Wissen zu Digitalisierung – Mediatisierung – Beratung: Kommendes Themenheft des Kontext:

Digitalisierung und Mediatisierung als Querschnittsthema: Kontext Heft 2, 2020

Für die Ausgabe 2/2020 des Kontext, der peer revieweten Zeitschrift der DGSF, durfte ich die Gastherausgeberschaft übernehmen. Es wird ein Themenheft zu Digitalisierung und Neuen Medien in der Beratung werden. Die Beiträge stehen und ich freue mich, renommierte Kolleg*innen gefunden haben, die das Heft mitgestalten und ihr Wissen zur Verfügung stellen. Inhaltlich war mir wichtig, die Bandbreite des Themenkomplexes bestmöglich abzubilden, um Digitalisierungs als querschnittiges Kulturwandelphänomen zugänglich zu machen, das Beratungspraxen, Beratungsorganisationen und Professionalisierungsprozesse von Fachkräften gleichermaßen betrifft.

Bezogen auf digitale und mediatisierte Beratung werden Cornelia Maier-Gutheil (Darmstadt) und Tim Stanik (Tübingen) einen Artikel zu medialen Beratungsformaten und Emily Engelhard (Nürnberg) zu digitalen Supervisionsformaten schreiben.

Die Ebene der Digitalisierung und Mediatisierung von Curricula und (Weiter)bildungsorganisationen ist ein Bereich, den man derzeit in der Beratungsszene sicherlich als wenig medienaffin bezeichnen kann. Jürgen Handke (Marburg) wird hierzu etwas aus der Perspektive des von ihm entwickelten Inverted-Classroom-Masterymodels beitragen und Impulse setzen darüber nachzudenken, E-Learning auch im Bereich der non-formalen Bildung systematisch zu entfalten. Peter Martin-Thomas (Stuttgart) wird in einem reflexiven, praxisorientierten Format über die konkrete Implementierung mediengestützten Lehrens und Lernens an einem größeren Weiterbildungsinstitut berichten.

Aus der Perspektive von Lerner*innen schließlich beleuchtet der Artikel von Valentin Frangen (Landau) die Frage, wie sich Selbstwirksamkeitserwartungen bei angehenden Beratungsfachkräften in Ausbildung darstellen, wenn sie mit den Anforderungen digitaler Formate konfrontiert werden.

Mich freut besonders, dass ich diese Autor*innen gewinnen konnte und es so möglich wird, das Thema Digitalisierung und Mediatisierung auf allen wichtigen Ebenen zu beleuchten. Für alle drei Ebenen wird bezüglich Beratung und Hilfe in ihrer digitalmedialen Epoche gelten, dass gerade hier Entwicklung und Lernen auf Dauer gestellt sein müssen, um mit dem raschen Entwicklungstempo Schritt halten zu können.

Nachlese: ASD-Bundeskongress 2019

Der ASD-Bundeskongress ist um und stand dieses Jahr unter der Frage „Update oder Setup? ASD in gesellschaftlichen Umbrüchen“. In vier Themenforen wurden Umbrüche fokussiert: Digitalisierung, Personal, Kooperation/Vernetzung/Zusammenarbeit sowie Strukturentwicklung. Mit Markus Emanuel habe ich einen Workshop zu Professionalisierung von Fachkräften im Kontext von Digitalisierung angeboten, so dass auch diese Nachlese zwangsläufige Lücken hat, nämlich das Fehlen von Eindrücken aus den spannenden Workshops, die ich nicht besuchen konnte.

Digitalisierungs-Stammtisch: Udo Seelmeyer, Thomas Ley, Markus Emanuel

Genauso wichtig wie das offizielle Programm war der Austausch mit Kolleg*innen, der dann natürlich auch die Aufmerksamkeit auf eigene Schwerpunktthemen lenkt. Eindrücklich waren für mich dabei zum einen Fragen zur Digitalisierung, die ich mittlerweile bezogen auf Theorie und Praxis Sozialer Arbeit für drängend unbearbeitet halte und die auch ganz unmittelbar damit zusammen hängen, wie der Allgemeine Soziale Dienst – umgangssprachlich „das Jugendamt“ – sich zu Digitalisierungsphänomenen verhält. Fragen der Digitalisierung sind hier deshalb besonders wichtig, weil das Jugendamt in der Sozialen Arbeit die zentrale Institution ist, über die sie einen Großteil ihrer Hilfen strukturiert.

