Digital kompetent – neuer Buchbeitrag: Professionalisierung von Fachkräften im Kontext von Digitalisierung

Kompetenzmatrix nach Heiner, bezogen auf Digitalisierung in der Beratung

Digitalisierung und Beratung: Zwischen Bewahrung und Befähigung ist der Titel eines kommenden Herausgeberbandes von Stephan Rietmann, Maik Sawatzki und Matthias Berg, der bei VS im Sommer erscheinen wird. Zusammen mit Markus Emanuel entstand hierzu ein Beitrag zu der Frage, welche Kompetenzen Fachkräfte in der psychosozialen Beratung bezogen auf Digitalisierung eigentlich benötigen. Dieses Thema erscheint dabei nicht nur uns als gravierende Le(e)hrstelle – das Kerncurriculum der Deutschen weiterlesen

Professionalisierung im Studium als subjektorientierter Bildungs- und Entwicklungsprozess

Am vergangenen Mittwoch haben Petra Bauer und ich im Rahmen der WegE-Lectures an der Uni Bamberg unser ProfiL-Projekt vorgestellt. Vor allem zu unserem Konzept der Entwicklungsaufgaben gab es in der Diskussion mit Kolleg*innen und Student*innen einen spannenden Austausch.

Interessanterweise haben sich an der Diskussion auch Kolleg*innen, die nicht primär aus der Lehrer*innenbildung kommen, beteiligt. Für mich ist das deshalb immer besonders aufschlussreich, weil in der vergleichenden Betrachtung weiterlesen

Beratungslernen sichtbar machen: das Modellcurriculum der DGSF

Reflexionsberichte, Selbst- und Fremdeinschätzungsbögen und Videos, jede Menge Videos: Beratungslernen sichtbar machen durch das Modellcurriculum der DGSF.

Manchmal gibt es auch in der stressigen Vorweihnachtszeit im Hochschulalltag noch Nischen, in denen die wissenschaftliche Passion Platz hat. Eine dieser Nischen ist die Arbeit an und mit dem Modellcurriculum der DGSF (nachlesbar in der Verbandszeitschrift hier auf S. 38). Mit diesem Modellprojekt hat die DGSF (Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie) als einer der größten deutschen weiterlesen

Warst du schon wieder bei der Erwachsenenbildung?

Schön war es – Vortrag am DIE in Bonn.

Jap, war ich. Das DIE hatte mich eingeladen, einen Vortrag und einen Workshop zu aktuellen Entwicklungen in der Beratungsforschung zu halten. Das hat mir – neben der Tatsache, „alte“ Kolleg*innen aus Tübingen wiedersehen zu können – wieder einmal gezeigt, dass gemeinsame Gegenstände Wissenschaftler*innen verschiedener Subdisziplinen in einen produktiven Austausch bringen. Wir haben entlang übergeordneter, internationaler Diskurse sowie konkreter Forschungsdaten einen spannenden weiterlesen

Praxis, Theorie und die transdisziplinäre Vertrauensfrage

Mitgliederversammlung der DGfB 2018 in Köln: Diskussionen in Kleingruppen zum Qualifikationsrahmen Beratung

Vergangenes Wochenende fand die jährliche Mitgliederversammlung der Deutschen Gesellschaft für Beratung (DGfB) statt. Weil die Mitglieder keine natürlichen Personen, sondern 21 Beratungsverbände sind, war das wie üblich eine exklusive Veranstaltung, in der relevante Themen für psychosoziale Beratung verhandelt werden. Eines davon ist die Frage, wie genau ein Deutscher Qualifikationsrahmen Beratung entstehen soll, den die Mitgliederversammlung letztes Jahr beschlossen hat. Der Vorstand der DGfB hat dieses Thema durch eine Arbeitsgruppe vorangebracht, in der ich mitarbeite. Das hat mir große Freude gemacht, weil eines meiner handlungswissenschaftlichen Kernanliegen, nämlich das transdisziplinäre Bearbeiten von Projekten, dabei besonders herausgefordert ist: Der Qualifikationsrahmen Beratung soll der Weiterbildungslandschaft, Anstellungsträgern und Klient*innen deutlich machen, welches Kompetenzniveau entsprechend dem DQR (Deutschen Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen) bei einer Beratungsfachkraft vorhanden ist und damit Mobilität und Übergänge zwischen formalem und non-formalem Lernen schaffen. Für die Erstellung des Qualifikationsrahmens haben wir ein wissenschaftliches Programm entworfen, das vorsieht, methodisch strukturiert alle kompetenzorientierten Lehr-, Lern- und Prüfformate aus der Praxis der Beratung und Beratungsweiterbildung zu erfassen, zu systematisieren und daraus eine Synthese zu generieren, aus der sich anschließend die Stufen des Qualifikationsrahmens definieren lassen – wobei wir insbesondere über die Erfassung psychosozialer Beratungskompetenz intensiv in der DGfB und den Mitgliedsverbänden diskutiert haben. Das ehrgeizige Ziel der DGfB ist dabei, den Rahmen methodeninvariant anzulegen und damit auch den neuesten Erkenntnissen aus der Wirkfaktorforschung zu folgen.

