Lernerfolg und Persönlichkeit bei angehenden Fachkräften in der psychosozialen Beratung

Vorhersage des Beratungslernerfolges durch Vorerfahrung, Persönlichkeitsmerkmale und Selbstwirksamkeitsüberzeugungen, N=115

Jetzt ist (ich liebe das Internet) aufgrund der verblüffend hohen Seitenaufrufe des Beitrages zu Beratungskompetenz und Persönlichleit und den vielen tollen Mails, die ich dazu gekriegt habe, automatisch ein Zweiteiler entstanden. Denn ich werde nicht nur oft gefragt, ob es einen Zusammenhang zwischen kompetentem Handeln und Persönlichkeit in der Beratung gibt, sondern auch, ob bestimmte Persönlichkeiten das Beraten besser oder schlechter lernen als andere.

Wiederum für den bisher sehr wenig beforschten Bereich der frühen berufsbiographischen Stadien lässt sich auch das verneinen, zumindest was die eher kurzfristigen Lerneffekte angeht.

Und wie haben wir das herausgefunden?

In einer Studie haben wir Beratungslernende zweimal ein Beratungsgespräch mit unseren trainierten Schauspieler*innen im BeraLab führen lassen. Weil uns interessiert hat, wie gut man Beratung vermitteln und lernen kann, hat die Hälfte der Teilnehmer*innen zwischen den beiden Gesprächen ein an den eigenen fachlichen Entwicklungsaufgaben ausgerichtetes Kompaktseminar besucht, die andere Hälfte hat nur die beiden Beratungsgespräche absolviert (und das Seminar zu einem späteren Zeitpunkt gemacht).

Die realisierte Beratungskompetenz in den beiden Gesprächen haben wir wieder mit der TBKS gemessen. Die Unterschiede zwischen den beiden Gesprächen („Gain Scores“) stellen dabei eine Maßzahl für den Lernzuwachs auf den beiden Beratungsteilkompetenzen Beziehungsgestaltungsfähigkeit (IABs) und technisch-methodischem Beratungshandeln (TMs) dar. Ebenso wie in der ersten Studie haben wir mit einem Fragebogen die Vorerfahrung, die Anzahl der bereits studierten Semester, die Selbstwirksamkeitsüberzeugungen und die Persönlichkeitsmerkmale erhoben.

Und was kam raus? Der Lernerfolg in unserer Interventionsstudie wird von der Selbstwirksamkeit (entspricht einem kleinen Effekt) beeinflusst, aber nicht von Persönlichkeitsmerkmalen, Vorerfahrung und bisheriger Studiendauer.

Das ist aus mehreren Gründen wieder bereichern für den Kontext Hochschul- und Weiterbildungsforschung, in dem unsere Studien verankert sind. Dort spielt nämlich zunehmend die Heterogenität von Lerngruppen eine Rolle. Und es ist natürlich wieder für Lerner*innen, die das oft beschäftigt, bereichernd, dass man mit unterschiedlich gestrickter Persönlichkeit gut beraten lernen kann und der Lernerfolg von einem gut trainierbaren Faktor abhängt, für den die Vorhersagekraft auch in vielen weiteren Bereichen professioneller Tätigkeiten nachgewiesen ist. Persönlichkeitseigenschaften lassen sich ja im Gegensatz zur Selbstwirksamkeit eher schwer verändern.

Natürlich gelten hier auch wieder die im ersten Artikel berichteten Einschränkungen, dass bei den teilnehmenden Studierenden keine stark abweichenden Persönlichkeitsstrukturen vertreten waren, von denen man annehmen könnte, dass sie einen Effekt auf den Lernerfolg haben. Und zweitens hat das Seminar in unserer Interventionsstudie einen stark auf individuelles Lernen abstellenden Charakter und ermöglicht extrem ausdifferenzierte Lernwege, die für jede Teilnehmer*in als Entwicklungsaufgabe beschrieben werden. Es kann also sein, dass in weniger differenzierten Lernumgebungen doch wieder Abhängigkeiten eintreten, wenn die Lernstruktur zu starr ist und spezifische Voraussetzungen der Lerner*innen etwas anderes erfordern würden. Und drittens lässt sich mit dieser Studie natürlich nichts darüber aussagen, ob langfristige Lern- und Bildungseffekte in der Beratungsprofessionalisierung nicht doch von bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen beeinflusst werden. Aber wir haben ja erst angefangen mit unserer Forschung – bleibt also, gerade was das untersuchen längerer Entwicklungsprozesse angeht, noch viel zu tun.

