Lebensweltorientierte Digitalisierung in der Sozialen Arbeit

Digitalisierung Sozialer Arbeit im Licht ihrer eigenen Theorie. Bild: geralt/Pixabay, CC0

Soziale Arbeit beginnt an vielen Stellen, sich mit ihrer Digitalisierung zu befassen. Das ist gut so, denn nach wie vor vertrete ich die These, dass dieser Prozess als kultureller Wandel Sozialer Arbeit insgesamt aufzufassen ist und nicht als die sozialmanagerielle Einführung von IT-Tools. Wenn dem so ist, sollten auch Referenzkonzepte aus der Sozialen Arbeit selbst genutzt werden, um die Digitalisierung Sozialer Arbeit zu verstehen und zu gestalten. Im heutigen Blogbeitrag geht es darum zu überprüfen was es bedeutet, von einer lebensweltorientierten Digitalisierung auszugehen. Zum Konzept der Lebensweltorientierung schreibe ich an dieser Stelle nichts, sondern verweise auf den von Hans Thiersch entfalteten Diskurs, der zum wesentlichen Leitkonzept Sozialer Arbeit zählt. In der Lebensweltorientierung sind zentrale Maxime definiert, an denen sich die Arbeit ausrichten soll und durch die im Gegenzug reflektiert werden kann, ob ein gegebenes Konzept als lebensweltorientiert aufgefasst werden kann.

Wie könnte also die Digitalisierung für die Soziale Arbeit aussehen, wenn man sie an den Maximen der Lebensweltorientierung ausrichtet?

Alltagsnähe

Alltagsnähe verweist in der Sozialen Arbeit darauf, dass der von Adressat*innen erlebte Alltag einen Eigensinn hat. Alltag wird dabei doppelbödig aufgefasst, weil er durch seine immanenten Routinen des Zurechtkommens auch das Potential birgt, weiterführende Kritik und Problematisierung von Lebensumständen- und Situationen zu verunmöglichen. Zentral ist für die Struktur von Diensten und das Handeln von Professionellen aber dennoch die notwendige Ausrichtung ihrer Arbeit an Alltagsstrukturen und Alltagslogiken. Bezogen auf Digitalisierung bedeutet dies, zunächst zu suchen, wo Adresssat*innen Sozialer Arbeit in ihrem Alltag digitale Dienste nutzen. Schnell kommt man dann darauf, dass elaborierte Modelle z.B. dig

italer Bürgerdienste oder sonstige Spezialangebote nur einen Teil einer gelingenden Digitalisierung Sozialer Arbeit darstellen können. Der digitalisierungsbezogene Alltag der meisten Menschen sieht hingegen ganz anders aus: Für Jugendliche sind das beispielsweise Instagram, Snapchat, WhatsApp, Twitter und YouTube. Hier spielt sich der Alltag ab, der weitgehend als Stream organisiert und an vielen Stellen mit der nicht digitalen Welt vernetzt ist. Gleichzeitig tut sich Soziale Arbeit gerade mit solchen Gedanken am schwersten – zum einen durch eine latente Technikferne, die sich auch in der jüngeren Fachkräftegeneration wiederholt, zum anderen durch eine demographische Personalsituation, die derzeit das tätig werden auf Facebook bereits als Königsweg der Digitalisierung begreift.

Regionalisierung/Dezentralisierung

Regionalisierung und Dezentralisierung bedeutet in den Präsenzangeboten z.B. Jugendhilfestationen in überschaubar gedachten Sozialräumen und keine Spezial- und Komplexeinrichtungen, deren Besuch zwingend den Abbruch von Alltagskontakten bedeutet. Dieser Gedanke ist auch in der Digitalisierung wichtig: Für die meisten Fachkräfte gilt bis heute die Unterscheidung „entweder man ist drin“ mit seinem Dienst, oder nicht. Das Internet zerfällt aber ebenso wie die echte Welt durch höchst unterschiedliche Milieus und Kulturen in zahlreiche Partitionen, die man durchaus im übertragenen Sinne als virtuelle Sozialräume auffassen kann. R

egionalisierung bedeutet dann, dort im Internet präsent zu sein oder digitale Dienste zu konzipieren, wo sie mit anderen Dingen „vor Ort“ sein können – also z.B. nicht nur in den behördenförmig aufgebauten Webseiten kommunaler Träger, sondern in den Regionen des Internets, in denen sich Adressat*innen aufgrund ihrer Eigenlogik aufhalten.