Wir haben auch in der diesjährigen Mitgliederversammlung intensiv und konstruktiv mit den Verbändevertretern diskutiert, und dabei ist mir wieder einmal aufgefallen, wie wichtig es ist, bestimmte Basics in der Zusammenarbeit zwischen Praxis und Wissenschaft zu klären und abzusichern. Zunächst geht es um das wechselseitige Verständnis und den Respekt vor unterschiedlichen Wissensformen: Praxis und Wissenschaft wissen nicht wechselseitig besser, sondern nur anders über Beratung Bescheid. Und selbstverständlich hat die Beratungspraxis eine Theorie, sie ist aber anders beschaffen als die Beratungstheorie der Wissenschaft. Diese wiederum hat auch eine Praxis, die aber natürlich anders ist als die Praxis der Beratung. Beide denken, reflektieren und handeln also. Für transdisziplinäre Projekte wie unseren Qualifikationsrahmen ist eine notwendige Bedingung, dass diese Wissensformen sich mit Respekt begegnen können. Dazu gehört unbedingt auch das wechselseitige Vertrauen an Schnittstellen, an denen diese Wissensformen übersetzt und transformiert werden müssen. Das geht nicht ohne Informationsverluste und partielles Nichtverstehen und das dann zur Überwindung notwendige Vertrauen: Transdisziplinarität bedeutet eben nicht, dass Praktiker*innen zu Wissenschaftler*innen werden oder vice versa, sondern im gelingenden Fall eine neue Perspektive auf ihre eigene Expertise erfahren.

Insofern hat mich an der vergangenen Mitgliederversammlung auch gefreut, wie einstimmig DGfB-Vorstand und die Mitglieder darin waren, dass unser Projekt gut angekommen ist und in den Qualifikationsrahmen die Praxisklugheit der deutschen Beratungslandschaft methodisch kontrolliert nach wissenschaftlichem Standard Eingang finden wird.

EQR, DQR, Ach-weh-QR: Brauchen wir einen Deutschen Qualifikationsrahmen für Beratung?

Kompetenzmessung in der Beratung: die Systemische Gesellschaft (SG) diskutiert

Die Systemische Gesellschaft (SG) hatte mich am 18.11.2018 nach Berlin eingeladen, um etwas zu Kompetenzerfassung in der Beratung und dem Projekt eines Deutschen Qualifikationsrahmens für Beratung zu sagen. Ich hatte dabei zwei Hüte auf: Zum einen den eines Beratungsforschers, der sich mit Kompetenzerwerbsprozessen und deren Erfassbarkeit befasst, zum anderen den eines Vorstandes der Deutschen Gesellschaft für Beratung, die als Dachverband zusammen mit ihren Mitgliedsverbänden (darunter eben auch die SG) einen Deutschen Qualifikationsrahmen für Beratung voranbringen möchte.

Beides – Kompetenzerfassung und die Frage nach der Sinnhaftigkeit eines einheitlichen Qualifikationsrahmens – konnten wir intensiv und konstruktiv diskutieren. Ich war wieder einmal begeistert von der systemischen Community, die intellektuell anregend auch komplexe Themen bearbeitet, ohne dabei zu schnell an dogmatische oder gar ideologische Grenzen zu stoßen.

