Digitalität in der handlungsorientierten Lehre. Eine Pilotstudie in hybriden Räumen zur Vermittlung systemischer Timeline- und Tetralemmatechniken. [Teil 5: Diskussion]

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Lessons learned? Einige der Erkenntnisse sind für mich unmittelbar handlungsleitend, andere werfen die typischen weiterführenden Fragen explorativer Studien auf und es macht Spaß, diesen Gedanken in der essayistischen Freiform einer Blogpublikation nachgehen zu können.1Eine Publikation der Ergebnisse in einem Journal folgt.

Wichtig scheint mir, bei der Bilanzierung zunächst Fragen der Repräsentativität zu thematisieren. Die Untersuchung war als Feldstudie unter den aktuellen Praxisbedingungen zwangsdigitaler Lehre konzipiert. Sie wäre in dieser Form nicht ohne die Pandemie zustande gekommen. Konsequenterweise liegt ihr deshalb kein elaboriertes Konzept von Digitalisierung zugrunde, das auf Innovation der Lehre als primäres Ziel abstellt. Vielmehr ist das Denken in alltäglichen Formen gelebter Digitalität Grundlage des didaktischen Entwurfes: Gebrauch zuhandener digitaler Dinge, Hybridisierung des zur Verfügung stehenden persönlichen Raumes, Nutzung üblichen Materials – wenn man so will das pragmatische Gegenstück zu digitalen Raumsimulationen, Videobrillen und 3D-Immersion. Als ebenfalls realistisch für die alltäglichen Bedingungen von Hochschullehre schätze ich die Selbstselektionsmechanismen der 26 übungswilligen Student:innen ein, die sich im Rahmen einer größeren Lehrveranstaltung freiwillig gemeldet haben – von denen ein Großteil, nämlich 22, vollständige Fragebögen ausgefüllt hat. Die Ergebnisse sind deshalb repräsentativ für das untersuchte Sample, das aufgrund der Selbstselektionsmechanismen eine an der Universität realistische Teilnehmer:innengruppe abbildet – nämlich diejenigen Student:innen, die sich entlang selbst gewählter Themen gezielter mit spezifischen Fragen beschäftigen wollen.

Bezüglich der gewonnenen Ergebnisse ist für mich interessant, dass die teilnehmenden Studierenden gerade keine ausgeprägte Technikbereitschaft gezeigt haben. Vielmehr, so scheint mir, haben sie stellenweise entgegen der empfundenen Tücken digitaler Apparate mutig den Sprung in die Übung gewagt – und dabei immersive Erlebnisse gehabt, die das Üben in hybriden Räumen nicht zwangsläufig als schlechtere Wahl erscheinen lassen. Darauf deuten auch die Hinweise aus der offenen Frage zum Beratungslernen hin. Eine Lesart der Differenz zwischen wenig ausgeprägter Technikaffinität und trotzdem erfolgter Teilnahme ist: Die Student:innen wollten Beraten lernen, und haben die Zwangsdigitalisierung  in Kauf genommen. Dass dabei produktive Lernerfahrungen gemacht wurden und die Kombination aus Präsenz- und Digitalformaten überwiegend als optimal angesehen wird, gleichzeitig aber die Varianz in den Items zu Hybridität besonders hoch ist, sind für mich Hinweise auf einen absehbaren, aber herausfordernden Weg zu alltäglicher Digitalität.

Neben Aspekten der Teilnahme unter pandemischen Bedingungen sind Fragen der theoretischen und empirischen Klärung entstandener Hybridität in einer per se raumorientierten Vorgehensweise in den Vordergrund gerückt: Die beiden gewählten metaphorischen Verfahren arbeiten bereits unter herkömmlichen Bedingungen mit der räumlichen Abbildung mentaler Prozesse, und die Hybridisierung sorgt für eine weitere, digitalmediale Darstellung zweiter Ordnung. So entsteht aus einem mentalen Denkraum an den unterschiedlichen Orten der Heimarbeitsplätze eine materielle Manifestation, die wiederum mit digitalen Mitteln in Form zweidimensionaler Bewegtbilder in andere Räume übertragen wird. Ob sich hier nur praktische Probleme auftun oder auch die (sozial)pädagogische Zeigestruktur von Beratung durch soziotechnische Assemblage herausgefordert wird, werden zukünftige Untersuchungen zu hybrider Aufstellungsarbeit zeigen müssen.

Was bleibt? Trotz gewonnener Ergebnisse für das anstehende digitale Sommersemester, spannenden weiterführenden Forschungsfragen, dem ermutigend großen Engagement der Student:innen sowie der erfolgreichen Durchführung hybriden Veranstaltungen ist das Studium der Sozialpädagogik aus meiner Sicht auf die Präsenzform angewiesen. Digitale Ergänzungen sind prima, einen Hörsaal und einen Seminarraum ersetzen sie nicht.

Einleitung [Teil 1]

Didaktisches Konzept und Umsetzung [Teil 2]

Teilnahmepraktiken [Teil 3]

Einschätzungen zum Beratungsüben [Teil 4]

Diskussion [Teil 5]

Das Schreibkonzept sieht vor, den Text auch in den bereits veröffentlichten Teilen ständig zu aktualisieren.

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