Digital kompetent – neuer Buchbeitrag: Professionalisierung von Fachkräften im Kontext von Digitalisierung

Kompetenzmatrix nach Heiner, bezogen auf Digitalisierung in der Beratung

Digitalisierung und Beratung: Zwischen Bewahrung und Befähigung ist der Titel eines kommenden Herausgeberbandes von Stephan Rietmann, Maik Sawatzki und Matthias Berg, der bei VS im Sommer erscheinen wird. Zusammen mit Markus Emanuel entstand hierzu ein Beitrag zu der Frage, welche Kompetenzen Fachkräfte in der psychosozialen Beratung bezogen auf Digitalisierung eigentlich benötigen. Dieses Thema erscheint dabei nicht nur uns als gravierende Le(e)hrstelle – das Kerncurriculum der Deutschen weiterlesen

Digitaler Wissenschaftsalltag – Wie und was/Setup

Ziemlich oft werden hier die Blogartikel zur Digitalisierung gelesen, und eine oft dazu gestellte Frage ist: Wie und mit was genau komme ich im digitalen Wissenschaftsalltag zurecht und was mache ich anders als früher (ich winke mal heftig zu Thomas nach Bielefeld)?

Seit meinem Forschungssemester mit dem Experiment „Vier Monate papierlos“ drucke ich viel, viel weniger. Allerdings ist der Verzicht auf Papier nur ein sehr kleiner Teil meiner persönlichen weiterlesen

Welche Digitalisierung braucht Soziale Arbeit?

Digitalisierung in der Sozialen Arbeit: Bisher randständiges Thema. Foto: geralt/Pixabay, CC0

Seit Verabschiedung des Koalitionsvertrages ist die Digitalisierung in aller Munde. Und wie mit jedem politisch geadelten Plastikwort ergeht es auch diesem Begriff: Er wird überinklusiv für alles benutzt, was irgendwie mit Daten, Internet, Hard- oder Software zu tun hat. Also streng genommen für die ganze Welt des 21. Jahrhunderts. Aus diesem kapazitiven Bedeutungsüberschuss der Digitalisierung entsteht genauso viel Sinn wie Unsinn, auch und gerade in der Sozialen Arbeit, die sich bis heute durch eine gewissen Technikferne auszeichnet.

Welche Digitalisierung aber braucht Soziale Arbeit eigentlich? In einem 2019 erscheinenden Beitrag in einem Sammelband zu diesem Thema gibt es Antworten, aber einige kann ich schon vorwegnehmen: Digitalisierung in der Sozialen Arbeit ist zunächst einmal Medienbildung und Gestaltung kulturellen Wandels. Das gilt für ihre Fachkräfte und für ihre Adressatinnen und Adressaten. Dabei ist mehr gemeint, als sich in den Optionen ubiquitärer Medien nicht zu verlieren und ein Smartphone bedienen zu können. Für Fachkräfte geht es dabei vor allem um konzeptionelles Wissen – also wie sich, gemessen an den Ansprüchen Sozialer Arbeit, digitale Medien sinnvoll zur Verbesserung und Erweiterung ihrer Angebote nutzen lassen. Das klingt einfach, aber bis heute ist es so, dass Digitalisierung nur vereinzelt im Studium Sozialer Arbeit vorkommt. Und wenn, dann geht es um Wissensvermittlung über bereits vorhandener Dienste und Angebote, z.B. zum Thema Onlineberatung oder den Einsatz von Dokumentationssoftware im Rahmen der Jugendamtsarbeit. Das ist ein guter Anfang, negiert aber die Tatsache, dass diese Dienste nicht mehr als innovativ gelten und somit auch nicht in ihrer exemplarischen Darreichungsform für die Vermittlung des gr0ßen Problems einer hoch kontingenten digitalen Zukunft taugen. Für das Beispiel Onlineberatung und Falldokumentation heißt das: Vermittelt werden muss nicht nur der Korpus an bereits gut etablierten methodischen und technischen Verfahrensweisen, sondern auch: Was bedeutet eigentlich Affective Computing für die Soziale Arbeit? Wo kann eine KI hier unterstützen, wo ist sie hinderlich? Was passiert beispielsweise konkret, wenn eine KI mit dem synergetischen Navigationssystem gekoppelt wird und daraus möglicherweise weitaus präzisere Vorhersagedaten als bisher entstehen? Wie ist damit umzugehen, dass menschliche Fachkräfte in Teilen oder ganz in der Onlineberatung möglicherweise ersetzbar sind? Will man das? Welche ethischen Probleme ergeben sich daraus?

