Methodenintegration in Beratung und Therapie: die fatale Verwechslung von Wirksamkeit und Lernbarkeit

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Das Thema ist ein Dauerbrenner: Wie ist mit der Frage der Integration verschiedener Beratungsmethoden und Theorien umzugehen? Ist es sinnvoll, Klienten zentriertes, psychoanalytisches, verhaltenstherapeutisches, psychodramatisches und systemisches etc. Vorgehen munter parallel zu lehren und darauf zu spekulieren, dieser didaktische Wildwuchs (affirmativ: die bunte Blumenwiese) würde dann in einer methodenintegrativen Fachlichkeit enden? Wer das bejaht, macht meist einen ganz spezifischen Denkfehler: die Verwechslung bzw. Gleichsetzung von Wirksamkeit und Lernbarkeit. Was steckt dahinter? Wer sich mit Beratung und Therapie befasst, stößt früher oder später auf die sogenannte „Common Factor“-Forschung. Ihre Ergebnisse zeigen mit überwältigender Mehrheit, dass verschiedene Methoden gleich gut oder zumindest ähnlich gut für viele Beratungs- und Therapieanlässe wirken und es lediglich um mehr oder weniger diskutierbare Unterschiede in der Wirksamkeit bezüglich spezifischer Fragen und Störungen geht (für umgrenzte Angststörungen ist z.B. die Verhaltenstherapie das Mittel der Wahl). Aus diesem Befund auf Seite der Wirksamkeit für die Hilfesuchenden darf aber kein didaktisches Argument für die Gestaltung von Lern- und Bildungsprozessen für angehende Fachkräfte gemacht werden. Denn die „Common Factors“, also diejenigen theorieübergreifenden Faktoren, die verschiedene Methoden gleich wirksam erscheinen lassen, sind nicht lehrbar. Sie sind zunächst nur eine aggregierte Beschreibung empirischer Befunde, z.B. dass eine stabile Beziehungsgestaltung, die erlebte Selbstwirksamkeit der Fachkräfte etc. eben das sind, was übergreifend wirkt. Psychoanalytisch, Klienten zentriert, systemisch oder verhaltenstherapeutisch hergestellte Arbeitsbeziehungen zwischen Fachkräften und Hilfesuchenden sind aber per se verschieden, und ebenso die zugehörigen diagnostischen Verfahren und Interventionen.

An dieser Stelle wird es nun spannend, was als „Fachlichkeit“ oder „Professionalität“ am Ende von Lern- und Ausbildungsprozessen verstanden wird, denn das Problem der Methodenintegration wird nicht in allen Lesarten virulent. Steht am Ende von Lern- und Ausbildungsprozessen das Abprüfen deklarativer Wissensbestände, z.B. in Form einer Hausarbeit oder einer Klausur, dann ist es sowohl für Lehrende als auch Lernende problemlos möglich, verschiedene Methoden zu behandeln. Dies sind die vermutlich in der Mehrzahl anzutreffenden Seminarkonzepte in der formalen und non-formalen Bildungsarbeit, in der lose verknüpft und aneinander gereiht verschiedene Beratungs/Therapiemethoden vermittelt werden. In Schwierigkeiten gerät man aber spätestens dann, wenn am Ende von Lern- und Bildungsprozessen Handlungskompetenz stehen soll, also das Ziel, entlang eines wissenschaftlichen Konzeptes in konkreten Situationen handlungsfähig zu sein. Warum diese Schwierigkeiten entstehen, und weshalb Methodenintegration- bzw. Kombination deshalb in frühen Expertisestadien Gift für die Lernenden ist, wird Thema im nächsten Blogbeitrag.

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