Digitalität in der handlungsorientierten Lehre. Eine Pilotstudie in hybriden Räumen zur Vermittlung systemischer Timeline- und Tetralemmatechniken. [Teil 2: Didaktisches Konzept und Umsetzung]

7 Min. Lesezeit

Die Beratungsübung ist eingebettet in den Kontext einer Vorlesung zu Sozialpädagogik und Übergängen, in der neben grundlegenden Theoriezugängen (Schröer et al. 2013; Walther et al. 2020) eine Heuristik entfaltet wird, die sich am Lebenslauf orientiert und Möglichkeiten der sozialpädagogischen Unterstützung und Begleitung in und von Übergängen aufzeigt. Als eine zentrale Handlungsform steht hier Beratung im Fokus, die als hochreflexiv angelegte Hilfeform zwei Bewältigungsmomente in Übergängen unterstützen kann: Das Treffen von Entscheidungen sowie das Entwickeln von Handlungsoptionen (Weinhardt 2020). Die Vorlesung wird als digitale Veranstaltung mit der Videokonferenzsoftware Zoom durchgeführt und wechselt das klassische, 90-minütige Vortragsformat einer Vorlesung mit asynchronen Textaufgaben ab. Die in diesem Artikel untersuchte praktische Beratungsübung ist hierbei ein handlungsorientiertes Element, das normalerweise eher in seminaristischen Lehrveranstaltungen angesiedelt ist und aus zwei didaktischen Gründen heraus in der Vorlesung zum Einsatz kommt: Zum einen äußern Studierende nach zwei vollständig digitalen Semestern zunehmend den Wunsch nach Variation der bildschirmlastigen Formate und Möglichkeiten zur Interaktion untereinander, zum anderen bietet sich Beratung aus den bereits eingangs geschilderten exemplarischen Argumenten an, um eine im Gegenstromprinzip realisierte Verbindung aus Übung und Reflexion zwischen Theorien großer Reichweite und der konkreten Gestaltungsnotwendigkeit sozialpädagogischer Handlungssituationen herzustellen. Entlang der zwei zentralen Bewältigungsmomente – Entscheidungen treffen und Handlungen vorbereiten – wurden aus dem Kanon systemischer Beratungsmethoden zwei Übungen gewählt: das Tetralemma und die Timeline. Das Tetralemma (Varga von Kibéd 2015) ist besonders wirksam, um den dichotom erscheinenden Zwangscharakter von Entscheidungssituationen zu reflektieren. Entfaltet werden vier Positionen: das Eine, das Andere, beides und keines, eine optionale fünfte Position (nichts von alledem) kann das Reflexionspotenzial bei Bedarf noch weiter erhöhen. In der Durchführung werden Adressat:innen durch Berater:innen angehalten, die beiden abzuwägenden Optionen zunächst dicht zu beschreiben, z. B. die Wahl zwischen Formen der weiterführenden Schule, dem Fortsetzen oder Beenden einer Partnerschaft, die Entscheidung für oder gegen eine Familiengründung etc. Bodenanker in Form beschrifteter und ausgelegter Blätter machen diese beiden Positionen deutlich, die nun durch die zwei zusätzlichen Positionen „beides“ und „keines“ ergänzt werden. So entsteht aus einem klassischen Dilemma das namensgebende Tetralemma, das schon durch die metaphorische Aufsicht auf diese Bodenanker verdeutlicht, dass Entscheidungsoptionen vieldeutiger als zunächst gedacht sind. Der weitere Fortgang des beraterischen Interviews ergibt sich nun selbstläufig aus dieser symbolischen Ordnung. Berater:innen halten ihre Adressat:innen hierzu an, nacheinander die vier ausgelegten Positionen im Raum aufzusuchen und dabei durch lautes Denken zu explorieren, wie sich der jeweilige Standpunkt anfühlt. In der Regel stellen sich in diesen, auch mehrmals wiederholbaren Durchgängen, emotionale und kognitive Anregungen ein, die als interessant und hilfreich erlebt werden. In der Timelinearbeit geht es hingegen in der hier gewählten einfachen Form um die Vorbereitung von Handlungsvollzügen für ein bereits mehr oder weniger festgelegtes Ziel. Hierzu wird ein Stück Seil als Zeitstrahl auf dem Boden ausgelegt, an dessen Ende sich das Ziel befindet, wiederum in Form eines beschrifteten Bodenankers. Auch hier sind Adressat:innen zunächst aufgefordert, dieses Ziel möglichst präzise zu beschreiben. Am entgegengesetzten Ende befindet sich ein Bodenanker, der den aktuellen Zustand verdeutlicht. Dazwischen werden auf der Timeline Schritte positioniert. Der erste Schritt markiert dabei eine erste, für Adressat:innen merkbare Hinbewegung zum Ziel. Relevant ist sowohl die konkrete Beschreibung was dann geschieht als auch, auf welcher Position der Timeline dieser Schritt angesiedelt ist (er also z. B. als kleiner oder großer Schritt, ausgehend von der aktuellen Position, erscheint). Weitere Zwischenschritte ergeben sich aus dem Interview und beinhalten häufig einen zweiten Schritt, der beschreibt, wann andere Menschen eine Veränderung in Richtung Zielerreichung wahrnehmen würden sowie einen dritten Schritt, der beispielsweise markiert, wann das finale Erreichen des Zieles nahezu sicher ist.

