Ausgeblended: Analytische Perspektiven auf Räume der Beratung im Zeitalter der Digitalität.

5 Min. Lesezeit
Drei Bücher zu Raum (Martina Löw: Raumsoziologie; Markus Schroer: Räume, Orte, Grenzen; Sefan Günzel: Raum)
Lohnt sich: Nachdenken über Räume in der Beratung

Wir nähern uns einer postpandemischen Zeit, zu der gehören wird, Perspektiven auf Transformationsprozesse sozialpädagogischer Hilfen zu entwickeln, die sich aufgrund der Pandemie ergeben haben (Weinhardt 2020). Ein besonders spannendes Exempel ist dabei Beratung, denn sie verfügte als einzige sozialpädagogische Hilfeform schon vor der Pandemie über eine Geschichte der Nutzung digitaler Dinge (Weinhardt 2022). Ernstzunehmende digitale Beratung gab es schon vor Corona seit mehr als zwei Dekaden, das ist ein Allgemeinplatz. Es wundert also nicht, dass die Onlineberatungsszene zurecht siegesbewusst durch die Pandemie schritt: Plötzlich stand eine Hilfeform im Fokus, die aus der Warte der traditionellen Beratungstheorie etwas abschätzig als oberflächliches, neumodisches Kind der sich zunehmend digitalisierenden Gesellschaft angesehen wurde, obwohl sie sich längst institutionell durchgesetzt hatte. Sogar die großen Tanker unter den Wohlfahrtsverbänden hatten brav schon vor Jahren Onlineberatungsportale eingeführt, die den bestehenden Präsenzangeboten beigefügt wurden. Und an genau dieser Stelle beginnt das Theorieproblem der digitalen Beratung – sie hat sich nämlich von ihren eigenen Kerndiskursen entfernt und sich zunehmend zu einer Blase entwickelt, die kaum noch Kontakt zur beraterischen Basis hält. Das hat zum einen zu einer Deprofessionalisierung des Feldes geführt: Es ist, seit der Pandemie noch mehr, durchaus möglich, mit einem wirklich bescheidenen Fortbildungsaufwand eine Weiterbildung für digitale Beratung zu absolvieren und damit zumindest formal den berufsbiografischen Königsweg der Professionalisierung aus abgeschlossenem Studium plus Weiterbildung zu beschreiten und damit ins Feld einzumünden. Beratungsweiterbildungen, das waren in vordigitalen Zeiten immer Jahre und ernsthaftes Schwitzen im Anhäufen der ersten hundert Stunden Beratungspraxis bei permanenter Konfrontation mit dem sich entlang von Theorie- und Reflexionszumutungen professionalisierenden Selbst (Weinhardt 2018, 2017). Das digitale Beraten hat viel von diesen Anforderungen gezähmt – lässt es sich doch zurecht im Zeitversatz schriftlicher Kommunikation handlungsentlastet reflektieren und ausbilden, was sicherlich mancher Onlineberatungsintervention gut zu Gesicht gestanden hat und unbestreitbare Vorteile bietet. Das klingt möglicherweise despektierlicher, als es gemeint ist, denn diese Anpassung von Professionalisierungsmustern lässt sich als funktionale Antwort auf genau diejenigen digitalen Beratungsräume lesen, die sich im Zuge der Entwicklung von Onlineberatung durchgesetzt haben: Es sind die Räume des abstrakten, symbolischen Austausches mit Zeitversatz – Onlineberatung, das war bis vor der Pandemie fast ausschließlich schriftliche Beratung per Mail, selten per Chat. Auf diese Weise sind zwei Beratungswelten entstanden: Die eine, in der die traditionelle Präsenzberatung praktiziert wird, vielleicht hin- und wieder im Falle von Krankheit oder beruflicher Abwesenheit durch eine Mail ergänzt. In der anderen Welt war der zeitversetzte Text das Beratungsmedium, diese Welt war eine frühe und hier erhalten gebliebene Form des durch Text formierten Cyberspace.

Schon vor der Pandemie gab es nun durchaus Versuche, praktisch und auch theoretisch diese Trennung in zwei Welten aufzuheben, denn aus der Perspektive vollzogener Digitalität macht ein Zwei-Welten-Konzept in der Beratung keinen Sinn. Erwartbar hat sich zunächst der Begriff des Blended Counselings durchgesetzt, der dem Diskurs um Lehr-Lern-Konzepte (Blended Learning) entlehnt war und darauf abzielt, beide Welten zu verbinden.

