Soziale Arbeit in der digitalen Stadt: Wir brauchen mehr Theorie

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Handlungsfelder der Digitalstadt Darmstadt: Soziale Arbeit muss und kann sich quer verorten. Quelle: Digitalstadt Darmstadt

Darmstadt ist seit Gewinn des Bitkom-Wettbewerbs die erste Digitalstadt Deutschlands. Zahlreiche Akteure der Stadtgesellschaft treiben  zu allen Themenfeldern der Daseinsfürsorge Digitalisierungsprojekte voran. Soziale Arbeit kommt dabei (noch?) nicht als eigenes Themenfeld vor – ein Umstand, der keinesfalls die Konzeption der Digitalstadt Darmstadt alleine betrifft, sondern sicherlich als Zeitdiagnose zum Umgang mit Digitalisierungsphänomenen in der Sozialen Arbeit ingesamt gewertet werden muss (Stichwort: Medienkonservatismus unserer Zunft). Enge Bezüge hat sie natürlich, beispielsweise über die Soziale Arbeit an Schulen, zum Bildungsthema, das erwartungsgemäß in der Digitalstadt Darmstadt zunehmend Fahrt aufnimmt.

Aber – reicht es für die Soziale Arbeit, querliegend bestehende Themen- und Handlungsfelder stückweise und eher nachholend digital anzureichern? Oder braucht es für Soziale Arbeit in der digitalen Stadt (abstrakt gedacht als Gemeinwesen) nicht mehr? Ich denke, letzteres ist der Fall, und Soziale Arbeit muss sich nach neuen Theoriekonzepten umsehen.

Physische und virtuelle Räume – Wie weit trägt ein Zwei-Welten-Konzept?

Zentral dürfte für das theoretische Durchdenken dabei sein, dass in weiten Teilen der Sozialen Arbeit der Primat eines bestimmten Begegnungs- und Fallkonstellationstypus gilt: Ausgegangen wird von kopräsenten Begegnungen, die sich in physisch und geographisch gefassten Sozialräumen abspielen. Wird diese Vorrangstellung nicht intensiv diskutiert und reflektiert, kann die Beschäftigung mit Digitalisierungsphänomenen nur in einer Nachrangigkeit von Digitalisierungsbemühungen resultieren. Die Diskurse richten sich dann ähnlich ein wie in der Zeit der ersten Phase der Digitalisierung in der Bildung. Lernplattformen und digitale Medien wurden überwiegend dazu genutzt, bisherige Lehr-Lern-Praxen nachzubilden: Aus dem Handapparat physischer Bücher wurde das Repositorium mit .pdf-Dateien und mancher Test oder Evaluationsfragebogen hat eine elektronische Darreichungsform erhalten – das war es im Wesentlichen. Erst in einer zweiten Phase wurde die implizite Zwei-Welten-Struktur (hier die physische Begegnung, dort die partielle digitale Materialität) insofern aufgegriffen, als dass Blended-Learning-Konzepte entwickelt wurden. Die Lücke zwischen „analoger“ und „digitaler“ Welt wurde damit adressierbar, aber zugleich auch gefestigt. Blended-Konzepte folgen der Logik des „Besten aus zwei Welten“ und sind sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung und derzeit an vielen Stellen das aktuellste Konzept in der Bildung. Trotzdem werden in der letzten Zeit Stimmen laut, die an der Sinnhaftigkeit des Begriffes „blended“ im Kontext von Bildung zweifeln, eben weil damit die angebliche Kluft zwischen digitaler und analoger Sphäre aufrechterhalten wird. Viele Kolleg*innen sprechen deshalb schlicht von zeitgemäßer Bildung und meinen damit, dass jeweils das genutzt und getan wird, was dem Bildungsziel dient.