Abseits dieser thematischen Spezialfragen sind aber auch auch die Anschlüsse der Digitalisierungsdebatte an Großtheorien Sozialer Arbeit bisher gar nicht benannt, geschweige denn ausgearbeitet. Was bedeutet beispielsweise das Internet der Dinge für das Konzept der Lebensweltorientierung? Wie muss der Sozialraumdiskurs erweitert werden, wenn es um den Einbezug des Internets mit seiner entörtlichten und entzeitlichten Logik geht?

Soziale Arbeit braucht für diese Fragen Fachkräfte, die Antworten aus der Sozialen Arbeit selbst heraus entwickeln. Sonst läuft sie wieder einmal Gefahr, dass sie ihre Themen später manageriell und fachfremd aufbereitet wiederfindet und sich, ähnlich wie in der Dienstleistungs- und Ökonomisierungsdebatte, nur noch reaktiv dazu verhalten kann. Digitalisierung bedeutet für Soziale Arbeit vor allem, einen bereits stattfindenden kulturellen Wandel als solchen zu erkennen und mitzugestalten und die damit einhergehenden Veränderungen vor allem als Pluralisierung und Modernisierung von Kulturtechniken zu begreifen, die Bestandteil der Lebenswelt von Fachkräften und Adressat*innen sind. Dies umfasst die gesamte Spannweite von Lehre und Forschung in der Sozialen Arbeit bis hin zu ihren zukünftig auch vermehrt digitalen Diensten und Arbeitsabläufen.

Erst wenn dies begriffen ist, kann es um Software und Hardware gehen. Die viel beschworene App oder neue Dienste sind, wenn man erst einmal weiß, warum und für was man sie möchte, im Rahmen von Design Thinking weitaus rascher und prozesshaft passend entwickelt als in der derzeitigen Rezeption von Digitalisierung als beständige Hard- und Softwareinnovation suggeriert wird. Vorher aber steht das intensive Denken, Reflektieren und kreativ sein. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass es für die Bedürfnisse Sozialer Arbeit derzeit eher zu viel als zu wenig bereits bestehende Technologien gibt – die sie noch gar nicht nutzt.

Soziale Arbeit wird also eine Digitalisierungsdebatte benötigen, die das Thema entlang ihren eigenen Erfordernisse entwickelt und sie vor allem als kulturellen Wandel von Bildungs- und Bewältigungsoptionen begreift.

 

Schon online: Podcast zu Digitalen Medien im Studium der Sozialen Arbeit

Benedikts Podcast ist schon online

Kommentare und Fragen sind, auch hier im Blog, erwünscht. Mit ist beim Durchdenken der angesprochenen Punkte jedenfalls wieder deutlich geworden, dass wir mehr über Bildung für angehende Fachkräfte in der Sozialen Arbeit nachdenken müssen. Wie hat das John Erpenbeck einmal schön formuliert: Wir bilden aktuell Menschen aus für Berufsfelder und Handlungsanforderungen, die wir selbst als Lehrende noch gar nicht kennen. Diese provokante These trifft sicherlich für die sinnvolle Nutzung Digitaler Technologien besonders zu.

 

 

Digitale Medien im Studium der Sozialen Arbeit – kommender Podcast mit IWMM (Irgendwas mit Menschen)

Ich wechsel mal den Kanal :-). Benedikt hat für seinen Podcast gefragt, ob wir uns ein wenig über Digitalisierung im Studium der Sozialen Arbeit unterhalten können. Das mache ich gerne, denn es ist ein spannendes Thema, das vor allem durch viele Ungleichzeitigkeiten gekennzeichnet ist: Während es an einigen Stellen bereits innovative Konzepte gibt, fühlt man sich an an vielen Orten bezüglich Hochschullehre in der digitalen Steinzeit. Ich hoffe, wir können ein wenig Begeisterung für die Idee transportieren, dass gelungene Digitalisierung in der Lehre mehr ist als elektronisch abrufbare Notenlisten oder das Ersetzen eines Handapparates durch PDFs auf einer Lernplattform.

Benedikt hat wie immer in seinem bewährten Konzept zu Fragen und Zwischenrufen aufgefordert – also: einklinken!

Digitalisierung in der Sozialen Arbeit: Es geht endlich voran!

Gute News: Das Bundesfamilienministerium unter Dr. Katarina Barley und die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege haben gestern in einer gemeinsamen Absichtserklärung Ziele für das rasche Voranbringen von Digitalisierungsstrategien im Sozialen Sektor formuliert (im Originalwortlaut samt Downloads hier).