Prävention

Prävention – bei aller ihr innewohnender Gefahr, alleine durch die Thematisierung potentieller Krisen und Probleme diese möglicherweise zu befördern – kann in der Digitalisierung besonders sinnvoll und möglicherweise weniger problematisch konzipiert werden: Durch die potentielle Anonymität digitaler Dienste können beispielsweise Stigmatisierungsängste und Gefahren weniger drastisch ausfallen als dies in Präsenzformaten der Fall ist.

Integration/Inklusion

Soziale Arbeit kann als universalistisches Projekt, in dem die Einheit der Differenzen zwischen Möglichkeiten und Einschränkungen verschiedener Menschen durch den Primat der allgemeinen Menschenrechte und der Menschenwürde normativ sichergestellt ist, aber im Alltag oft ausbleibt, besonders von Digitalisierung profitieren. Digitale Dienste können als digitale Inklusion und inklusive Digitalisierung gedacht werden und durch die Materialisierung technischer Potentiale an vielen Stellen vollkommen neue Handlungsmöglichkeiten eröffnen, die beispielsweise in der Anwendung neuster Erkenntnisse aus der Robotik und KI-Forschung erst ganz am Anfang stehen.

Partizipation

Digitalisierung ist in ihren (auch historischen) Wurzeln radikal basisdemokratisch. Während man heute beim Stichwort Silicon Valley an marktradikal orientierte IT-Startups denkt, war vor nicht allzu langer Zeit die nichtkommerzielle Graswurzelbeteiligungskultur der Digiteratis entscheidend. Das Potential hierzu ist allen technischen Optionen, die mit der Digitalisierung einhergehen, nach wie vor eingeschrieben. Obwohl und gerade Digitalisierung aktuell oft als verdeckte Kommerzialisierung gelesen werden muss (z.B. als Umbau herkömmlicher Werbekonzepte durch das Influencerwesen und der damit einhergehenden neuerlichen Kolonialisierung von Lebenswelt), bieten sich hier also kritische Potenziale, die Soziale Arbeit nutzen kann und sollte. Lässt man dies zu, können Adressat*innen weitaus mehr als bisher über Soziale Dienste mitbestimmen und diese mehr und mehr zu responsiven Organisationen machen.

Soweit als ein paar Gedanken – ich war selbst erstaunt, wie schnell man auf weiterführende Gedanken und Analysepotentiale kommt, wenn gängige Theoriekonzepte Sozialer Arbeit auf den Gegenstandsbereich ihrer Digitalisierung angewendet werden. Dies gälte es zu verfolgen, damit Soziale Arbeit weiterhin die Deutungshohheit über ihren kulturellen Wandel behält.

Welche Digitalisierung braucht Soziale Arbeit?

Digitalisierung in der Sozialen Arbeit: Bisher randständiges Thema. Foto: geralt/Pixabay, CC0

Seit Verabschiedung des Koalitionsvertrages ist die Digitalisierung in aller Munde. Und wie mit jedem politisch geadelten Plastikwort ergeht es auch diesem Begriff: Er wird überinklusiv für alles benutzt, was irgendwie mit Daten, Internet, Hard- oder Software zu tun hat. Also streng genommen für die ganze Welt des 21. Jahrhunderts. Aus diesem kapazitiven Bedeutungsüberschuss der Digitalisierung entsteht genauso viel Sinn wie Unsinn, auch und gerade in der Sozialen Arbeit, die sich bis heute durch eine gewissen Technikferne auszeichnet.

