Digitalität in der handlungsorientierten Lehre. Eine Pilotstudie in hybriden Räumen zur Vermittlung systemischer Timeline- und Tetralemmatechniken. [Teil 4: Einschätzungen zum Beratungsüben]

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Wie haben die übenden Studierenden das Lehrangebot wahrgenommen? Die Selbsteinschätzungen zu diesem Fragenkomplex werden hier deskriptiv bezogen auf die Einzelitems berichtet, die nach thematischen Kategorien geordnet sind, das Skalenformat ist in Teil drei, FN1, beschrieben. 1Die beiden in Teil drei berichteten Kurzskalen wurden gezielt für die psychometrisch legitimierte Weiterverwendung entwickelt, während die hier berichteten Items einzelne Aspekte abbilden, deren Zusammenhang in weiterführenden Analysen aufgeklärt werden kann. BA-Thesis, anyone?

Für den Einstieg in die Übung musste eine Rolle ausgesucht und innerhalb der Kleingruppe abgestimmt werden,2Hinweise zum didaktischen Konzept und dem im Vorfeld der Übung gegebenen Advance Organizer sind in Teil zwei beschrieben. was den Studierenden angesichts hoher und einheitlicher Zustimmungswerte nicht schwergefallen ist (Tab. eins).

Tabelle 1: Rollenwahl und Kleingruppenarbeit
  M SD
Mit der Auswahl meiner Rolle war ich zufrieden. 4.5 .7
Die Abstimmung in der Kleingruppe war schwierig. 1.6 1.0

Hierzu passt ein hohes Interesse am Beratungsüben (Tab. zwei), das insofern an dieser Stelle nicht verwundert, weil die 22 befragten Studierenden als eine durch Selbstselektion entstandene Teilgruppe einer größeren Vorlesung (ca. 80 Studierende) verstanden werden können, die freiwillig an der nicht  prüfungsrelevanten Lerneinheit teilgenommen haben. Interessant ist, dass die an dieser Stelle mitberichteten Ergebnisse der Kurzskala zur Allgemeinen Selbstwirksamkeit zwar ebenfalls im höheren mittleren Skalenbereich liegen und sehr konsistent ausfallen, allerdings signifikant niedriger sind als der Referenzwert (formal hoch Gebildete in der Altersgruppe 18-35).3t(21) = 2.1; p = .05, der Referenzwert aus einem n=1134 umfassenden Normierungssample (Beierlein et al. 2012: 21) beträgt 4.08.

Tabelle 2: Interesse am Beratungsüben
  M SD
Die Beratungsübung war für mich interessant. 4.7 0.6
Ich bin jemand, der praktische Übungen im Studium schätzt. 4.6 0.8
Allgemeine Selbstwirksamkeit (AKSU Kurzskala) 3.8 0.6

Von besonderem Interesse ist in der vorliegenden Studie die Frage, wie die teilnehmenden Studierenden die unterschiedlichen Facetten des hybriden Lernsettings einschätzen. Sowohl bezüglich des Aspektes des Transfers der Übung in nicht hybride Settings als auch hinsichtlich zukünftiger hybrider Transformationen sozialpädagogischer Praxis zeigt sich Zustimmung – bezüglich des Lerntransfers etwas höher und konsistenter als in der Frage der Praxisentwicklung (Tab. drei).

Tabelle 3: Hybridität – Tansfer
  M SD
In einer solchen digitalen Form kann das Beraten in Präsenzbegegnungen gut geübt werden. 3.8 0.8
Ich denke, dass zukünftig auch ohne Pandemie solche digitalen Beratungen in der sozialpädagogischen Praxis stattfinden werden. 3.4 1.0