Die Übung fand als freiwilliges Element an einem Vorlesungstermin am Ende des Semesters statt und wurde durch einen Advance Organizer vorbereitet. Er enthielt neben einem einführenden kurzen Text zur Rahmung der Übung im Kontext der Vorlesung folgende Hinweise:

  • Stellen Sie sich darauf ein, dass wir heute in Kleingruppen üben werden (konkret: in Gruppen mit 3–4 Studierenden, alles was Sie dort tun/üben, bleibt in dieser Gruppe)
  • Sie nehmen dabei eine der folgenden Rollen ein: beratende Fachkraft, zu beratende Person, Beobachter:in
  • Aufgabe für zu beratende Person: Suchen Sie sich eine übergangsbezogene Frage aus ihrem Leben, die aktuell  oder zukünftig erwartbar ansteht. Das muss kein „schweres Problem“ sein, sondern etwas, das Sie neugierig macht.
  • Aufgabe für die beratende Person: Sie können eine aus zwei zur Auswahl stehenden technisch-methodischen Vorgehensweisen wählen, um Beratung zu üben. Die Instruktionen bekommen Sie in der Vorlesung.
  • Aufgabe für die Beobachter:in: Sie führen eine offene Beobachtung des Beratungsprozesses durch und machen sich hierzu Notizen.

Meine Bitte wäre, dass Sie sich auf dieses Programm einstellen, wenn wir uns heute Nachmittag sehen. Bitte überlegen Sie sich, welche Rolle Ihnen am meisten und am wenigsten zusagt.
Für die Rolle Berater:in und Adressat:in ist zudem ein wenig Material notwendig: Bitte bringen Sie Papier (A5 oder A4), einen dicken Stift sowie eine ca. 2 Meter lange, gut sichtbare Schnur mit und sorgen Sie dafür, dass Sie eine Fußbodenfläche von 1,5 x 1,5 m zur Verfügung haben, auf die Sie die Kamera richten können.