Welche Digitalisierung aber braucht Soziale Arbeit eigentlich? In einem 2019 erscheinenden Beitrag in einem Sammelband zu diesem Thema gibt es Antworten, aber einige kann ich schon vorwegnehmen: Digitalisierung in der Sozialen Arbeit ist zunächst einmal Medienbildung und Gestaltung kulturellen Wandels. Das gilt für ihre Fachkräfte und für ihre Adressatinnen und Adressaten. Dabei ist mehr gemeint, als sich in den Optionen ubiquitärer Medien nicht zu verlieren und ein Smartphone bedienen zu können. Für Fachkräfte geht es dabei vor allem um konzeptionelles Wissen – also wie sich, gemessen an den Ansprüchen Sozialer Arbeit, digitale Medien sinnvoll zur Verbesserung und Erweiterung ihrer Angebote nutzen lassen. Das klingt einfach, aber bis heute ist es so, dass Digitalisierung nur vereinzelt im Studium Sozialer Arbeit vorkommt. Und wenn, dann geht es um Wissensvermittlung über bereits vorhandener Dienste und Angebote, z.B. zum Thema Onlineberatung oder den Einsatz von Dokumentationssoftware im Rahmen der Jugendamtsarbeit. Das ist ein guter Anfang, negiert aber die Tatsache, dass diese Dienste nicht mehr als innovativ gelten und somit auch nicht in ihrer exemplarischen Darreichungsform für die Vermittlung des gr0ßen Problems einer hoch kontingenten digitalen Zukunft taugen. Für das Beispiel Onlineberatung und Falldokumentation heißt das: Vermittelt werden muss nicht nur der Korpus an bereits gut etablierten methodischen und technischen Verfahrensweisen, sondern auch: Was bedeutet eigentlich Affective Computing für die Soziale Arbeit? Wo kann eine KI hier unterstützen, wo ist sie hinderlich? Was passiert beispielsweise konkret, wenn eine KI mit dem synergetischen Navigationssystem gekoppelt wird und daraus möglicherweise weitaus präzisere Vorhersagedaten als bisher entstehen? Wie ist damit umzugehen, dass menschliche Fachkräfte in Teilen oder ganz in der Onlineberatung möglicherweise ersetzbar sind? Will man das? Welche ethischen Probleme ergeben sich daraus?

Abseits dieser thematischen Spezialfragen sind aber auch auch die Anschlüsse der Digitalisierungsdebatte an Großtheorien Sozialer Arbeit bisher gar nicht benannt, geschweige denn ausgearbeitet. Was bedeutet beispielsweise das Internet der Dinge für das Konzept der Lebensweltorientierung? Wie muss der Sozialraumdiskurs erweitert werden, wenn es um den Einbezug des Internets mit seiner entörtlichten und entzeitlichten Logik geht?

Soziale Arbeit braucht für diese Fragen Fachkräfte, die Antworten aus der Sozialen Arbeit selbst heraus entwickeln. Sonst läuft sie wieder einmal Gefahr, dass sie ihre Themen später manageriell und fachfremd aufbereitet wiederfindet und sich, ähnlich wie in der Dienstleistungs- und Ökonomisierungsdebatte, nur noch reaktiv dazu verhalten kann. Digitalisierung bedeutet für Soziale Arbeit vor allem, einen bereits stattfindenden kulturellen Wandel als solchen zu erkennen und mitzugestalten und die damit einhergehenden Veränderungen vor allem als Pluralisierung und Modernisierung von Kulturtechniken zu begreifen, die Bestandteil der Lebenswelt von Fachkräften und Adressat*innen sind. Dies umfasst die gesamte Spannweite von Lehre und Forschung in der Sozialen Arbeit bis hin zu ihren zukünftig auch vermehrt digitalen Diensten und Arbeitsabläufen.

Erst wenn dies begriffen ist, kann es um Software und Hardware gehen. Die viel beschworene App oder neue Dienste sind, wenn man erst einmal weiß, warum und für was man sie möchte, im Rahmen von Design Thinking weitaus rascher und prozesshaft passend entwickelt als in der derzeitigen Rezeption von Digitalisierung als beständige Hard- und Softwareinnovation suggeriert wird. Vorher aber steht das intensive Denken, Reflektieren und kreativ sein. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass es für die Bedürfnisse Sozialer Arbeit derzeit eher zu viel als zu wenig bereits bestehende Technologien gibt – die sie noch gar nicht nutzt.

Soziale Arbeit wird also eine Digitalisierungsdebatte benötigen, die das Thema entlang ihren eigenen Erfordernisse entwickelt und sie vor allem als kulturellen Wandel von Bildungs- und Bewältigungsoptionen begreift.

 

Die Third Mission Sozialer Arbeit ist Soziale Arbeit

Foto: Tumisu/Pixabay, CC0

Hochschulen – Unis und HAWen – sollen ihre Profile schärfen, sich regional vernetzen und im Zuge einer neuen Infragestellung von Wissenschaft auch unmittelbare Beiträge zum Gemeinwohl leisten. Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden – diese Punkte wurden  je nach Hochschulstandort und Fach schon immer mehr oder weniger erfüllt.

Mit dem Begriff der Third Mission – einer dritten Aufgabe neben Forschung und Lehre – haben solche Aktivitäten seit einiger Zeit nun mit einem Hochwertwort eine spezifische Aufwertung erfahren: Neben dem Austausch mit der relevanten Umwelt – Bürgern, der Zivilgesellschaft und Unternehmen – ist die Third Mission auch Währung im Profilierungswettkampf der Hochschulen untereinander geworden.