Besonders die von mir vertretene Perspektive, dass (wenn überhaupt) Beratungskompetenzen immer kontextualisiert und im Prozess zu erfassen sind, hat vielen eingeleuchtet. Man kommt dann aber eben mit komplexen Erfassungsverfahren heraus, in denen sich bewährtes aus der Systemischen Lehrpraxis mit wissenschaftlicher Innovation verbinden lässt – vor allem sind dies unterschiedliche Formen strukturierten Beobachtens längerer Abschnitte. Schließlich kann eine einzige Frage in einem Gespräch gerade denjenigen bedeutsamen Moment (mit)konstruieren, der zu einer Ordnungsänderung im Denk- und Handlungssystem von Adressat*innen führt – das Abzählen von beraterisch erwünschten Verhaltensweisen oder andere Formen der Erfassung, die die interaktiven Wechselwirkungen im Beratungsprozess ausblenden, taugen also von vornherein nicht. Obwohl sich eine solche Beratungsforschung meist von sich selbst heraus als qualitative Forschung versteht, bieten neue statistische Verfahren aber ebenso die Möglichkeit, solche Interaktionen detailliert abzubilden (z.B. durch die Mehrfacettenmodellierung von Kompetenzen, in der Personenfähigkeiten, Aufgabenschwierigkeit und Beurteiler*innen-Strenge unabhängig voneinander dargestellt werden). Letztendlich bietet eine solche empirisch und theoretisch angereicherte Kompetenzdebatte sicherlich didaktische Chancen und Herausforderungen, um über die Lehre in systemischen Weiterbildungen nachzudenken.

Im Anschluss daran ging es dann um die Frage, was passiert, wenn man den kompetenzorientierten Weg noch weiter verfolgt und sich dem Projekt des Deutschen Qualifikationsrahmens Beratung anschließt. Dabei geht es dann darum, den immer wichtiger werdenden DQR (Deutscher Qualifikationsrahmen für Lebenslanges Lernen) als Instrument zu nutzen – und für Beratung zu konkretisieren. Die zugrundeliegende Idee ist, Kompetenzen unabhängig vom Ort ihres Erwerbes vergleichbar zu machen. Für die Weiterbildungslandschaft in der Beratung relevant ist, dass nach den formal erworbenen Kompetenzen nun auch non-formal erworbene Kompetenzen Eingang in den DQR finden.

Wenn es gelingt, dass die deutschen Beratungsdachverbände einen solchen Qualifikationsrahmen für Beratung definieren und in den DQR-Prozess einspeisen, so entstehen damit neue, definierte Schnittstellen zwischen formalen und non-formalen Bildungssystemen -z.B. in Form der Anrechenbarkeit von Beratungsweiterbildungen als Studienleistungen oder zwischen verschiedenen Weiterbildungsanbieter*innen.

Die Antwort auf die eingangs gestellte Frage lautet hier aus meiner Sicht: Wenn der Qualifikationsrahmen Beratung gut gemacht ist, bietet er viele Chancen. Von einer hastig erstellten Überleitungslösung oder gar der Einmischung durch reine Zertifizierungsagenturen, die darin lediglich ein Geschäftsmodell sehen, ist aber abzuraten. Wir sollten die Sache der Einschätzung notwendiger Kompetenzen für gute Beratung keinesfalls aus unserer Hand geben.

Videos zu sozialpädagogischer Professionalisierung – die Nullserie hat meine Sommerpause unterbrochen :-)

Welche Beratungsweiterbildung soll ich machen? Sind Beratungsmethoden in der Sozialen Arbeit wissenschaftlich begründbar? Wie kann man gute Entscheidungen für die oft mehrjährigen und teuren Angebote treffen, um für sich als angehende Fachkraft einen guten Lern- und Bildungsprozess zu gestalten?

Weil diese Diskussion auf Facebook im Netzwerk Sozialarbeit und Sozialpädagogik so spannend war, musste ich die Blog-Sommerpause einfach kurz unterbrechen. Hier kommt also ein Zwischenruf in Form der Nullserie zur Reihe über sozialpädagogische Professionalisierung. Viel Spaß beim Gucken.

