Ästhetik, Sorge, Begehren: Drei sozialpädagogische Schlaglichter zu Digitalität und Verkörperlichung

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Letzte Woche durfte ich auf einer Konferenz zum Thema Digitalisierung und Künstliche Intelligenz im Kontext Sozialer Dienstleistungen vortragen. Die Veranstaltung bot mir den Freiraum etwas mitzuteilen, das für die zukünftige Arbeit von Sozialpädagog*innen, Psychotherapeut*innen und anderen helfenden Berufen interessant sein könnte.

Meine Entscheidung fiel darauf, neben Fragen algorithmischer Entscheidungsfindung (z.B. im Kinderschutz) oder algorithmischen Bewältigungshandelns (z.B. als self-guided treatments) etwas zu Verkörperlichungspraxen im Kontext von Digitalität und Robotik zu sagen. Das Thema liegt quer zur gängigen Trias aus Adressat*innen, Organisationen und  professionellem Handeln der Fachkräfte, mit der die Soziale Arbeit üblicherweise ihr (Selbst)reflexionsgeschäft betreibt. In dieser Trias liegt der Fokus in Digitalisierungsfragen meist auf der Organisation (z.B. Ent-örtlichung und Ent-zeitlichung von Prozessen) oder dem professionellen Handeln (z.B. Umstellung auf Onlineangebote). Das führt dazu, dass neue, eher aus der alltäglichen Lebenspraxis oder anderen Domänen stammende Impulse von der Sozialen Arbeit oft verspätet wahrgenommen werden.

Ich blinke, also bin ich: Grinding, Biohacking

Biohacking: Digitale Implantate jenseits der Medizin. Quelle: Yetisen 2018

Zur gängigen Rezeption von Digitalität und Digitalisierung gehört die Auffassung, dass es um neue Dinge (Hardware) und Prozesse (Software) geht, die uns trotz intensiver Nutzung äußerlich bleiben oder bleiben können. Fragen des Smartphone- und Tableteinsatzes in Alltag oder Unterricht, algorithmische Unterstützung beim Lernen oder im Kinderschutz, all das lässt sich als an- und abschaltbar auffassen, und bei Zweifeln an der  Tatsache dieser äußerlichen Kontrolle beginnen sofort die eingeübten Formen gouvernmentaler Kritik. Jenseits dieses Denkmusters ist aber (vermutlich auch wieder von der amerikanischen Westküste ausgehend) eine Jugendkultur gewachsen, die den anderen Weg geht: Digitale Medien werden hier inkorporiert, sollen also gerade nicht mehr äußerlich bleiben. Die Grinding- oder Biohackingszene (Lukyanov 2019; Brickley 2019, Yetisen 2018) implantiert sich selbst Chips, Sensoren und Aktuatoren und macht sich auf den Weg des Cyborgseins. So können Menschen im Rhythmus von Außenreizen blinken, durch innerlich erlebte Vibrationssignale navigieren oder unsichtbare elektromagnetische Strahlung durch Antennen aufnehmen, umwandeln und als sensorisch erlebbar erfahren. Diese Kultur der Do-it-yourself-science (Ferretti 2019) hat dabei wenig mit dem medizinischen, auf Heilung oder Linderung abstellenden, Implantatwesen zu tun. Vielmehr versteht sie sich als anregende, verstörende und grenzaufsuchende Praktik im Kontext von digitaler Alltagskultur, die von Hannes Wiedermann bereits vor einiger Zeit in faszinierenden Bildern eingefangen wurde.

Zunge raus, hast du Fieber? Robotische Sorge in der KiTa

Walklake Roboter. Quelle: walklake.com

Nicht erst seit Corona gehört die Sorge um das körperliche Wohl und die körperliche Entwicklung zu den erzieherischen Aufgaben. Oft nebenbei erledigt, spielen körperliche Sorgeprozesse eine große Rolle, sprechen vor allem kleine Kinder häufig zuerst mit ihren Körpern und erst dann mit Worten. Obwohl die Entwicklungen noch am Anfang stehen, gibt es erste Roboter, die solche Fragen automatisieren und dabei digitale Daten generieren. KiTa-Kinder werden durch Walklake selbständig aufsucht, Walklake misst Temperatur, schaut, ob die Zunge belegt ist, die Augen gerötet sind oder ein Hautausschlag vorliegt (Ye 2019). Kinder erfahren so in ihrer unmittelbaren Umwelt Sorge nicht nur durch Menschen, sondern auch durch Maschinen, und zwar in ihrem Alltag, der ja gerade nicht als medizinischer Kontext, in dem technische Mittel erwartbar sind, markiert ist. Die Differenz zwischen Fieber messen als Erfassung von Körpertemperatur und als Akt von Sorge und Zuwendung wird durch Walklage als neuen Aktanden reinterpretationsbedürftig. Der Einsatz von Walklage unterscheidet sich schon damit von Pflegerobotern und Heilmitteln wie der Robbe Paro, die in Kliniken und Pflegeheimen zum Einsatz kommt. Neben der bereits bekannten Fragen der digitalen Vermessung des Selbstes dürfte gerade die in den kindlichen Alltag eingeflochtene Interaktion von Sorgemaschinen einen weiteren Aspekt zum Themenkomplex Digitalität und Kindheit hinzufügen, der sich bisher vor allem mit Fragen des Einsatzes von digitalen Medien im KiTa- und Familienalltag befasst. Walklake wird derzeit vor allem im Zuge der Pandemie vermarktet (u. a. wurde ein „Maskenmodus“ implementiert), jedoch auch als prinzipiell für Kinder interessanter Interaktionspartner außerhalb enger medizinischer Fragen beworben.

Mach mich an: Maschinenliebe

Harmony, Quelle: realbotix.com

Und schließlich macht Digitalität und Robotik auch vor den intimsten Sphären menschlicher Existenz nicht halt: In einem erst vor einigen Tagen erschienenen Sammelband wird das Thema digitaler Sexpartner*innen fundiert und kontrovers entfaltet (Bendel 2020). Auch diese Wendung des Verkörperlichungsthemas sollten wir in der Sozialpädagogik ernst nehmen, betrifft es beispielsweise die intensiv diskutierten Fragen der Sexualbegleitung oder der Bewertung von Sexarbeit, die nicht immer frei gewählte Arbeit, sondern auch Ausdruck von Not, Zwang und sozialem Ausschluss ist. Fachliche Zuständigkeit oder sozialpolitische Positionierung sind hier Fragen, die durch das  Hinzukommen robotischer Akteur*innen im Kontext menschlichen Begehrens in ihrer Komplexität gesteigert werden und die ethische und anthropologische Basis der Sozialpädagogik betreffen.

Während im Beispiel des Grindings vor allem jugendkulturelle Mechanismen für die Etablierung ursächlich sind, lassen sich die robotischen Anwendungen zu Sorge und Begehren als Konsequenzen einer Industrie auffassen, die durch das Durchentwickeln des Machbaren den Markt erschließen will. Damit ist, auch für eine kritisch eingestellte Sozialpädagogik, nicht sofort etwas zwingend Problematisches verbunden. Wir sollten uns aber mit diesen Dingen so befassen, dass wir nicht nur einen reaktiven Umgang damit finden, wenn sie schneller als erwartet in den Alltag unserer Adressat*innen vordringen und damit Bildungs- und Bewältigungsfragen neu stellen.

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