„Alexa, du bist doof.“ Familiale Sozialisation und Erziehung in smarten Zeiten

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Alexa, Cortana, Google, Siri und Bixby reden miteinander, ringen wechselseitig um Kompetenz und treiben ihre Familie, der sie das Leben erleichtern sollen, schließlich in tiefe Verzweiflung.

Die so notwendig gewordene Entsorgung der smarten Helfer*innen gelingt nicht, da diese sich durch Erpressung zurück in das Wohnzimmer befördern. Dieser kleine satirische Film ist bereits 2017 aufgenommen worden und bringt eine zentrale Forschungsfrage der Sozialpädagogik auf den Punkt: Wenn wir ernst nehmen, dass die Familie ein zentraler Ort von Sozialisation und Erziehung ist, dann sorgt die rasant steigende Verbreitung smarter Lautsprecher für das sichtbar Werden eines Problems, für das die Sozialpädagogik bisher keine gesicherten empirischen Daten und zugehörigen Theorieantworten  hat. Nämlich: Welche Auswirkungen hat es eigentlich auf Sozialisation und Erziehung, wenn eine merkbare Menge aktuell aufwachsender Kinder ihre Kindheit in einem Haushalt verbringt, in dem neben menschlichen Ansprechpartner*innen auch smarte Geräte in die Kommunikation involviert sind? Genese und Rezeption dieser Fragen folgen dabei einem für Digitalisierungs- und Mediatisierungsphänomene typischen Muster: Sie werden durch das rasche Innovationstempo digitaler Medien schnell in der Lebenspraxis virulent, zügig als ökonomisches Problem reformuliert und nur zögerlich als sozialwissenschaftliche Frage recodiert. So ist es auch mit dem Phänomen, dass Kinder gegenüber den smarten Helfer*innen bisweilen unverschämte Töne anschlagen und dieser Modus Gefahr läuft, auf andere Personen übertragen zu werden. Schnell hilft sich die Industrie mit der Parole „Alexa muss kinderfreundlich werden“: Sie bekommt ein Update und antwortet jetzt bei unverschämter Ansprache überhaupt nicht oder gar mit pädagogisch wertvollen Korrekturen. Das klingt einleuchtend, wirft aber gewichtige Fragen auf:

  • Ist mit dem Modus der Verbesserung explizit akzeptiert, dass smarte Geräte zunehmend mehr in häusliche Kommunikation eingebunden werden?
  • Wenn man Wert auf ihr korrektes pädagogisches Verhalten legt, bedeutet das auch, dass Ihnen die Funktion von Erziehungs- und Sozialisationsagenten zugestanden wird?
  • Was bedeutet das dann für die so heranwachsende Generation und ihr Verhältnis zu (zumindest schwacher) künstlicher Intelligenz, die in diesen Geräten verkörpert ist?
  • Verfügen Eltern über Erziehungskonzepte im Umgang damit?

Immerhin denkbar wären auch andere Interventionen: Verbot, Begrenzung der Nutzung oder die Übernahme der pädagogischen Frage, die dann zwar aus dem Gerät resultiert, aber auf der Seite der menschlichen Akteur*innen gelöst werden muss. Schließlich haben vor Alexa und Co. zahlreiche Kinder in Haushalten mit Personal gelernt, dass und wie unterschiedliche Kommunikationspartner*innen wertschätzend zu behandeln sind.

Deutlich wird auf jeden Fall, dass solche Geräte im Sinne einer zunehmenden Mediatisierung der Lebenswelt nicht mehr nur als einfache Container für abrufbare Informationen oder reine Unterhaltungsgeräte gewertet werden können. Zu untersuchen wäre aus Sicht einer mediatisierungssensiblen Sozialpädagogik vielmehr, wie sich Handlungspraxen in der alltäglichen Erziehung durch die zunehmende Präsenz smarter Geräte transformieren. Und es wird nicht ausbleiben, dass sich auch professionelle Erziehungsangebote, z.B. in den Hilfen zur Erziehung, zu diesem Themenkomplex in Bezug setzen müssen. (Am besten, bevor eine Alexa für ihre Dienste in einer Jugendwohngruppe die Abrechnung von Fachleistungsstunden beantragt.)

Ein kleines Kind hat jedenfalls neulich auf meine Frage, wer denn alles daheim wohnt, geantwortet: Meine Mutter, mein Vater, mein Bruder, mein Meerschweinchen und Alexa.

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