Die Verwaltung vager Dinge als sozialpädagogische Expertise

Sozialpädagogische Expertise: Umgang mit komplexen Knäueln statt deren völlige Entwirrung. Bild: snd63/pixabay, CC0

In einem der kommenden Buchbeiträge wird es – logischerweise – wieder um Wissensbildung und gelingendes sozialpädagogisches Handeln gehen. Leitend sind in meiner Forschung dabei ja immer Differenzlinien zwischen verschiedenen Wissensarten und den damit einhergehenden Professionalisierungsprozessen, dazu habe ich ja hier schon viel geschrieben.

Durch viele Rückfragen (Danke! – so lange Kommentare wegen DSGVO weiterhin nicht möglich sind bitte nach wie vor per E-Mail) habe ich gelernt, dass ich eine Sache vielleicht bisher zu wenig expliziert habe: Meine Auffassung von der Natur der Sache Sozialer Arbeit. Es geht mir dabei jetzt weniger um die begriffliche Fassung, also ob man sie als Exklusionsvermeidung, Inklusionsherstellung, Menschenrechtsprofession etc. bezeichnet, sondern wie auf einer phänomenologischen Ebene die Gestalt von Fragestellungen Sozialer Arbeit aufzufassen sind.

Aus Sicht der Wissensbildung ist dabei klar, dass es im Wirken sozialpädagogischer Expertise um das geht, was Peter Fuchs die Verwaltung vager Dinge nennt. Damit ist gemeint – er ist hier streng Luhmannianisch orientiert – dass Soziale Arbeit keine eindeutige Codierung besitzt, entlang derer sie ihre Programme strukturiert und Entscheidungen trifft. Solche Codierungen gibt es in anderen Funktionssystemen – in der Medizin als krank/gesund, in der Wirtschaft als Zahlung/nicht Zahlung, im Recht als Recht/Unrecht etc.

Trotz vieler Versuche ist es bisher eben gerade nicht gelungen, eine solche Codierung für Soziale Arbeit im Ganzen zu finden und theoriekonsistent durchzuhalten. Und hier ergibt sich auch die konkrete Verbindung zu Professionalisierungsforschung. Weil es in der Sozialen Arbeit eben gerade nicht um den Erwerb und die Anwendung von Techniken und Methoden geht, die auf die Bearbeitung eindeutig definierbarer Fragestellungen zielen, bleibt nichts anderes, als dieses Problem in die Theoriebildung zu Professionalisierung mit aufzunehmen. Diese Aufnahme ist ganz natürlich, und vielleicht zu selbstverständlich, erfolgt. Sie zeigt sich in Texten zu Professionalisierung in der Beschreibung von „ill definierten“ Problemen oder der Notwendigkeit, wissenschaftliches Wissen von der Codierung wahr/falsch in die Lebenswelt zu übersetzen, in der angemessen/unangemessen als sinngebende Leitunterscheidung gilt. Das schließt nicht aus, dass fallweise Teilfragestellungen als konkrete Probleme innerhalb eines sozialpädagogischen Falles identifizierbar sind.

Daraus ergeben sich bedeutsame Schlüsse auf alte Professionalisierungsfragen. Es zeigt sich nämlich dann, dass Soziale Arbeit immer so lange eine Defektlogik auf sich selbst anwendet, so lange sie auf der meist unbewussten Suche nach der universalistischen Leitunterscheidung bleibt. Statt dessen – das schlägt Peter Fuchs vor – kann man auch eine professionelle Haltung daraus entwickeln, dass die eigene Fachlichkeit darin besteht, mit vagen Dingen umzugehen – Beratung und Psychotherapie sind seine Beispiele, es gilt aber streng genommen für die gesamte Soziale Arbeit. Eine solche Fachlichkeit ist eben gerade kein Dilettantismus, sondern eine spezifische Expertise. Und selbstverständlich beinhaltet diese Expertise des Umgehen Könnens mit vagen Dingen auch Techniken und Methoden sowie generalistische Wirkfaktoren sozialpädagogischen Könnens. Die Betrachtung von Techniken und Methoden darf dabei nur nicht zu dem falschen Schluss führen, dass bei einer genügend hohen Methodenkompetenz vage Probleme in einfache Fragestellungen umschlagen.