Jeder ASD ist anders – und muss doch „das Amt“ repräsentieren, das vermeintlich jede*r kennt: Joachim Merchel

Joachim Merchel hat in seinem Vortrag zu dieser Strukturierung deutlich gemacht, dass ein zentrales Dilemma des ASD ist, dass er sowohl eine relativ stark durch den Gesetzgeber normierte Institution ist, andererseits aber sehr unterschiedliche organisationale Ausprägungen annehmen kann: Ein ASD im ländlichen Gebiet ist anders strukturiert als der einer Großstadt, und neben sozialräumlichen Einflussfaktoren auf Organisationskulturen existieren noch zahlreiche weiche Variablen, z.B. hinsichtlich bestimmter Präferenzen für Hilfeformen, Maßnahmen, Träger(typen) oder methodische Schwerpunkte. Gerade die Digitalisierung bringt aber die letzten großen Einheiten dieser Differenzen ins Wanken. Eine davon ist z.B. die bisherige sozialräumliche Verortung von Amt, Hilfeempfängern und meist auch der beauftragten Träger (es sei denn, viel Abstand zu haben ist Teil der Hilfe). Digitalisierungsphänomene bringen diese räumliche Struktur gehörig durcheinander: Hilfesuchende können von überall her Kontakt aufnehmen und haben angesichts der Hybridisierung von kopräsenten und medialen Welten auch zunehmend weniger Verständnis für das Abweisen an einer abstrakten sozialräumlichen Zuständigkeitsschwelle. Andererseits bietet die Digitalisierung auch den Fachkräften und ihren Institutionen ganz neue Möglichkeiten, räumliche Schwellen zu überwinden. An diesen Punkten sehe ich unsere Diskurse in der Sozialen Arbeit jedenfalls noch ganz am Anfang – es wäre ein reizvolles Forschungsprojekt, einmal von der impliziten Behördenförmigkeit der gewachsenen Strukturen Abstand zu nehmen und Kinder und Jugendliche zu fragen, wie sie sich eine ideale Organisation in ihrer digitalen Selbstpräsentation und Struktur vorstellen, die den institutionellen Auftrag „Jugendamt“ wahr nimmt.

Aus Fehlern lernen und die eigenen Grenzen sehen? Geht nur mit einer Systematik von (Nicht)wissen: Thomas Klatetzki

Das zweite wichtige Thema war für mich der Umgang mit Professionalität und Professionalisierung in der Sozialen Arbeit, derzeit vor allem virulent im Thema Kinderschutz. Ein wirklich toller Vortrag von Thomas Klatetzki hat theoretisch analysiert und begründet, was viele Fachkräfte als dumpfes Unbehagen empfinden: Es gibt eben neben der Kategorie des sozialpädagogischen Wissens auch die große Kategorie des Nichtwissens. Beides, Wissen und Nichtwissen, können implizit und explizit sein und führen zu unterschiedlichen, auch organisational gesteuerten, Umgängen mit Fehlern. In seinem Vortrag machte Thomas Klatetzki deutlich, dass wir Umfang und Bedeutung des Nichtwissens im Kinderschutz unterschätzen, es ist eben keinesfalls nur ein (Nach)qualifizierungsproblem. Vielmehr bräuchte es neben möglichst gut ausgebildeten Fachkräften einen multiprofessionellen dritten Ort zur kompetenten Abklärung.

Barnahús-Konzept als mögliche Organisationsform für die Reduktion von Nichtwissen: Thomas Klatetzki

Sein konkreter Vorschlag war die Einführung des Barnahús-Konzeptes: Kinderhäusern, in denen Kinder, bei denen der Verdacht auf eine Kindeswohlgefährdung besteht, von einem multiprofessionellen Team (Sozialpädagogik, Medizin, Kriminologie, Psychologie) bei Bedarf auch über längere Zeit begleitet und untersucht werden können. Mich haben seine Ausführungen zu den Grenzen der aktuellen Möglichkeiten der von uns im gegenwärtigen System ausgebildeten Fachkräfte auch an meine eigenen Forschungsergebnisse zur Handlungsfähigkeit am Ende des Studiums erinnert.

Qualität und Quantität sind wichtige Fragen von Personalpolitik in der Sozialen Arbeit. Der Fachkräftemangel ist manifest: Benjamin Landes

Hier müsste, aus meiner Sicht, ebenfalls ein Umdenken stattfinden, das idealerweise einen Umbruch bedeutet: Arbeitsplätze wie die im ASD machen deutlich, dass Soziale Arbeit an vielen Stellen ähnlich komplex ist wie z.B. das Führen einer Hausarztpraxis und auch ähnlich folgenreiche Handlungen nötig sind, die möglicherweise unter noch mehr Unsicherheit wie in der Medizin entschieden werden müssen. Der Aufschrei wäre sicher groß, wenn wir in Deutschland Mediziner mit BA-Abschluss hätten, denen nach relativ überschaubarer Zeit die Vollverantwortung übertragen würde.

Damit will ich (nicht nur) das alte Lied der Entlohnung anstimmen, sondern  an tieferliegende Probleme erinnern: Arbeitsplätze in der Sozialen Arbeit müssen in vielen Domänen unbefristet und attraktiv gestaltet werden – und die Zugangsvoraussetzung muss ein qualifizierter MA-Abschluss sein. Nur so entsteht eine Basis, die notwendige Umbrüche sehen, gestalten und evaluieren kann.

