Erkennen von Menschen in suizidalen Krisen. Auch daran konnte ich in den Diskussionen in meinem Workshop gut anknüpfen – denn KI-Unterstützung im Kinderschutz und Beratung, die nur durch Algorithmen angeboten wird und ohne menschliche Fachkräfte auskommt, sind bereits Realität. Verhandelt wird dort längst nicht mehr, ob solche Angebote wirken (das tun sie), sondern für welche Beratungs- und Therapieanliegen und Adressat*innengruppen eine Arbeitsbeziehung zu einer KI, einem Menschen oder einer Kombination am besten ist.

Die allfälligen Fragen, ob und wie sich das unter einer ethischen Perspektive legitimieren lässt, was Fachkräfte brauchen, um solche Technologien gewinnbringend einzusetzen und was das für die Fort- und Weiterbildungslandschaft bedeutet, waren deshalb der ständig mitlaufende Subtext der gesamten Tagung. Ich jedenfalls war froh um die zahlreichen kritischen, aber produktiven Stimmen, die das Kongressthema hinterfragt haben.

Der Abschlussvortrag schließlich war mit dem Thema des spielerischen Erzeugens von  Motivation (Gamification) vielleicht auch ein impliziter Hinweis darauf, dass wir in der Sozialen Arbeit trotz des gebotenen Ernstes auch mutiger sein sollten, manche Dinge einfach auszuprobieren. Schließlich wecken digitale Medien in vielen Kolleg*innen auch den Homo Ludens – wir sollten ihm ab und an nachgeben, damit es voran geht.

Soweit also ein paar Gedanken als sehr subjektive Nachlese – selber einen Workshop anzubieten bedeutet ja immer, einem Großteil der Tagung selbst nicht folgen zu können. Es wird deshalb sicherlich lohnenswert sein, auch die anderen Blogger*innen zu lesen.

Die offizielle Tagungsdoku – auch mit Foliensätzen – wird es bald wie üblich auf den Seiten des Fachforums Onlineberatung geben.

 

Neuer Handbuchartikel – und: die Sommerpause ist um :-)

Das Wörterbuch Soziale Arbeit (Hrsg: Amthor, R.C./Goldberg, B./Hansbauer, P./Landes, B./Wintergerst, T., ehemals Kreft/Mielenz) erscheint 2020 in einer kompletten Überarbeitung bei Beltz Juventa. Wolfgang Widulle und ich haben den Beitrag zu Gesprächsführung und Beratung verfasst und dabei versucht, bisher wenig beachtete Aspekte einfließen zu lassen. Dies waren vor allem Fragen der Professionalisierung und Professionalisierbarkeit sowie die Wirkfaktordebatte, die wir als wesentliche, stark empirisch getragene Ergänzung für den Beratungsdiskurs verstehen. Wir sind gespannt, wie der Artikel ankommt.

Soziale Arbeit in der digitalen Stadt: Wir brauchen mehr Theorie

Handlungsfelder der Digitalstadt Darmstadt: Soziale Arbeit muss und kann sich quer verorten. Quelle: Digitalstadt Darmstadt

Darmstadt ist seit Gewinn des Bitkom-Wettbewerbs die erste Digitalstadt Deutschlands. Zahlreiche Akteure der Stadtgesellschaft treiben  zu allen Themenfeldern der Daseinsfürsorge Digitalisierungsprojekte voran. Soziale Arbeit kommt dabei (noch?) nicht als eigenes Themenfeld vor – ein Umstand, der keinesfalls die Konzeption der Digitalstadt Darmstadt alleine betrifft, sondern sicherlich als Zeitdiagnose zum Umgang mit Digitalisierungsphänomenen in der Sozialen Arbeit ingesamt gewertet werden muss (Stichwort: Medienkonservatismus unserer Zunft). Enge Bezüge hat sie natürlich, beispielsweise über die Soziale Arbeit an Schulen, zum Bildungsthema, das erwartungsgemäß in der Digitalstadt Darmstadt zunehmend Fahrt aufnimmt.