Besser als Peter Fuchs selbst kann man es vermutlich gar nicht erläutern:

Fachkraftsubjekt und Theorie: Warum Soziale Arbeit mehr Professionalisierungsforschung braucht

Wenig systematisch untersucht: Entstehung von Professionalität auf Seiten der Fachkräfte in der Sozialen Arbeit. Foto: GDJ/pixabay, CC0

Wer sich mit der Professionalisierung unterschiedlicher pädagogischer Tätigkeiten befasst, der stößt im Vergleich der Professionalisierungsdiskurse auf erstaunliche Unterschiede. Diese zeigen sich zunächst in Äußerlichkeiten: In der Lehrer*innenbildung existiert beispielsweise an jeder größeren Hochschule mindestens eine Professur, die sich mit Professionalisierung befasst. Professionalisierung ist hier im allgemeinen Sinne der Frage gemeint, wie die unterschiedlichen Wissenselemente (Fachwissen, Fachdidaktisches Wissen, pädagogisch-diagnostisches Wissen, Praxiserfahrungen) in Lern- und Bildungsprozessen so angeeignet und integriert werden können, dass professionelles Handeln entsteht. Im Zuge von Programmen, z.B. der Qualitätsoffensive Lehrerbildung des BMBF, sind zusätzlich an vielen Hochschulen Zentren entstanden, die das Thema Lehrer*innenprofessionalisierung mit enormem Engagement weiter betreiben. Diese institutionellen Korrelate der Befassung mit Professionalisierung verweisen wechselseitig auf den stringent entfalteten Publikationsdiskurs über professionelles Lehrer*innenhandeln und seine Genese.

Ganz anders in der Sozialen Arbeit: In der gesamten BRD existiert kein einziges Zentrum in irgendeiner Form, das sich ausschließlich, konsistent und intensiv mit Sozialpädagog*innenprofessionalisierung befasst. Diese Leerstelle institutioneller Inszenierung steht aber wie das konstrastierende Pendant der Lehrer*innenbildung auch für einen bestimmten Diskurs über Professionalisierung in der Sozialen Arbeit. Dieser ist extrem parzelliert und durch keine zusammengehörigen Diskurslinien über Forschungsprogramme und Zugänge verbunden. Vielmehr erscheint es so, dass zu jeder Theorie Sozialer Arbeit im besten Fall nur kursorische Bemerkungen vorhanden sind, wie sie sich in der Aneignung der Professionellen und der späteren Anwendung herstellen soll. Irritiertenderweise gilt dies sogar für diejenige Theorien, die explizit z.B. auf die Subjekthaftigkeit von Prozessen in der Sozialen Arbeit abstellen, z.B. Agencytheorien, Lebensweltkonzepte etc.

Subjekte, das scheinen in der Sozialen Arbeit mehrheitlich immer die Adressat*innen zu sein, wobei häufig zurecht gefordert wird, die Welt der Sozialen Arbeit gerade nicht in einer bestimmten Weise zu „klientifizieren“. Im Gegenzug entsteht dann nicht selten ein selbstverliebter Umgang mit Theorie, ablesbar in einer Vielzahl von Konzepten kleiner und mittlerer Reichweite. Damit soll aber nun keineswegs der Theorieentwicklung das Wort geredet werden, im Gegenteil. Es bräuchte als Gleichgewicht aber mehr und stringentere Beschäftigung mit der Frage, wie denn die Theorien Fachkräfte handlungsbefähigen können.

Wir brauchen also schlicht mehr Professionalisierungsforschung in der Sozialen Arbeit – und es ist doch schön, dass diese sich gerade in einem größer werdenden Netzwerk an unterschiedlichen Standorten konsolidiert. Quasi eine Community of Practice sozialpädagogischer Wissensbildung.

Lernerfolg und Persönlichkeit bei angehenden Fachkräften in der psychosozialen Beratung

Vorhersage des Beratungslernerfolges durch Vorerfahrung, Persönlichkeitsmerkmale und Selbstwirksamkeitsüberzeugungen, N=115

Jetzt ist (ich liebe das Internet) aufgrund der verblüffend hohen Seitenaufrufe des Beitrages zu Beratungskompetenz und Persönlichleit und den vielen tollen Mails, die ich dazu gekriegt habe, automatisch ein Zweiteiler entstanden. Denn ich werde nicht nur oft gefragt, ob es einen Zusammenhang zwischen kompetentem Handeln und Persönlichkeit in der Beratung gibt, sondern auch, ob bestimmte Persönlichkeiten das Beraten besser oder schlechter lernen als andere.