 

 

Soziale Arbeit in der digitalen Stadt: Wir brauchen mehr Theorie

Handlungsfelder der Digitalstadt Darmstadt: Soziale Arbeit muss und kann sich quer verorten. Quelle: Digitalstadt Darmstadt

Darmstadt ist seit Gewinn des Bitkom-Wettbewerbs die erste Digitalstadt Deutschlands. Zahlreiche Akteure der Stadtgesellschaft treiben  zu allen Themenfeldern der Daseinsfürsorge Digitalisierungsprojekte voran. Soziale Arbeit kommt dabei (noch?) nicht als eigenes Themenfeld vor – ein Umstand, der keinesfalls die Konzeption der Digitalstadt Darmstadt alleine betrifft, sondern sicherlich als Zeitdiagnose zum Umgang mit Digitalisierungsphänomenen in der Sozialen Arbeit ingesamt gewertet werden muss (Stichwort: Medienkonservatismus unserer Zunft). Enge Bezüge hat sie natürlich, beispielsweise über die Soziale Arbeit an Schulen, zum Bildungsthema, das erwartungsgemäß in der Digitalstadt Darmstadt zunehmend Fahrt aufnimmt.

Aber – reicht es für die Soziale Arbeit, querliegend bestehende Themen- und Handlungsfelder stückweise und eher nachholend digital anzureichern? Oder braucht es für Soziale Arbeit in der digitalen Stadt (abstrakt gedacht als Gemeinwesen) nicht mehr? Ich denke, letzteres ist der Fall, und Soziale Arbeit muss sich nach neuen Theoriekonzepten umsehen.

Physische und virtuelle Räume – Wie weit trägt ein Zwei-Welten-Konzept?

Zentral dürfte für das theoretische Durchdenken dabei sein, dass in weiten Teilen der Sozialen Arbeit der Primat eines bestimmten Begegnungs- und Fallkonstellationstypus gilt: Ausgegangen wird von kopräsenten Begegnungen, die sich in physisch und geographisch gefassten Sozialräumen abspielen. Wird diese Vorrangstellung nicht intensiv diskutiert und reflektiert, kann die Beschäftigung mit Digitalisierungsphänomenen nur in einer Nachrangigkeit von Digitalisierungsbemühungen resultieren. Die Diskurse richten sich dann ähnlich ein wie in der Zeit der ersten Phase der Digitalisierung in der Bildung. Lernplattformen und digitale Medien wurden überwiegend dazu genutzt, bisherige Lehr-Lern-Praxen nachzubilden: Aus dem Handapparat physischer Bücher wurde das Repositorium mit .pdf-Dateien und mancher Test oder Evaluationsfragebogen hat eine elektronische Darreichungsform erhalten – das war es im Wesentlichen. Erst in einer zweiten Phase wurde die implizite Zwei-Welten-Struktur (hier die physische Begegnung, dort die partielle digitale Materialität) insofern aufgegriffen, als dass Blended-Learning-Konzepte entwickelt wurden. Die Lücke zwischen „analoger“ und „digitaler“ Welt wurde damit adressierbar, aber zugleich auch gefestigt. Blended-Konzepte folgen der Logik des „Besten aus zwei Welten“ und sind sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung und derzeit an vielen Stellen das aktuellste Konzept in der Bildung. Trotzdem werden in der letzten Zeit Stimmen laut, die an der Sinnhaftigkeit des Begriffes „blended“ im Kontext von Bildung zweifeln, eben weil damit die angebliche Kluft zwischen digitaler und analoger Sphäre aufrechterhalten wird. Viele Kolleg*innen sprechen deshalb schlicht von zeitgemäßer Bildung und meinen damit, dass jeweils das genutzt und getan wird, was dem Bildungsziel dient.

Medienintegrative Soziale Arbeit

Aus solchen Diskursen könnte Soziale Arbeit lernen. Sie muss sich dann fragen, ob ihr eine mit der Blended-Metapher angereicherte Fortschreibung von Konzepten reicht oder es mehr braucht. Mein Plädoyer wäre, die semantische Aufrechterhaltung der Zweiweltenmetapher – der „digital-medialen“ und der wie immer gearteten „kopräsent-analogen“ Welt – nicht zur Grundlage der Weiterentwicklung zu machen.

Eine medienintegrative Soziale Arbeit wäre als erste Begriffsannäherung ein hierzu passendes Konzept, das den ihr gegebenen Vermittlungsauftrag zwischen Individuum und Gesellschaft ernst nimmt und zwar unabhängig davon, in welchen Vermittlungsformen er sich realisiert. Ein erster Schritt mit der theoretischen Beschäftigung und Auslotung einer medienintegrativen Sozialen Arbeit wäre dann die Befassung mit den Formtransformationen ihrer Erbringungsverhältnisse. Hier könnte Soziale Arbeit viel aus ihrer eigenen Geschichte lernen – beispielsweise der Entrüstung über die ersten Telefonberatungsangebote, die in der Fachwelt mit gehöriger Skepsis aufgenommen wurden mit der Idee, dass ein persönliches Beratungsgespräch nicht durch den Telefonapparat ersetzbar sei. Nur wenige Jahrzehnte später hat sich dann, ironischerweise aufbauend auf der Erfolgsgeschichte der Telefonseelsorge, die Skepsis breit gemacht, ob man denn etwa im Internet und per Text Beratung machen könnte. Auch hier war die Ersetzungsmethapher der grundlegende Diskursfehler, denn es läßt sich ja empirisch zeigen, dass das Denken in Ergänzung der richtige Schluss ist: Das Gespräch ist seit Erfindung des Buchdruckes nicht verschwunden, die Erfindung der Telefonberatung hat kopräsente Beratung nicht zum Verschwinden gebracht und mit Einführung textbasierter Onlineberatung sind mündliche Formate nicht weniger geworden.