Allerdings geht die Sache in einer einfachen kombinatorischen Logik von digitaler und kopräsenter Beratung nicht auf, zumal sich in der Pandemie die Videoberatung neu etabliert hat und plötzlich mindestens drei „Räume“ verbunden werden: die physischen Räume vor den beiden Kameras sowie der digitale Raum der Videokonferenzsoftware (Weinhardt 2021a). Spätestens hier zeigt sich, dass in der digitalen Beratung ein systematischer Diskurs zu „Raumvorstellung, Raumbild und Raumbegriff“ (Löw 2019, S. 15) fehlt. Dieser wird jedoch benötigt, um Konzepte digitaler und physischer Räume und ihre Konstitution überhaupt theoretisch konsistent und praktisch brauchbar thematisieren zu können, und zwar jenseits einer unterkomplexen additiven oder kombinatorischen Ergänzungslogik. Schließlich gilt, dass schon innerhalb der zugehörigen Teildiskurse des ‚Digitalen‘ und des ‚Kopräsenten‘ gar nicht geklärt ist, was denn eigentlich der Raumbegriff ist, der auch in der vermeintlich theoretisch gesicherten Warte der Sozialraumdiskussion ein widersprüchliches Konzept geblieben ist (Kessl und Reutlinger 2022).

An dieser Stelle ist nun die akademische Sozialpädagogik ganz besonders gefordert, solche analytischen Perspektiven auf neue Räume der beraterischen Hilfen zu entwickeln. Dies wird nur funktionieren, wenn sowohl Theoriearbeit als auch empirische Forschung hierzu ernst genommen und stabil an die Kerndiskurse des Faches angebunden werden. Dazu wird auch gehören, in der geschäftigen Welt der Curricularisierung des Digitalen (Weinhardt 2021b) und der Etablierung neuer digitaler Beratungsdienste ab und zu vergewissernd und kritisch inne zu halten und zu fragen: Wissen wir denn, was wir wo gerade tun?

Literatur:

Kessl, Fabian; Reutlinger, Christian (Hg.) (2022): Sozialraum. Eine elementare Einführung. Wiesbaden: VS Verlag.

Löw, Martina (2019): Raumsoziologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Weinhardt, Marc (2017): Subjektorientierte Professionalisierung, Lebenslanges Lernen und der EQR/DQR in der Systemischen Fort- und Weiterbildung. In: Kontext 47 (3), 262-27.

Weinhardt, Marc (2018): Beratungskompetenzerwerb im Studium: Lern- und Bildungsprozesse im Horizont subjektorientierter Professionalisierung. In: Olaf Dörner, Carola Iller, Ingeborg Schüßler, Cornelia Maier-Gutheil und Christiane Schiersmann (Hg.): Beratung im Kontext des Lebenslangen Lernens. Konzepte, Organisation, Politik, Spannungsfelder. Leverkusen: Budrich, S. 143–156.

Weinhardt, Marc (2020): Sozialpädagogische Beratung in der pandemischen Krise. In: Anselm Böhmer, Mischa Engelbracht, Bettina Hünersdorf, Fabian Kessl und Vicki Täubig (Hg.): Soz Päd Corona. Der sozialpädagogische Blog rund um Corona: Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt.

Weinhardt, Marc (2021a): Digitalität in der handlungsorientierten Lehre. Eine Pilotstudie in hybriden Räumen zur Vermittlung systemischer Timeline- und Tetralemmatechniken. Trier. Online verfügbar unter https://marcweinhardt.de/digitalitaet-in-der-handlungsorientierten-lehre-eine-pilotstudie-in-hybriden-raeumen-zur-vermittlung-systemischer-timeline-und-tetralemmatechniken/.

Weinhardt, Marc (2021b): Digitalität und Digitalisierung in der psychosozialen Beratung. Überlegungen zum digitalen Wandel der Beratungskultur. In: Sozialmagazin. Sonderband Zukunft der Beratung (5), S. 76–86.

Weinhardt, Marc (2022): Offene Fragen an die Hilfeform Beratung im Spannungsfeld zwischen Digitalität und Digitalisierung. In: EthikJournal 8 (1), S. 1–15.

Weitersagen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert