
Jetzt habe ich ihn auch angesehen, den Film, der sozialpädagogische Fachkräfte bewegt und Menschen mit anderen Berufen dazu bringt, über Soziale Arbeit nachzudenken. „Systemsprenger“ ist in allen Tageszeitungen besprochen und es gibt Interviews mit der Macherin und dem beratenden Wissenschaftler (Begleitmaterial und Featurette hier). All diesen schon geäußerten Gedanken will ich nichts mehr hinzufügen, sondern eher eine andere Frage stellen, die sich mir als Sozialpädagoge aufdrängt: Auf welchen Inszenierungsimpuls ist der Film denn eigentlich eine Antwort? Ich komme auf (mindestens) zwei Ideen, die mich zu zwei unterschiedlichen Arten führen, die Verfilmung von Bennis Geschichte zu reflektieren.
Die Geschichte von Benni als Drama einer unglücklichen Kindheit in der pädagogisch durchinstitutionalisierten Moderne
Man kann den Film mit der neunjährigen Benni als Drama über eine zutiefst unglückliche Kindheit anschauen. So gesehen werden die Zuschauer*innen in einen packenden Plot hineingezogen, in dem deutlich wird, was ein Kind erlebt, wenn die existenzielle Angst einsetzt, nirgends dazu gehören zu können und Versuche, gehört und gesehen zu werden, nicht in bleibende Zuwendung münden – weder in der eigenen Familie, in die sie sich sehnlichst zurück- und hineinwünscht, noch in den unterschiedlichen Einrichtungen und Maßnahmen, die sie aufgrund ihres herausfordernden Verhaltens durchläuft. Das eindrückliche dabei ist, dass gerade die für Kinder wie Benni hergerichteten Institutionen versagen: Einsamkeit, Trauer und Wut des Mädchens werden in den Einrichtungen Sozialer Arbeit immer größer, weil jeder kleine Schritt in Richtung einer gelingenderen, auf Geborgenheit zielenden Lebenspraxis nicht auf Dauer gestellt werden kann und sie im Anschluss umso tiefer fällt. Diese Prozesse sind überwältigend verfilmt – man sitzt mit Benni in einem Schrank, in dem sie vom Partner der Mutter eingesperrt wird, wird in psychedelisch inszenierte Farb- und Toncollagen hineingezogen, wenn ihre Zornanfälle sie überkommen oder die Psychopharmaka ihre Sinne vernebeln. Dies alles ist mit einer sich deutlich durchziehenden Farb- und Tonsprache gedreht, die an vielen Stellen schon fast zu viel des Guten ist. Wenig erfährt man aber über Bennis Leben außerhalb der institutionalisierten pädagogischen Arrangements. Für institutionalisierte Kindheiten nicht untypisch entsteht dabei paradoxerweise die Situation, dass diejenigen Filmteile, in denen Benni gezeigt wird, wie sie selbstständig ihren Alltag besorgt, in einer „Auszeit“ in Form einer eins-zu-eins betreuten Intensivmaßnahme in einer abgelegenen Hütte spielen. Interessant wäre hier gewesen, noch mehr aus Bennis Sicht zu beschreiben, wie sie außerhalb der von Erwachsenen betreuten und hergerichteten Zeiten und Räume ihr Leben meistert. Trotz dieser Einschränkung bleibt aus der Perspektive des Dramas über eine von der Norm abweichende Kindheit vieles, was Zuschauer*innen zum Nachdenken über die Frage von Kindsein im System der Fremderziehung anregen kann – vor allem deshalb, weil durch die sparsam gehaltenen Informationen zu Bennis Vergangenheit der Blick für die aktuellen Probleme ihres Daseins und die darin liegenden Widersprüche erhalten bleibt.
Ein sozialpädagogisches Lehrstück über besonders schwierige Fälle
Eine andere Lesart ergibt sich, wenn man den Film als sozialpädagogisches Lehrstück ansieht. Diese Sichtweise ist aktiv intendiert: Es gibt begleitende Lehrmaterialien und besondere Konditionen für das Zeigen des Filmes in (Aus)bildungsinstitutionen. An der Brauchbarkeit als Lehrfilm habe ich jedoch ernsthafte Zweifel. Ich halte es für fragwürdig, ob ein solches Format hierfür realistisch genug sein kann und welche Erwartungen dann über den Nachvollzug sozialpädagogischen Handelns gesetzt werden. Schließlich werden Tatort, Grey’s Anatomy oder Apollo 13 auch nicht mit Begleitmaterialien und der Idee ausgestattet, man könne mit ihnen etwas über die berufliche Praxis von Kriminalpolizist*innen, Ärzt*innen oder Raumschiffpilot*innen lernen.
Warum ist dies aber bei einem Kinofilm über Sozialpädagogik scheinbar der Fall?