Soziale Arbeit ist also gut beraten, sich die Sache als konzentrische Ausweitung von möglichen Interaktionsszenarien vorzustellen, die es Adressat*innen und Fachkräften ermöglicht, Medienwahlentscheidungen aus einer großen Auswahl heraus zu treffen. Dabei darf dieses Bild aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es nicht nur um die quantitative Vermehrung von Adressierungsoptionen geht, sondern der Formenwandel eben auch neue Qualitäten ermöglicht – medienintergrative Soziale Arbeit muss sich dann auch damit befassen, inwiefern sie z.B. Künstliche Intelligenz oder Big Data Analytics zur Bewältigung ihrer Aufgaben nutzt oder sogar neue Hilfemöglichkeiten entstehen. Die Differenz zwischen digitaler Inklusion und inklusiver Digitalisierung würde idealerweise in diesen Bemühungen verschwinden. 

So gesehen sind die Themenfelder, die in Darmstadt als erster deutscher Digitalstadt als wesentliche Elemente der Daseinsvorsorge bearbeitet werden, zunächst exemplarische neue Umwelt für die Soziale Arbeit. Sie ist aber gut beraten, diese zunehmend digital formierte Umwelt auch zur relevanten Umwelt zu machen. Solange sie in allen mediatisierten Optionen nur die Abbildung traditioneller Begegnungs- und Ortsmethaphern sieht, besteht weiterhin die Gefahr, wieder einmal nur nachholend mitzugestalten. Ähnlich wie Michael Winkler physische Orte und das zugehörige Handeln als zentrales Bestimmungsstück der Sozialpädagogik eingeführt hat, könnte sich Soziale Arbeit auf die Suche nach einer Theorie medialen Ortshandelns aufmachen und dabei mediatisierte Situationen von Beginn an als das verhandeln, was sie sind und sein müssen: Mehr als bloße Abbilder traditioneller Konzepte.

Digital kompetent – neuer Buchbeitrag: Professionalisierung von Fachkräften im Kontext von Digitalisierung

Kompetenzmatrix nach Heiner, bezogen auf Digitalisierung in der Beratung

Digitalisierung und Beratung: Zwischen Bewahrung und Befähigung ist der Titel eines kommenden Herausgeberbandes von Stephan Rietmann, Maik Sawatzki und Matthias Berg, der bei VS im Sommer erscheinen wird. Zusammen mit Markus Emanuel entstand hierzu ein Beitrag zu der Frage, welche Kompetenzen Fachkräfte in der psychosozialen Beratung bezogen auf Digitalisierung eigentlich benötigen. Dieses Thema erscheint dabei nicht nur uns als gravierende Le(e)hrstelle – das Kerncurriculum der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit schweigt sich z.B. vollkommen darüber aus. Unter einer Lebenswelt- und Bewältigungsperspektive ist die komplette Negation des Themas Digitalisierung aber gar nicht denkbar – sowohl die Adressat*innen, aber eben auch die Fachkräfte sind unmittelbar von Digitalisierungsprozessen betroffen. Wir haben für die Klärung der Frage nach Wissen und Können das Handlungskompetenzmodell von Maja Heiner als Heuristik verwendet, um die verschiedenen Kompetenzbereiche (Selbstkompetenz, Fallkompetenz, Systemkompetenz bzw.) genauer zu untersuchen und mit Inhalten zu füllen. Deutlich wird dabei, dass sich gerade im Bereich digitaler Beratung ein Schwerpunkt in der Fall- und Interaktionskompetenz gebildet hat, der sich so auch im Lehrbuch- und Forschungskorpus widerspiegelt: Interessant scheint vor allem, wer wie mit welchen Effekten digital in der Beratung interagiert. Was dies alles aber für das fachliche Selbst von Sozialpädagog*innen und den kompetenten Aufbau ihrer Organisationen und deren institutionelle Hintergründe bedeutet, bleibt bisher wenig reflektiert. Wir sind gespannt auf die Reaktionen zu unserem Text, der im Fazit – wie könnte es anders sein – vor allem die Lern- und Bildungsprozesse der Fachkräfte als wesentlichen Professionalisierungsfaktor bezogen auf den digitalen Wandel thematisiert.

Digitaler Wissenschaftsalltag – Wie und was/Setup

Ziemlich oft werden hier die Blogartikel zur Digitalisierung gelesen, und eine oft dazu gestellte Frage ist: Wie und mit was genau komme ich im digitalen Wissenschaftsalltag zurecht und was mache ich anders als früher (ich winke mal heftig zu Thomas nach Bielefeld)?

Seit meinem Forschungssemester mit dem Experiment „Vier Monate papierlos“ drucke ich viel, viel weniger. Allerdings ist der Verzicht auf Papier nur ein sehr kleiner Teil meiner persönlichen Digitalisierungsstrategie, wenn auch vielleicht derjenige, der am meisten sichtbar ist und unter Nachhaltigkeitsaspekten am meisten bringt. Nur alle paar Monate kaufe ich für daheim noch mal einen Packen Papier. Inhaltlich viel wesentlicher ist, dass ich zum einen mobiler und flexibler bin, durch Reduktion auf das Wesentliche mehr erreiche und durch das Hinterfragen vieler Routinen kreativer wurde.