Aber – reicht es für die Soziale Arbeit, querliegend bestehende Themen- und Handlungsfelder stückweise und eher nachholend digital anzureichern? Oder braucht es für Soziale Arbeit in der digitalen Stadt (abstrakt gedacht als Gemeinwesen) nicht mehr? Ich denke, letzteres ist der Fall, und Soziale Arbeit muss sich nach neuen Theoriekonzepten umsehen.

Physische und virtuelle Räume – Wie weit trägt ein Zwei-Welten-Konzept?

Zentral dürfte für das theoretische Durchdenken dabei sein, dass in weiten Teilen der Sozialen Arbeit der Primat eines bestimmten Begegnungs- und Fallkonstellationstypus gilt: Ausgegangen wird von kopräsenten Begegnungen, die sich in physisch und geographisch gefassten Sozialräumen abspielen. Wird diese Vorrangstellung nicht intensiv diskutiert und reflektiert, kann die Beschäftigung mit Digitalisierungsphänomenen nur in einer Nachrangigkeit von Digitalisierungsbemühungen resultieren. Die Diskurse richten sich dann ähnlich ein wie in der Zeit der ersten Phase der Digitalisierung in der Bildung. Lernplattformen und digitale Medien wurden überwiegend dazu genutzt, bisherige Lehr-Lern-Praxen nachzubilden: Aus dem Handapparat physischer Bücher wurde das Repositorium mit .pdf-Dateien und mancher Test oder Evaluationsfragebogen hat eine elektronische Darreichungsform erhalten – das war es im Wesentlichen. Erst in einer zweiten Phase wurde die implizite Zwei-Welten-Struktur (hier die physische Begegnung, dort die partielle digitale Materialität) insofern aufgegriffen, als dass Blended-Learning-Konzepte entwickelt wurden. Die Lücke zwischen „analoger“ und „digitaler“ Welt wurde damit adressierbar, aber zugleich auch gefestigt. Blended-Konzepte folgen der Logik des „Besten aus zwei Welten“ und sind sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung und derzeit an vielen Stellen das aktuellste Konzept in der Bildung. Trotzdem werden in der letzten Zeit Stimmen laut, die an der Sinnhaftigkeit des Begriffes „blended“ im Kontext von Bildung zweifeln, eben weil damit die angebliche Kluft zwischen digitaler und analoger Sphäre aufrechterhalten wird. Viele Kolleg*innen sprechen deshalb schlicht von zeitgemäßer Bildung und meinen damit, dass jeweils das genutzt und getan wird, was dem Bildungsziel dient.

Medienintegrative Soziale Arbeit

Aus solchen Diskursen könnte Soziale Arbeit lernen. Sie muss sich dann fragen, ob ihr eine mit der Blended-Metapher angereicherte Fortschreibung von Konzepten reicht oder es mehr braucht. Mein Plädoyer wäre, die semantische Aufrechterhaltung der Zweiweltenmetapher – der „digital-medialen“ und der wie immer gearteten „kopräsent-analogen“ Welt – nicht zur Grundlage der Weiterentwicklung zu machen.

Eine medienintegrative Soziale Arbeit wäre als erste Begriffsannäherung ein hierzu passendes Konzept, das den ihr gegebenen Vermittlungsauftrag zwischen Individuum und Gesellschaft ernst nimmt und zwar unabhängig davon, in welchen Vermittlungsformen er sich realisiert. Ein erster Schritt mit der theoretischen Beschäftigung und Auslotung einer medienintegrativen Sozialen Arbeit wäre dann die Befassung mit den Formtransformationen ihrer Erbringungsverhältnisse. Hier könnte Soziale Arbeit viel aus ihrer eigenen Geschichte lernen – beispielsweise der Entrüstung über die ersten Telefonberatungsangebote, die in der Fachwelt mit gehöriger Skepsis aufgenommen wurden mit der Idee, dass ein persönliches Beratungsgespräch nicht durch den Telefonapparat ersetzbar sei. Nur wenige Jahrzehnte später hat sich dann, ironischerweise aufbauend auf der Erfolgsgeschichte der Telefonseelsorge, die Skepsis breit gemacht, ob man denn etwa im Internet und per Text Beratung machen könnte. Auch hier war die Ersetzungsmethapher der grundlegende Diskursfehler, denn es läßt sich ja empirisch zeigen, dass das Denken in Ergänzung der richtige Schluss ist: Das Gespräch ist seit Erfindung des Buchdruckes nicht verschwunden, die Erfindung der Telefonberatung hat kopräsente Beratung nicht zum Verschwinden gebracht und mit Einführung textbasierter Onlineberatung sind mündliche Formate nicht weniger geworden.

