Supervision als Bildungsanlass: Zugänge zu subjektorientierter Professionalisierung

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Mit Ernstcharakter, aber ohne Stress: Beraten lernen im BeraLab

Uiiii – was hab´ ich denn da gemacht?“ – so oder ähnlich klingt es oft in der BeraLab-Supervision, in der angehende systemische BeraterInnen ihre videographierten Gespräche, die sie mit ausgebildeten SchauspielerInnen in einer nachgebauten psychosozialen Beratungsstelle durchgeführt haben, minutiös in kleinen Gruppen analysieren und daraus gezielt ihr höchst individuelles Vorgehen für die weiteren Lernschritte konstruieren. Das „Uiiii“ ist dabei ganz unterschiedlich gemeint – anerkennend, wenn deutlich wird, was schon gut klappt, verwundernd, wenn etwas ganz anders in der Videodatei erscheint als in der Erinnerung und manchmal auch skeptisch, wenn es Unzufriedenheit mit dem eigenen Beratungsverhalten gibt. Der Fokus ist dabei aber immer ressourcenorientiert und entwicklungsfördernd. Das muss so sein, weil man erstens nur aus Fehlern lernen kann, wenn man sie vor allem als Information und nicht zum Anlass fremd- und selbstzerstörerischen Grübelns nutzt und zweitens ein Beratungsverfahren, dass Menschen zu mehr Autonomie und einem guten Leben verhelfen soll, selbstverständlich in seiner eigenen Lehrtheorie enthalten sein muss.

BeraLab-Crew: Marlene Henrich, wiss. Mitarbeiterin im BeraLab

Weg vom Fall – hin zum eigenen Lernen, das ist die Essenz eines Supervisionsvorgehens, das sich aus dem Programm einer subjektorientierten Professionalisierung naturwüchsig ergibt. Damit wird Supervision vornehmlich zum Lern- und Bildungsort und weniger zum Instrument von Qualitätssicherung für die Fallarbeit. Wobei gerade in dieser Umkehr regelmäßig zu beobachten ist, dass die Fallarbeit durch diese Fokusverschiebung besser wird – weil der latente Stress zur Optimierung von Beratungsprozessen von den Beteiligten weggenommen wird und die Energie auf einen anderen Fall umgeleitet wird: Das eigene Lernen.

Das fällt im BeraLab natürlich besonders leicht und ist einer der Gründe, weshalb wir es überhaupt haben: Ohne ethische Probleme kann hier ausprobiert und routinisiert werden, was sich viele LernerInnen mit echten Fällen zurecht oder unrecht verkneifen. Das sind – je nach der aktuellen Entwicklungsaufgabe – ganz unterschiedliche Dinge: Mehr Schweigen, mehr Reden, mehr Fragen, weniger Fragen, andere Fragen, mehr Konfrontation, mehr empathisches Mitschwingen, das Ausprobieren komplexer Interventionstechniken etc. – natürlich immer gerahmt durch die Erfordernisse des jeweils zum Gegenstand gemachten BeraLab-Gespräches. So wird durch intensiv durchdachte Einzelfälle mehr und mehr die je höchst individuelle Professionalisierungsgestalt deutlich, die einzelne LernernInnen entwickeln, die zu ihnen passt und mit der sie wirksam werden. Schließlich gibt es gerade im systemischen Denken kein standardisiertes Vorgehensmodell, sondern einerseits Heuristiken, die sich aus den Theorien großer Reichweite ableiten (z.B. „sei neutral, zirkulär denkend und ressourcenorientiert“) und dann wieder Theorieelemente kleiner Reichweite, die, wenn sie nicht in einem übergeordneten Bildungsprozess integriert werden, rezeptologisch und damit unwirksam bleiben. Gleichwohl muss man letztere gerade am Anfang rezeptologisch nutzen, um überhaupt die Welt- und Menschensicht der systemischen Beratung erfahrbar zu machen, dann aber mit steigender Professionalisierung darüber hinwegsteigen, so wie man eine Leiter, oben angekommen, nicht mehr braucht und auch nicht mehr über die einzelnen Sprossen und den zugehörigen Bewegungsvorgang des Hochsteigens nachdenken muss (wer´s mag: Wittgenstein lässt grüßen, natürlich…).

Neben der BeraLab-Supervision sind in der letzten Zeit viele weitere didaktische Zugänge zu subjektorientierter Professionalisierung und ein Rahmenmodell entstanden (und ein Buch, erscheint im April bei Vandenhoek und Ruprecht in Jochen Schweitzers Reihe), auf dessen weitere Anwendung und Fortschreibung ich mich freue. Ehrlich gesagt könnte ich mich tagelang mit BeraLab-Supervision und anderen subjektorientierten Bildungsformaten beschäftigen – hier verbindet sich auf faszinierende Weise Hochabstraktion, konkretes Vorgehen und der individuelle Bildungsprozess. Eine Art von Akademisierung von Beratung, in der Theorie, Handeln und Reflexion im besten Sinne verbunden werden. Denke ich das weiter, komme ich auf spannende Ideen was die Zukunft von Weiterbildung und Hochschullehre in den Humanities betrifft – Flowerleben häufig garantiert 🙂 .

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