Die Verführung dürfte sicherlich die Idee sein, dass Soziale Arbeit lediglich darauf abzielt, eine schwierige Lebenspraxis durch berufliches Handeln in einer verstärkten und abgesicherten Form zu ersetzen. Zuschauer erfahren im Film nichts von methodisch geplantem Handeln, Supervision, anamnestischen und diagnostischen Prozessen und dem Ringen um die Fallkonstitution im durchaus realistisch zusammen gesetzten multiprofessionellen Team, das Bennis Lebensgeschichte berät und sie unterstützen soll. Damit bleibt gerade die Seite der Sozialpädagogik, die professionelles pädagogisches Handeln von Alltagsroutinen des Helfens und Erziehens unterscheidet, im wesentlichen unsichtbar. Stattdessen werden die beruflichen Helfer*innen in alltagsnah inszenierten Krisen gezeigt: Die Frau vom Jugendamt bricht weinend zusammen und muss schließlich von Benni selbst getröstet werden, der sozialpädagogisch klug handelnde Schulbegleiter wird gerade dann, wenn seine Professionalität in eine Krise gerät und er Bennis Fall abgeben will, nicht im reflexiven Modus fachlichen Handelns gezeigt, sondern im Duktus alltagssprachlich vorgebrachter Überforderungsfloskeln inszeniert. So muss das eigentliche sozialpädagogische Problem, über das sich nachzudenken lohnt, mühsam aus einem in diesen Punkten zu alltagsnah und flach inszenierten Film herausdestilliert werden: Wie nämlich damit umzugehen ist, dass Lebensgeschichten wie die von Benni dauerhafte, belastbare sozialpädagogische Arrangements benötigen, die in einer zunehmend ausdifferenzierten und nach genau beschriebenen (Teil)leistungen strukturierten Jugendhilfelandschaft zunehmend schwerer darstellbar sind. Es fehlen in der Jugendhilfe keine Fachkräfte, die motiviert sind, sich Lebensgeschichten wie der von Benni mit Interesse und Belastbarkeit zuzuwenden – der Schulbegleiter in Bennis Fall ist dafür durchaus prototypisch. Solange aber institutionelle Vorgaben so sind, wie sie sind – unattraktive Bezahlung und oft schlecht ausgestattete Arbeitsstellen mit hoher Personalfluktuation, staatliche Anerkennung nach einem kurzen BA, wenig leistungsambitionierte Studienprogramme – wird sich daran nichts ändern.
Der Schlüssel zu Bennis Fall ist ja gerade, dass in ihrer Einzelfallmaßnahme sichtbar wird, dass methodisch gestützte Beziehungsarbeit und das Anbieten funktionaler Äquivalente ihr helfen – es aber keine dauerhafte institutionelle Absicherung dafür gibt. Kinder wie Benni zeigen so die Unvereinbarkeit problembelasteter kindlicher Lebenspraxis mit einem Teil der herrschenden Arbeitsarrangements in der Sozialen Arbeit. Diese fachlich vertiefte Ebene erreicht der Film für Laien nicht, für gut ausgebildete Sozialpädagog*innen ist das Nachdenken über Schlüsselprobleme inklusiver Gestaltung von Hilfesystemen aber eine Binsenweisheit und birgt im übrigen alleine an dieser Frage mehr theoretischen Sprengstoff, als eine einsemestrige Vorlesung darstellen könnte.
Es bleibt bei mir also eine hohe Unsicherheit bezüglich der Idee, dass der Film ein Lehrstück über sozialpädagogisches Handeln in institutionellen Grenzerfahrungen sein kann, der fachlich fundiert den Sinn und Unsinn des Konzeptes Systemsprenger hinterfragt. Verborgen bleibt außerdem, dass täglich Kinder und Jugendliche in den Systemen der Jugendhilfe akzeptable, vielleicht an vielen Stellen sogar glückliche Momente und Situationen erleben – obwohl die Umstände vielerorts nicht optimal sind. Sozialpädagogisches Handeln nimmt oft seinen Ausgang in Krisen der Lebensführung ihrer Adressat*innen. Erfolgreiches Handeln bedeutet dann, dass sich eine neue, nämlich durch die sozialpädagogische Hilfe koproduzierte, Lebenspraxis mit zugehörigen Bewältigungsroutinen etabliert. Dies entspricht viel mehr dem realistischen, aber unaufgeregten Alltag von Sozialpädagogik als Beruf, der durch Bilder erfolgloser Daueralarmierung möglicherweise im Ansehen verzerrt wird oder gar Schaden leidet. Das wäre bedauerlich – es ist nämlich einer der schönsten Berufe der Welt.
Den Lerneffekt sehe ich deshalb aus sozialpädagogischer Perspektive vor allem darin, dass sich beobachten lässt was passiert, wenn das System der Unterhaltungsmedien sozialpädagogische Fragen recodiert. Vielleicht ist gerade das die Hauptlektion von Systemsprenger und wir sollten abwarten, was nun geschieht. Schließlich glaubt ja heute auch niemand mehr daran, dass Polizei, Medizin und andere Berufsgruppen realistisch im Film dargestellt werden, sondern es wurde längst gelernt: Achtung, nun kommt Unterhaltung.
Die eigentliche Parabel steckt also nicht im Film, sondern der sich entfaltenden Rezeptionsgeschichte.
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