Soziale Arbeit ist also gut beraten, sich die Sache als konzentrische Ausweitung von möglichen Interaktionsszenarien vorzustellen, die es Adressat*innen und Fachkräften ermöglicht, Medienwahlentscheidungen aus einer großen Auswahl heraus zu treffen. Dabei darf dieses Bild aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es nicht nur um die quantitative Vermehrung von Adressierungsoptionen geht, sondern der Formenwandel eben auch neue Qualitäten ermöglicht – medienintergrative Soziale Arbeit muss sich dann auch damit befassen, inwiefern sie z.B. Künstliche Intelligenz oder Big Data Analytics zur Bewältigung ihrer Aufgaben nutzt oder sogar neue Hilfemöglichkeiten entstehen. Die Differenz zwischen digitaler Inklusion und inklusiver Digitalisierung würde idealerweise in diesen Bemühungen verschwinden. 

So gesehen sind die Themenfelder, die in Darmstadt als erster deutscher Digitalstadt als wesentliche Elemente der Daseinsvorsorge bearbeitet werden, zunächst exemplarische neue Umwelt für die Soziale Arbeit. Sie ist aber gut beraten, diese zunehmend digital formierte Umwelt auch zur relevanten Umwelt zu machen. Solange sie in allen mediatisierten Optionen nur die Abbildung traditioneller Begegnungs- und Ortsmethaphern sieht, besteht weiterhin die Gefahr, wieder einmal nur nachholend mitzugestalten. Ähnlich wie Michael Winkler physische Orte und das zugehörige Handeln als zentrales Bestimmungsstück der Sozialpädagogik eingeführt hat, könnte sich Soziale Arbeit auf die Suche nach einer Theorie medialen Ortshandelns aufmachen und dabei mediatisierte Situationen von Beginn an als das verhandeln, was sie sind und sein müssen: Mehr als bloße Abbilder traditioneller Konzepte.

Insoweit erfahrene Algorithmen? Kinderschutz, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz

Künstliche Intelligenz im Kinderschutz?

Die Darmstadt Konferenz (Blogbeitrag dazu kommt noch) hat mir wieder einmal gezeigt, wie wenig Soziale Arbeit in Diskursen um Digitalisierungsphänomene involviert ist: Lediglich in einem Vortrag (wenn ich nicht falsch liege) war sie explizit erwähnt.

Im Zentrum der Konferenz um die Digitalstadt Darmstadt standen dabei alle Bereiche der Daseinsfürsorge. Besonders prominent wurde der Einsatz von Künstlicher Intelligenz in ganz unterschiedlichen Kontexten verhandelt, von der vorherschauenden Verkehrssteuerung über selbstfahrende Straßenbahnen bis hin zum integrierten, smarten Quartiersmanagement a la Sidewalk.

Im Nachgang gab es dann aber doch viele Gespräche mit sozialpädagogischen Kolleg*innen und Studierenden, was denn von dem ganzen „Hype“ um Big Data, KI und Co. für die Soziale Arbeit zu halten sei. An einem prominenten Beispiel, nämlich dem Kinderschutz und der damit einhergehenden Frage der Einschätzung von Kindeswohlgefährdung, lassen sich einige Digitalisierungsphänomene für die Soziale Arbeit besonders deutlich zeigen. Das liegt an zwei Dingen: Zum einen wird nirgends in der Sozialen Arbeit so deutlich, wie widersprüchlich und komplex ihre Aufgaben sind wie im Kinderschutz – es geht in der Abklärung von Kindeswohlgefährdung um nichts anderes wie die Sicherung der körperlichen und seelischen Integrität von Kindern mit allen dazugehörigen Diagnostik-, Beratungs- und Interventionsverfahren bis hin zur Herausnahme von Kindern aus der Familie. Also um Entscheidungen, die unter Risiko, meist aber unter Unsicherheit stattfinden. Dies schließt einfache Entscheidungsfindungen per se aus.