Wiederum für den bisher sehr wenig beforschten Bereich der frühen berufsbiographischen Stadien lässt sich auch das verneinen, zumindest was die eher kurzfristigen Lerneffekte angeht.

Und wie haben wir das herausgefunden?

In einer Studie haben wir Beratungslernende zweimal ein Beratungsgespräch mit unseren trainierten Schauspieler*innen im BeraLab führen lassen. Weil uns interessiert hat, wie gut man Beratung vermitteln und lernen kann, hat die Hälfte der Teilnehmer*innen zwischen den beiden Gesprächen ein an den eigenen fachlichen Entwicklungsaufgaben ausgerichtetes Kompaktseminar besucht, die andere Hälfte hat nur die beiden Beratungsgespräche absolviert (und das Seminar zu einem späteren Zeitpunkt gemacht).

Die realisierte Beratungskompetenz in den beiden Gesprächen haben wir wieder mit der TBKS gemessen. Die Unterschiede zwischen den beiden Gesprächen („Gain Scores“) stellen dabei eine Maßzahl für den Lernzuwachs auf den beiden Beratungsteilkompetenzen Beziehungsgestaltungsfähigkeit (IABs) und technisch-methodischem Beratungshandeln (TMs) dar. Ebenso wie in der ersten Studie haben wir mit einem Fragebogen die Vorerfahrung, die Anzahl der bereits studierten Semester, die Selbstwirksamkeitsüberzeugungen und die Persönlichkeitsmerkmale erhoben.

Und was kam raus? Der Lernerfolg in unserer Interventionsstudie wird von der Selbstwirksamkeit (entspricht einem kleinen Effekt) beeinflusst, aber nicht von Persönlichkeitsmerkmalen, Vorerfahrung und bisheriger Studiendauer.

Das ist aus mehreren Gründen wieder bereichern für den Kontext Hochschul- und Weiterbildungsforschung, in dem unsere Studien verankert sind. Dort spielt nämlich zunehmend die Heterogenität von Lerngruppen eine Rolle. Und es ist natürlich wieder für Lerner*innen, die das oft beschäftigt, bereichernd, dass man mit unterschiedlich gestrickter Persönlichkeit gut beraten lernen kann und der Lernerfolg von einem gut trainierbaren Faktor abhängt, für den die Vorhersagekraft auch in vielen weiteren Bereichen professioneller Tätigkeiten nachgewiesen ist. Persönlichkeitseigenschaften lassen sich ja im Gegensatz zur Selbstwirksamkeit eher schwer verändern.

Natürlich gelten hier auch wieder die im ersten Artikel berichteten Einschränkungen, dass bei den teilnehmenden Studierenden keine stark abweichenden Persönlichkeitsstrukturen vertreten waren, von denen man annehmen könnte, dass sie einen Effekt auf den Lernerfolg haben. Und zweitens hat das Seminar in unserer Interventionsstudie einen stark auf individuelles Lernen abstellenden Charakter und ermöglicht extrem ausdifferenzierte Lernwege, die für jede Teilnehmer*in als Entwicklungsaufgabe beschrieben werden. Es kann also sein, dass in weniger differenzierten Lernumgebungen doch wieder Abhängigkeiten eintreten, wenn die Lernstruktur zu starr ist und spezifische Voraussetzungen der Lerner*innen etwas anderes erfordern würden. Und drittens lässt sich mit dieser Studie natürlich nichts darüber aussagen, ob langfristige Lern- und Bildungseffekte in der Beratungsprofessionalisierung nicht doch von bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen beeinflusst werden. Aber wir haben ja erst angefangen mit unserer Forschung – bleibt also, gerade was das untersuchen längerer Entwicklungsprozesse angeht, noch viel zu tun.

PS: Bei Fragen – könnt ihr mir gerne eine E-Mail schreiben. Die Kommentarfunktion habe ich wegen der DSGVO erstmal ausgeschaltet. Wenn sich Frageschwerpunkte herauskristallisieren, mache ich einfach wieder einen Blogpost dazu – so wie diesen hier.