Das war überfällig, denn vor allem in den Kerngeschäften der Sozialen Arbeit herrscht bis heute eine starke Ambivalenz gegenüber diesem bedeutsamen Thema vor: Zum einen gibt es einige Pilotprojekte in allen Arbeitsbereichen der Sozialen Arbeit, zum anderen sind diese aber häufig nur Feigenblätter für eine immer noch vorherrschende Technikferne dieses Sektors. Begreift man Digitalisierung in der Sozialen Arbeit als intersektionale Fragestellung, so wird schnell klar, dass dies ein hochkomplexes und deshalb für Forschung und Entwicklung herausfordernderndes Thema ist. Alleine auf der Seite der Fachkräfte und ihrer Organisationen spielen hier Generationeneffekte, habituelle Orientierung aus der eigenen Mediensozialisation, aber auch vorherrschende Arbeitskonzepte mit einem oft impliziten Primat der unbedingten persönlich-kopräsenten Begegnung sowie die strukturellen Ordnungen der Sozialen Arbeit eine Rolle, die im Gegensatz zur entörtlichten und entzeitlichten Logik der digitalen Innovationchancen stehen. Diese  – die Chancen – werden von vielen Adressatinnen und Adressaten Sozialer Arbeit aber gerne genutzt, und zwar gerade nicht nur von den vielzitierten medienaffinen Jugendlichen, sondern auch von Menschen, die aufgrund gesundheitlicher Einrschränkungen, eines weit fortgeschrittenen Lebensalters, einer Behinderung oder einem Wohnsitz in strukturschwachen Gebieten profitieren können  – oder zumindest könnten.

Beratung im Internet kann als eine der wenigen Hilfeformen Sozialer Arbeit auf eine bereits etablierte Geschichte der Befassung mit Digitalisierungsthemen gelten, weshalb ich mich freue, dass eines meiner Arbeitsthemen  – vor zehn Jahren noch mit Exotenbonus versehen – nun langsam in der Mitte der Professionalisierungsprozesse ankommt. Wer sich dafür interessiert: Die Kolleginnen und Kollegen an der TH Nürnberg sind hier Vorreiter, bieten Zertifikatskurse an und veranstalten jährlich einen Fachkongress zu diesem Thema (dieses Jahr bereits ausgebucht). Infos finden sich auf den Seiten des e-beratungsinstitutes. Artikel aus Forschung und Entwicklung bezüglich Beratung im Internet kann man im e-beratungsjournal nachlesen und auch auf Emelys Blog.

Für die Lehre an Hochschulen und die Ausbildung an Fachschulen reichen solche Einzelinitiativen aber nicht aus. Digitalisierungsthemen sind in der Fläche (sowohl bezogen auf die Hochschullandschaft als auch die verschiedenen Arbeitsbereiche Sozialer Arbeit) noch eher randständig, werden von engagierten Einzelpersonen (die längst keine Early Adopters mehr sind…) vertreten und sind wenig curricular verankert.

 

Wie nutzen Berater*innen das Internet? – Neue Studie gestartet

Psychosoziale Beratung war eine der ersten Hilfeformen in der Sozialen Arbeit, die konsequent die Digitalisierung genutzt hat. Heutzutage ist Onlineberatung ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil der Beratungslandschaft, obwohl immer noch nicht klar ist, ob es sich um eine Methode oder ein Arbeitsfeld handelt. Schließlich lässt sich das Internet samt zugehöriger Dienste und Geräte sowohl als sozialer Raum als auch als artifizielle Übertragungstechnik auffassen. Aber: Wie wird diese mediale Zaubermaschine, die Zeit und Raum in der Beratungskommunikation überwinden kann, von Fachkräften eigentlich genutzt?

Eine Studie, die in Zusammenarbeit zwischen der Technischen Hochschule Nürnberg, der Evangelischen Hochschule Darmstadt und der Deutschen Gesellschaft für Beratung durchgeführt wird, soll Antworten auf diese Frage geben und geht nach gut einem Jahr Vorbereitungszeit nun online. Befragt werden die in den DGfB-Mitgliedsverbänden organisierten Berater*innen.

Die ersten Ergebnisse werden Anfang 2018 erwartet, wir planen dazu einen Artikel im e-beratungsjournal und hoffen so, die immer noch wichtige Debatte zur Internetnutzung um eine systematische Perspektive auf die Fachkräfte erweitern zu können.