Medienintegrative Soziale Arbeit

Aus solchen Diskursen könnte Soziale Arbeit lernen. Sie muss sich dann fragen, ob ihr eine mit der Blended-Metapher angereicherte Fortschreibung von Konzepten reicht oder es mehr braucht. Mein Plädoyer wäre, die semantische Aufrechterhaltung der Zweiweltenmetapher – der „digital-medialen“ und der wie immer gearteten „kopräsent-analogen“ Welt – nicht zur Grundlage der Weiterentwicklung zu machen.

Eine medienintegrative Soziale Arbeit wäre als erste Begriffsannäherung ein hierzu passendes Konzept, das den ihr gegebenen Vermittlungsauftrag zwischen Individuum und Gesellschaft ernst nimmt und zwar unabhängig davon, in welchen Vermittlungsformen er sich realisiert. Ein erster Schritt mit der theoretischen Beschäftigung und Auslotung einer medienintegrativen Sozialen Arbeit wäre dann die Befassung mit den Formtransformationen ihrer Erbringungsverhältnisse. Hier könnte Soziale Arbeit viel aus ihrer eigenen Geschichte lernen – beispielsweise der Entrüstung über die ersten Telefonberatungsangebote, die in der Fachwelt mit gehöriger Skepsis aufgenommen wurden mit der Idee, dass ein persönliches Beratungsgespräch nicht durch den Telefonapparat ersetzbar sei. Nur wenige Jahrzehnte später hat sich dann, ironischerweise aufbauend auf der Erfolgsgeschichte der Telefonseelsorge, die Skepsis breit gemacht, ob man denn etwa im Internet und per Text Beratung machen könnte. Auch hier war die Ersetzungsmethapher der grundlegende Diskursfehler, denn es läßt sich ja empirisch zeigen, dass das Denken in Ergänzung der richtige Schluss ist: Das Gespräch ist seit Erfindung des Buchdruckes nicht verschwunden, die Erfindung der Telefonberatung hat kopräsente Beratung nicht zum Verschwinden gebracht und mit Einführung textbasierter Onlineberatung sind mündliche Formate nicht weniger geworden.

Soziale Arbeit ist also gut beraten, sich die Sache als konzentrische Ausweitung von möglichen Interaktionsszenarien vorzustellen, die es Adressat*innen und Fachkräften ermöglicht, Medienwahlentscheidungen aus einer großen Auswahl heraus zu treffen. Dabei darf dieses Bild aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es nicht nur um die quantitative Vermehrung von Adressierungsoptionen geht, sondern der Formenwandel eben auch neue Qualitäten ermöglicht – medienintergrative Soziale Arbeit muss sich dann auch damit befassen, inwiefern sie z.B. Künstliche Intelligenz oder Big Data Analytics zur Bewältigung ihrer Aufgaben nutzt oder sogar neue Hilfemöglichkeiten entstehen. Die Differenz zwischen digitaler Inklusion und inklusiver Digitalisierung würde idealerweise in diesen Bemühungen verschwinden. 

So gesehen sind die Themenfelder, die in Darmstadt als erster deutscher Digitalstadt als wesentliche Elemente der Daseinsvorsorge bearbeitet werden, zunächst exemplarische neue Umwelt für die Soziale Arbeit. Sie ist aber gut beraten, diese zunehmend digital formierte Umwelt auch zur relevanten Umwelt zu machen. Solange sie in allen mediatisierten Optionen nur die Abbildung traditioneller Begegnungs- und Ortsmethaphern sieht, besteht weiterhin die Gefahr, wieder einmal nur nachholend mitzugestalten. Ähnlich wie Michael Winkler physische Orte und das zugehörige Handeln als zentrales Bestimmungsstück der Sozialpädagogik eingeführt hat, könnte sich Soziale Arbeit auf die Suche nach einer Theorie medialen Ortshandelns aufmachen und dabei mediatisierte Situationen von Beginn an als das verhandeln, was sie sind und sein müssen: Mehr als bloße Abbilder traditioneller Konzepte.

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