Zum anderen lässt sich ein international sehr unterschiedlicher Umgang mit Fragen der (digitalen) Unterstützung bei der Gefährdungseinschätzung beobachten. Er lässt sich auf die Frage zuspitzen, ob und wie Computer überhaupt bei dieser Aufgabe helfen können und sollen und was sie an „Wissen“ dazu beitragen.

Prinzipiell sind zunächst alle Fachkräfte, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten aufgefordert, sensibel auf mögliche Kindeswohlgefährdungssituationen zu reagieren. Kommen sie nicht weiter, treten besondere Fachkräfte hinzu, die „insoweit erfahrenen Fachkräfte“. Die Funktionalität ihres Wissens wird dabei weniger auf einen spezifischen Grundberuf zurück geführt, sondern an einer Kombination aus beruflicher Erfahrung, spezifischer Weiterbildung und ausgewiesener Handlungskompetenz festgemacht. Die hier geleistete Abklärung selbst und die daraus folgende Gefährdungseinschätzung ist dabei nicht einheitlich und strikt definiert. Und genau hier wird es spannend zu überlegen, ob und wie der Computer helfen kann, soll und darf.

Entscheidungsprozesse beruhen dabei derzeit auf vier Optionen, die auf jeweils sehr unterschiedliche Arten Entscheidungen theoretisch und normativ rahmen.

  • klinische Urteile
  • standardisierte Instrumente, die mehr oder weniger konsensuell gefundene Standards aus der Fachcommunity festlegen
  • festgelegte Algorithmen mit definierten Indikatoren, wie sie auch in der Risikostatistik verwendet werden
  • KI-getriebene System mit permanenter Mustererkennung („deep learning“, „predictive computing“)

Gemeinhin akzeptiert wird als internationaler Forschungsstand, dass das klinische Urteil alleine am wenigsten verlässlich ist. Häufig werden deshalb standardisierte Instrumente wie die KiWo-Skalen genutzt, die das hoch inferente klinische Urteil zumindest ergänzen. In Deutschland wenig verbreitet sind hingegen digitale Unterstützungssysteme. Breit eingesetzt und untersucht werden diese hingegen in den USA und auch einigen europäischen Ländern (z.B. den Niederlanden). Hier sind die Diskurse deshalb auch weitaus intensiver entfaltet und es werden die beiden letzten Optionen differenziert betrachtet: Weil beispielsweise bei festgelegten Algorithmen  die Formel zur Errechnung der Risikosumme aus den gewählten Indikatoren empirisch belegt und gewonnen ist, bleibt oft die Frage, welches Konstrukt die gefundenen Zusammenhäng eigentlich beschreibt. Denn nicht alle Indikatoren, die (in der Regel einmalig) ausgewählt und dann zu einem Algorithmus der Gefährdungseinschätzung zusammengefügt werden, sind sofort für ihre Vorhersagekraft verstehbar.

Die aktuelle Entwicklung mit der Nutzung dynamischer Mustererkennung im Sinne von Predictive Computing spitzen diese Probleme noch zu: Obwohl sich zeigen lässt, dass die Prognosen im Gegensatz zu den vorherigen Verfahren noch einmal besser werden, drängt sich die Frage immer mehr auf, was die KI dann eigentlich „weiß“ im Laufe ihres Lernens an großen und unstrukturierten Datensätzen, entlang derer sie eine Gefährdungsprognose für ein Kind erstellt.

Beobachtet man die Diskurse, lässt sich die Hypothese aufstellen, dass wir Menschen (z.B. den insofern erfahrenen Fachkräften) eher große Anteile impliziten Wissens zutrauen, ohne misstrauisch zu werden, einer KI eher nicht. Hierin dürfte auch der Grund zu suchen sein, dass trotz des Nachweises der Fehlbarkeit klinischer Urteile trotzdem viele Menschen diesen Verfahren trauen.

