Methodenintegration in Beratung und Therapie, Teil 2: Expertiseenstehung und der Bildungsbegriff im Kontext sozialwissenschaftlicher PraktikerInnen

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Der erste Teil dieser losen Reihe von Beiträgen zur Frage der Methodenintegration hat mit dem Plädoyer geendet, dass es notwendig ist, Lern- und Bildungsprozesse von Fachkräften auch daraufhin zu betrachten, was an ihrem Ende stehen soll. Entscheidet man sich hier für das Ziel der wissenschaftlich gestützten Handlungsbefähigung, ergeben sich interessante Folgefragen- und Antworten aus der Forschung. Aus den Erkenntnissen der Expertiseforschung kann als gesichert angenommen werden, dass handlungswissenschaftliche ExpertInnen sich dadurch auszeichnen, dass ihr Wissen auf spezielle Art – nämlich hoch vernetzt und implizit – gespeichert ist. Diese Wissensbasis führt zur spezifischen Informationsaufnahme (mit gezielter, schneller Auswahl relevanter Informationen), Informationsverarbeitung (durch rasche Bildung von Problemlöseszenarien) und dem daraus resultierenden Handeln (stark situativ eingebunden bei rascher, permanenter Adaptionsfähigkeit). Das Resultat eines solchen Handelns ist eben genau jene Art von Professionalität, die sich oft selbst nur implizit für BeobachterInnen erschließt, bezogen auf Beratung beispielsweise, wenn man AnfängerInnen Videos von BeratungsexpertInnen zeigt (z.B. in der herrlich-alten Videoserie „Three Approaches“ Carl Rogers, Fritz Perls und Albert Ellis) und diese dann feststellen, dass erkennbar ein Profi am Werk ist, man aber nicht sagen kann, wie genau er das tut was er tut. Ein weiteres Ergebnis der Expertiseforschung ist weiterhin, dass ein Zeithorizont von ca. 10 Jahren bis zum Erreichen von Expertise angenommen werden kann und sie sich nicht von alleine einstellt. Vielmehr muss sie aktiv durch intensive Lern-, Bildungs- und Übungsprozesse („deliberate practice“) erworben werden.
Aber was läuft in dieser langen und offensichtlich komplexen Lern- und Bildungsphase ab? Das häufig angewandte Expertise-Modell von Dreyfus & Dreyfus macht inhaltliche Angaben zur Entstehung von Expertise. Die beiden Forscher haben sich im Zuge ihrer Arbeit zum Maschinenlernen intensiv mit menschlichen Lernprozessen auseinandergesetzt und als Resultat dieser Arbeit ein fünfstufiges Modell der Expertiseentstehung vorgelegt (hier ein Link zur oft benannten, aber wenig gelesenen Erstpublikation mit fast schon antiquarischem Wert 🙂 ). Das Modell beschreibt prototypisch fünf Expertisestufen und die zugehörigen Lern- und Informationsverarbeitungsprozesse: NovizInnen, fortgeschrittene AnfängerInnen, Kompetente, Könner und ExpertInnen (ich nutze hier die im Zuge der Etablierung des Modells eingedeutschten Begriffe). Für unsere Frage zur Gestaltung von Lern- und Bildungsprozessen ist nun interessant, welche didaktischen Schlüsse bezüglich der Methodenintegration folgen. Folgt man den Prämissen des Modells, so lässt sich das leicht beschreiben: Novizinnen, darunter würden bezogen auf Beratung Studierende ohne Vorerfahrung in den ersten Semestern zählen, müssen ein widerspruchsfreies Theorieangebot bekommen, das ihnen hilft, Handlungssituationen zu strukturieren. Da sie noch über kein Beratungswissen verfügen, sind konstruktivistische Ideen („selbst erarbeiten“) hier didaktisch kontraindiziert. Es ergeben sich dann automatisch klassische Lehrformate mit hohem Wissensvermittlungsanteil, in denen Theorien und Konzepte erarbeitet werden. Schon im frühen Stadium ist es aber notwendig, unter möglichst realistischen Bedingungen Handlungsanforderungen kennen zu lernen, erste Applikationen des noch kontextfeien Wissens zu versuchen und dann Wissen, Erfahrung und Reflexion eng aufeinander zu beziehen. Empirisch erwiesen hat sich in diesem Punkt auf für Beratung, dass NovizInnen in der Simulationsumgebung für Beratung enorm profitieren, wenn sie sich machbare Lernschritte vornehmen und dazu dann gezielte Theorieangebote und reflexive Rückmeldung bekommen. Im Zuge des Fortgangs des Expertiseentstehung über die fortgeschrittene Anfängerschaft hin zur beginnenden Kompetenz bleibt das Erfordernis, dass Theorien und Konzepte widerspruchsfrei bleiben sollen weiterhin bestehen. Denn das Lern- und Bildungserfordernis liegt in diesen Phasen im ersten Umbau der Wissensbasis: Das (noch) deklarative Faktenwissen wird mit beginnend kumulierten Erfahrungen verbunden und das Handeln kontextsensivter und routinisierter.
So folgt für die Frage der Methodenintegration also der Schluss, dass Ideen von Eklektizismus in den „ersten Jahren“ nichts zu suchen haben. Aus Sicht der Lernenden entstehen unter dem Primat der handlungswissenschaftlich gerahmten Entstehung und Verwendung des Wissens sonst widersprüchliche Lernsituationen mit unbefriedigendem Ergebnis. Neben der (oft auch noch durch Nervosität und Anspannung geprägten) Situierung und Einsozialisierung in beraterisches Handeln entlang eines beginnend verstandenen Konzeptes müssten nämlich auf abstrakterer Ebene noch jeweils Auswahlkriterien zur Methodenkombination mitgelernt und angewendet werden. (Auf deren Formulierung man übrigens oft auch bei ExpertInnen nur unbefriedigende Antworten erhält, da auch diese Regeln oft sehr implizit angeleget sind, was nebenbei auch daran ablesbar ist, dass trotz aller Bemühungen noch kein haltbares integratives Beratungs- und Therapiekonzept entwickelt wurde.)
In der Konsequenz wirkt diese Herangehensweise zur Strukturierung von Lern- und Bildungsangeboten zunächst sehr einfach, nahezu mechanisch und eventuell unterkomplex. Einwände bestehen oft dahingehen, dass dies alles zu paternalistischem, bevormundendem didaktischen Vorgehen führt, in dem Lernen und Bildung durch bloßes Training ersetzt wird. Dass dies gerade nicht so ist (wenn man die Sache tiefer und konsequent durchdenkt), wird Thema des dritten Blogbeitrages, in dem Lernen, handlungsorientiertes Lernen und der Bildungsbegriff in den Blick kommen – mit einen kleinen Streiflicht auf Fragen der Gestaltung von Studiengängen und non-formalen Bildungsangeboten.

Wer an dieser Stelle Lust hat auf eigene Faust weiter zu lesen, dem sei das Buch „Könnerschaft und implizites Wissen“ von Georg Hans Neuweg empfohlen, der im Versuch der Nutzbarmachung der Arbeit von Michael Polanyi alle wichtigen Konzepte der Wissensbildung intensiv behandelt und ins Verhältnis setzt.

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