Und was kommt nun zum Einsatz, in meinem digitaler Alltag?

Ein wenig Old School: Zentral ist eine verschlüsselte Festplatte, die sich zusammen mit allen anderen Gadgets schnell anschließen und synchronisieren lassen muss

Mobilität: Zentral ist für mich, meine Daten immer dabei haben zu können. Nicht untypisch für einen Sozialwissenchaftler sind das doch eine ganze Menge Bits und Bytes: Neben eher kleinen Textdokumenten sehr viele .pdfs und vor allem Audio- und Videodaten aus der Forschung. Weil das für mich eine sensible Angelegenheit ist und zudem nicht überall, wo ich sein will, schnelles mobiles Internet vorhanden ist, ist die Lösung dieser Frage etwas Old School: Eine SSD-Platte, die mit Veracrypt verschlüsselt ist (natürlich gibt es Feuer- und Vandalismus sichere Backups). Diese Lösung stellt für mich insofern ein Optimum dar, weil ich im Arbeitszimmer, an der Hochschule und manchmal unterwegs an Windowsrechnern sitze. Das Notebook für unterwegs ist ein mechanisch stabiles Lenovo X230 – das ist für mich wichtig, weil ein Rechner ein Werkzeug ist, im Rucksack überleben muss und nicht von mir verlangen darf, ihn wie ein rohes Ei zu behandeln. Bis hierhin spielt sich meine digitale Existenzweise also in der Windows-Welt ab, und das wird wegen vielen Softwareerfordernissen auch noch lange so bleiben. Allerdings gibt es einen iOS-Ableger der Windows-Welt, der die Sache mit der Mobilität erst so richtig auf die Spitze treibt. Mit dem iPad Pro, der zugehörigen Tastatur und dem Stift ist es möglich, einen ultramobilen und leistungsstarken Rechner dabei zu haben, den man gar nicht mehr bemerkt.

Reduce to the Max: Eins zum Lesen, eins zum Schreiben und die Powerbank zum Laden.

Reduktion: An der Schnittstelle zwischen den zwei Welten spielt sich dann auch die meiste Reduktion auf das Wesentliche ab. Ein Windowsnotebook hat mich immer dazu verleitet, das Pop-Up-Office gedanklich als exaktes Abbild des Arbeitszimmers oder des Hochschulbüros aufzufassen. Nach dem Motto: Alles kann ich überall erledigen. Das war meiner Unterwegs-Effizienz gar nicht zuträglich. Wenn ich reisen will oder muss oder mich zum Schreiben auf meine Lieblingsinsel zurück ziehe, ist es für mich sinnvoller zu überlegen, was ich realistisch erledigen will und kann. Nur die hierfür notwendigen Dateien und Vorgänge nehme ich dann in der Cloud mit und mache sie kompatibel zu iOS. Das sagt übrigens nichts über die Größe der Projekte aus – ich habe auch schon eine Monographie nur mit dem iPad Pro geschrieben oder einen Monat lang tägliche Reise-Vlogs damit produziert (mit LumaFusion), aber das war eben vorher genau überlegt. Einzige Ausnahme dieses Daten- und Vorgangsmanagements ist meine digitale Bibliothek, die sowohl auf der Festplatte als auch in der Cloud liegt, denn lesen will ich wirklich ungeplant überall können. Die Schnittstelle zwischen zwei Welten erfordert also permanent Entscheidungen, die aber dazu führen, dass ich die Leichtigkeit des digitalen Arbeitens im Anschluss umso mehr erfahren kann. Konkret sind das derzeit vor allem zwei praktische Überlegungen:

  • Für was benötige ich eine Auswertungssoftware (SPSS; MaxQDA, Gephi etc.) und wann erledige ich diese Schritte an einem Windowsrechner, um die Ergebisse dann überall hin mitnehmen zu können?
  • Wann muss ich einen größeren Text abgabefertig machen, der für das Endlayout Spezialsoftware (Citavi) oder einen großen Monitor (Grafiken und komplexes Layout) erfordert?

Alle anderen Dinge – gefühlt sind das 80% meines Arbeitsaufkommens – kann ich dann am iPad Pro erledigen und zunehmend Menschen verstehen, die im konsequenten iPad-only ihren Weg sehen.