Vorhersagealgorithmen für Kindeswohlgefährdung und rassistischer Bias.(Chouldechova, E. Putnam-Hornstein, D. Benavides-Prado, O. Fialko & R. Vaithianathan 2018).

Soziale Arbeit kommt also über den Umweg der Technisierung und Mediatisierung auch hier wieder auf eines ihrer Schlüsselproblem zurück – nämlich wie sich ihr Handeln im Einzelfall und im Gesamtsystem theoretisch und normativ begründen lässt. Bezogen auf die Einschätzung von Chancen und Grenzen von KI-Technologien komme ich hier immer wieder zum gleichen Fazit: Wenn die Vorhersagen und Interventionsmöglichkeiten  besser werden (was offensichtlich in vielen, aber nicht allen Anwendungen der Fall ist) und Soziale Arbeit über algorithmisches Lernen noch etwas über sich selbst lernen kann, sollten wir diese Systeme nutzen – und uns selbst und die Technik dabei permanent kritisch reflektieren. In einer Studie von Kolleg*innen aus den USA wurde beispielsweise deutlich, dass auch Vorhersage-Algorithmen klassischen Rassismus zeigen, also Kindeswohlgefährdungseinschätzungen durch KI einen Bias haben, der sich eindeutig nachweisen lässt. Er stammt zum einen logischerweise aus dem Bias derjenigen Fachkräfte, die die Bewertungen für die Lernfälle der KI vorgenommen haben, lässt sich aber andererseits in verschiedenen Algorithmen unterschiedlich nachweisen und berücksichtigen- und damit einem differenztheoretischen Lernen zugänglich machen. Eine KI ist somit auch eine schonungslose Aufklärungsoption über die Fehlbarkeit menschlicher Urteile. Vermutlich wird also die Kombination aus Mensch und Maschine insgesamt die besseren Einschätzungen vornehmen. Auch diese Erkenntnis hat sich schon in der Praxis durchgesetzt, denn in allen innovativen Modellprojekten zum Predictive Computing im Kinderschutz haben letztendlich Fachkräfte und nicht der Computer die alleinige Entscheidungsbefugnis. Letzterer wird aber eben nie müde und lernt stoisch (aber bei der Nutzung von Maschinenlernen eben auch nicht immer sofort nachvollziehbar) hinzu.

Vieles vom hier Gesagten kann man in dieser Paneldiskussion nachvollziehen:

Es diskutieren hier Emily Putnam-Hornstein (Professor at the University of Southern California and Director of the Children’s Data Network), Erin Dalton (Deputy Director, Office of Data Analysis, Research & Evaluation, Allegheny County Department of Human Services), Alexandra Chouldechova (Assistant Professor of Statistics & Public Policy, H. John Heinz III College, Carnegie Mellon University), Moderatorion: Rhema Vaithianathan (Professor of Economics at Auckland University of Technology, Co-Director of the Centre for Social Data Analytics)

 

 

 

Professionalisierungskultur gestalten: Das Beispiel Zielentwicklung in den Darmstädter Hilfen zur Erziehung

Videolectures zum neuen Hilfeplanverfahren – zum Diskutieren und kritisch hinterfragen jenseits von Einrichtungsgrenzen und doch im gemeinsamen Tun

