informieren – diagnostisch aufklären – beraten: Eine Kurzphänomenologie pädagogischer Gespräche

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Dieser Beitrag stammt eindeutig aus der Kategorie „work in progress“. In ganz unterschiedlichen Zusammenhängen ging es in den letzten Tagen in Vorträgen, Workshops und Diskussionen in Forschungsteams um das gleiche Thema: Wenn man in Videostudien zu Beratung Material sichtet, sieht man auch vieles, was nicht Beratung ist. Sowohl für die Forschung, aber auch für die Praxis ist dann spannend, wie die unterschiedlichen pädagogischen Handlungsformen im Gespräch denn genau bezeichnet werden können. Das ist vor allem für all diejenigen Berufe wichtig, deren Hauptgeschäft gerade nicht die Beratung ist. Erzieher*innen und Sozialpädagog*innen machen beispielsweise nonformale Bildungs- und Erziehungsarbeit,  während Lehrer*innen im formalen Setting der Schule unterrichten. In beiden Berufen führen Fachkräfte aber beispielsweise auch regelmäßig Elterngespräche, und dann ist die Frage: Was passiert da? Ist das alles automatisch Beratung? Offensichtlich nicht, das sagt sowohl die Fachliteratur als auch die Empirie des Forschungsmateriales, will man nicht einen überstrapazierten Beratungsbegriff in Anschlag bringen. Wenn es tatsächlich pädagogische Gespräche sind, dann könnte man mit Klaus Prange fragen: Inwiefern wird da etwas und auf etwas gezeigt, unterstellt, dass das Zeigen eine der pädagogischen Hauptoperationen ist. Wenn man dieser Lesart folgt, lassen sich mindestens drei Handlungsformen in pädagogischen Gesprächen unterscheiden, und genau diese Unterscheidung war uns in der Forschung hilfreich. Zu sehen ist nämlich: Informieren, im Sinne des Zeigens eines allgemeinen Sachverhaltes. Im Elterngespräch in der Schule z.B.: Nun steht die Auswahl einer Fremdsprache an, in der Kita: Wir sind vor zwei Wochen mit der Gruppe in die Waldtier-Epoche eingestiegen. Eine zweite Form ist dann das Zeigen auf einen bestimmten Einzelfall – etwas, das wir im Material oft gesehen haben und das wir als diagnostische Aufklärung vorläufig labeln. In der Schule beispielsweise: Ihr Sohn hat in der Kurvendiskussion Mühe, und aus dem Unterricht und Gesprächen habe ich erfahren, dass das auch am bisherigen Matheunterricht in der alten Schule, aber auch mit Widerständen gegen das Fach zu tun hat, in der Kita dann eher: Ihre Tochter ist hinsichtlich der motorischen Geschicklichkeit etwas über dem erwartbaren, dafür hat sie Mühe mit dauerhaften Konzentration auf eine Sache. Das ist beides also noch keine Beratung – dazu wird sie erst, wenn die Fachkraft den dritten Modus aktiviert, und das ist das Zeigen auf die Reflexivität des Gegenübers. Eine Beratung muss zwingend – so sagt das schon Mollenhauer – mit einer Frage anfangen, auf die Berater*innen keine Antwort geben. Vielmehr müssen sie ihr Gegenüber – und gerade das macht eben Beratung aus – so kognitiv und emotional aktivieren, dass diese zu eigenen Ideen kommen. Im Elterngespräch also: Was sind nun ihre Gedanken zur Situation ihres Kindes? Was wäre aus ihrer Sicht ein guter nächstes Schritt? Warum diesen, und welche anderen Schritte würden sie aus welchen Gründen zunächst ausschließen?

Und es wird dabei auch deutlich: Informieren und diagnostisch aufklären sind nicht unbedingt die kleinen Vorformen von Beratung, sondern bedeutsame pädagogische Handlungen. Nicht alles muss also als Beratung umgelabelt werden – womit sich auch eine schöne Anschlussstelle für eine konstruktive Kritik der Beratung ergäbe. Die kommt dann aber in einem anderen Blogbeitrag.

 

 

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