Frisst Bücher und andere Dokumente am laufenden Band: Auflichtscanner mit Laserkorrektur für Verzeichnungsfehler

Kreativität und neue Routinen: Im Aufbereiten und Mitnehmen der Daten schließlich haben sich für mich einige kreative Veränderungen ergeben. So habe ich konsequent auf eine digitale Bibliothek umgerüstet, so schön die professoralen Bücherwände auch wirken. Mit einem schnellen Buchscanner schaffe ich es, einen respektablen Stapel von Büchern an einem Tag auszuleihen, einzuscannen und in durchsuchbare .pdfs umzuwandeln. Die habe ich dann überall dabei und kann darin anstreichen, was und so viel ich will – ebenso wie in den Forschungsdaten, die ebenfalls mit den zugehörigen Denkprozessen von dieser Freiheit profitieren. Aber auch an anderer Stelle musste ich kreativ sein. Beispielsweise habe ich bemerkt, dass das mit der digitalen Bibliothek nur klappt, wenn man konsequent mit zwei Geräten arbeitet: Eins zum Lesen und eins zum Schreiben. Deshalb bin ich meistens entweder mit dem Notebook und dem iPad oder zwei iPads (einem Mini zum Lesen und dem Pro zum Schreiben) unterwegs. Und wie immer liegt der Unterschied zwischen einem hübschen Konzept und Alltagstauglichkeit auch hier in der leichten Durchführbarkeit. Der Scanner hat ein eigenes rollendes Regal, ist in wenigen Sekunden eingesteckt und einsatzbereit und ebenso schnell wieder verstaut – genauso wie alle anderen Peripherie- und Datenerfassungsgeräte, für die ein gebündelter Kabelstrang mit allen notwendigen Steckern an der Seite des Schreibtischs hängt. Egal mit was ich also nach hause komme – es ist schnell digitalisiert bzw. gesichert – ein Vorgehen, das ich aus meiner Getting-Things-Done Routine übernommen und erweitert habe.

A propos Routinen: Die musste ich an vielen Stellen neu entwickeln. Beispielsweise ist mir aufgefallen, dass es länger gedauert hat, bis meine papierlos erstellten Texte ähnlich fehlerfrei waren wie im alten Vorgehen. Hier hatte ich als letzten Durchgang einen Ausdruck erstellt, der klassisch mit Rotstift bearbeitet wurde. Entscheidend scheint hier für das Fehler finden der Settingwechsel gewesen zu sein, so dass ich nun auch papierlos einen „.pdf-Ausdruck“ erzeuge, den ich dann mit Rotstift am iPad Pro korrigiere um danach, irgendwie paradox, die Änderungen in die Textverarbeitung einzupflegen.

Ansonsten habe ich meine Software für das iPad schnell gefunden: Zentral sind für mich nur sehr wenige Apps. GoodReader zum lesen und GoodNotes zum Schreiben. Sehr fein ist die Möglichkeit, dass es das MSOffice seit einiger Zeit auch für iOS gibt, obwohl nicht alle Funktionen abgebildet sind. Immer mehr neige ich in der Kombination von MSOffice und GoodNotes dazu, nach Fertigstellung der Dokumente in Office für die letztendliche Verwendung alles in GoodNotes zu packen – Vortragsskripte, Powerpointfolien etc. bleiben so annotierbar und verbinden das „Papiergefühl“ mit der digitalen Freiheit.

Insgesamt empfinde ich das alles bezüglich der Hard- und Software unspektakulär, aber wenn ich die letzten zwei, drei Jahre Revue passieren lassen, sind es hinsichtlich des Arbeitsgefühls größere Änderungen. Diese nehme ich aber als kulturellen Wandel meines Arbeitens und weniger als zwangsläufige Folge neuer technischer Möglichkeiten wahr – beispielsweise hat Siri über das spielerische Ausprobieren am iPhone schließlich ihren festen Platz gefunden und macht nun oft den Kalender oder andere Orga-Dinge, für die ich nun nirgends mehr herumtippen und scrollen muss, und auch beim Vorlesen und Diktieren ist sie schon mehr als praktisch. Die Einbindung von KI-Assistenz sehe ich übrigens als eine der größten kommenden Neuerungen für Wissensarbeiter*innen.

Welche Digitalisierung braucht Soziale Arbeit?

Digitalisierung in der Sozialen Arbeit: Bisher randständiges Thema. Foto: geralt/Pixabay, CC0

Seit Verabschiedung des Koalitionsvertrages ist die Digitalisierung in aller Munde. Und wie mit jedem politisch geadelten Plastikwort ergeht es auch diesem Begriff: Er wird überinklusiv für alles benutzt, was irgendwie mit Daten, Internet, Hard- oder Software zu tun hat. Also streng genommen für die ganze Welt des 21. Jahrhunderts. Aus diesem kapazitiven Bedeutungsüberschuss der Digitalisierung entsteht genauso viel Sinn wie Unsinn, auch und gerade in der Sozialen Arbeit, die sich bis heute durch eine gewissen Technikferne auszeichnet.