Soziale Arbeit ist in Deutschland durch das Subsidaritätsprinzip gekennzeichnet. Daraus ergibt sich automatisch, dass in den Hilfen zur Erziehung Vielfalt hinsichtlich der Träger sowie deren Konzepte und Methoden besteht. Verstärkt durch das Technologiedefizit in der Pädagogik erscheint Soziale Arbeit dann notwendigerweise als das, was in der Professionalisierungsforschung als „ill defined“ oder schlecht definierte Domäne bezeichnet wird: Ziele und Mittel beinhalten gegenstandsimmanent Unschärfen. Daraus folgt wiederum ein Vorgehen, das Sozialer Arbeit oft als unprofessionell vorgeworfen wird: Die Orientierung am Einzelfall und dessen Logik sowie das zurückgreifen auf Träger mit ganz unterschiedlichem Profil – stationär und ambulant, systemisch, tiefenpsychologisch, verhaltenstherapeutisch, erlebnispädagogisch etc. Die Frage ist dann aber, entlang welcher Vorstellungen sich Soziale Arbeit professionalisieren kann und soll und ob ihre zahlreichen Arbeitsfelder überhaupt eine übergreifende Wissensdomäne bilden. So hat sicherlich jede Einrichtung ihre spezifische Einrichtungskultur, und auch die Soziale Arbeit insgesamt beruft sich auf abstrakte Kodizes sowie die Rahmungen durch die Sozialpolitik. Trotzdem lässt sich eine Lücke in diesem professionellen Orientierungssystem erkennen, die vor allem seit der Regionalisierung von Hilfeangeboten zutage tritt: Sollen Träger der Jugendhilfe nämlich – idealerweise zusammen mit dem Jugendamt – einen Sozialraum sowohl in Kooperation als auch eigener Schwerpunktsetzung gemeinsam bestellen, fehlt oft ein Konzept, um die Einheit der Differenzen herzustellen. Das Entwickeln einer gemeinsamen, regionalen und domänenbezogenen Professionalisierungskultur jenseits einrichtungsspezifischer Spezialitäten (und den zugehörigen Einrichtungskulturen) macht dann Sinn. Sie kann helfen, Organisationen, Angebote und die Handlungskompetenz der Fachkräfte gemeinsam weiterzuentwickeln. Eine solche Professionalisierungskultur wäre dann als Antwort auf die Vielfalt von Optionen der sozialräumlich definierten Jugendhilfe vor Ort zu sehen. Dass dies not tut, kann man an vielen Hilfeplanverläufen erkennen: Kaum wechselt ein Fall Sachbearbeiter*in, Bezirk, und/oder Jugendhilfeanbieter*in zeigt sich, dass die Komplexität zu hoch ist – der neue Hilfeplan hat mit dem alten Hilfeplan nur noch wenig gemeinsam oder Bezüge müssen durch abenteuerliche Sinnkonstruktionen und über Widerstände hinweg aufrecht erhalten werden, weil kein Medium zur Konsensfindung in den höchst unterschiedlichen Hilfenarrativen bereit steht.

Mich hat deshalb besonders gefreut, dass ich etwas für das Projekt Zielentwicklung der Darmstädter Jugendhilfe beitragen kann (ein bisschen was dazu habe ich schon gebloggt). Denn genau hier macht die Vergewisserung über die Idee einer regionalen, aber trägerübgreifenden Professionalisierungskultur Sinn. Und so ist den Akteur*innen im bisherigen Verlauf des Projektes etwas sehr wertvolles gelungen: Das neu entwickelte Hilfeplanverfahren hat zwei wesentliche Innovationen: Es legt für alle drei Akteure (Jugendliche und Familien, das Jugendamt/ASD und die Jugendhilfeeinrichtungen) fest, dass (a) der Hilfeplan durch ein von allen geteiltes emotionales Grundsatzziel bestimmt sein muss, das in allen Prozessen jederzeit als kommunikativer und Sinn gebender Heimathafen angelaufen werden kann und (b) darauf aufbauend Jugend und Träger in genau definierten Zuständigkeitsbereichen gemeinsam und für sich die notwendigen Konkretisierungen vornehmen. Ein gemeinsamer Fachtag aller Träger und die daraus folgenden Materialien wie Videolectures zum einrichtungsunabhängigen- und übergreifenden Weiterlernen und die Aufbereitung der Dokumentationen aus den gemeinsamen Übungsgesprächen mit dem BeraLab – all das kann, wenn es gut läuft, Bestandteil einer gemeinsamen regionalen Professionalisierungskultur werden, in der Jugendamt, Träger und Familien trotz unterschiedlicher Anliegen, Wünsche und Konzepte gut zusammen arbeiten können. Wir sind gespannt und hoffen, dass unsere Wünsche nach einer engen wissenschaftlichen Begleitung in Erfüllung gehen, da dieser Forschungsfall nicht allzu häufig in der BRD vorkommen dürfte. 