Neben der prinzipiellen Problematik, dem Wissenschaftsbetrieb schlichte Marktförmigkeit zu unterstellen, finden sich auch spezifische Problematiken für einzelne Fächergruppen. Eine davon sind diejenigen Fächer, die sich mit Sozialer Arbeit befassen.

Warum ist das so? Das wird unmittelbar ersichtlich,  wenn man sich typische Third-Mission-Projekte anschaut: Beispielsweise wird eine Hochschule für Architektur und Gestaltung im Gemeinwesen tätig, um eine Flüchtlingsunterkunft im Dialog mit den Anwohnern zu entwerfen. Oder eine Professur, die sich mit mobilen Endgeräten befasst, arbeitet in einem Third-Mission-Projekt mit einer Schule für körperlich behinderte Menschen zusammen, um neue Soft- und Hardwarelösungen zu entwickeln.

Die Idee der Third Mission wird also deutlich: Es geht, salopp gesagt, um eine Art institutionalisiertes Ehrenamt, das Hochschulen erbringen und das dazu dient, neben den intendierten regionalen Effekten Studierenden sozialen Kompetenzen und Verantwortungsübernahme für gesellschaftliche Fragen zu vermitteln.

Soweit, so gut. Nur ist dieses Programm in der Sozialen Arbeit der Hauptgegenstand. Anwaltlich für Bedarfe und Bedürfnisse der von Ausgrenzung bedrohten Mitbürger*innen da zu sein, ist der Hauptzweck Sozialer Arbeit. Soziale Kompetenzen sind dabei keine neben dem eigentlichen Fach erworbenes Beiwerk, sondern in vielen Bereichen das hauptsächliche Veränderungswerkzeug – beispielsweise in der Erziehung, Begleitung und Beratung.

Bildet man also zu den oben genannten Beispielen eine konstrastierende Geschichte einer Third Mission Sozialer Arbeit, so kommt nur eines heraus: Soziale Arbeit. Sie hat schon immer auch mit Ehrenamtlichen gearbeitet, und sie bearbeitet, wo immer ihre Aufgaben die Gestaltung von Welt erfordern, diese im transdisziplinären Verbund unterschiedlicher Disziplinen und Praxisakteure, z.B. mit Architektur, Stadtplanung oder der Ingenieurswissenschaft.

Damit wird auch klar, dass eine schlichte Übertragung der Idee von Third Mission in der Sozialen Arbeit immer auch bedeuten kann: Deprofessionalisierung.

Die „Profession“ der Kindheitspädagogik und ihr Recht auf den eigenen Tod

Guckst du: Wer die gesamte (pädagogische) Welt von Kindern außerhalb der Schule für sich vereinnahmt, wird trotzdem und gerade nicht zur Profession. (Bild: pixabay)

Vor etwas mehr als einer Dekade hat sich ein neuer Diskurs um die Akademisierung von Personal entwickelt, das für die Erziehungs- und Bildungsaufgaben im Elementarbereich zuständig ist. Das schlechte Abschneiden bei PISA und der Drang zur Akademisierung von Berufen, die bisher an Fachschulen gelehrt wurden (neben den ErzieherInnen auch KrankenpflegerInnen), haben damals ein neues Sprechen über die Bedeutung frühkindlicher Lern- und Bildungsprozesse geformt. Dieser intensivierte Diskurs war sicherlich politisch unausweichlich, aber in der Sache doch auch geboten – schließlich gibt es keinen ernsthaften Grund, eine wichtige Lebensphase menschlicher Existenz in Punkto Bildung und Erziehung handlungswissenschaftlich unbestellt zu lassen. Viel gute Forschung und daraus resultierendes Wissen lag schon vor, noch mehr sollte folgen, und nun brauchte es einen Container, um das schemenhaft am Horizont auftauchende akademische Berufsfeld zu benennen.