Welche Digitalisierung aber braucht Soziale Arbeit eigentlich? In einem 2019 erscheinenden Beitrag in einem Sammelband zu diesem Thema gibt es Antworten, aber einige kann ich schon vorwegnehmen: Digitalisierung in der Sozialen Arbeit ist zunächst einmal Medienbildung und Gestaltung kulturellen Wandels. Das gilt für ihre Fachkräfte und für ihre Adressatinnen und Adressaten. Dabei ist mehr gemeint, als sich in den Optionen ubiquitärer Medien nicht zu verlieren und ein Smartphone bedienen zu können. Für Fachkräfte geht es dabei vor allem um konzeptionelles Wissen – also wie sich, gemessen an den Ansprüchen Sozialer Arbeit, digitale Medien sinnvoll zur Verbesserung und Erweiterung ihrer Angebote nutzen lassen. Das klingt einfach, aber bis heute ist es so, dass Digitalisierung nur vereinzelt im Studium Sozialer Arbeit vorkommt. Und wenn, dann geht es um Wissensvermittlung über bereits vorhandener Dienste und Angebote, z.B. zum Thema Onlineberatung oder den Einsatz von Dokumentationssoftware im Rahmen der Jugendamtsarbeit. Das ist ein guter Anfang, negiert aber die Tatsache, dass diese Dienste nicht mehr als innovativ gelten und somit auch nicht in ihrer exemplarischen Darreichungsform für die Vermittlung des gr0ßen Problems einer hoch kontingenten digitalen Zukunft taugen. Für das Beispiel Onlineberatung und Falldokumentation heißt das: Vermittelt werden muss nicht nur der Korpus an bereits gut etablierten methodischen und technischen Verfahrensweisen, sondern auch: Was bedeutet eigentlich Affective Computing für die Soziale Arbeit? Wo kann eine KI hier unterstützen, wo ist sie hinderlich? Was passiert beispielsweise konkret, wenn eine KI mit dem synergetischen Navigationssystem gekoppelt wird und daraus möglicherweise weitaus präzisere Vorhersagedaten als bisher entstehen? Wie ist damit umzugehen, dass menschliche Fachkräfte in Teilen oder ganz in der Onlineberatung möglicherweise ersetzbar sind? Will man das? Welche ethischen Probleme ergeben sich daraus?

Abseits dieser thematischen Spezialfragen sind aber auch auch die Anschlüsse der Digitalisierungsdebatte an Großtheorien Sozialer Arbeit bisher gar nicht benannt, geschweige denn ausgearbeitet. Was bedeutet beispielsweise das Internet der Dinge für das Konzept der Lebensweltorientierung? Wie muss der Sozialraumdiskurs erweitert werden, wenn es um den Einbezug des Internets mit seiner entörtlichten und entzeitlichten Logik geht?

Soziale Arbeit braucht für diese Fragen Fachkräfte, die Antworten aus der Sozialen Arbeit selbst heraus entwickeln. Sonst läuft sie wieder einmal Gefahr, dass sie ihre Themen später manageriell und fachfremd aufbereitet wiederfindet und sich, ähnlich wie in der Dienstleistungs- und Ökonomisierungsdebatte, nur noch reaktiv dazu verhalten kann. Digitalisierung bedeutet für Soziale Arbeit vor allem, einen bereits stattfindenden kulturellen Wandel als solchen zu erkennen und mitzugestalten und die damit einhergehenden Veränderungen vor allem als Pluralisierung und Modernisierung von Kulturtechniken zu begreifen, die Bestandteil der Lebenswelt von Fachkräften und Adressat*innen sind. Dies umfasst die gesamte Spannweite von Lehre und Forschung in der Sozialen Arbeit bis hin zu ihren zukünftig auch vermehrt digitalen Diensten und Arbeitsabläufen.

Erst wenn dies begriffen ist, kann es um Software und Hardware gehen. Die viel beschworene App oder neue Dienste sind, wenn man erst einmal weiß, warum und für was man sie möchte, im Rahmen von Design Thinking weitaus rascher und prozesshaft passend entwickelt als in der derzeitigen Rezeption von Digitalisierung als beständige Hard- und Softwareinnovation suggeriert wird. Vorher aber steht das intensive Denken, Reflektieren und kreativ sein. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass es für die Bedürfnisse Sozialer Arbeit derzeit eher zu viel als zu wenig bereits bestehende Technologien gibt – die sie noch gar nicht nutzt.

Soziale Arbeit wird also eine Digitalisierungsdebatte benötigen, die das Thema entlang ihren eigenen Erfordernisse entwickelt und sie vor allem als kulturellen Wandel von Bildungs- und Bewältigungsoptionen begreift.

 

Schon online: Podcast zu Digitalen Medien im Studium der Sozialen Arbeit

Benedikts Podcast ist schon online

Kommentare und Fragen sind, auch hier im Blog, erwünscht. Mit ist beim Durchdenken der angesprochenen Punkte jedenfalls wieder deutlich geworden, dass wir mehr über Bildung für angehende Fachkräfte in der Sozialen Arbeit nachdenken müssen. Wie hat das John Erpenbeck einmal schön formuliert: Wir bilden aktuell Menschen aus für Berufsfelder und Handlungsanforderungen, die wir selbst als Lehrende noch gar nicht kennen. Diese provokante These trifft sicherlich für die sinnvolle Nutzung Digitaler Technologien besonders zu.

 

 

Digitale Medien im Studium der Sozialen Arbeit – kommender Podcast mit IWMM (Irgendwas mit Menschen)

Ich wechsel mal den Kanal :-). Benedikt hat für seinen Podcast gefragt, ob wir uns ein wenig über Digitalisierung im Studium der Sozialen Arbeit unterhalten können. Das mache ich gerne, denn es ist ein spannendes Thema, das vor allem durch viele Ungleichzeitigkeiten gekennzeichnet ist: Während es an einigen Stellen bereits innovative Konzepte gibt, fühlt man sich an an vielen Orten bezüglich Hochschullehre in der digitalen Steinzeit. Ich hoffe, wir können ein wenig Begeisterung für die Idee transportieren, dass gelungene Digitalisierung in der Lehre mehr ist als elektronisch abrufbare Notenlisten oder das Ersetzen eines Handapparates durch PDFs auf einer Lernplattform.