Richtig weitermachen oder begründet abbrechen: Was pädagogische Fachkräfte für ihre Professionalisierung bei uns mitnehmen.

Poster, Highres bei Researchgate

Letzte Woche hat die Universität Tübingen wieder ihre Pforten zum sogenannten Tübinger Fenster für Forschung geöffnet. Diese Veranstaltung bietet  allgemein verständliche und interaktive Einblicke in die Tübinger Spitzenforschung. Wir waren mit unserem innovativen Professionalisierungsprojekt ProfiL (Professionsbezogene Beratung im Lehramtsstudium) mit einem Poster vertreten. Besonders gefreut hat uns, dass wir nun die lange ersehnten ersten Forschungsergebnisse berichten können. Das Durchführen von echten Längsschnittstudien gilt zwar allenthalten als Königsweg, bedeutet aber eben auch, dass man in mehrjährigen Projekten lange darauf warten muss, bis die ersten Daten ausgewertet werden können. Nun ist es aber so weit: Zwar ist die Abschlusserhebung für unseren ersten untersuchten Jahrgang immer noch etwas entfernt. Aber die Daten aus der Basiserhebung – bevor die Studierenden unser Beratungsangebot besuchen – und die Zwischenerhebung zur Hälfte der Projektlaufzeit bei der Experimentalgruppe liegen vor. Zusammen mit den zugehörigen Daten zum Prozessgeschehen in den Beratungsgruppen haben wir nun schon eine erste Orientierung, was in unserem Angebot läuft und welche Effekte wir erwarten können. Erwartungskonform bilden sich dabei in den Mehrebenendaten die unterschiedlichen Facetten des Beratungsgeschehens ab: Auf der Ebene der ProfiL-Kleingruppen (Datengrundlage: Protokolle der Berater*innen und Erfassung gewählter Themen) zeigen sich unterschiedliche Verläufe, was sich entlang der von den Studierenden selbst gewählten  Beratungsthemen zeigt (mehr zum Konzept von ProfiL gibt es hier). Auf der Ebene der einzelnen Studierenden (Datengrundlage: standardisierter Fragebogen) zeigt sich zur Zwischenerhebung in der Gruppe der ProfiL-Teilnehmer*innen, dass sie viel besser als zu Beginn sagen können, wie sie zu der Lehrer*in werden können, die sie sein wollen und dass sie Gründe für einen Abbruch des Studiums gut kennen – zentrale Ergebnisse, wenn man die Subjektgebundenenheit pädagogischer Professionalisierung fokussiert, in der das Selbsterleben und eine begründete Auseinandersetzung mit sich, anderen und der relevanten Lern- und Arbeitsumwelt als zentral gelten. Wir sind gespannt, was die Ebene des Vergleichs mit der Kontrollgruppe angeht, die genauso wie unsere ProfiL-Teilnehmer*innen studieren, aber ohne die reflexive Unterstützung unseres Angebotes. Und eines mehr habe ich auch gelernt: So etwas macht nicht nur für angehende Lehrer*innen Sinn, sondern auch für Sozialpädagog*innen. Wir brauchen also nach ProfiL auch ProfiS 🤗.

 

 

Virtuelle Räume in der Sozialen Arbeit: Nachlese zum Kongress Sozialplanung und Digitalisierung

Twitterfeed zu Beginn der VSOP-Tagung

Welchen Bezug hat die Soziale Arbeit zur Digitalisierung, was die Planung ihrer Angebote betrifft? Sind Theorien und Praktiken des Umgangs mit virtuellen Räumen verzahnt genug? Wie reagiert das Planungssystem wohlfahrtsstaatlicher Hilfen auf die unterschiedlichen Herausforderungen der Ent-Räumlichung und Ent-Zeitlichung durch digitale Medien?