Der/die KindheitspädagogIn war geboren, bald auch mit staatlicher Anerkennung auf Empfehlung (nicht: Anweisung und Regulierung, übrigens) des Familienministeriums. Soweit, so gut – es schien ziemlich überzeugend möglich, passende Wissensbestände zu einem Curriculum zusammen zu fügen, das zumindest eine hohe Augenscheinvalidität verspricht: Ein guter Mix aus erziehungswissenschaftlicher Theorie zu Lernen und Bildung, Entwicklungspsychologie, ein wenig Medizin, Soziologie, um Institutionen und Organisationen von Kindheit(en) zu verstehen, Recht und Verwaltung – prima soweit. Allerdings, etwas curricular geschulten LeserInnen wird die Aufzählung wenig innovativ vorkommen. Denn, richtig, es sind auch die akademischen Bestandteile eines Sozialpädagogikstudiums, natürlich fokussiert auf die Lebensphase Kindheit. Die Kindheit wird dabei meist großzügig ausgelegt, in der Regel bis 18, denn das sagt die UN-Kinderrechtskonvention. Es handelt sich also um ein Sozialpädagogikstudium mit Schwerpunkt Kindheit und Jugend und den zugehörigen Institutionen und Organisationen.

Es wäre nun aus Sicht von Wissensbildungsprozessen auf personaler und organisationaler Ebene gar nichts daran auszusetzen, von KindheitspädagogInnen als Beruf zu sprechen.

Allerdings scheint die „Szene“ gerade einen fulminanten Fehler zu machen: Sie beginnt, sich selbst als Profession zu thematisieren und will dabei gleich noch eine akademische Disziplin miterfinden – so wie es Medizin, Theologie und Juristerei vermeintlich vormachen. Dabei geht sie in der Sache unlogisch und gesichertes Wissen ignorierend vor, denn: Sie durchläuft dabei alle Fallen, in die die Soziale Arbeit bereits getappt ist, wenn eine diffuse, lebensweltlich gegebene Aufgabe (hier: Erziehung und Bildung) in einen vermeintlichen Spezialjob, der NUR von Fachleuten einer bestimmten Profession zu erledigen sein soll, umgedeutet wird. Von einer klassischen Profession der Kindheitspädagogik – egal welche Professionstheorie man anlegt – kann nämlich gar keine Rede sein: Es gibt kein exklusives Sonderwissen, und schon gar keinen gesellschaftlich legitimierten Alleinzugriff auf die Sache Kindheit(en), der KindheitspädagogInnen zugestanden werden könnte. Um dies zu verdeutlichen, kann man die gesamte, im Prinzip als abgeschlossen geltende Debatte um den Nicht-Professionsstatus Sozialer Arbeit als argumentatives Lehrstück heranziehen:

  • das Versteifen auf (Kinder)rechte: Kinderrechte und ihre pädagogische Durchsetzung im Alltag, so könnte man meinen, begründen ein Alleinstellungsmerkmal, auf das KindheitspädagogInnen sich zurückziehen können. Ein Irrtum, denn für Rechte ist die Profession der Juristerei zuständig, und es hat schon für die Soziale Arbeit mit der wahnwitzigen Idee des Besetzens einer Menschenrechtsprofession nicht geklappt, einem helfenden Beruf mit Bezug auf die Deutungsmacht von Recht zur Bedeutungsaufwertung zu verhelfen. So kommt man hier mit der Idee von KindheitspädagogInnen als halbierte oder geviertelte JuristInnen im pädagogischen Alltagsdress heraus (ein Schicksal, das die Jugendgerichtshilfe in der Sozialen Arbeit bis heute in manchen Sichtweisen ertragen muss).
  • Spezialisierung auf kindliche Entwicklung und Wohlbefinden: In diesen Themenbereichen hausen schon die Medizin und die Psychologie, und wer sich hier als vermeintlich neue, hauptzuständige Instanz positioniert, landet bei den hübschen Grafiken der Über- und Unterordnung von „Hilfs- und Hauptwissenschaften“ – das hat in der Sozialen Arbeit zu lustigen Bildern geführt, in denen sie sich selbst prominent in der Mitte platziert und dabei die Erfahrung machen musste, dass solche multiprofessionellen Platzierungen von anderen Disziplinen und Professionen allenfalls als unterhaltsames Mandala belächelt werden. Dass die Erziehungswissenschaft und die aus ihr entstehenden sozial- und kindheitspädagogischen Praxen es oft tatsächlich besser wissen als die manchmal arg verkürzten Ansätze der Medizin und Psychologie ist davon unbenommen, wird aber auf dem Weg des Beharrens auf einer eigenen Semiprofession nur die eigene Marginalisierung erzeugen – wie es in der Sozialen Arbeit (den Ausweg aus dem Dilemma gibt es, keine Sorge, am Ende des Blogposts) auch geschehen ist.
  • Das alleinige Verstehen kindlicher Lebenswelten: Aber nein, hier wohnt seit Jahren die soziologische Kindheitsforschung, macht ihren Job mit gut definierten interdisziplinären Schnittstellen sehr ordentlich, und in der Regel sind spezialisierte ForscherInnen ganz und gar nicht automatisch auch gute PraktikerInnen. Übertreibt man diese wissenschaftliche Beobachtungsfunktion und schreibt ihr  noch eine gleichzeitig gar nicht einlösbare Handlungsbefähigung zu, so kommt man mit der – gerne auch angelsächsisch aufgeladenen Idee – von angewandten Childhood Studies heraus, die in Anlehnung an eine ideologisch überzogene „kritische“ Soziale Arbeit jene furchterregenden post-post-postmodernen Texte über Kind(heiten)  Kind(heiten) Kind(heiten) fabrizieren, von denen man nicht weiß, ob sie als post-strukturelle Lanzen den Leser pieksen sollen oder als gewaltige Balken im Auge der TextproduzentInnen selbst gelesen missverstanden zwangsgedeutet werden müssen.