PS: Bei Fragen – könnt ihr mir gerne eine E-Mail schreiben. Die Kommentarfunktion habe ich wegen der DSGVO erstmal ausgeschaltet. Wenn sich Frageschwerpunkte herauskristallisieren, mache ich einfach wieder einen Blogpost dazu – so wie diesen hier.

Beratungskompetenz und Persönlichkeit

Zusammenhänge zwischen Beratungskompetenz, Persönlichkeitsmerkmalen, Selbstwirksamkeit und Vorerfahrungsindikatoren

Es dürfte eine der am meisten diskutierten Fragen angehender Berater*innen in der Sozialen Arbeit sein: Haben erfolgreiche Beratungsfachkräfte eine besondere Persönlichkeit? Sind manche Aspekte vielleicht gar prädisponiert? Gibt es womöglich „geborene Berater*innen“, so wie es in der Pädagogik die sozialromantische Idee der geborenen Erzieher*innen gibt?

Diese Frage kann ausgekoppelt aus einer größeren Publikation, die derzeit entsteht, empirisch beantwortet werden. Unter den sehr realistischen Bedingungen des BeraLab haben wir 115 Berater*innen in frühen Professionalisierungsstadien (nämlich im Studium, Semester 1-12) Beratungsgespräche führen lassen, die realisierte Beratungskompetenz in einer Videostudie gemessen und die Berater*innen nach zentralen Aspekten der Persönlichkeit befragt. Zum Einsatz kam dabei ein Kurzinventar zu den Big Five, der Fünf-Faktoren-Theorie der Persönlichkeit, eine Skala zur Selbstwirksamkeit sowie die Erfassung der globalen Vorerfahrung mit der Hilfeform Beratung und das konsekutive Fachsemester.

Und was kam raus? Die Studie zeigt, dass auch für berufsbiographisch junge Berater*innen gilt: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Beratungskompetenz und bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen, auch dann nicht, wenn man sehr differenziert zwischen Beziehungsgestaltungskompetenzen (in der Tabelle als IABS aufgeführt) sowie technisch-methodischen Kompetenzen (in der Tabelle als TMS bezeichnet) differenziert.

Allerdings zeigen sich – das ist für mich als Professionalisierungsforscher sehr beruhigend – erwartungskonforme Zusammenhänge zwischen Vorerfahrung, Semesteranzahl und Selbstwirksamkeitsüberzeugung. Es ist also so, dass mit steigender Semesteranzahl und steigender Vorerfahrung eine höhere gemessene Beratungskompetenz einhergeht. Bei der Selbstwirksamkeit sieht es – auch das ist spannend und erwartungskonform – differenziert aus. Hier geht ein hoher Selbstwirksamkeitswert mit hoher technisch-methodischer Beratungskompetenz einher, während die Beziehungsgestaltungsfähigkeit nicht mit Selbstwirksamkeitserleben assoziiert ist.

Beratungslernende und Beratungslehrende können daraus mehrere Dinge ableiten: Eine erfolgreiche Beratungsfachlichkeit ist auch in ihren frühen berufsbiographischen Stadien nicht an spezifische Persönlichkeitsprofile gebunden. Jeder Jeck´ is anders (und darf es auch sein) – das gilt auch und gerade für die Beratung. Es wäre ja auch schade, wenn wir eine glattgebügelte und stromlinienförmige Beratungslandschaft mit austauschbaren Fachkräften hätten. Und der Befund ist auch deshalb ermutigend, weil die Forschung zeigt, dass Persönlichkeitsmerkmale zum Teil genetisch fixiert und nur schwer veränderbar sind.

Hingegen ist ein hohes Selbstwirksamkeitserleben mit höheren Beratungskompetenzwerten assoziiert – und Selbstwirksamkeit kann man trainieren. Und schließlich ist, auch und gerade im Hochschulkontext beruhigend: Zeit (Semesteranzahl) und Erfahrung sind relevant. Das heißt natürlich nicht, einfach Däumchen zu drehen und nicht intensiv zu lernen, im Gegenteil. Aber es verweist eben auch auf die Entwicklungsgebundenheit und den zugehörigen Zeitaspekt im Beratungskompetenzerwerb.

Einschränkend für diese Ergebnisse ist, dass in der vorliegenden Studie keine besonders abweichenden Persönlichkeitsprofile vertreten waren, was angesichts der untersuchten Studiengänge (Soziale Arbeit, Schulpsychologie) erwartbar war. Bei Vorliegen einer solche Ausprägung ist sicherlich auch in der Beratung, ähnlich wie dies für das Management im Sinne der dunklen Triade erwiesen ist, von einer schädlichen Wirkung auf professionelles Handeln auszugehen.