Vergangene Woche hat der Kongress Sozialplanung und Digitalisierung stattgefunden. Er war die Jahrestagung des VSOP (Verein für Sozialplanung), dem bundesweiten Zusammenschluss aller Sozialplaner*innen und wurde an der EHD von Markus Emanuel zusammen mit der Digitalstadt Darmstadt organisiert.

Thomas Ley von der Uni Bielefeld hielt die Keynote und machte deutlich, dass es sich bei der Digitalisierung um einen umfassenden, kulturellen Wandel handelt, der mindestens drei Dimensionen betrifft: Automatisierung, Informatisierung und Transformation. Während Prozesse der Automatisierung relativ leicht als Oberflächenstruktur der Digitalisierung verstehbar sind (indem z.B. ein Papierantragsverfahren in eine interaktiv ausfüllbare Form überführt wird, dabei aber die skeuomorphe Form behält), betrifft die Informatisierung bereits die tiefer liegenden Schichten der Alltags- und Arbeitskultur, die nicht ohne weiteres reflexiv zugänglich sind. Gemeint ist damit nämlich, dass durch Informatisierung flüchtige Akte eine materielle, gegenständliche Form finden. Digitalisierung in der Sozialen Arbeit bringt eine enorme Menge solcher absichtlich oder beiläufig erzeugten materiellen Korrelate ihres Tuns hervor – automatische Dokumentationen durch den Softwareeinsatz, aber auch der massiv gesteigerte, aktive Einsatz digitaler Medien wie z.B. in den zahlreichen Videofeedback-Interventionen (z.B. Marte Meo) oder die Kommunikation über Messenger ist hier zu nennen. Und schließlich wandelt sich auch der Wandel selbst – „analoge“ Planungsinstrumente und Szenarien werden durch digitale Optionen massiv herausgefordert – sowohl was die Möglichkeiten der Datenerzeugung als auch die der Datenauswertung und Planung betrifft. Was tut eine Kommune, wenn sie erfährt, dass die aus guten Gründen eingerichtete Onlineberatungsstelle nachweislich vor allem von Ratsuchenden außerhalb des planerischen Sozialraumes genutzt wird.  Macht dann ein Festhalten an herkömmlichen Raumkonzepten noch Sinn oder lassen sich diese durch überschaubare Ergänzungen erweitern?

Workshop-Programm zu virtuellen und physischen Orten

Das war die Frage in meinem Workshop zu Orten und Angeboten: Veränderungen von physischen und virtuellen sozialen Räumen. Nach drei provokativen Thesen zur Frage des Verhältnisses von „virtuellen“ und physischen Raumkonzepten haben wir drei ausgewählte Projekte diskutiert: Ein bundesweites Netzwerk zur Begleitung junger Menschen im Übergang Schule-Beruf, Pflegeberatung und Prävention für Angehörige mit Unterstützung durch eine KI, Robotik und Gamification sowie die ChiRi-App zur Umsetzung von Kinderrechten. In der Diskussion zeigte sich, dass Sozialplaner*innen die mit solchen Diensten einhergehenden Innovationspotentiale sehr konstruktiv aufnehmen, aber bisher kaum Instrumente zum Umgang damit bereit stehen – dies betrifft sowohl die Planung, aber auch die Finanzierung. Hier wird sich zeigen, ob das mit Digitalisierung einhergehende Versprechen, neue Formen der Zusammenarbeit und Vernetzung zu ermöglichen, nicht nur unter einzelnen Subjekten, sondern auch organisational und institutionell eingelöst wird und damit der von Manuel Castells schon zur Jahrtausendwende richtig vorhergesagte Wandel zur Netzwerkgesellschaft auch in der Sozialen Arbeit Einzug hält.

Mich hat die Diskussion mit engagierten Sozialplaner*innen sehr bereichert und ich bin mit neuen Fragen, was die Digitalisierung Sozialer Arbeit betrifft, in Kontakt gekommen. Eine erweiterte Nachlese und den Download der Materialien wird es sicherlich beim VSOP geben – auch für mich interessant, da ich aufgrund des eigenen Workshops die spannenden anderen Angebote (Daten, Partizipation und Einmischung) nicht besuchen konnte.