Digitaler Wissenschaftsalltag – Wie und was/Setup

Ziemlich oft werden hier die Blogartikel zur Digitalisierung gelesen, und eine oft dazu gestellte Frage ist: Wie und mit was genau komme ich im digitalen Wissenschaftsalltag zurecht und was mache ich anders als früher (ich winke mal heftig zu Thomas nach Bielefeld)?

Seit meinem Forschungssemester mit dem Experiment „Vier Monate papierlos“ drucke ich viel, viel weniger. Allerdings ist der Verzicht auf Papier nur ein sehr kleiner Teil meiner persönlichen Digitalisierungsstrategie, wenn auch vielleicht derjenige, der am meisten sichtbar ist und unter Nachhaltigkeitsaspekten am meisten bringt. Nur alle paar Monate kaufe ich für daheim noch mal einen Packen Papier. Inhaltlich viel wesentlicher ist, dass ich zum einen mobiler und flexibler bin, durch Reduktion auf das Wesentliche mehr erreiche und durch das Hinterfragen vieler Routinen kreativer wurde.

Und was kommt nun zum Einsatz, in meinem digitaler Alltag?

Ein wenig Old School: Zentral ist eine verschlüsselte Festplatte, die sich zusammen mit allen anderen Gadgets schnell anschließen und synchronisieren lassen muss

Mobilität: Zentral ist für mich, meine Daten immer dabei haben zu können. Nicht untypisch für einen Sozialwissenchaftler sind das doch eine ganze Menge Bits und Bytes: Neben eher kleinen Textdokumenten sehr viele .pdfs und vor allem Audio- und Videodaten aus der Forschung. Weil das für mich eine sensible Angelegenheit ist und zudem nicht überall, wo ich sein will, schnelles mobiles Internet vorhanden ist, ist die Lösung dieser Frage etwas Old School: Eine SSD-Platte, die mit Veracrypt verschlüsselt ist (natürlich gibt es Feuer- und Vandalismus sichere Backups). Diese Lösung stellt für mich insofern ein Optimum dar, weil ich im Arbeitszimmer, an der Hochschule und manchmal unterwegs an Windowsrechnern sitze. Das Notebook für unterwegs ist ein mechanisch stabiles Lenovo X230 – das ist für mich wichtig, weil ein Rechner ein Werkzeug ist, im Rucksack überleben muss und nicht von mir verlangen darf, ihn wie ein rohes Ei zu behandeln. Bis hierhin spielt sich meine digitale Existenzweise also in der Windows-Welt ab, und das wird wegen vielen Softwareerfordernissen auch noch lange so bleiben. Allerdings gibt es einen iOS-Ableger der Windows-Welt, der die Sache mit der Mobilität erst so richtig auf die Spitze treibt. Mit dem iPad Pro, der zugehörigen Tastatur und dem Stift ist es möglich, einen ultramobilen und leistungsstarken Rechner dabei zu haben, den man gar nicht mehr bemerkt.

Reduce to the Max: Eins zum Lesen, eins zum Schreiben und die Powerbank zum Laden.

Reduktion: An der Schnittstelle zwischen den zwei Welten spielt sich dann auch die meiste Reduktion auf das Wesentliche ab. Ein Windowsnotebook hat mich immer dazu verleitet, das Pop-Up-Office gedanklich als exaktes Abbild des Arbeitszimmers oder des Hochschulbüros aufzufassen. Nach dem Motto: Alles kann ich überall erledigen. Das war meiner Unterwegs-Effizienz gar nicht zuträglich. Wenn ich reisen will oder muss oder mich zum Schreiben auf meine Lieblingsinsel zurück ziehe, ist es für mich sinnvoller zu überlegen, was ich realistisch erledigen will und kann. Nur die hierfür notwendigen Dateien und Vorgänge nehme ich dann in der Cloud mit und mache sie kompatibel zu iOS. Das sagt übrigens nichts über die Größe der Projekte aus – ich habe auch schon eine Monographie nur mit dem iPad Pro geschrieben oder einen Monat lang tägliche Reise-Vlogs damit produziert (mit LumaFusion), aber das war eben vorher genau überlegt. Einzige Ausnahme dieses Daten- und Vorgangsmanagements ist meine digitale Bibliothek, die sowohl auf der Festplatte als auch in der Cloud liegt, denn lesen will ich wirklich ungeplant überall können. Die Schnittstelle zwischen zwei Welten erfordert also permanent Entscheidungen, die aber dazu führen, dass ich die Leichtigkeit des digitalen Arbeitens im Anschluss umso mehr erfahren kann. Konkret sind das derzeit vor allem zwei praktische Überlegungen:

  • Für was benötige ich eine Auswertungssoftware (SPSS; MaxQDA, Gephi etc.) und wann erledige ich diese Schritte an einem Windowsrechner, um die Ergebisse dann überall hin mitnehmen zu können?
  • Wann muss ich einen größeren Text abgabefertig machen, der für das Endlayout Spezialsoftware (Citavi) oder einen großen Monitor (Grafiken und komplexes Layout) erfordert?