 

 

E-Assessment on Professional Communication, Conversation & Counselling – eduhub days 2017

Die eduhub days 2017 sind um, und Wolfgang und ich haben uns riesig über die Beteiligung und die intensive Diskussion in unserem semi-plenary gefreut. Die Tagung war für uns sehr spannend, weil sie die große Spannweite von technisch bereits möglichen und an manchen Orten auch schon pilotmäßig implementierten E-Assessment-Programmen sowie im Gegensatz dazu die Zustände in der digitalen Diaspora von Hochschullehre in Europa aufgezeigt hat.

© SWITCH / Illustration: Christoph Frei

Die Keynote von Jürgen Handke (Marburg) hat entlang seines Faches Linguistik, das in vielen Punkten als prototypische sozialwissenschaftliche Disziplin gelten kann, gezeigt, wie interessant digitale Hochschullehre werden kann – wenn man bereit ist, die Idee, es ginge dabei lediglich um die Nutzung von Lernplattformen statt Bibliotheken und Kopierordnern, hinter sich zu lassen. Dabei arbeitet er intensiv mit dem Konzept des Flipped Classrooms, was sowohl zur verbesserten Teilnahme an den Präsenzveranstaltungen als auch zu realistischeren Prüfungsformaten- und Ergebnissen geführt hat. Und mittendrin auch wieder einige innovative Fakultäten für Medizin, die weniger von digitalen Professionalisierungsmöglichkeiten reden, sondern gleich gut laufende Pilote bezüglich neuer Prüfungsformen vorstellen.

Für unser Thema, die Kompetenzentwicklung in Kommunikation und Beratung im Kontext Sozialer Arbeit, stellen sich hiervon ausgehend viele produktive Fragen, wie formative und summative E-Assessments in ill-definierten Domänen genutzt werden können. Vieles hierzu hat Wolfgang auch schon online.

Bleibt also spannend, die Sache mit der „digitalen“ Lehre, wobei beruhigend ist: Es wird nicht mehr im generationalen Verhältnis zwischen digital natives und digitalen Dinosauriern diskutiert, sondern entlang didaktischer Erfordernisse von Lern- und Bildungszielen und den zugehörigen Prozessen.

 

Studie NEE-BW abgeschlossen

Pünktlich zum ausgehenden Jahr haben wir es geschafft: Der Abschlussbericht zu NEE-BW (Nachhaltigkeit von Ehrenamtlichem Engagement in Baden-Württemberg am Beispiel von youth-life-line, finanziert durch die Baden-Württemberg Stiftung im Rahmen des Aktionsprogramms Psychische Gesundheit) ist fertig geworden. NEE-BW AbschlussDie Studie fragt nach den überdauernden Effekten eines intensiven psychosozialen Ehrenamtes aus Sicht der Engagierten. Dazu haben wir ehemals Engagierte 6 bis 10 Jahren nach ihrer Tätigkeit per Fragebogen, Gruppendiskussion und Einzelinterview nach ihrem Lebensweg, der retrospektiven Einschätzung des Ehrenamtes und den mitgenommenen Kompetenzen befragt. Wir waren im Forschungsteam (wissenschaftliche Mitarbeit: Markus Urban und Janina Baaken) gespannt, was wir erfahren würden: Schon lange gilt aus Sicht der Forschung erwiesen, dass Laienhelfer  – wenn sie gut ausgebildet, angeleitet und supervidiert werden sowie die bearbeiteten Fragestellungen Anknüpfungspunkte für Wissen aus der eigenen Lebenswelt bieten – konstruktive Hilfe leisten können. Die Fragen für unser Projekt waren hingegen: Nehmen intensiv sich für andere Engagierende auch etwas für ihr eigenes Leben mit? Werden sie zu gesellschaftlichen Multiplikatoren des im Ehrenamt bearbeiteten Themas und entwickeln Sie etwas in ihrem Engagement, das formale Bildungsangebote vielleicht nicht vermitteln können?

Diese Fragen sind – nicht zuletzt aktualisiert durch die gegenwärtigen Prozesse um Flucht und Migration, in denen zivilgesellschaftliches Engagement eine große Rolle spielt – sowohl für den Bereich der formalen als auch der non-formalen Bildung interessant, wobei im Zuge der kompetenzorientierten Wende vermehrt Schnittstellen wie das Service Learning in den Fokus rücken.

Aus dem umfangreichen Datenmaterial planen wir hierzu mehrere Artikel, in denen wir spezifischen Einzelfragen vertiefend nachgehen.