Setup für den Instruktionsteil der Beratungsübung, OBS mit aktivierter Bild-im-Bild Szene

Auf Seiten des Lehrenden wurde der übliche Zoom-Arbeitsplatz an einem Stehpult mit Kameraposition auf dem Monitor durch eine zweite Kamera mit Blick auf eine freie Bodenfläche ergänzt sowie das Standmikrofon durch ein Ansteckmikrofon für eine freie Bewegung im Raum bei gleichbleibender Tonqualität getauscht. Die Einbindung der beiden Kameras in die Videokonferenzsoftware Zoom erfolgte durch Gestaltung umschaltbarer Szenen in OBS (Open Broadcaster Software), in der zwischen Vortragskamera, Raumkamera sowie einer Ansicht mit Vortragskamera und Raumansicht als Bild-im-Bild umgeschaltet werden konnte. Der Live-Output von OBS wurden mit dem OBS-Plugin Virtual Cam in Zoom als emulierte Webcam eingebunden.1Die Bewältigung mehrerer Kamerafeeds sowie deren Aufbereitung und Übergabe in eine Videokonferenzsoftware ist bereits mit einfacher Computerhardware möglich wenn die Auflösung begrenzt bleibt und keine Aufzeichnung erfolgt, deren Kompressionsalgorithmen rechenintensiv sind. Die Limitierung der Auflösung ergibt sich an dieser Stelle sowieso durch die Grenzen gängiger Videokonferenzsysteme, in Zoom sind dies 720p. Bei Bedarf (z.B. zur exakten Replikation von Instruktionen) ist in Zoom zudem eine Cloudaufzeichnung verfügbar, die die Rechenlast auf die Serverseite verlagert. Für Anwendungen, die mehr Auflösung benötigen, lässt sich das hier gezeigte Vorgehen z.B. im Rahmen eines YouTube-Livestreams bis 4k und 60fps umsetzen. Allerdings steigt die benötigte Rechenleistung dann stark an, erfordert entsprechende Hardware und es stellt sich die Frage, ob diese Auflösungen auf Teilnehmer:innen-Seite genutzt werden können. Die Studierenden wurden aufgefordert, während der Instruktionsphase in der Videokonferenzsoftware die Sprecheransicht zu wählen (während der üblichen Vorlesungstermine erfolgt hingegen eine Bildschirmfreigabe des Lehrenden zur Ansicht der gezeigten Vortragsfolien).

Ansicht der Tetralemma-Bodenanker aus der Perspektive der Raumkamera

Nach der Begrüßung im Videokonferenzraum und Hinweisen zur Mehrkameraansicht wurde auf die Informationen aus dem Advance Organizer verwiesen, der Fragebogen zur Begleitforschung angekündigt und mit der Demonstration der beiden Aufstellungsverfahren durch den Lehrenden begonnen. Beide Verfahren wurden mit der konkreten Anwendung der Bodenanker und entlang einfacher, auf das Thema Übergang bezogener Beispiele, illustriert. Die Studierenden hatten für die sich nun anschließende Übungsphase keine Rückfragen und wurden mit der in der Videokonferenzsoftware vorgehaltenen Funktion (Breakout-Räume) in Kleingruppen geschickt. Das Ende der Übung konnte durch die Studierenden selbst festgelegt werden, wobei sie sich darauf verlassen konnten, dass die Zoomräume für die Übung bis zur Abmeldung der letzten Kleingruppe auch über das reguläre Ende der Vorlesung hinaus geöffnet bleiben.

Insgesamt ergaben sich so acht Kleingruppen (sechs mit je drei, zwei mit je vier Studierenden). Drei dieser Kleingruppen haben die Übung im Rahmen der üblichen Vorlesungszeit abgeschlossen, was nach Abzug der Zeit für Begrüßung und Demonstration durch den Lehrenden (ca. 20 Minuten) etwa 70 Minuten Übungszeit entspricht. Fünf Kleingruppen haben über die vorgesehen Zeit hinaus geübt, wobei die am längsten arbeitende Kleingruppe ca. 100 Minuten geübt hat.

Einleitung [Teil 1]

Didaktisches Konzept und Umsetzung [Teil 2]

Teilnahmepraktiken [Teil 3]

Einschätzungen zum Beratungsüben [Teil 4]

Diskussion [Teil 5]

Das Schreibkonzept sieht vor, den Text auch in den bereits veröffentlichten Teilen ständig zu aktualisieren.

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