Professionalisierungskultur gestalten: Das Beispiel Zielentwicklung in den Darmstädter Hilfen zur Erziehung

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Videolectures zum neuen Hilfeplanverfahren – zum Diskutieren und kritisch hinterfragen jenseits von Einrichtungsgrenzen und doch im gemeinsamen Tun

Soziale Arbeit ist in Deutschland durch das Subsidaritätsprinzip gekennzeichnet. Daraus ergibt sich automatisch, dass in den Hilfen zur Erziehung Vielfalt hinsichtlich der Träger sowie deren Konzepte und Methoden besteht. Verstärkt durch das Technologiedefizit in der Pädagogik erscheint Soziale Arbeit dann notwendigerweise als das, was in der Professionalisierungsforschung als „ill defined“ oder schlecht definierte Domäne bezeichnet wird: Ziele und Mittel beinhalten gegenstandsimmanent Unschärfen. Daraus folgt wiederum ein Vorgehen, das Sozialer Arbeit oft als unprofessionell vorgeworfen wird: Die Orientierung am Einzelfall und dessen Logik sowie das zurückgreifen auf Träger mit ganz unterschiedlichem Profil – stationär und ambulant, systemisch, tiefenpsychologisch, verhaltenstherapeutisch, erlebnispädagogisch etc. Die Frage ist dann aber, entlang welcher Vorstellungen sich Soziale Arbeit professionalisieren kann und soll und ob ihre zahlreichen Arbeitsfelder überhaupt eine übergreifende Wissensdomäne bilden. So hat sicherlich jede Einrichtung ihre spezifische Einrichtungskultur, und auch die Soziale Arbeit insgesamt beruft sich auf abstrakte Kodizes sowie die Rahmungen durch die Sozialpolitik. Trotzdem lässt sich eine Lücke in diesem professionellen Orientierungssystem erkennen, die vor allem seit der Regionalisierung von Hilfeangeboten zutage tritt: Sollen Träger der Jugendhilfe nämlich – idealerweise zusammen mit dem Jugendamt – einen Sozialraum sowohl in Kooperation als auch eigener Schwerpunktsetzung gemeinsam bestellen, fehlt oft ein Konzept, um die Einheit der Differenzen herzustellen. Das Entwickeln einer gemeinsamen, regionalen und domänenbezogenen Professionalisierungskultur jenseits einrichtungsspezifischer Spezialitäten (und den zugehörigen Einrichtungskulturen) macht dann Sinn. Sie kann helfen, Organisationen, Angebote und die Handlungskompetenz der Fachkräfte gemeinsam weiterzuentwickeln. Eine solche Professionalisierungskultur wäre dann als Antwort auf die Vielfalt von Optionen der sozialräumlich definierten Jugendhilfe vor Ort zu sehen. Dass dies not tut, kann man an vielen Hilfeplanverläufen erkennen: Kaum wechselt ein Fall Sachbearbeiter*in, Bezirk, und/oder Jugendhilfeanbieter*in zeigt sich, dass die Komplexität zu hoch ist – der neue Hilfeplan hat mit dem alten Hilfeplan nur noch wenig gemeinsam oder Bezüge müssen durch abenteuerliche Sinnkonstruktionen und über Widerstände hinweg aufrecht erhalten werden, weil kein Medium zur Konsensfindung in den höchst unterschiedlichen Hilfenarrativen bereit steht.

Mich hat deshalb besonders gefreut, dass ich etwas für das Projekt Zielentwicklung der Darmstädter Jugendhilfe beitragen kann (ein bisschen was dazu habe ich schon gebloggt). Denn genau hier macht die Vergewisserung über die Idee einer regionalen, aber trägerübgreifenden Professionalisierungskultur Sinn. Und so ist den Akteur*innen im bisherigen Verlauf des Projektes etwas sehr wertvolles gelungen: Das neu entwickelte Hilfeplanverfahren hat zwei wesentliche Innovationen: Es legt für alle drei Akteure (Jugendliche und Familien, das Jugendamt/ASD und die Jugendhilfeeinrichtungen) fest, dass (a) der Hilfeplan durch ein von allen geteiltes emotionales Grundsatzziel bestimmt sein muss, das in allen Prozessen jederzeit als kommunikativer und Sinn gebender Heimathafen angelaufen werden kann und (b) darauf aufbauend Jugend und Träger in genau definierten Zuständigkeitsbereichen gemeinsam und für sich die notwendigen Konkretisierungen vornehmen. Ein gemeinsamer Fachtag aller Träger und die daraus folgenden Materialien wie Videolectures zum einrichtungsunabhängigen- und übergreifenden Weiterlernen und die Aufbereitung der Dokumentationen aus den gemeinsamen Übungsgesprächen mit dem BeraLab – all das kann, wenn es gut läuft, Bestandteil einer gemeinsamen regionalen Professionalisierungskultur werden, in der Jugendamt, Träger und Familien trotz unterschiedlicher Anliegen, Wünsche und Konzepte gut zusammen arbeiten können. Wir sind gespannt und hoffen, dass unsere Wünsche nach einer engen wissenschaftlichen Begleitung in Erfüllung gehen, da dieser Forschungsfall nicht allzu häufig in der BRD vorkommen dürfte. 

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