Alle anderen Dinge – gefühlt sind das 80% meines Arbeitsaufkommens – kann ich dann am iPad Pro erledigen und zunehmend Menschen verstehen, die im konsequenten iPad-only ihren Weg sehen.

Frisst Bücher und andere Dokumente am laufenden Band: Auflichtscanner mit Laserkorrektur für Verzeichnungsfehler

Kreativität und neue Routinen: Im Aufbereiten und Mitnehmen der Daten schließlich haben sich für mich einige kreative Veränderungen ergeben. So habe ich konsequent auf eine digitale Bibliothek umgerüstet, so schön die professoralen Bücherwände auch wirken. Mit einem schnellen Buchscanner schaffe ich es, einen respektablen Stapel von Büchern an einem Tag auszuleihen, einzuscannen und in durchsuchbare .pdfs umzuwandeln. Die habe ich dann überall dabei und kann darin anstreichen, was und so viel ich will – ebenso wie in den Forschungsdaten, die ebenfalls mit den zugehörigen Denkprozessen von dieser Freiheit profitieren. Aber auch an anderer Stelle musste ich kreativ sein. Beispielsweise habe ich bemerkt, dass das mit der digitalen Bibliothek nur klappt, wenn man konsequent mit zwei Geräten arbeitet: Eins zum Lesen und eins zum Schreiben. Deshalb bin ich meistens entweder mit dem Notebook und dem iPad oder zwei iPads (einem Mini zum Lesen und dem Pro zum Schreiben) unterwegs. Und wie immer liegt der Unterschied zwischen einem hübschen Konzept und Alltagstauglichkeit auch hier in der leichten Durchführbarkeit. Der Scanner hat ein eigenes rollendes Regal, ist in wenigen Sekunden eingesteckt und einsatzbereit und ebenso schnell wieder verstaut – genauso wie alle anderen Peripherie- und Datenerfassungsgeräte, für die ein gebündelter Kabelstrang mit allen notwendigen Steckern an der Seite des Schreibtischs hängt. Egal mit was ich also nach hause komme – es ist schnell digitalisiert bzw. gesichert – ein Vorgehen, das ich aus meiner Getting-Things-Done Routine übernommen und erweitert habe.

A propos Routinen: Die musste ich an vielen Stellen neu entwickeln. Beispielsweise ist mir aufgefallen, dass es länger gedauert hat, bis meine papierlos erstellten Texte ähnlich fehlerfrei waren wie im alten Vorgehen. Hier hatte ich als letzten Durchgang einen Ausdruck erstellt, der klassisch mit Rotstift bearbeitet wurde. Entscheidend scheint hier für das Fehler finden der Settingwechsel gewesen zu sein, so dass ich nun auch papierlos einen „.pdf-Ausdruck“ erzeuge, den ich dann mit Rotstift am iPad Pro korrigiere um danach, irgendwie paradox, die Änderungen in die Textverarbeitung einzupflegen.

Ansonsten habe ich meine Software für das iPad schnell gefunden: Zentral sind für mich nur sehr wenige Apps. GoodReader zum lesen und GoodNotes zum Schreiben. Sehr fein ist die Möglichkeit, dass es das MSOffice seit einiger Zeit auch für iOS gibt, obwohl nicht alle Funktionen abgebildet sind. Immer mehr neige ich in der Kombination von MSOffice und GoodNotes dazu, nach Fertigstellung der Dokumente in Office für die letztendliche Verwendung alles in GoodNotes zu packen – Vortragsskripte, Powerpointfolien etc. bleiben so annotierbar und verbinden das „Papiergefühl“ mit der digitalen Freiheit.

Insgesamt empfinde ich das alles bezüglich der Hard- und Software unspektakulär, aber wenn ich die letzten zwei, drei Jahre Revue passieren lassen, sind es hinsichtlich des Arbeitsgefühls größere Änderungen. Diese nehme ich aber als kulturellen Wandel meines Arbeitens und weniger als zwangsläufige Folge neuer technischer Möglichkeiten wahr – beispielsweise hat Siri über das spielerische Ausprobieren am iPhone schließlich ihren festen Platz gefunden und macht nun oft den Kalender oder andere Orga-Dinge, für die ich nun nirgends mehr herumtippen und scrollen muss, und auch beim Vorlesen und Diktieren ist sie schon mehr als praktisch. Die Einbindung von KI-Assistenz sehe ich übrigens als eine der größten kommenden Neuerungen für Wissensarbeiter*innen.