Bezogen auf den Grad der Immersion (Tab. vier), hier in einer breiten Lesart verstanden als das Eintretenkönnen in das prozesshafte Beratungsüben bei zumindest zeitweiligem Vergessen des digitalen Charakters der Übungssituation, zeigt sich, dass die technischen Aspekte temporär in den Hintergrund treten können. Die Arbeit im hybriden Raum mit den Bodenankern erschien beherrschbar und die digitale Technik hat insgesamt wenig von der Übung abgelenkt, wobei zu beachten ist, dass die beiden erstgenannten Items im Bereich der höchsten Streuungen aller Einschätzungsfragen zum Beratungsüben in der Gesamtstichprobe liegen.4Ein Signifikanztest auf Probe (ANOVA) zur Überprüfung der Varianzaufklärung entlang der drei Rollen wird für das Item „Das Geschehen war so interessant, dass ich die digitale Technik zeitweilig vergessen habe“ positiv mit F(2, 19) = 5.5, p = .01 und differenziert im post-hoc-Test (Q nach Ryan-Einot-Gabriel-Welsch) zwischen Beobachter:innen und Berater:innen/Adressat:innen.

Tabelle 4: Hybridität – Immersion
  M SD
Das Geschehen war so interessant, dass ich die digitale Technik zeitweilig vergessen habe. 3.8 1.4
Die Arbeit mit dem Raum (Bodenanker, Timelineseil) in Kombination mit digitalen Mitteln war für mich schwierig. 2.9 1.2
Die Bedienung der Technik hat mich von der Übung abgelenkt. 2.0 0.9

Eine letzte Kategorie von Items erfragte die Erfahrungen möglicher Vor- und Nachteile des hybriden Settings (Tab. fünf). Hier zeigt sich, dass mehr Übungen in digitaler Form durchaus gewünscht werden, und die Kombination digitaler und in Präsenz abgehaltener Übungen als optimal eingeschätzt wird. Eher hohe Zustimmungswerte fand auch die Überlegung, dass Digitalität im Sinne von Komplexitätsreduktion genutzt werden und dabei Vorteile aufweisen kann. Weniger relevant werden z.B. Aspekte der Angstreduktion durch hybrides statt kopräsentes Üben oder die vermehrte Aktivierung durch die digitale Form eingeschätzt. Insgesamt liegt auch hier bei einigen Items die Streuung im hohen Bereich bezogen auf die gesamte Stichprobe. Besonders diese Aspekte müssen in weitergehenden Analysen des Beratungslernens in hybriden Räumen untersucht werden.5Ein Signifikanztest auf Probe (ANOVA) zur Überprüfung der Varianzaufklärung entlang der drei Rollen wird für das Item „Ich hätte mehr gelernt, wenn die Übung als Präsenzlehre stattgefunden hätte“ positiv F(2, 19) = 3.5, p = .05 und differenziert im post-hoc-Test (Q nach Ryan-Einot-Gabriel-Welsch) zwischen Beobachter:innen und Berater:innen, das Item „Ich wünsche mir mehr solche Übungen in digitaler Form“ wird tendenziell signifikant, F(2, 19) = 2.8, p = .08.

Tabelle 5: Hybridität – Vor- und Nachteile
  M SD
Digitale Übungen und Präsenzübungen wären eine optimale Kombination. 4.0 1.1
Ich wünsche mir mehr solcher Übungen in digitaler Form. 3.9 0.9
Ich fand die digitale Form eine sinnvolle Vereinfachung zum Beraten üben. 3.7 0.9
Die digitale Form der Übung hatte für mich Vorteile. 3.2 1.0
Ich hätte mehr gelernt, wenn die Übung als Präsenzlehre stattgefunden hätte. 3.0 1.0
Das digitale Üben ist für mich nur ein schlechter Ersatz für eine Präsenzübung. 2.8 1.0
Die digitale Form hat mir weniger Angst gemacht als eine Präsenzübung. 2.8 1.3
Die digitale Form hat dazu geführt, dass ich aktiver mitgearbeitet habe als in einer Präsenzveranstaltung. 2.5 1.3

Einleitung [Teil 1]

Didaktisches Konzept und Umsetzung [Teil 2]

Teilnahmepraktiken [Teil 3]

Einschätzungen zum Beratungsüben [Teil 4]

Diskussion [Teil 5]

Das Schreibkonzept sieht vor, den Text auch in den bereits veröffentlichten Teilen ständig zu aktualisieren.

 

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