Nein, nein, die Sache ist so einfach wie unspektakulär. Wir sollten von Professionalisierung und Professionalität anstatt von Professionen sprechen, denn diese lösen sich in der reflexiven Moderne nach und nach auf bzw. lassen sich auch mit erhöhtem Aufwand nicht mehr neu etablieren – die klassischen Drei  (Medizin, Theologie, Juristerei) können ein Lied davon singen, das Stichweh in seinem grundlegenden und als klassisch geltenden Text „Professionen in einer funktional differenzierten Gesellschaft“ 1996 schon zielsicher vorgesummt und angesichts seiner 2002er Kommentierung nochmals argumentativ bekräftigt hat.

Gut ist also, dass der Bereich der frühen Bildung und Erziehung sich akademisiert. Gut ist, dass mehr, auch inter- und transdisziplinär, zu Kindheit(en) geforscht wird. Gut ist, dass daraus ein neues Berufsfeld mit sich professionalisierenden Fachkräften entsteht, die akademisches Wissen aus unterschiedlichen Disziplinen durch kompetentes Handeln in der Praxis fruchtbar machen. Eine solche Synthese- und Übersetzungsleistung ist Produkt gelingender akademischer Bildungsprozesse dieser Fachkräfte. Und diese notwendige Synthese kann nur auf der Ebene sich bildender Fachkräfte selbst, die die für die Kindheitspädagogik relevanten Disziplinen studieren, gelingen – und nicht durch die uneinlösbare Erfindung einer eigenständigen Profession und Einheitsdisziplin, die für immer auf der Ebene (wissenschafts)politischen Symbolhandelns verbleiben müssten. Die inhärenten Widersprüche die z.B. aus berechtigter Gesellschaftskritik zur Gestalt von Kindheit(en) einerseits und der Notwendigkeit zu pädagogischem Handeln andererseits entstehen, lassen sich nicht beheben, indem ein pseudokonkreter Wissenskorpus mit exklusivem Professionszug geschaffen wird. Mit dieser Erfindung würde bezogen auf Wissen und Bildung ein doppelter Verrat an der Sache begangen: Gegenüber den Kindern, und gegenüber den sich bildenden Fachkräften, denn Antinomien pädagogischen Handelns bleiben hier verdeckt und werden als Entwicklungsimpulse allen an der Bildung und Erziehung beteiligten vorenthalten. Disziplinär studieren und später transdisziplinär kompetent handeln scheint mir auch hier die Devise zu sein.

Falsch ist es also, von einer Profession der Kindheitspädagogik zu sprechen – bevor ein solches Gespenst ernsthaft in die Welt gesetzt wird und sofort zum professionstheoretischen Sterben verurteilt wäre, sollten sich erziehungswissenschaftliche KollegInnen (und natürlich auch KollegInnen anderer Disziplinen) darauf besinnen, dass die Ausdifferenzierung disziplinären Wissens nie zum Etablieren echter neuer Professionen in der reflexiven Moderne geführt hat. Wohl aber zu neuen Berufsfeldern und Berufen, in denen professionelles Handeln entwickelt werden kann. In diesem Sinne ist es erfreulich und aufschlussreich, dass die Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft ihr disziplinäres Wächteramt ernst nimmt – und hoffentlich auch zukünftig in ihrer Sektion 8 die Sozialpädagogik und die Pädagogik der frühen Kindheit beisammenhält.