Digitalisierung im Wissenschaftsalltag: Sie ist eigentlich schon da…

bequem unterwegs auf Tagungen…

In einem der letzten Blogposts habe ich von einem Digitalisierungsexperiment mit maximalem Ernscharakter berichtet: Dem (fertig) schreiben eines Buches alleine mit dem iPad Pro und MS Office. Das hat prima funktioniert, einschließlich dem Erstellen von Grafiken und es wäre im Ernstfall auch kein Windowsrechner als fallback verfügbar gewesen. Seitdem nehme ich auch auf längere (Dienst)reisen und Tagungen nichts anderes als das iPad mit. Durch die immer noch recht restriktive Appzulassung im iOS-Universum gibt es zwar nicht für alle Aufgaben Dutzende Programme, aber bisher immer eine sehr vernünftig funktionierende Lösung, oft nach dem Motto „reduced to the max“. Das ist für mich die erste Stufe einer echten Digitalisierung, die einen Unterschied im Alltag macht: Ein sehr, sehr leichtes Tablet mit der Rechenleistung eines Notebooks ist schlicht ultrapraktisch, es ist ein neues Lebens- und Arbeitsgefühl. Denn auch das leichteste Notebook habe ich nicht immer mitgenommen, das iPad hingegen ist überall dabei, da es ewig mit einer Akkuladung läuft und im Ruckack dank der Schmalheit schlicht verschwindet. Es ist mir auch – ein weiterer Unterschied zu einer Windowsmaschine – noch nie mit dubiosen Treiberupdates oder sonstigem Softwareungemach abgestürzt und unbrauchbar geworden.

Die wesentliche Innovation ist aber nicht nur die Größe und der Touchscreen, sondern der Apple Pencil. Denn damit ist das iPad tatsächlich zum vollkommenen Ersatz für alle papiergebundenen Tätigkeiten geworden. Hausaufgaben und Abschlussarbeiten als .pdf sind auf dem Tablet in beliebiger Menge in A4 transportierbar, lesbar und vor allem mit Notizen versehbar. Eine Vorlage für die Notengebung und Rückmeldung kann ich (denn von Hand schreiben hilft mir immer noch beim Denken) wie gehabt ausfüllen und hinterher bei Bedarf per E-Mail versenden. Ebenso geht das mit Fomularen aller Art, Rechnungen aus der Buchhaltung zum Abzeichnen etc. Ich habe es noch nicht ausgerechnet, aber wenn ich konsequent durchsetzen könnte, dass Hausarbeiten und zumindest das Korrekturexemplar von Abschlussarbeiten elektronisch abgegeben werden, dann sind das einige Stapel Papier, die nicht für diese Einmalverwendung bedruckt werden müssen…

Bücher scannen, aber richtig schnell

Und schlicht genial wird es, wenn es um die Haupttätigkeit in der Wissenschaft geht: Dem Lesen. Noch nie konnte ich so entspannt auf eine immer größer werdenden Menge an Artikeln und Büchern zugreifen, wobei hier ein weiteres Gadget seine Schuldigkeit tun muss: Der neue Buchscanner frißt mehrere hundert Seiten in wenigen Minuten, verfügt über eine automatisierte Verzerrungskorrektur (per Lasermessung) für ein gutes und lesbares Aussehen der Seiten und erstellt nach kurzer Zeit ein durchsuchbares .pdf per OCR. Und in dieser Datei kann ich dann wiederum wie gehabt anstreichen, Bemerkungen machen etc. – und dies nebenbei viel freier als mit dem Original, und bei Bibliotheksexemplaren verbietet sich das ja sowieso.

Die Digitalisierung, sie ist also für mich schon da. Und wenn ich über den Wissenschaftsalltag nachdenke, dann komme ich zu dem Schluss, dass wir einfach mehr alltägliche Digitalisierungskultur leben könnten, anstatt auf die durch Programme und Maßnahmen verordnete „digitale Revolution oder Disruption“ zu warten. Schließlich geht es in der Mehrzahl der Digitalisierungsaufgaben nicht um das Erfinden neuer Vorgänge und Tätigkeiten, sondern die Nutzung bereits vorhandener Technologie, um Dinge effizienter, bequemer und nachhaltiger zu erledigen. Und das betrifft nicht nur den engen Kernbereich der hier geschilderten Tätigkeiten, sondern auch die oft genannten Digitalisierungsformen in Lehre und Forschung – Lernplattformen, Datenbanken, Soziale Netzwerke, Videohostingseiten, das ist alles schon da. Wir können also zugreifen.