Benedikt hat wie immer in seinem bewährten Konzept zu Fragen und Zwischenrufen aufgefordert – also: einklinken!

Digitalisierung in der Sozialen Arbeit: Es geht endlich voran!

Gute News: Das Bundesfamilienministerium unter Dr. Katarina Barley und die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege haben gestern in einer gemeinsamen Absichtserklärung Ziele für das rasche Voranbringen von Digitalisierungsstrategien im Sozialen Sektor formuliert (im Originalwortlaut samt Downloads hier).

Das war überfällig, denn vor allem in den Kerngeschäften der Sozialen Arbeit herrscht bis heute eine starke Ambivalenz gegenüber diesem bedeutsamen Thema vor: Zum einen gibt es einige Pilotprojekte in allen Arbeitsbereichen der Sozialen Arbeit, zum anderen sind diese aber häufig nur Feigenblätter für eine immer noch vorherrschende Technikferne dieses Sektors. Begreift man Digitalisierung in der Sozialen Arbeit als intersektionale Fragestellung, so wird schnell klar, dass dies ein hochkomplexes und deshalb für Forschung und Entwicklung herausfordernderndes Thema ist. Alleine auf der Seite der Fachkräfte und ihrer Organisationen spielen hier Generationeneffekte, habituelle Orientierung aus der eigenen Mediensozialisation, aber auch vorherrschende Arbeitskonzepte mit einem oft impliziten Primat der unbedingten persönlich-kopräsenten Begegnung sowie die strukturellen Ordnungen der Sozialen Arbeit eine Rolle, die im Gegensatz zur entörtlichten und entzeitlichten Logik der digitalen Innovationchancen stehen. Diese  – die Chancen – werden von vielen Adressatinnen und Adressaten Sozialer Arbeit aber gerne genutzt, und zwar gerade nicht nur von den vielzitierten medienaffinen Jugendlichen, sondern auch von Menschen, die aufgrund gesundheitlicher Einrschränkungen, eines weit fortgeschrittenen Lebensalters, einer Behinderung oder einem Wohnsitz in strukturschwachen Gebieten profitieren können  – oder zumindest könnten.

Beratung im Internet kann als eine der wenigen Hilfeformen Sozialer Arbeit auf eine bereits etablierte Geschichte der Befassung mit Digitalisierungsthemen gelten, weshalb ich mich freue, dass eines meiner Arbeitsthemen  – vor zehn Jahren noch mit Exotenbonus versehen – nun langsam in der Mitte der Professionalisierungsprozesse ankommt. Wer sich dafür interessiert: Die Kolleginnen und Kollegen an der TH Nürnberg sind hier Vorreiter, bieten Zertifikatskurse an und veranstalten jährlich einen Fachkongress zu diesem Thema (dieses Jahr bereits ausgebucht). Infos finden sich auf den Seiten des e-beratungsinstitutes. Artikel aus Forschung und Entwicklung bezüglich Beratung im Internet kann man im e-beratungsjournal nachlesen und auch auf Emelys Blog.

Für die Lehre an Hochschulen und die Ausbildung an Fachschulen reichen solche Einzelinitiativen aber nicht aus. Digitalisierungsthemen sind in der Fläche (sowohl bezogen auf die Hochschullandschaft als auch die verschiedenen Arbeitsbereiche Sozialer Arbeit) noch eher randständig, werden von engagierten Einzelpersonen (die längst keine Early Adopters mehr sind…) vertreten und sind wenig curricular verankert.

 

Wie nutzen Berater*innen das Internet? – Neue Studie gestartet

Psychosoziale Beratung war eine der ersten Hilfeformen in der Sozialen Arbeit, die konsequent die Digitalisierung genutzt hat. Heutzutage ist Onlineberatung ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil der Beratungslandschaft, obwohl immer noch nicht klar ist, ob es sich um eine Methode oder ein Arbeitsfeld handelt. Schließlich lässt sich das Internet samt zugehöriger Dienste und Geräte sowohl als sozialer Raum als auch als artifizielle Übertragungstechnik auffassen. Aber: Wie wird diese mediale Zaubermaschine, die Zeit und Raum in der Beratungskommunikation überwinden kann, von Fachkräften eigentlich genutzt?

Eine Studie, die in Zusammenarbeit zwischen der Technischen Hochschule Nürnberg, der Evangelischen Hochschule Darmstadt und der Deutschen Gesellschaft für Beratung durchgeführt wird, soll Antworten auf diese Frage geben und geht nach gut einem Jahr Vorbereitungszeit nun online. Befragt werden die in den DGfB-Mitgliedsverbänden organisierten Berater*innen.

Die ersten Ergebnisse werden Anfang 2018 erwartet, wir planen dazu einen Artikel im e-beratungsjournal und hoffen so, die immer noch wichtige Debatte zur Internetnutzung um eine systematische Perspektive auf die Fachkräfte erweitern zu können.